Anmerkungen zur karmelitischen Ordensregel (13. Teil)

(Laut P. Keese Waaijmana, O.Carm.)

Conclusio (Schluss) (Kap. 24)

Der Schluss eines Briefes (im Allgemeinen) kann auch sehr kurz sein. Im Gegensatz zum Gruß ist sein Hauptziel, sich vom Adressaten des Briefes zu verabschieden und ihm Gutes zu wünschen. Darüber hinaus kann der Schluss auch eine sekundäre Aufgabe haben: den Inhalt des Briefes letztmals zusammenzufassen, stilistisch den Brief abzuschließen, die Glaubwürdigkeit des Briefes durch die Unterschrift des Autors oder sein Siegel zu zeigen.

Der Schluss von Alberts Schreiben hat zwei Teile: der erste fasst literarisch und inhaltlich den gesamten Brief zusammen, der zweite blickt in die Zukunft.

Das ist euer Lebensweg…

Zunächst fasst also St. Albert zusammen: „Das haben wir euch kurz geschrieben…“ Er verwendet die Vergangenheit: geschrieben.

Er – der Verfasser – schließt seinen Brief, d.h. er tritt in den Hintergrund und lässt den Lesern Platz, wodurch Raum für Spiritualität geschaffen wird. Dass er sein Schreiben beendet, ist nur scheinbar "schade"; der "verwaiste" Text in den Händen des Lesers stellt einen gewissen geistlichen Raum dar, und zwar für jeden, der ihn lesen wird – auch für uns.

„Das haben wir euch kurz geschrieben…“ – das Wort „das“ können wir in doppeltem Sinne verstehen.

  1. Im Hinblick auf den Brief als literarischen Gesamttext bedeutet es: das, was ich gerade geschrieben habe, diese meine Zeilen, dieser meine Brief. Und es handelt sich tatsächlich um einen Brief. Dass der Brief kurz sein soll (brevis), gehörte damals wesentlich zum Schreiben von Briefen; "kurz schreiben" war tatsächlich ein Synonym für "einen Brief schreiben". Die damaligen Meister der Schriftstellerei erinnerten ihre Schüler daran, dies nicht zu vergessen. Bis heute ist das etymologisch offensichtlich: das lateinische brevis (kurz) ist z.B. der Ursprung der deutschen Bezeichnung für den Brief: der Brief.
    Alberts Brief ist quantitativ kurz, er ist wesentlich kürzer als andere Regelwerke, die für andere Gemeinschaften geschrieben wurden. Und er ist auch qualitativ "kurz": er respektiert, dass nicht alles vorhersehbar ist, will nicht alles ins Detail festlegen, sondern sucht nur das Wesentliche und hält sich von nebensächlichen Dingen fern, dies vermeidet er.
  2. Im Hinblick auf den Inhalt des Briefes, den Albert seinen Brüdern gerade geschrieben hat, bezeichnet das Wort: „Das (haben wir euch kurz geschrieben)…,“ den Inhalt des Briefes, also den beschriebenen Lebensstil der Karmeliten. So sagt es Albert selbst gleich im folgenden Satz: „Wir haben (festgelegt) die Regeln eures Zusammenlebens, nach denen ihr leben sollt.“ (Aus diesen Worten wird auch deutlich: obwohl es formal um einen Brief geht, legt Albert inhaltlich tatsächlich eine Regel, eine Ordensregel fest.) Vergleichen wir in diesem Zusammenhang den Anfang der Auslegung von Alberts Brief und diesen Schluss:
  Auslegung (Kap. 3)   Schluss (Kap. 24)
A damit wir euch gemäß eurem Vorhaben Regeln für das Leben geben, A und so Regeln für euer Zusammenleben festlegen,
B die ihr in Zukunft befolgen sollt B nach denen ihr leben sollt

In beiden Fällen wird zunächst die Form (A) festgelegt, die dem Leben der Brüder und ihrem Handeln Gestalt verleiht. Diese Form wird hier in vollem Umfang verstanden: nicht nur die Grundausstattung der Gemeinschaft, sondern auch die Gottesrüstung und den Messias (wie ihn die Bitte auslegt). Und dann geht es in beiden Fällen um (B) den Prozess des sich Aneignens dieser Form: die Grundübungen (Kap. 10–17), das Ankleiden mit göttlichen Eigenschaften und deren immer innigeres Aneignen (Kap. 18–21). „Das“ wollte Albert den Karmeliten schreiben und geben: Regeln für das Handeln, die helfen, das Leben von außen und von innen so zu transformieren, dass es dauerhaft die Form Gottes annehmen kann, die die Liebe ist.

Diese vorgestellte Form des Handelns ist dabei kein strenger Einfall, sondern geht aus den Erfahrungen der Einsiedler selbst hervor: „Weil ihr uns jedoch bittet, uns gemäß eurem Vorhaben Regeln für das Leben zu geben…“ (Kap. 3). Die Regel basiert auf gemachten Erfahrungen und führt selbst zu neuen Erfahrungen und rechnet bereits mit ihnen – wie sich weiter zeigt.

Wenn jemand mehr tun will...

Auf die zukünftige Erfahrung sind Alberts Worte gerichtet: „Wenn jemand mehr tun will,…“ Um welches „mehr“ geht es hier? Es kann nicht im quantitativen Sinne gemeint sein, denn bereits der von Albert festgelegte Lebensstil ist mit keinen Grenzen zufrieden (bis hierhin – und jetzt also: mehr). Denken wir zum Beispiel an die Anforderungen: „Tag und Nacht“ das Wort Gottes zu meditieren, „immer“ mit irgendeiner Arbeit beschäftigt zu sein, „in der übrigen Zeit“ (außer der Zeit des ausdrücklichen Schweigens) sich von viel Gerede abzuhalten… Ebenso soll die Gottesrüstung die Karmeliten nicht nur für eine bestimmte Zeit anlegen (Reinheit, Zucht der Gedanken, Glauben usw.).

Könnte also das „mehr“ qualitativer Bedeutung haben: das, was festgelegt wurde, noch intensiver zu leben, mit Inbrunst? Aber vieles, was in der Regel vorgeschrieben ist, setzt schon für sich selbst voraus, dass es mit Inbrunst getan wird. Darüber hinaus muss die Inbrunst auch gesunde Grenzen haben – die Regel selbst warnt vor übertriebenem Ehrgeiz (Kap. 16) und jede eventuelle Übertreibung sollte durch das Kapitel der Brüder gelenkt werden. Daher scheint mir auch eine solche Bedeutung von Alberts „mehr“ nicht richtig zu sein.

Ein Bild für das Verständnis von Alberts Anweisung ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wo gesagt wird: „(Sorge dich um ihn) und was du zusätzlich ausgibst, ich werde es dir erstatten, wenn ich zurückkomme“ (Lk 10,35). Vergleichen wir dies mit der Aussage in der Regel: „Wenn jemand mehr tun will, belohnt ihn der Herr selbst, wenn er kommt.“ Während im Lukas-Evangelium der geschäftliche Aspekt im Vordergrund steht: etwas mehr als zwei Denare an Vorschuss, verschiebt sich bei Albert der Schwerpunkt auf die Personen: jemand tut mehr und der Herr selbst belohnt ihn. Mehr geben bedeutet hier, sich selbst zu geben. Dies hat die Regel bereits mehrmals angesprochen (z.B. durch das Gebot, Gott von ganzem Herzen zu lieben). Ich bin der Meinung, dass die Regel uns durch diesen Selbstgeschenkungsweg, durch den beschriebenen Prozess der inneren Transformation, durch die prophetische Erwartung der Ankunft des Messias in einen Raum führt, der über alles hinausgeht, was mit Worten beschreibbar und durch Vorschriften festlegbar ist.

Um diesen Raum zu beschreiben, ist es am besten, sich an die Schrift von Jan Ruysbroeck „Über den strahlenden Stern“ zu halten.

Ruysbroeck verwendet für den Prozess der schrittweisen Transformation in Gott das Bild von vier Beziehungen. Der Mensch kann sich zu Gott verhalten als:

  • Tagelöhner (der nur um den Lohn kümmert, also um seinen eigenen Vorteil)
  • treuer Diener (der nicht nur auf sich selbst ausgerichtet ist, sondern für den anderen da ist; aber dabei nur die Arbeit, die er für den anderen verrichtet, und die Genugtuung, die ihm diese Dienstleistung bringt, im Blick hat)
  • Freund (erst der überschreitet den Rahmen der Selbstzufriedenheit; er tut Liebestaten und verbindet sich durch sie mit seinem Freund, der – eben als jemand anderer, als „du“ – Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit ist; aber gerade hierin liegt auch seine Begrenzung: der Freund ist sich nämlich noch der Liebe, die er verbreitet, bewusst)
  • Sohn1 (erst hier wird alles „Eingeschlossensein in sich selbst“ überwunden, können wir von „Selbstvergessenheit“ sprechen; aber die Fähigkeit so zu handeln, ist nur als Geschenk Gottes anzunehmen; sich selbst zu vergessen, übersteigt unsere menschlichen Kräfte; der verborgene Sohn lebt ganz vom Vater, in der göttlichen Liebe verloren, „erlebt“ weder das Bewusstsein seiner selbst noch seiner Motive).2

Das ist das „mehr“, zu dem sich die Regel verhält. „Mehr“ stellt alles dar, was bereits nicht bestimmt werden kann, was über die Form hinausgeht, was nicht in Grenzen gefasst werden kann: die Wüste der Liebe, wo es keine Wege gibt; die Nacht des Glaubens, die mich über mich selbst hinausführt. Es ist die Verborgenheit des Gebens, die nicht mehr weiß, dass sie gibt.

„Will jemand mehr tun,…“ die verwendete Form des lateinischen Verbs weckt in mir den Eindruck, als wäre die betreffende Person schließlich selbst überrascht, wie viel sie aufgewendet hat. Während im neutestamentlichen Gleichnis der Unterschied zwischen zwei Denaren Vorschuss und dem „darüber hinaus“ völlig klar ist, ist dies im Falle unserer Regel anders. Alberts Regel bietet eine Verhaltensweise, die im Inhalt, in der Intensität und im persönlichen Engagement, bereits für sich selbst unbegrenzt, unzählbar ist. Wie kann jemand wissen, dass er mehr gibt? Nein, man kann das nicht wissen. Dieses Sohnhafte „mehr“ ist unbegrenzt, unendlich, übersteigt jede Grenze als solche. Es verliert sich in der Unermesslichkeit der göttlichen Liebe, die niemals zählt, die sich „ohne Überlegung“ ihren Geschöpfen schenkt. Vorbild für dieses „mehr“ ist selbst die göttliche Liebe.

Während im Gleichnis der reisende Samariter auf dem Rückweg noch einmal anhält und die getätigten Kosten erstattet, rechnen die Karmeliten mit der zweiten Ankunft des Herrn am Ende der Zeiten. Und das übersteigt alle unsere Perspektiven, unsere Horizonte, unsere Regeln.

Wir lernen dabei vom Wirt. Der Wirt (seine griechische Bezeichnung bedeutet wörtlich: „alle aufnehmenden“; so soll also der Karmelit sein!) tut „mehr“, er tut es professionell, fragt sich nicht: „Warum?“ Eines Tages bringt ihm unerwartet ein Pilger einen erniedrigten, halbtoten Menschen in seine Herberge und lässt ihn dort. Der Wirt muss sich um jemanden kümmern, den er nicht kennt und den ihm ein Fremder dort überlassen hat. Er selbst hat nicht so viel Mitgefühl wie der Samariter... Als Wirt ist er völlig verwirrt, lässt sich vom Gast anweisen, sich um den Elenden zu kümmern, muss ohne Affekt und ohne Emotionen entscheiden. Er ist auf sich allein gestellt, wendet Anstrengungen und Mittel auf – in bloßer Hoffnung, dass der Gast zurückkommt. Er ist das Geisel seines Gastes. Die Regel versetzt uns in die Rolle des Wirts: Christus, der Pilger, der kurz bei uns verweilte als Gast und wieder reiste, hat uns aus unseren Gleisen geworfen und uns unsere Nächsten, ein Erbe, das wir nicht begehrt haben, anvertraut. Und wir – in seiner „Abwesenheit“ – erweisen Mitleid mit dem, der ihn (Christus) betrifft, ohne das Erbarmen Christi, sein großes Mitgefühl im Blick zu haben. Wir nehmen uns des Armen an, des leidenden Welten, nur weil wir gehorsam gegenüber Christus sein wollen. Wir sind solch ein Wirt, der die Aufgabe erfüllt, die ihm sein göttlicher Gast anvertraut hat. Unser Geben verliert hier jede Stütze und Kontrolle. Es kommt nicht mehr aus meinem Gefühl oder aus meiner Entscheidung, nicht aus meiner Veranlagung oder meinem Überzeugung. Der einzig maßgebliche ist hier die Dunkelheit des selbstlosen Gebens. Der Vater – Abba sieht, was im Verborgenen ist.3 Er sieht diese Verborgenheit des Gebens. Dies ist das „mehr“ des Wirts, der überhaupt nicht an sich selbst denkt. Und als Maßstab für dieses „mehr“ legt Albert uns das Unterscheiden ans Herz.

„Will jemand mehr tun, belohnt ihn der Herr, wenn er kommt. Aber lasst ihn richtig unterscheiden, denn das Unterscheiden lenkt die Tugenden.“ Welchen Sinn kann das Unterscheiden haben, wo uns die göttliche Liebe in die Selbstlosigkeit, in die Entsagung von uns selbst führt? Hinter solch einer Frage verbirgt sich ein enges Verständnis des Unterscheidens.

Am Anfang des geistlichen Weges hilft das Unterscheiden, die passenden grundlegenden Mittel zu wählen, später hilft es, den richtigen Mittelweg zu finden, nicht zu übertreiben. Noch weiter hilft es, zu erkennen, wann wir unsere eigene Aktivität aufgeben und Gott in uns handeln lassen sollen. Das Unterscheiden begleitet uns auf Schritt und Tritt, und wie wir auf unserem Weg voranschreiten, wächst es. Es ist keine Ausrüstung für den Weg, auch keine asketische Übung, auch keine Tugend. Es ist auf besondere Weise immer gegenwärtig. Und was ist schließlich in der Wüste der Liebe, in der Nacht des Vertrauens und in diesem „mehr“ über alle Regeln hinaus? Dort führt mich das Unterscheiden immer wieder zu dem schmerzlichen Bewusstsein, dass meine Liebe – bei allem Edelmut und Selbstlosigkeit – immer noch meine Liebe ist. Das führt mich zur Sehnsucht, dass das, was von Dir kommt, mich bewegt. Zu stillem Warten, zur Hoffnung auf ein Zeichen von Dir. Durch dieses schmerzliche Bewusstsein führt mich das Unterscheiden an den Rand der Wüste. Und dort bin ich nicht mehr der Führer, sondern jemand, der mich annimmt. Es ist zur Nacht geworden, die mich leitet, eine Wüste, die der Weg ist. Eine Nacht, die die, die sich lieben, in der Liebe verbindet.

„Oh Nacht, du hast den
Geliebten mit der Geliebten verbunden,
die Geliebte in den Geliebten verwandelt!“4

Nach den Notizen von Schwester Petra von der Auferstehung, OCD, ausgearbeitet von P. Gorazd, O.Carm.

(Damit haben wir den Text der Notizen von Schwester Petra bis zum Ende durchgegangen. Das Buch von Kees Waaijman, das er über die Regel geschrieben hat und in dem er seinen Kommentar zur Regel ausführlich ausgearbeitet hat, enthält noch ein weiteres, abschließendes Kapitel, das einen Gesamtrückblick auf den geistlichen Weg, der in Alberts Regel skizziert ist, darstellt. Wenn es möglich ist, würden wir gerne für unsere Zeitschrift einen Überblick der Hauptgedanken aus ihm vorbereiten. Damit würden wir diese mehrjährige Artikelsserie abschließen.)

 


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