biblische Meditation zum dritten Geheimnis des Lichtrosenkranzes (Fortsetzung)
P. Vojtěch Brož
Die Verkündigung als Sendung der Kirche
Die Jünger erhielten durch die Vision des auferstandenen Herrn ein neues Wissen und Verständnis des gesamten Lebens Jesu und des gesamten Werkes der Heilung. Sie verstanden die Schrift. Dieses Wissen schließt sie nicht aus, um eine Art esoterische Sekte zu werden, eine geschlossene Elite, die ihr Wissen eifersüchtig für sich bewahren will. Ihr Wissen wird zu ihrer Sendung. Was sie gesehen haben, darüber sollen sie Zeugnis ablegen. In allen Evangelien mündet die österliche Botschaft über die Offenbarung des Auferstandenen in die Sendung der Jünger: „Geht also und macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu beobachten, was ich euch befohlen habe. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ (Mt 28,19–20). „Geht in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15). „So steht es geschrieben: Der Christus muss leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen und in seinem Namen wird das Bekenntnis, dass allen Völkern die Sünden vergeben werden sollen, verkündet. Ihr seid die Zeugen hiervon!“ (Lk 24,45–48). „Frieden sei mit euch! Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch!“ (Joh 20,21). Auch in den Apostelgeschichten: „Ihr werdet Kraft vom Heiligen Geist empfangen, der auf euch kommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria, ja bis ans Ende der Erde“ (Apc 1,8).
In diese Sendung der Jünger münden die Evangelien, in denen Jesu Weg von Galiläa nach Jerusalem beschrieben wird, der Weg seines öffentlichen Wirkens, seiner Verkündigung und Lehre, ein Weg, der sich im österlichen Geheimnis erfüllte. Jesus ging diesen Weg nicht allein. Er führte seine Jünger mit sich: „Er rief die zu sich, die er wollte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölfen ein, damit sie bei ihm seien und damit er sie sende zu verkündigen und mit Vollmacht die Dämonen auszutreiben“ (Mk 3,13–15). Von Anfang an sind sie zum Verkünden bestimmt. Jesus erzieht sie, indem er sie überall mit sich nimmt, damit sie alles sehen, was er tut, und alles hören, was er sagt, und auch indem er ihnen genaue Anweisungen für ihre zukünftige Sendung gibt (vgl. Mt 10,5–11,1 und weitere). Sogar vor dem Osterfest sendete er sie bereits einmal zum Verkünden, sozusagen zum Probe (vgl. Mk 6,7–13).
Der eigentliche Beginn der Sendung Jesu Jünger erfolgt nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt sowie nach der Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Kirche, die im Verborgenen bereits im Intimität des Abendmahls existiert (Apc 1,12–14), wird an Pfingsten geboren, tritt ans Licht der Welt und äußert sich lautstark wie ein gerade geborenes Kind. Petrus ruft seine berühmte Predigt aus, deren Frucht bei denjenigen, die ihm zuhörten, die Umkehr und die Annahme der Taufe ist; es waren etwa dreitausend (vgl. Apc 2,1–41). Seit diesem Tag bleibt die neue Gemeinschaft der Jünger Jesu in der apostolischen Lehre (Apc 2,42). Die Apostel lassen sich nicht einschüchtern und verkündeten auch nach der ersten Befragung vor dem Hohen Rat mit Mut das Wort Gottes (4,31). Die Apostel, deren Hintergrund die Gemeinschaft der Gläubigen ist, die ein Herz und eine Seele hatten, in der niemand von dem, was ihn betraf, sagte, dass es ihm gehöre, gaben mit großer Kraft Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus (4,32–33). Nach einer weiteren Befragung und Auspeitschung, die sie mit Freude erlitten, weil sie wegen dieses Namens leideten, lehrten sie jeden Tag wieder im Tempel und in den Häusern und verkündeten die frohe Botschaft, dass Jesus der Messias ist (5,41–42). Als in der erwachsenen und differenzierten Gemeinschaft Bedürfnisse eher karitativer Art entstanden, entschieden die Apostel: „Es wäre nicht gut, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und an Tischen dienen.“ Daraufhin setzten sie sieben Diakone ein, deren Sorge genau das Dienen an Tischen sein sollte. Das Ergebnis dieser befreiten Hände der Apostel ist, dass das Wort Gottes sich immer mehr ausbreitete und die Zahl der Jünger in Jerusalem immer wuchs... (6,2.7). So könnten wir das ganze Buch der Apostelgeschichte durchgehen. In alle Winkel kommen die Apostel (deren Zahl ebenfalls wächst, als sich Barnabas, Paulus, Silas, Timotheus und andere zu den ursprünglichen Zwölf gesellen) und verkünden das Wort. Das Evangelium Jesu zerbricht bei seiner Verbreitung alle Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, zerschlägt die Mauern, die die Menschen untereinander errichtet haben, zerschlägt die Feindschaft zwischen Juden und Samaritern, zwischen Juden und Heiden. Als Refrain erklingen in den zusammenfassenden Aussagen des Lukas Formulierungen wie: Das Wort Gottes breitete sich aus und wuchs (12,24), oder: Das Wort des Herrn breitete sich mit seiner Kraft aus und wurde innerhalb mächtig (19,20). Die gesamte Erzählung der Apostelgeschichte können wir als einen Weg, als einen „Lauf des Wortes“ (vgl. 2 Thess 3,1) von Jerusalem nach Rom verstehen.
Die Urkirche ist in erster Linie Verkündigerin des Wortes, des Evangeliums, der frohen Botschaft. Paulus sieht in der Verkündigung des Evangeliums seine vorrangige Sendung (vgl. 1 Kor 1,17). Und er ermutigt seinen Nachfolger: „Verkündige das Wort! Sei bereit, es zu tun, ob es passend oder unpassend ist, überführe, verwerfen, ermutige mit aller Geduld und Kenntnis der Lehre!“ (2 Tim 4,2) Die Kirche als Verkündigerin des Evangeliums setzt die Sendung Jesu selbst fort, für den die Verkündigung ebenfalls der erste Punkt seiner Sendung war. Zwischen der Sendung Jesu und der Sendung der Kirche besteht also Identität und Kontinuität. Die Verkündigung der Kirche ist eine Verlängerung der Verkündigung Jesu. Der Unterschied besteht nur darin, dass der Inhalt der Verkündigung Jesu lautete: „Das Reich Gottes ist nahe!“ während der Inhalt der Verkündigung der Kirche lautet: „Jesus ist von den Toten auferstanden, Jesus ist Herr!“ Dieser Unterschied hat sein Fundament im österlichen Geheimnis Christi, das wie eine Schwelle zwischen Jesu irdischer Sendung und der Sendung der Kirche liegt. Jesus verkündete das Reich Gottes, das sich – in ihm – genähert hat, die Kirche verkündet, dass Jesus, der gekreuzigte und auferstandene, der König ist, der bereits die Herrschaft über die Welt übernommen hat, weil er durch seinen Tod den Herrscher dieser Welt besiegt hat. Daher ist die grundlegende Botschaft der Kirche der gekreuzigte und auferstandene Jesus. So schreibt Paulus an die Korinther: „Wir predigen Christus, den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23). Und an seinen geistlichen Sohn Timotheus: „Denk an Jesus Christus, den Nachkommen Davids, der aus den Toten auferstanden ist. Das ist mein Evangelium“ (2 Tim 2,8).
Die Kirche setzt die Sendung Jesu fort. Sie hat nicht nur das zu verkündigen, was er lehrte, sondern hat es auch in seinem Geist zu verkündigen. Der heilige Paulus, das Vorbild des Apostels, kann dies an seiner eigenen Person bezeugen: „Als ich zu euch kam, um Zeugnis von Gott abzulegen, kam ich nicht mit besonderer Redegewandtheit oder Weisheit. Denn ich hatte beschlossen, bei euch nichts anderes zu erkennen als Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten. Ich trat in Schwachheit und Furcht und mit großem Zittern zu euch auf. Und mein Reden und meine Predigt bestehend nicht in überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in der Offenbarung des Geistes und der Kraft. Damit euer Glaube nicht in der Weisheit der Menschen, sondern in der Kraft Gottes gegründet sei“ (1 Kor 2,1–5). Paulus zeigt hier, wie dem Inhalt der Verkündigung, der der gekreuzigte Christus ist, der Stil entspricht, in dem er verkündet wird: Schwäche, Unauffälligkeit. Einfachheit und Aufrichtigkeit des Verkündigers sind bei Paulus mit Entschlossenheit verbunden, die sich nicht aufgibt, da sie von der Kraft Gottes getragen wird: „Wenn wir mit diesem Dienst beauftragt sind, lassen wir uns nicht von Kleinmut beherrschen, denn Gott hilft uns barmherzig. Wir verwenden keine schändlichen Tricks, handeln nicht tückisch oder fälschen das Wort Gottes. Wir verkünden aber die Wahrheit ganz offen… Denn wir verkünden nicht uns selbst, sondern predigen, dass Jesus Christus der Herr ist, wir aber sind eure Diener um Jesu willen“ (2 Kor 4,1–2.5). Der Diener des Wortes muss hinter dem Wort, das er spricht, in Demut verschwinden, als Vorläufer des Herrn und Freund des Bräutigams, der nur eine „Stimme ist, die ruft“ (Joh 1,23; 3,27–30), während der Bräutigam das Wort ist. Nur das Wort hat Bedeutung und Sinn, nicht die Stimme. Paulus sorgt sich darum, dass er als Verkündiger die Botschaft nicht beschattet. Daher wehrt er sich gegen menschliche Weisheit, rhetorische Geschicklichkeit und Raffinesse, „damit das Kreuz Christi nicht entwertet wird“ (1 Kor 1,17).
Gilt es für Jesus, der das Wort Gottes ist, dass er nichts von sich selbst sagen kann, umso mehr gilt es für seine Jünger. Diese können nur das verkündigen, was sie von ihm empfangen haben, lehren, wovon sie zuerst unterrichtet wurden (vgl. Mt 28,20). Nur die Jünger können Apostel und Verkündiger werden. Sie haben nicht ihr Wort, sondern das Wort ihres Meisters. Der heilige Paulus, der große Verkündiger des Wortes, der seine Sendung nur in der Verkündigung sieht, weiß um seine Armut gegenüber dem Wort, das er verkünden soll. Er erkennt demütig an: „Ich habe euch vor allem das überliefert, was ich selbst empfangen habe…“ (1 Kor 15,3) Außerdem – und darin zeigt sich noch mehr die paradoxe Situation des Verkündigers, der das gibt, was nicht sein eigenes ist - bittet er seine Gläubigen, ihm das Wort zu erbitten: „Bitten und beten Sie bei jeder Gelegenheit… auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, wenn ich rede, damit ich ohne Umschweife das Geheimnis des Evangeliums verkünde… und dass ich mit Kühnheit spreche, wie es meine Pflicht ist“ (Eph 6,18–24).
Ähnlich wie Jesus müssen auch die Verkündiger seines Evangeliums mit Verfolgung rechnen, die mit ihrer Sendung verbunden ist. Bereits im Gleichnis vom Säemann sprach Jesus von Bedrängnis und Verfolgung wegen dieses Wortes (Mt 13,21). Er kündigte seinen Jüngern ausdrücklich an: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie euch auch verfolgen“ (Joh 15,20). Die Erfüllung dieser Worte ließ nicht lange auf sich warten. Nach den ersten Predigten des Petrus in Jerusalem an Pfingsten wurden die Apostel verhaftet und vom Hohen Rat verhört. Und obwohl seine Mitglieder die Apostel nicht der Schuld überführen konnten, ließen sie die Apostel rufen, ließen sie auspeitschen und verboten ihnen, im Namen Jesu zu reden… (Apc 5,40). Der Apostel Paulus wird bei seiner Verkündigung ständig verfolgt, er wird inhaftiert, ausgepeitscht, gesteinigt… (vgl. 2 Kor 6,3–10; 11,23–26). Der Apostel Johannes gelangte wegen der Verkündigung des Wortes Gottes auf die Insel, die Patmos heißt (Offb 1,9). Jegliche Verfolgung wegen des Wortes Gottes soll die Jünger jedoch nicht überraschen. Jesus selig spricht sie für (Mt 5,11–12). Und nicht nur das: Verfolgung und Verhöre werden für sie sogar zur Gelegenheit, ihre Sendung zu erfüllen: „Sie werden euch vor Gerichte führen und in den Synagogen auspeitschen, sie werden euch vor Herrscher führen um meinetwillen, damit ihr Zeugnis ablegt für sie und auch für die Heiden“ (Mt 10,17n.). Auch der Apostel kann schließlich, wie der Knecht des Herrn, wie Jesus selbst, schweigen. Der Apostel kann auch gewaltsam zum Schweigen gebracht werden. Nicht jedoch das Wort Gottes. „Wegen ihm (des Evangeliums) leide ich, sogar wie ein Verbrecher in Fesseln. Aber das Wort Gottes ist nicht gefesselt!“ (2 Tim 2,8–9)
Die Verkündigung Jesu als Geheimnis des Heils
Die Verkündigung Jesu ist die heilbringende Ereignis. Sie setzt die Zeit des Heils ein, kündigt an und bringt zugleich das Reich Gottes. So können wir die Verkündigung Jesu als ein „Geheimnis“ des Heils betrachten. Unter dem Begriff „Geheimnis“ verstehen wir das Ereignis des Lebens Jesu, das mit heilbringendem Inhalt aufgeladen ist, das als solches von der Kirche in ihrer Liturgie gefeiert wird. Raniero Cantalamessa weist auf das Vorhandensein dieses Geheimnisses in unserer Gottesdienst hin:1
Es ist wahr, dass es kein besonderer liturgischer Feiertag der Verkündigung Jesu gibt (ähnlich wie es für seine Geburt, Verklärung, seinen Tod usw. existiert). Es ist jedoch auch wahr, dass die Kirche sich bei jeder Liturgie an die Verkündigung Jesu erinnert. Der „Gottesdienst des Wortes“, der unverzichtbarer Teil jeder Messe ist, ist nichts anderes als die liturgische Aktualisierung Jesu, der verkündet. Die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils sagen: „Christus… ist im Wort anwesend: Er spricht, wenn die Heilige Schrift in der Kirche gelesen wird“ (SC 7). So wie Jesus nach der Verkündigung des Reiches Gottes nach Jerusalem ging, um sich dem Vater als Opfer anzubieten, so erneuert Jesus in der Liturgie, nachdem er sein Wort erneut ausgesprochen hat, das Opfer seiner Selbst dem Vater in der Eucharistie. Wenn wir am Ende der Präfation rufen: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe“, versetzen wir uns in dem Moment, wenn Jesus in Jerusalem eintritt, um dort sein Pascha zu feiern. Wenn die Zeit der Verkündigung endet, beginnt die Zeit des Leidens.
Sprechen wir von Jesu Verkündigung als einem „Geheimnis“, was einer der Begriffe ist, die bereits in der alten Kirche für „Sakrament“ verwendet wurden,2 erkennen wir den „sakramentalen Charakter“ von Jesu Verkündigung und des Wortes Gottes überhaupt, seine Nähe zu den Sakramenten. So wie uns die Sakramente die heilbringende Ereignis, die in Jesus Christus geschehen ist, gegenwärtig machen, so auch das verkündigte Wort. Das Wort Gottes ist auch ein heilbringendes Ereignis. Das hebräische Wort DáBáR bedeutet nicht nur „Wort“, sondern auch „Tat“. Jedes Wort stellt eine bestimmte Situation her, ist aktiv, ist eine geschichtsschreibende Kraft. Gilt dies bereits für menschliche Worte, mindestens einige, umso mehr gilt es für das Wort Gottes, das allmächtig ist. Bei Gott gibt es keine Distanz zwischen Wort und Tat. Gott hat keine leeren Worte. Wenn Gott spricht, geschieht, was er sagt. Gott schafft die Welt durch das Wort (vgl. Gen 1; Heb 1,3). Das Wort Gottes, das aus Gottes Mund hervorgeht, wird nicht ohne Wirkung zu Gott zurückkehren, sondern – ähnlich wie der Regen und der Schnee, die die Erde bewässern – wird es tun, wozu es gesandt wurde (vgl. Jes 55,10–11). Der Same des Wortes selbst keimt und wächst sowohl Tag und Nacht, ob der Mensch wach ist oder schläft, er weiß nicht wie. Der Same hat die Kraft, die Erde zu befruchten, die – sofern sie den Samen des Wortes tatsächlich angenommen hat – von selbst Früchte trägt (Mk 4,26–28). Das Wort Gottes ist lebendig und mächtig (Heb 4,12). Das gilt für jedes Wort Gottes, sei es, dass Gott damit die Welt am Anfang schafft oder damit Christus Lazarus auferweckt. Es gilt auch für das Wort, das die Kirche verkündet, das kein bloß menschliches Wort ist, sondern das tatsächliche Wort Gottes (vgl. 1 Thess 2,13). Daher resultiert aus der Zuversicht der Verkündiger des Evangeliums: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn (es ist) die Kraft Gottes zum Heil für alle, die glauben“ (Röm 1,16). Das Wort Gottes ist mächtig. Jedes Wort Gottes ist vom einen Wort abgeleitet. Johannes sieht in der Offenbarung dieses "Wort Gottes" als den Reiter auf dem weißen Pferd, der "Treuer und Gerechter" genannt wird. Das Pferd ist ein Symbol für aggressive Macht, ebenso wie das Schwert, das aus dem Mund des Reiters hervorgeht. Die weiße Farbe bedeutet Göttlichkeit und Sieg. Der Reiter wird von einem himmlischen Heer auf weißen Pferden begleitet. So bahnt sich derjenige, dessen anderer Name "König der Könige und Herr der Herren" ist (vgl. Offb 19,11–16), siegreich seinen Weg durch die Geschichte. Noch einmal betonen wir, dass seine einzige Kraft Er selbst ist – als das Wort Gottes.
Das Wort Gottes ist immer das Ereignis. Daher bezeugt die Propheten den Eingriff des Wortes Gottes in ihr Leben als Ereignis: „Das Wort des Herrn geschah zu mir…“ Dies gilt bis zum letzten Propheten, Johannes dem Täufer: Im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius… geschah das Wort Gottes zu Johannes (so wörtlich im Griechischen), dem Sohn des Zacharias… (Lk 3,1–2). Dann verschwindet diese Formulierung in der Bibel vollständig und an ihre Stelle tritt eine andere: Das Wort wurde Fleisch (Joh 1,14). Das Wort ist nicht mehr einfach ein Ereignis, sondern wird zur Person. In der Bibel kommt nie vor: „Das Wort Gottes wurde Jesus…“ Das hat seinen Grund, dass das Wort Gottes nicht etwas Äußeres ist, das zu Jesus hinzukommt. Jesus ist das Wort, das sowohl Wort als auch Tat, Sinn und Realität, Bedeutung und deren volle Verwirklichung ist. Weil sich in Christus der gesamte Inhalt des göttlichen Lebens ausdrückt und verwirklicht, ist dieses Wort das Fleisch gewordene letzte und definitive Wort Gottes gegenüber der Welt. Gott hat nichts mehr zu sagen, denn er hat alles gesagt. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir von Gott nichts mehr hören können. Genau darin ähnelt das Wort Gottes den Sakramenten. R. Cantalamessa weist erneut auf die Analogie zwischen dem Wort Gottes und dem Sakrament hin:3
So war auch das Opfer Christi am Kreuz vollendet und abgeschlossen. In gewissem Sinne gibt es also bereits keine Opfer Christi mehr. Und doch wissen wir, dass es noch ein Opfer gibt und das ist das einzige Opfer des Kreuzes, das in der eucharistischen Feier gegenwärtig und wirksam wird. Die Ereignis setzt sich im Sakrament fort, die Geschichte in der Liturgie. Ein analoges geschieht mit dem Wort Christi: Es hat als Ereignis aufgehört zu existieren, existiert jedoch noch als Sakrament… Das historische Ereignis des Wortes endete mit der Himmelfahrt Christi, aber der Geist, der in diesem Ereignis wirkte, „bleibt für immer“ (vgl. Joh 14,16). Daher bleibt auch dieses Ereignis für immer bestehen. In der Kirche gibt es keine Worte mehr als Ereignis; das Wort Gottes wird nicht mehr auf jemanden herabkommen, wie einst auf Samuel, auf Jeremia oder auf Johannes den Täufer. Es gibt hier jedoch Worte als Sakrament. Worte als Sakrament sind die Worte Gottes, die einmal für alle „geschehen“ sind, die in der Bibel gesammelt sind und immer wieder zu einer „aktiven Wirklichkeit“ werden, wann immer die Kirche sie mit Autorität verkündet. Der Geist, der sie inspiriert hat, entzündet sie erneut in den Herzen derer, die sie hören… Wie beim Fleischwerden verborgen sich Christus unter dem Schleier des Leibes und in der Eucharistie unter dem Schleier des Brotes, so verbirgt sich in der Schrift unter dem Schleier des Wortes. Im Fleischwerden verbirgt sich Gott in der Demut der menschlichen Natur, in der Schrift verbirgt er sich in der Demut des menschlichen Wortes.
Dieser sakramentale Charakter des Wortes Gottes in uns soll die entsprechende Ehrfurcht vor dem Wort Gottes bewirken. Wiederum kann uns die Analogie zu den Sakramenten, besonders zu dem Allerheiligsten Sakrament, dienen. Bereits Origenes wies die Christen darauf hin:4
Ihr, die ihr es gewöhnt seid, an den göttlichen Geheimnissen teilzunehmen, wenn ihr den Leib des Herrn empfangt, bewahrt ihn mit aller Vorsicht und Ehrfurcht, damit kein Bröckchen auf den Boden falle, damit nichts von dem geheiligten Geschenk verloren geht. Es ist eure Überzeugung – und eine richtige Überzeugung – dass es eine Sünde ist, es aus Nachlässigkeit auf den Boden fallen zu lassen. Wenn ihr so vorsichtig seid bei der Bewahrung seines Leibes – und es ist richtig, dass ihr es seid – glaubt ihr, dass es eine geringere Sünde ist, das Wort Gottes zu vernachlässigen, als wenn ihr seinen Leib vernachlässigt?
Dieses Wort ist euer Leben
Ehrfurcht und Liebe von unserer Seite gebührt dem Wort Gottes nicht nur deshalb, weil es das Wort Gottes, das Wort des dreimal heiligen Herrn ist. Das Wort Gottes soll uns auch deshalb kostbar sein, weil es unser täglich Brot, das Wort des Lebens ist.
Das auserwählte Volk leitet seine Existenz vom Wort Gottes ab. Seine Geschichte beginnt damit, dass der Herr zu Abram sprach (Gen 12,1). Als Moses das Volk aus der ägyptischen Sklaverei führte, prägte er ihm die Worte des Gesetzes Gottes ins Herz, auf denen die Existenz Israels beruht: „Hört nun die Vorschriften und Verordnungen, die ich euch lehre zu beachten, damit ihr am Leben bleibt…“ (Dt 4,1). Israel ist vollständig vom Wort Gottes abhängig. „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn kommt“ (Dt 8,3). Daher wiederholen sich immer wieder die Aufrufe, das Wort zu hören und gehorsam zu sein. Daran hängt das Leben. „Wendet euer Herz auf alle Worte, die ich euch heute bezeuge… Für euch ist dieses Wort nicht leer, es ist euer Leben. Durch dieses Wort werdet ihr lange leben im Land, in das ihr über den Jordan kommt…“ (Dt 32,46–47). Die Rückblickreflexion Israels über die Macht des Wortes Gottes, über die großen Taten, die durch dieses Wort in der Geschichte geschehen sind, führt das gläubige Volk zu dem Verständnis, dass das Wort Gottes das Fundament gesamten Lebens und Seins ist. Die Welt wurde durch das Wort Gottes geschaffen (Gen 1). Das Wort Gottes, das in jedem von uns erklingt, ist die Quelle unserer Existenz, wie es der heilige Ambrosius treffend ausdrückt: „Das Wort Gottes ist das lebendige Wesen unserer Seele; es belebt sie, weidet sie und leitet sie. Es gibt nichts außerhalb des Wortes Gottes, das die menschliche Seele beleben könnte.“5
Das Wort der Schöpfung ist die Voraussetzung für das folgende Wort Gottes, das Wort der Offenbarung und der Erlösung. Durch das Wort wurden wir ohne unseren Willen geschaffen. Die Erlösung kommt nicht ohne unseren Willen zustande. Unser christliches Dasein beginnt mit der Annahme des Wortes Gottes, es gebiert uns zu neuem Leben. „Ihr seid durch das lebendige und bleibende Wort Gottes neu geboren worden. Denn ‚jeder Mensch ist wie das Gras und alle seine Pracht wie die Blume des Grases. Das Gras welkt und die Blume fällt ab, aber das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit‘ – nämlich das Wort des Evangeliums, das euch verkündet wurde“ (1 Petr 1,23–25). Dieses Wort muss im Glauben angenommen werden, so sehr, dass man sich so sehr zu ihm bekennt, dass man für es einsteht, was sich im Bekenntnis zeigt. Im Römerbrief macht Paulus unsere Gerechtigkeit und Erlösung abhängig von dem Glauben und dem Bekenntnis, die jedoch nur durch die Verkündigung möglich sind: „Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen; das ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen. Wenn du also mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet werden. Der Glaube im Herzen führt zur Gerechtigkeit, das Bekenntnis mit dem Mund führt zur Rettung… Denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird gerettet werden. Wie aber können sie ihn anrufen, wenn sie nicht an ihn geglaubt haben? Und wie können sie glauben, wenn sie nicht von ihm gehört haben? Wie aber können sie hören ohne einen Verkündiger? … Der Glaube kommt durch das Hören, das Hören aber geschieht durch das Wort über Christus“ (Röm 10,8–17). Glaube bedeutet in erster Linie, das Wort anzunehmen. Das ist aber wirksam, sodass die tatsächliche Annahme durch die Tat zum Ausdruck kommt. Der heilige Jakobus ermahnt uns: „Denkt daran, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch soll schnell zum Hören, langsam zum Reden sein… Seid still und empfindsam für das Wort, das euch wie ein Same eingepflanzt wurde und die Seele retten kann. Dieses Wort jedoch müsst ihr in die Tat umsetzen und nicht nur hören. Andernfalls betrügt ihr euch selbst!“ (Jak 1,19–22.)
Israel ist stolz auf sein Gesetz, auf das Wort des lebendigen Gottes. Es weiß, dass es ihn einzigartig macht. „Gibt es einen anderen großen Nation, die so nahe wäre, wie der Herr, unser Gott, uns nahe ist…? Und hat eine andere große Nation gerechte Gesetze und Vorschriften so gerechte wie alle diese Gesetze, die ich euch heute vorlege?“ (Dt 4,7–8) Das auserwählte Volk drückte seine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes aus, indem es die Worte (DeBaRíM) der Zehn Gebote in der Lade des Bundes aufbewahrte; diese befand sich im innersten Teil des Zeltes, im Allerheiligsten, das auf Hebräisch DeBíR genannt wird. So stellte das Wort Gottes das tiefste Geheimnis der Geschichte Israels dar.
Die Kirche ist die neue Lade des Bundes, die das Wort Gottes in ihrem Inneren bewahrt. Ähnlich wie Maria nach der Fleischwerdung, die auch mit dem Ehrentitel „Lade des Bundes“ bezeichnet wird, trägt die Kirche in ihrem Herzen das Wort Gottes, um es durch ihr Apostolat in die Welt zu gebären. Die Kirche hört in der Dunkelheit und im Verborgenen auf ihren Bräutigam und was sie so hört, verkündet sie von den Dächern, bringt es ans Licht der Welt (Mt 10,27).