Die Taufe des Herrn

biblische Meditation zum ersten Geheimnis des Lichtrosenkranzes (1. Teil)

P. Vojtěch Brož

Einleitung

Die Ankunft Jesu am Jordan, der demütige Abstieg in seine Wasser und die Annahme der Taufe aus der Hand Johannes gehören zu den bedeutendsten Ereignissen im Leben Jesu und damit in der Geschichte des Heils überhaupt. Die Bedeutung, die die älteste evangelische Tradition diesem Moment beimisst, ergibt sich daraus, dass sie gerade in der Taufe den Beginn des Evangeliums und der Geschichte Jesu sieht (vgl. Mk 1,1.9). Es handelt sich dabei nicht nur um den Beginn von Jesu öffentlicher Wirksamkeit. Es ist viel mehr. Die Taufe Jesu zählt zu den Geheimnissen unseres Heils, ähnlich wie seine Inkarnation, Geburt, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt, Sendung des Heiligen Geistes...

Wenn wir von „Geheimnis“ sprechen, meinen wir ein heilbringendes Ereignis, also einen Vorgang, der mit heilbringendem Sinn beladen ist und gleichzeitig eine Offenbarung darstellt. Die Heilsgeschichte ist dynamisch und hat einen linearen Verlauf. Ein Ereignis folgt dem anderen, der neue Prozess schließt immer an den vorhergehenden an und überwindet ihn. Die Heilsgeschichte zielt auf den Punkt Omega, auf die Vollendung. Jedes Ereignis, das noch nicht in diesem Punkt liegt, ist ein Schritt auf ihn zu, ein wichtiger Glied in der Kette, jedoch noch nicht das Ziel. So ist es, wenn wir die Heilsgeschichte „horizontal“ betrachten. Jedes ihrer Ereignisse hat jedoch auch seine „vertikale“ Dimension. Aus Gottes Perspektive können wir die Fülle von Gottes Gegenwart überall wahrnehmen. Bereits mit Abraham sprach Gott, auch ihm richtete er sein Wort, das schließlich ein einziges ist: Das Wort, das am Anfang bei Gott war (Joh 1,1), auch ihm gab er dieses sein unteilbares Wort und sich selbst in ihm. Gott ist ewig. Immer gleich. In jedem heilbringenden Ereignis können wir daher das gesamte Wesen Gottes erfahren, der seinen Plan verwirklicht. Jedes Glied der Kette umfasst in gewissem Sinne die anderen Glieder, verweist auf sie. Wie es für die beiden Gesetze als Ganze gilt, dass „im Alten Testament das Neue verborgen ist und das Neue das Alte offenbart“ (Augustinus), so kann es auch für die einzelnen aufeinanderfolgenden Ereignisse der Heilsgeschichte gelten. Jede neue offenbart das Alte vollkommen, das wiederum in gewissem Sinne das Neue in sich trug.

So können wir auch die Ereignisse im Leben Jesu in diesem Licht verstehen: als Erfüllung der alttestamentlichen Geschichte und als Vorbereitung auf den Höhepunkt der gesamten Heilsgeschichte im österlichen Geheimnis. Genau so stellen die Evangelisten das gesamte Leben Jesu von seiner Kindheit an dar. Alles ist Erfüllung alttestamentlicher Vorbilder und Verheißungen und alles weist auf das Kreuz und die Auferstehung hin.

In dieser Perspektive versuchen wir uns auch dem Geheimnis der Taufe Jesu zu nähern. Auch hier erfüllt sich das Alte Testament und der Weg zum österlichen Geheimnis öffnet sich, und durch dieses öffnet sich der Weg für uns. Gleichzeitig eröffnet, ähnlich wie jedes andere Geheimnis, auch dieses, und gerade dieses, buchstäblich „den Himmel“, ermöglicht eine vertikale Bewegung nach oben, bis zu Gott, der gerade hier die vertikale Bewegung nach unten zur Erde vollzieht.

Alttestamentliche Vorbilder

Die Taufe Jesu – in Verbindung mit dem österlichen Geheimnis – stellt den Höhepunkt einer langen Tradition des auserwählten Volkes dar, die Erfüllung alter Vorbilder und gleichzeitig einen neuen Anfang. Die Taufe Jesu liegt zwischen dem Alten Testament und der Erfüllung im österlichen Geheimnis und ist somit der Kirche geöffnet. Von der Taufe Jesu, die immer in Verbindung mit dem Alten Testament und dem österlichen Geheimnis verstanden wird, leitet die Kirche die Taufe ab, die sie selbst spendet. Bei der Segnung des Taufwassers in der Osternacht betet die Kirche zu Gott: „Du hast das Wasser erschaffen und bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt, dass seine Wirkungen auf unsere Taufe hinweisen.“ Und sie erwähnt zuerst den Geist, der bei der Schöpfung über den Wassern schwebte, dann die Flut, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei durch das Übertreten des Roten Meeres. Danach erwähnt das Gebet die Taufe Jesu, die Durchbohrung seiner Seite, aus der Blut und Wasser floss, und schließlich seine Sendung der Jünger in die Welt, um zu taufen.

Nach der Erwähnung der Schöpfung des Wassers als lebenspendendes Element wird an erster Stelle die Flut genannt (vgl. Gen 6–9). Dabei zeigte sich einerseits die zerstörerische Kraft des Wasserelements, andererseits jedoch – gerade durch die Zerstörung des Bösen – seine reinigende Macht. Im Neuen Testament bringt der Apostel Petrus dieses urzeitliche Ereignis ausdrücklich mit unserer Taufe in Zusammenhang: Er erinnert daran, dass bei der Flut „nur wenige Personen, insgesamt acht, durch das Wasser gerettet wurden. Das Wasser, das damals ein Vorbild der Taufe war, bringt nun auch euch das Heil. Und nicht, dass die Taufe die Schmutz von deinem Körper abwäscht, sondern sie bittet Gott, dass unser Gewissen rein sei und wirkt die Auferstehung Jesu Christi“ (1 Pt 3,20-21).

Eine ähnliche Bedeutung wie die Flut hat auch der Übertritt durch das Rote Meer (Ex 14-15): Für die Auserwählten bedeutet er Freiheit, für die Unterdrücker den Tod. Die Sünde ertrinkt, das von Gott auserwählte Wesen wird auf wunderbare Weise gerettet, allerdings nachdem es selbst in das tödliche Element eingetaucht ist. Der Weg zum Leben führt durch das Risiko des Todes. Der hl. Paulus spricht von dem Übertritt durch das Meer als von „Mojüsius' Taufe“ (1 Kor 10,1-2).

Zu diesen vorbildlichen Geschichten, die im Gebet zur Segnung des Taufwassers erwähnt werden, können wir noch weitere hinzufügen:
Der Übertritt durch den Jordan (Jos 3-4) ist praktisch eine Wiederholung des Exodus. Das Volk soll sich erneut seiner Wurzeln bewusst werden. Nicht nur die Väter, sondern jede neue Generation, die aus ihnen hervorgeht, verdankt ihr Leben in Freiheit dem wunderbaren Erlösung durch das Wasser. Gerade hier, an der Schwelle des verheißenen Landes, soll sich das Volk dessen bewusst werden. Als Vorbild neuer Ereignisse ist diese Geschichte wirklich eindrücklich. In das verheißene Land wird durch den Jordan eingetreten, an dem später Jesus selbst getauft werden wird. Seine Nachfolger werden durch seine Taufe in das verheißene Land der Kirche eintreten.

Jona (1-2): Jona ist ein großes Symbol des Wunders der Rettung. Ins Meer geworfen, dem Symbol des Todes, von dem Wal verschlungen, der Personifizierung der Macht des Bösen und des Todes, wird er lebendig ausgespuckt. Nach drei Tagen. Jesus selbst bezieht sich auf Jona als sein Vorbild (vgl. Mt 12,39ff. und par.).

Naaman (2 Kön 5,14): Der syrische Naaman wird durch den Propheten Elisa gesandt, um sich siebenmal im Jordan zu waschen, und das wird ihm Heilung von seiner Aussatz bringen.

Johannes' Taufe

Am Beginn seines öffentlichen Wirkens unterzieht sich Jesus der Taufe von Johannes. Worum ging es eigentlich? Es war ein Ritus, den damals offenbar nicht nur Johannes vollzog. Es gab eine ganze Taufbewegung. Deren Bedeutung verstehen wir nur, wenn wir die allgemeine Atmosphäre der damaligen Zeit berücksichtigen. Um die Zeitenwende war das auserwählte Volk immer noch unfrei. Nach der Zerstörung des judäischen Königreichs durch die Babylonier im 6. Jahrhundert hat kein Nachkomme Davids mehr den Thron bestiegen. Judäa blieb weiterhin ein Vasall anderer. Erst in letzter Zeit wurde der königliche Thron in Jerusalem wiederhergestellt, doch wurde er – gewaltsam und heimlich – von einem Idumäer, Herodes, besetzt, nach dem seine Nachkommen die Herrschaft übernahmen. Die Ober Priester waren eher Politiker, die ihre machtpolitischen Ziele verfolgten, sodass das Volk wie Schafe ohne Hirten blieb. Der Prophet hatte längst nicht mehr gesprochen. Wo ist die Verwirklichung all dieser schönen Verheißungen, die die letzten Propheten hinterlassen haben? Wo ist der versprochene Prophet? Wo ist der Messias? Er muss doch kommen! Die Zeit, in der das Wort Fleisch wurde, war prall gefüllt mit dieser eschatologischen Ungeduld und der messianischen Erwartung. Die Pharisäer bemühten sich, das Kommen des Gottesreiches durch das treue Halten des Gesetzes und aller Vorschriften, die von der Tradition aufgestellt wurden, zu beschleunigen, die rituelle Reinheit zu bewahren, die unterschiedlichste Waschungen und auch die Isolation von allem Unreinen, einschließlich Sündern und Heiden, umfasste. Sie waren eine elitär denkende Gruppe, die in sich selbst abgeschlossen war. Noch stärker waren die Essener, Wüstenmönche, die sich durch Askese auf den letzten Kampf gegen die Söhne der Finsternis und den endgültigen Sieg Gottes über die heidnischen Völker und die gegen Gott gerichteten Kräfte vorbereiteten. Und die Zeloten wollten dem Gottesreich mit Gewalt zur Geburt verhelfen.

Die Taufbewegung war volksliedhaft, und deshalb weiß man darüber nicht viel, weil sie nicht viele schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat. Ausgezeichnet zeichnete sie sich gerade durch die Taufe aus. Das griechische Wort für „Taufe“ (baptisma) ist ein substantiviertes Verb, abgeleitet von den Verben baptein, baptizein, die im klassischen Griechisch „eintauchen“, „untertauchen“ bedeuten; es wird selten im Sinne von „sich waschen“ verwendet, eher bedeutet es „ertrinken“, „umkommen“. Im Neuen Testament ist es ein technischer kultischer Begriff, der sich auf die rituelle jüdische Reinigung bezieht.

Johannes’ Taufe ist jedoch nicht dasselbe wie die jüdische rituelle Reinigung, noch erinnert sie an die Taufe von Proseliten. Johannes verkündete allen das Heil durch Buße und Umkehr, das sich im Ritus der Taufe mit Wasser ausdrückte. Die Bedeutung des Ritus war klar definiert: „Da gingen zu ihm aus Jerusalem, ganz Judäa und die ganze Umgebung des Jordan und ließen sich von ihm im Jordan taufen, indem sie ihre Sünden bekannten“ (Mt 3,5-6). Diese „Bußtaufe“ war ein Initiationsritus (Einführung) in die messianische Gemeinschaft, eine Voraussetzung für die Annahme des erwarteten Messias. Johannes’ Taufe wurde „eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mt 3,11 und par.), mit dem Ziel, die prophetischen messianischen Verheißungen zu erfüllen, in denen die Erneuerung des menschlichen Herzens durch die Beseitigung der Sünde versprochen wird (Jes 1,15ff.; Hes 36,25; Jer 3,22; 4,14; Sach 13,1; Ps 51/50,9). In Wirklichkeit war jedoch Johannes’ Taufe mit Wasser nur eine Einleitung, ein Weg zu einer anderen Taufe: zur Taufe mit dem Heiligen Geist und dem Feuer, die der Messias selbst spenden wird. Nach dem Tod des Täufers lebte seine Bewegung in seinen Jüngern weiter. Sie hinterließ Spuren bis in die asiatischen Gefilde, nach Ephesus (vgl. Apg 18,25; 19,1-5). Das Johannesevangelium bezeugt, dass Johannes der Täufer von einigen Anhängern als Messias angesehen wurde (Joh 1,20; 3,28; vgl. Lk 3,15).

Die Berichte über die Taufe Jesu in den Evangelien

Alle drei Synoptiker berichten über die Taufe Jesu:

Markus (1,9-11): „In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und wurde im Jordan von Johannes getauft. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass die Himmel sich öffneten und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und vom Himmel kam eine Stimme: ‚Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.‘“

Matthäus (3,13-17): „Da kam Jesus aus Galiläa zu Johannes an den Jordan, um sich von ihm taufen zu lassen. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: ‚Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?‘ Jesus antwortete und sprach zu ihm: ‚Lass es jetzt zu, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.‘ Da ließ er ihn zu. Und als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser und siehe, die Himmel wurden geöffnet, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabkommen und kommen auf ihn. Und siehe, eine Stimme vom Himmel sprach: ‚Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.‘“

Lukas (3,21-22): „Als aber das ganze Volk sich taufen ließ und auch Jesus getauft wurde und betete, öffnete sich der Himmel und der Heilige Geist kam in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab, und vom Himmel kam eine Stimme: ‚Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.‘“

Alle drei einig sind darin, dass Jesus von Johannes getauft wurde, dass der Geist in Form einer Taube auf ihn herabkam und dass ihn der Vater gleichzeitig als seinen geliebten Sohn bezeichnete, den er erwählt hat. Der Unterschied besteht nur darin, dass während bei Mk und Lk die Stimme vom Himmel nur an Jesus gerichtet ist („Du bist“), bei Mt Jesus als Sohn allen vorgestellt wird (jedoch nicht in allen Handschriften!). Mt erwähnt zudem das Zögern von Johannes, Jesus zu taufen. Lk hingegen erwähnt als einziger, dass Jesus beim Tauchen betete. Das sind zusammengefasste Fakten, zu deren Bedeutung wir uns nun annähern möchten. Wir können in ihnen folgende Motive herauslesen:

1) Epiphanie

Das erste, was wir über das Ereignis der Taufe Jesu feststellen können, ist, dass alle göttlichen Personen darin auftreten. Die Offenbarung der Heiligsten Dreifaltigkeit hat in den Evangelien in dieser eindrücklichen Weise kein anderes Beispiel. Es ist wahr, dass wir auch an anderen Orten auf alle drei Personen zusammenfinden, aber nirgends so ausdrücklich und so „greifbar“. Maria wird beim Verkündigung vom Engel angesagt, dass der Heilige Geist über sie kommen wird, die Kraft des Höchsten sie überschatten wird, und deshalb wird ihr Kind der Sohn Gottes genannt werden (Lk 1,35). Hier bei der Taufe wird jedoch nicht von drei Personen der Dreifaltigkeit gesprochen, sondern sie treten selbst auf, lassen sich sehen und hören! Es handelt sich also um die Offenbarung des Geheimnisses der Heiligsten Dreifaltigkeit, um eine Epiphanie. Das Wort „Epiphanie“ wird am häufigsten als Fachbegriff im liturgischen Sprachgebrauch zur Bezeichnung des Festes der Erscheinung des Herrn verwendet, nämlich der Offenbarung des Geheimnisses von der Geburt des Messias an die heidnischen Weisen aus dem Osten. Jedoch hat die Tradition der Kirche beide Geheimnisse zusammengefasst, weiterhin auch mit der Offenbarung von Jesu Herrlichkeit bei der Hochzeit zu Kana, wie die Antiphonen aus der Liturgie der Stunden zum Fest der Erscheinung des Herrn bezeugen: „Heute hat die Kirche sich mit ihrem himmlischen Bräutigam verlobt, denn Christus hat im Jordan ihre Sünden abgewaschen; die Weisen eilen mit Gaben zur königlichen Hochzeit; und die Gäste freuen sich über das Wasser, das in Wein verwandelt wurde. Halleluja!“ (Benedictus); „Wir feiern den Tag, der durch drei Wunder geehrt wird: Heute führte der Stern die Weisen zu den Krippen, heute wurde bei der Hochzeit das Wasser in Wein verwandelt, heute wollte Christus im Jordan von Johannes getauft werden, um uns zu erlösen. Halleluja!“ (Magnificat – Zweite Vesper). In allen drei Geheimnissen geht es um die Offenbarung Jesu: durch den Stern, durch die Stimme vom Himmel und durch die Personifizierung des Geistes, das Zeichen Jesu der Wandlung von Wasser in Wein. Viele Jahre nach der ersten Epiphanie durch die Anbetung der Weisen folgt nun die zweite Epiphanie durch die Öffnung des Himmels selbst: der dreifaltige Gott offenbart sich selbst: die Stimme des Vaters offenbart Jesus als seinen geliebten Sohn und der Heilige Geist kommt auf ihn herab, um ihn vom Himmel zum Messias zu salben. In Kana zeigt Jesus dann selbst, dass er der Bräutigam ist, der zu den messianischen Hochzeitsfeiern einlädt.

2) Erfüllung des Bundes

Jesu gehorsame, demütige Teilnahme an der Taufe mit Wasser am Ende des Alten Bundes bewirkt, dass sich der Himmel öffnet, der Geist in Form einer Taube auf ihn herabkommt und der Vater sich zu ihm bekennt als seinem geliebten Sohn. Jesus stellt hier eine neue Verbindung zwischen Himmel und Erde her. Er selbst wird zum verheißenen neuen Bund (Jer 31,31ff.; Hes 36,24ff. usw.), der den alten erfüllt. Der alte war durch die menschliche Ungerechtigkeit verletzt, mit der die menschliche Seite auf das Geschenk von Gottes Gerechtigkeit reagierte. Jesus, der den neuen Bund eröffnet, erfordert von dem alten, ihm die Taufe zu erteilen. Diese erschrickt: „Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?“ Antwort: „Lass es jetzt zu, denn so soll es uns gebühren, die gesamte Gerechtigkeit zu erfüllen.“ In diesem vereinten „uns“ schließt Jesus das Alte und das Neue Testament ein. Gemeinsam sollen sie an der Erfüllung aller Gerechtigkeit Anteil haben. Um welche Gerechtigkeit geht es? „Es handelt sich um die Gerechtigkeit, die Gott seinem Volk angeboten hat und die erfüllt wird, wenn ihm das auserwählte Volk sie vollkommen zurückerstattet. Dies geschieht gerade hier, wo Jesus den perfekten Bund zwischen Gott und der Menschheit wird, jedoch nicht ohne die Mitwirkung Israels, das sich auf den Glaubensweg zum Messias begibt und das – symbolisch durch die Gestalt des Johannes des Täufers vertreten – diesen Glauben an Gottes Wirken der Gnade bewahren muss.“1 Der alte Bund bemüht sich, gerecht zu handeln, der neue lässt – derzeit seine ursprüngliche Tat – werden: FIAT. Da ließ er ihn zu. Er gab der Gerechtigkeit freien Lauf und unterstützte sie mit seiner Zulassung.

3) Auserwählter Diener

Jesus empfängt die Taufe nicht, weil er sie benötigt, denn er ist ohne Sünde, sondern um offiziell Israel als den Messias vorgestellt zu werden. Doch auch für Jesus hatte die Erfahrung der Taufe am Jordan eine tiefgreifende existenzielle Bedeutung. „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Die himmlische Stimme erklärt hier über Jesus die Worte, mit denen im Jes 42,1 der Herr seinen Diener vorstellt: „Siehe, mein Diener, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem ich Wohlgefallen habe. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt...“ Für Jesus' Selbstbewusstsein als Sohn Gottes ist diese Ansprache durch den Vater fundamental und grundlegend. Nicht, dass Jesus erst durch die Taufe zum Sohn Gottes wurde, wie es die alten christologischen Häresien behaupteten. Jesus ist der Sohn Gottes seit der Inkarnation (vgl. Lk 1,31.35). Bereits vor der Taufe betrachtet er Gott als seinen einzigen Vater, wie aus seiner Antwort an seine Eltern hervorgeht, als sie ihn im Tempel fanden (Lk 2,49). Doch bei der Taufe empfängt er seine Sohnschaft von der Hand des Vaters neu.

Es ist schwer zu begreifen, was in Jesu Seele geschieht, wenn der Vater zu ihm sagt: „Du bist mein Sohn.“ Doch nähern wir uns dem Geheimnis ihrer Beziehung durch die folgende Überlegung. Wie erreichen wir als menschliche Wesen unsere Identität, wie bauen wir unser Selbstbewusstsein auf? Nicht in erster Linie durch Introspektion und Selbstreflexion. Auch nicht durch das, was wir leisten können. Unser Werk bildet unser Selbstbewusstsein nur in dem Maß, in dem es von anderen Menschen angenommen und wertgeschätzt wird. Das, was unser Ich am meisten aufbaut, ist gerade der andere Mensch. Das, was unser Ich definiert, ist die Beziehung zu einem Du. Das, was ich für mich selbst bin, verstehe ich auf der Grundlage dessen, was ich für jemanden bin. Ein Neugeborenes erfährt sein persönliches Sein, sein Ich, schon unmittelbar. Doch das hat noch keinen Inhalt. Wie begreift das Kind sich selbst? Indem es den strahlenden Blick seiner Mutter erkennt, die auf ihn sieht. Es sieht ihre freudigen Augen, die auf ihn gerichtet sind! In diesem Moment versteht das Kleinkind, dass es ist, und seine Seele wird zum Leben erweckt. Das Kind identifiziert sich weiterhin auf der Grundlage der Beziehung seiner Mutter und seines Vaters zu ihm. Darin liegt die Möglichkeit der Erziehung. Es kommt jedoch eine Zeit, in der diese Beziehung nicht mehr grundlegend und bestimmend für den Menschen ist. Es genügt dem Menschen nicht mehr, zu wissen, wer er für die Eltern ist, um zu verstehen, wer er ist. Er sucht nach „einer Hilfe, die ihm gleich ist“. Er sucht sein eigenes Lebens-Du. In der partnerschaftlichen Liebe findet der Mensch seine wahre Identität und Erfüllung seines persönlichen Lebens. Doch jede menschliche Beziehung ist begrenzt. Ich will wissen, wer ich bin. Ich frage einen Menschen. Ich bin der, der ich für ihn bin. Doch der, der mir sagt, wer ich für ihn bin, fragt gleichzeitig mich, wer er ist. Er selbst ist suchend, fragend, und daher unsicher in seiner Identität. Zudem ist der Mensch unzuverlässig. Er kann verraten oder sterben. Wer kann mir wirklich sagen, wer ich bin? Nur der, der in sich selbst fest, absolut ist. Nur im Verhältnis zu diesem absoluten Du, zu diesem göttlichen Du, kann ich erkennen, wer ich wirklich bin. Jesus hört am Jordan vom Vater: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Der Vater sagt ihm, wer Jesus für ihn ist, und damit sagt er auch, wer er wirklich ist, denn das sagt das absolute göttliche Du. Nur Jesus weiß, wer er wirklich ist. Und wenn er wirklich weiß, wer er ist, wenn er in seiner Identität sicher ist, kann er auch diese Gewissheit uns mitteilen. Auch wir können wissen, wer wir wirklich sind, wenn uns Jesus sagt, wer wir für ihn sind – und durch ihn für den Vater.

4) Der leidende Diener

Es geht hier um mehr als nur die persönliche Beziehung zwischen Vater und Sohn. „Bei der Taufe geschah etwas, das den Lauf von Jesu Leben veränderte... Es war der Moment, in dem Jesus seinen Auftrag annahm“ (Ch. H. Dodd). „Gerade im Moment der Taufe erhielt Jesus die Gewissheit, dass er die Rolle des Dieners des Herrn annehmen sollte“ (O. Cullmann). In Jesu menschlichem Bewusstsein kommt es in diesem Augenblick zur Verschmelzung zweier Figuren: des triumphierenden Messias, der in den Vorstellungen des Volkes unterschiedliche Gestalt annahm (königliche, priesterliche), und des Dieners des Herrn. Dieser ist nicht nur geliebt und auserwählt, sondern ist auch „Bündnis des Volkes und Licht der Nationen“ (Jes 42,6; 49,6). Der Diener ist auch ein Mann des Schmerzes, der das Leiden und den Tod als Sühne für die Schuld des untreuen Volkes auf sich nimmt (vgl. Jes 50,4-11; Jes 52,13-53,12). Diese Verschmelzung von Messias und leidendem Diener wird von nun an die neue messianische Identität Jesu bestimmen und all seinen Worten und Taten ein unverwechselbares Gepräge verleihen.

„Diese Offenbarung seitens des Vaters trifft Jesus jedoch nicht unvorbereitet. Seine Entscheidung, sich von Johannes taufen zu lassen, sein Stehen in der Reihe zusammen mit den Sünder, sodass er unter ihnen völlig verschwindet, war bereits ein Schritt zur Annahme der Sünden der Menschen, was ein grundlegendes Merkmal des Auftrags des dienenden Herrn ist (vgl. Jes 53,6). Die Szene, in der Jesus zwischen Sünder getauft wird, ist wie eine Ouvertüre zur Szene, in der Jesus zwischen Verbrechern gekreuzigt werden wird.“2

Das gesamte Leben Jesu können wir im Licht seines Auftrags als Diener sehen. Schon der Name „Jesus“ wurde vor seiner Geburt Josef mit den Worten des Engels erklärt: (Mt 1,21). Das ist sein Name, die Definition seiner Identität und des Lebenssinns, der sich vollkommen mit seiner Mission deckt. Am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit unterzieht sich Jesus der Taufe von Johannes. Schon allein die Annahme dieser Taufe ist ein implizites Bekenntnis der Sünde. Jesus kommt zum Jordan, reiht sich in die Reihe der Sünder und wenn er an der Reihe ist, zieht er sich aus, steigt nackt in den Fluss und lässt sich taufen. Der Einzige Unschuldige tritt in den Jordan ein mit denen, die ihre Sünden bekennen. Er bekennt sie implizit mit ihnen. Er grenzt sich nicht ab. Er ist demütig und solidarisch. Johannes ist empört. Jesus beharrt auf seinem, begründet seine Forderung mit „aller Gerechtigkeit“. Es ist eine besondere Gerechtigkeit, wenn der Unschuldige und Gerechte sich wie ein Sünder verhalten soll. Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die rechtfertigt. Jesus soll ein Instrument dieser Rechtfertigung werden. An ihm soll offenbart werden, was es Gott kostet, uns gerecht zu erkennen. Hier am Jordan beginnt Jesu Auftrag, uns von den Sünden zu erlösen. Hier nahm er die Sünde der Welt auf sich. Direkt hier erhält er von Johannes den Titel „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“ (Joh 1,29). Er nimmt die Sünde der gesamten Welt auf sich, aller Menschen aller Zeiten. Und genau jetzt, in dem Moment, in dem Jesus aus dem Jordan steigt, belastet mit der Sünde der ganzen Welt, die er sich freiwillig aufgeladen hat, die er durch seinen demütigen Abstieg ins Wasser öffentlich als seine angenommen hat, gerade jetzt öffnen sich der Himmel, der Heilige Geist kommt auf Jesus herab, und der Vater bekennt sich zu ihm: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Ja, gerade so ein Jesus findet im Blick des Vaters Wohlgefallen, dem Demütigen, der sich zwischen den Sünder verliert. Der Vater übersieht ihn unter ihnen nicht. Die Sünde, die auf Jesus lastet, hindert den Vater nicht daran, ihn weiterhin als seinen Geliebten zu erkennen. Im Gegenteil, gerade der, der demütig und gehorsam die „seine“ Sünde trägt und bekennt, der gefällt dem Vater. Jesu Demut, Solidarität mit den Sündern, sein freiwilliger Verzicht auf sich selbst zu unserem Nutzen legitimiert ihn als den Sohn Gottes und öffnet uns den Himmel. Die göttliche Dreifaltigkeit offenbart sich durch den Diener, der uns von den Sünden retten wird. Die Epiphanie Gottes hat nicht einen Selbstzweck, sondern – wie immer in der Bibel – hat sie einen heilbringenden Sinn. Gott offenbart sich, um zu retten. Und – auf der anderen Seite – ist unsere Rettung gerade die Offenbarung Gottes.

Jesus trat in den Jordan, in das Wasser, in dem sich alle reinigen wollten von ihren Sünden. Doch das Wasser hatte von sich aus keine reinigende Kraft. Vielmehr wurde es zu einem Abfluss, der gereinigt werden musste. Jesus hat durch seinen Abstieg in den Jordan das Wasser und jede Taufquelle gereinigt und geheiligt. Bei der Taufe im Jordan lastete die Sünde auf ihm, drang bis auf die Knochen. Nun wird er sich anders nicht befreien, als durch die Taufe des Blutes. Die Sünde wird vernichtet, wenn er selbst vernichtet wird. Jesus versank ins Wasser, in den Zustand der Sünder, wird aus der Oberfläche der Erde verschwinden, ebenso wie einmal – wie Jona – ins Sterben eintauchen und tot begraben aus der Oberfläche der Erde verschwinden. Jes führendes Wirken zur Erlösung von den Sünden wird öffentlich im Jordan begonnen und am Kreuz vollendet werden. Im Jordan nahm Jesus die Sünde der Welt auf sich, am Kreuz wird er sie in seinem Leiden vernichten, wird sie mit seinem Tod töten. Im Jordan kam der Heilige Geist auf ihn herab, am Kreuz wird der Geist ihn ausliefern. Im Jordan öffneten sich die Himmel und der Vater stellte sich zu ihm; am Kreuz wird der Himmel dunklen, und der Vater sich vom Sohn abwenden. Die Taufe im Jordan wird in der Taufe des Blutes erfüllt. Dort taucht Jesus in den Tod ein und für uns wird der Vorhang des Tempels zerrissen, unsere Gräber öffnen sich (Mt 27,52). Der Abstieg in den Jordan wird in den Abstieg in die Hölle erfüllt.

Hans Urs von Balthasar bringt die Verbindung beider Taufen Jesu, der Taufe mit Wasser und der Taufe mit Blut, folgendermaßen zum Ausdruck:3
Dass Jesus sich mit dem ganzen Volk, das sich von seinen Sünden abkehren möchte, taufen lässt, enthält etwas Geheimes. Es ist, als wollte er schon in seinem ersten öffentlichen Akt seine Solidarität mit den Sündern ankündigen. Später wird er durch die christliche Taufe in die Kirche seine aufnehmen; durch die Erniedrigung des Absteigens ins Wasser als das Element des Todes und der Wiederbelebung. Er will denjenigen, die seine sind, nichts auferlegen, was er selbst nicht durchlebt hat. Und wenn die Taufe tatsächlich bedeuten wird, mit ihm in seinem Tod begraben zu werden und wieder zu einem neuen, vergänglichen Leben empor zu steigen – wie es Paulus schildert (Röm 6) – dann war bereits diese erste Taufe für ihn ein vorzeitiges Bekenntnis zu seinem eigenen Leiden und zu seiner Auferstehung. Alles, was zwischen der Taufe und dem Kreuz geschah, wird in einem einheitlichen Sinn und Geschehen eingeordnet. Die Taufe im Jordan ist für Jesus die Taufe „mit dem Heiligen Geist“, die Taufe am Kreuz ist für ihn die Taufe „mit dem Feuer“. Die erste ist die Solidarität mit den Sündern, die gereinigt werden sollen, die zweite ist die Verbrennung der gemeinsamen Sünde der Welt.

5) Messianische Salbung

Im Jordan erlebt Jesus seinen Vater auf neue Weise und beginnt seine Mission, die Mission des Messias. Der Heilige Geist, der auf ihn niederkommt, hat eine unersetzliche Rolle in Jesu messianischer Mission. Jesus ist der Messias, Christus. Sowohl das hebräische mášíjách als auch der griechische Äquivalent christos bedeutet „der Gesalbte“. Der Messias ist also nicht in erster Linie ein Wundertäter, ein Wesen voller Macht, sondern der, der die Salbung empfangen hat. Jesu Messianität ist mit seiner Taufe im Jordan verbunden. Dort ist er Messias, Christus geworden, denn dort wurde er mit dem Heiligen Geist gesalbt. So sagt der Apostel Petrus in seiner Predigt im Haus des Hauptmanns Kornelius in Cäsarea: „Ihr wisst, was nach der Taufe, die Johannes predigte, zuerst in Galiläa und dann im ganzen Judäa geschah: Wie Gott Jesus von Nazareth mit dem Heiligen Geist und mit Kraft salbte, wie er überall umherging, Wohltaten tat und alle heilte, die vom Teufel überwältigt waren, denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,37f.). Vor der Taufe gab es sicherlich auch andere Salbungen des Sohnes Gottes: die Salbung des Heiligen Geistes im Moment der Inkarnation, für die der Heilige Geist auf Maria hinabkam (Lk 1,35). Schließlich verkündete der Engel den Hirten die frohe Botschaft über die Geburt des Retters, der „Christus der Herr“ ist (Lk 2,11). Gemäß bestimmter Väter gab es sogar vorher ein "kosmisches" Salbung, nämlich eine Salbung, die das Wort vom Vater erhielt, sodass durch ihn die Welt erschaffen werden konnte, sodass alles „gesalbt und geschmückt“ werden könnte und der Welt ihr Glanz verliehen werden konnte.4 Der Heilige Geist ist seit der Empfängnis im Leben Jesu präsent. Dennoch hat die feierliche Salbung bei der Taufe im Jordan eine besondere und entscheidende Bedeutung. Sie ist der Anlass für den Beginn von Jesu messianischer Mission. Man kann sagen, dass wie beim Inkarnieren das Wort durch die Kraft des Heiligen Geistes zu einem Körper, „Jesus“ wird, so wird bei der Taufe durch die Annahme desselben Geistes „Christus“, der gesalbte Gottes, Messias. Der Geist des Herrn sollte gemäß dem Propheten Jesaja auf dem Messias ruhen, dem Spross aus dem Wurzelstock Isai, und ihn zu seinem Werk befähigen (Jes 11,2f.). Der gleiche Geist sollte jedoch auch auf dem Diener des Herrn ruhen (Jes 42,1; vgl. 61,1). Der Heilige Geist kommt nun, um Jesus zu salben, ihn zu heiligen, ihm die notwendige Macht für seine Mission zu verleihen, die nicht einfach darin besteht, die Menschen zu retten, sondern sie auf eine ganz bestimmte, vom Vater bestimmte Weise zu retten, nämlich durch Erniedrigung, freiwilligen Gehorsam und stellvertretendes Opfer des Dieners.

Der Messias, Christus, der Gesalbte. Dieses Wort selbst drückt eine Beziehung aus. Gesalbt wird man durch die Salbung, wenn man also gesalbt wird. Die Salbung, die Jesus im Jordan empfangen hat, ist eine trinitarische Salbung, da an ihr alle drei göttlichen Personen beteiligt sind. So sprechen die Väter: „Im Namen Christi ist derjenige vertreten, der gesalbt hat, der, der gesalbt wurde, und die Salbung selbst, durch die er gesalbt wurde. In der Tat, der Vater hat gesalbt, und der Sohn wurde gesalbt, während der Heilige Geist die Salbung selbst war.“5 „Christus zu nennen bedeutet, die gesamte Dreifaltigkeit zu bezeugen; es bedeutet, auf den Gott hinzuweisen, der salbt, auf den Sohn, der gesalbt worden ist, und auf die Salbung, die der Heilige Geist ist.“6

Ausgestattet mit dem Geist kann Jesus seine messianische Mission beginnen. Raniero Cantalamessa fasst sehr prägnant zusammen, worin diese von Jesus im Geist verwirklichte Mission besteht:7

Das gesamte Leben Jesu geschieht unter der Anleitung des Heiligen Geistes. In einigen Schlüsselmomenten erwähnen die Evangelisten ausdrücklich das Wirken des Geistes in Jesu Leben. Besonders können wir drei solcher Momente auszeichnen: Der Geist führte Jesus in die Wüste, um dort vom Teufel versucht zu werden (Mk 1,22); der Geist heiligte Jesus, um den Armen die frohe Botschaft zu predigen (Lk 4,18); im Geist jubelt Jesus und sagt: „Lobe dich, Vater,...“ (Lk 10,21). Mit anderen Worten: Der Geist führt Jesus, um gegen die Dämonen zu kämpfen, das Evangelium zu verkündigen und zum Vater zu beten und sich ihm als Opfer anzubieten. In diesen drei Momenten wird Jesu messianische Salbung verwirklicht, die dreifältig ist: königlich (Zerschlagung der Herrschaft des Gegners und Errichtung des Königreichs Gottes), prophetisch (Verkündigung des Evangeliums) und priesterlich (Gebet und Opfer).

Jesus beginnt seine öffentliche Mission, die Mission des Messias, des Dieners des Herrn. Auf diese neue Phase von Jesu Leben entspricht die neue Salbung durch den Heiligen Geist. Es ist eine neue Salbung. Es geht nicht darum, dass Jesus vorher etwas gefehlt hätte, um die Fülle seiner Gottheit zu erreichen (wie es der Arianismus lehrte). Jesus ist bereits der Sohn Gottes, voller Heiliger Geist. Jetzt wird er jedoch von dieser Position aus zu den Menschen gehen und wird von seinem Reichtum abgeben. Sein Sein wird zu seiner Mission. Von Balthasar bemerkt dazu:8

Zum ersten Mal treffen hier zwei verwandte Sakramente aufeinander: die Taufe und die Firmung. Letztere erfüllt durch die Mission das, was die ersteren durch Warten begründet. Der Ewige Sohn, der von Ewigkeit her aus dem Schoß des Vaters geboren ist und keine Wiedergeburt benötigte, lässt sich taufen, um ein Vorbild seiner zukünftigen sündigen Brüder und Schwestern zu werden. Sein Hinausgehen vom Vater, processio, hat dazu ausdrücklich die Weise der Sendung, missio, angenommen, wobei er nicht mehr zusammen mit dem Vater den Geist der Liebe hinausgehen lässt, wie in der Ewigkeit, sondern ihn in Gehorsam auf sich herabkommen und ruhen lässt, als Geist der Liebe, der ihm vom Vater gesandt und ihm Anweisungen gibt. Seinen folgt er, der ihn treibt, tut von dieser Stunde an nur den liebevollen Willen des Vaters. Der Geist ruht jetzt auf dem Sohn, denn so verlangt es die Mission, die immer von oben kommt, die der Mensch sich niemals selbst gibt. Er ruht natürlich auch im Sohn, der den Willen des Vaters aus seiner tiefsten Innenschicht tut, und nicht als gesetzlich von außen auferlegt. Er ist doch von Ewigkeit her vom Vater geboren, das Kind, das in das Denken des Herzens des Vaters eingeweiht ist.

 


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