Titus Brandsma: Was ist Mystik? (4/6)

Weil das mystische Leben als Aufstieg zur Vereinigung mit Gott verstanden werden kann...Einteilung in Stufen und verschiedene Arten des Gebets

Weil das mystische Leben als Aufstieg zur Vereinigung mit Gott verstanden werden kann, werden darin verschiedene Stufen oder Phasen unterschieden. Die einfachste Einteilung ist die in drei Stufen oder Wege: der reinigende Weg, der auch als Weg der Abtötung oder das Leben des Sterbens bezeichnet wird; hierbei steht die Reinigung von allen Sünden, die Losgelöstheit von dem, was irdisch ist, Buße und Abtötung im Vordergrund. Die zweite Stufe ist der erleuchtende Weg, die Ausübung von Tugenden, das Schmücken der Braut, damit sie dem Bräutigam entgegengehen kann.

Die dritte Stufe bezeichnet Ruisbroek als „schauendes Leben“, oft auch als „Weg der Vereinigung“ bezeichnet. Es ist das Leben der tiefsten Vereinigung mit Gott – so tief, dass die Seele darin passiv wird, da Gott selbst die Fähigkeiten der Seele ganz für sich reserviert. Es ist bemerkenswert, dass Ruisbroek und Teresa von Ávila hier auf die gleiche Weise weiter unterteilen. Nach dem Gebet der Sammlung folgt das Gebet der Ruhe, das Verweilen im Geliebten wie im Schlaf; dann folgt der geistliche Tod für sich selbst, damit der Mensch in Gott und mit Gott zu neuem Leben auferstehen kann. Beide fügen das Bild der geistlichen Verlobung hinzu, die mit der geistlichen Ehe gekrönt wird, der tiefsten und dauerhaftesten Vereinigung mit Gott.

So finden wir bei Ruisbroek auch bei Teresa eine ältere Einteilung in sieben Stufen. Die ersten drei Stufen beinhalten die weitere Vorbereitung auf das mystische Leben, die Abkehr von den Geschöpfen, die Hinwendung zu Gott, die Ausübung von Tugenden und aktives Zurückziehen und gehören eigentlich eher zur Askese. Die vier höchsten Stufen beschreiben das eigentliche mystische Leben. Teresa beschreibt diese sieben Stufen in ihrer Beschreibung der sieben Kammern der inneren Burg in dem Buch „El Castillo interior“ (Die innere Burg), das wir als Meisterwerk der mystischen Literatur bezeichnen können.

Wenn wir uns besonders auf die Weise konzentrieren, wie die Beziehung zu Gott gesucht und gefunden wird, wenn wir das mystische Leben vor allem als Leben des Gebets betrachten, dann ist das Meditieren die erste Stufe, das Ausschütten des Herzens oder das affektive Gebet die zweite und der Aufstieg zur Kontemplation, das einfache und schlichte (1) Gebet die dritte Stufe. Dies wird auch als Gebet der Sammlung oder inneres Gebet bezeichnet. Die Sammlung ist dann der Übergang zum mystischen Leben, insofern sich das aktive Zurückziehen in ein passives Zurückziehen verwandelt und dies das Gebet der Ruhe hervorruft, das normalerweise als vierte Stufe verstanden wird. Die fünfte Stufe ist dann das ekstatische Gebet, bei dem die Seele ergriffen und zu Gott emporgehoben wird. Teresa unterscheidet hier drei Phasen: das Entrücken, die Ekstase (2) und den Flug des Geistes (3), die sich in der Intensität und Inbrunst unterscheiden, mit der die Seele zu Gott ergriffen wird. Die sechste Stufe ist das Gebet der völligen Hingabe und sich selbst an Gott, die geistliche Verlobung, die in der siebten Stufe in einer noch tiefere und dauerhafte Vereinigung mit Gott, der geistlichen Ehe, gipfelt.

(1) Im Sinne von Einfachheit und Schlichtheit, die Eigenschaften Gottes sind und die auch der Mensch in sich trägt, als der, der nach Gottes Bild geschaffen ist.
(2) Die Burg im Inneren, Sechste Kammer, 4. Kapitel.
(3) Die Burg im Inneren, Sechste Kammer, 5. Kapitel.

Entnommen aus dem Buch: Engagierte Mystik
Autor: Titus Brandsma
Verlag: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, O.Carm.


1 2 3 4 5 6