Die Gewissheit des Glaubens der Kirche muss über mystischen Erfahrungen stehen
Aus der Natur der Mystik ergibt sich, dass zwischen zwei Aspekten unterschieden werden muss: dem göttlichen und dem menschlichen, von denen jeweils der eine oder der andere stärker hervorragt. Im engeren Sinne können diese auch als theologischer und psychologischer Faktor bezeichnet werden. So wichtig das göttliche Element in der Mystik auch ist, dürfen wir dennoch nicht das unterschätzen, was der Mensch seinerseits vermag, und es bleibt häufig äußerst schwierig, zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Element zu unterscheiden.
Das ist jedoch kein Grund, der Mystik ihren göttlichen Charakter abzusprechen oder ihn zu bezweifeln. Die Schwierigkeiten, die uns z. B. die Feststellung der Grenze zwischen dem Lebens und dem Unlebenswert, zwischen Materie und Geist, bereiten, rechtfertigen uns auch nicht darin, das Leben oder den Geist zu leugnen.
Obwohl Gott seine Gaben gibt, wem er will, und wir die mystischen Begabungen außerhalb der katholischen Kirche nicht leugnen können, zeigt die Gründung der katholischen Kirche, dass die Kirche in der Regel der Ort ist, wo uns Gott seine überfließende mystische Gnade gewährt. In der katholischen Kirche sehen wir auch, in welcher Pracht das mystische Leben erblüht. Ähnliche Phänomene wie in der (katholischen) Mystik finden sich auch in anderen Religionen, z. B. in verschiedenen indischen Religionen, in alten griechischen Kulte und in anderen christlichen Kirchen. Die Parapsychologie zeigt uns, welche besonderen Gefühle und Erfahrungen ein Mensch haben kann, der sich entweder aufgrund seiner eigenen Vorstellungen oder der Vorstellungen anderer auf den Weg der Suggestion, Telepathie, Hellsehen usw. begibt. Unter dem Einfluss von Suggestion können sogar Stigmata erscheinen oder einige Menschen leben fast ohne Nahrungsaufnahme. Aus äußerer Sicht ist es daher sehr schwierig, den mystischen Charakter solcher Phänomene mit Sicherheit zu bestätigen oder zu widerlegen.
Johannes vom Kreuz, der »mystische Lehrer«, weist aus diesem Grund darauf hin, dass die Gewissheit des Glaubens der Kirche über die mystische Erfahrung gestellt werden muss. Heiliger Teresa von Ávila sagt zwar, dass die Gegenwart Gottes und sein Wirken für den (authentischen) Mystiker manchmal so klar erkennbar sind, dass er daran nicht zweifeln kann, und dass Gott oft mit einer solchen Kraft die Seele ergreift, dass man nicht widerstehen kann. Doch auch Teresa leugnet nicht, dass die Gefahr der Selbsttäuschung weiterhin besteht. Ein mystisch begabter Mensch muss ihrer Meinung nach alle Eingebungen und Visionen dem Urteil eines erfahrenen geistlichen Führers unterordnen, wobei der Gehorsam gegenüber dessen Beurteilung und Führung das wichtigste und erste Gebot ist.
Die Kirche schreibt dem mystischen Leben und den damit verbundenen Phänomenen üblicherweise nur einen privaten Charakter zu. Nur in sehr klaren Fällen, die besonders durch ein heiligmäßiges Leben bestätigt werden, erkennt sie den mystischen Phänomenen allgemeine Gültigkeit zu. Was die vielen Fälle von Stigmata betrifft, erlaubte die Kirche liturgische Feiern nur für die Stigmatisierung des hl. Franziskus von Assisi, die hl. Katharina von Siena und das Durchbohren des Herzens der hl. Teresa. Das schließt jedoch nicht den großen Respekt für das mystische Leben aus, das die Kirche als den höchsten Blüte des Gnadenlebens versteht.
Es wäre sicherlich nicht richtig, menschliche Anstrengungen und Handlungen, die zu mystischen Erfahrungen führen, als sinnlos oder gar krankhaft zu betrachten, auch wenn es sich hierbei nicht um mystische Begabungen (im engeren Sinne) handelt und diese Erfahrungen nur einen natürlichen Charakter haben. Die Konzentration des Geistes auf das Höchste und Edelste seines Betrachtungsobjektes, die so innig ist, dass sie zu ekstatischen Erfahrungen führt, ist in ihrer Natur edler als die stärkste poetische Begeisterung oder die Ekstase eines schaffenden Künstlers. Dabei kann nicht geleugnet werden, dass sich auch hier, ähnlich wie bei einem Dichter oder Maler, übertrieben oder gar krankhafte Empfindungen zeigen können; doch selbst dann ist oft das Licht stärker als der Schatten. Daher müssen die mystischen Phänomene anderer Religionen respektiert werden, da sie nicht selten von einem erhabenen Aufstieg des menschlichen Geistes zu Gott zeugen.
In der Mystik muss zwischen Lehre und Leben unterschieden werden. Der Mensch kann das mystische Leben beschreiben, ohne selbst an der mystischen Erfahrung Gottes teilzuhaben. Da es jedoch viele mystisch Begabte gibt, die ihre Erfahrungen aus innerem Antrieb oder auf Anweisung des geistlichen Führers aufgezeichnet haben, muss die Behandlung dieses Themas auf ihrem Zeugnis basieren und sich auf ihre Erfahrung stützen. Die hl. Teresa von Ávila, der hl. Johannes vom Kreuz und besonders in den Niederlanden der selige Johannes von Ruysbroek waren selbst Mystiker und zugleich Autoren maßgeblicher Schriften über das mystische Leben. Es gibt selbstverständlich auch ein mystisches Leben, das nicht literarisch beschrieben ist, und ebenso kann Mystik in der Literatur fortbestehen, auch wenn sie nicht mehr erlebt wird.
Übernommen aus dem Buch: Engagierte Mystik
Autor: Titus Brandsma
Herausgeber: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.