Der Platz der Jungfrau Maria im Karmel
So wie der Karmel berufen ist, das Leben Christi im Gebet zu leben und sich radikal dem Willen des Vaters zu überlassen und dadurch zu zeigen, dass alle anderen Realitäten relativ sind, so ist auch die karmelitanische Familie berufen, die Liebe zu verkörpern, mit der Jesus, der vollkommene Sohn, seine Mutter Maria liebt. Von den Anfängen am Berg Karmel, wo die selige Mutter den Brüdern als Patronin dient, da die gebaute Kapelle ihr geweiht war, über so viele bekannte marianische Heiligtümer wie Carmine Maggiore in Neapel oder die diözesane marianische Wallfahrtsstätte in Trapani oder Aylesford in England bis zur Kirche in Vydří hier in den tschechischen Ländern, wo Maria als die Karmeliter-Jungfrau verehrt wird, erfährt der Orden Mariens Gegenwart, Schutz und mütterliche Fürsorge in so vielen Weisen, dass der Karmel ohne Maria einfach nicht er selbst wäre.
In der Vergangenheit waren die Karmeliten stolz darauf, keinen eigenen Gründer im traditionellen Sinne zu haben: sie underten dies ins Extreme und bewiesen, dass Maria selbst wünschte, eine eigene Familie in der Kirche zu haben und dass diese erste Familie, die Maria geweiht und auch gegründet wurde, der Karmel ist. Lassen wir die Frage der historischen Genauigkeit solcher Argumente beiseite, können wir nicht leugnen, dass der seligen Mutter im Karmel ein Ehrenplatz reserviert wurde, der normalerweise dem Gründer gehört. Dieser Glaube, dass Maria die Gründerin des Karmels ist, brachte eine liebevolle Antwort und Ehrfurcht hervor. Nicht nur dass die meisten Kapellen und Kirchen der Jungfrau Maria geweiht wurden, sondern bereits hundert Jahre nach der Gründung des Ordens am Berg Karmel legte die karmelitanische Familie fest, dass jede liturgische Feier mit dem marianischen Antiphon „Salve Regina“ enden soll. Ähnliche Ausdrucksformen marianischer Ehrfurcht fanden auch bei der Feier der Liturgie im karmelitischen Ritus und in anderen, volksnäheren Formen der Frömmigkeit ihren Ausdruck (z.B. förderten die Karmeliten in bestimmten Zeiten besonders die Verehrung der sieben Freuden der Jungfrau Maria).
Die Liebe des Karmels zu Maria war nie etwas Statisches; sie spiegelte vielmehr die konkrete Situation der Kirche und des Karmels in verschiedenen Zeiten und Epochen wider. Am Anfang wurde Maria – dank des starken mittelalterlichen Patroziniums – als Patronin verehrt: Maria verpflichtete sich, ihre Familie zu schützen, und die damaligen Karmeliten waren sich sicher, dass sie für sie Wohltäter und Beschützer fand, als sie niemanden von den Mächtigen dieser Welt auf ihrer Seite hatten. Auf diese Eingriffe Marias konnten die Karmeliten nicht anders reagieren als mit dem verpflichtenden Bekenntnis, ihre Vasallen und Diener zu sein. Dies setzten sie vor allem in ihrer Praxis der marianischen Ehrfurcht um. Zugleich waren sie sich bewusst, dass ihre Lebensweise, wie sie in ihrer Regel festgelegt ist, dem Leben Mariens sehr ähnlich war; und so schrieb der erste Ordens-Theologe John Baconthorpe über das Streben der Karmeliten, das Leben der seligen Mutter, wie wir es aus der Schrift kennen, aber auch auf Basis einiger apokrypher Schriften, in ihrem eigenen Leben nachzuahmen.
(1) Der Ausdruck „Patronin“ verweist auf die damaligen gesellschaftlichen Formen von Lehens- und Feudalherrschaft. Die Karmeliten hatten zu Maria, ihrer Patronin, eine ähnliche Beziehung, wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn – Patron. Übertragen in die spirituelle Dimension bedeutet dies, dass Maria die Karmeliten schützt, während sie sich ihrerseits zur Treue und Ehrfurcht gegenüber ihrer Patronin verpflichten; und auch, dass sie alles daransetzen, um ihre Ehre zu mehren und ihren Kult zu verbreiten. Vor allem aber verpflichten sie sich, einen tiefen Bezug zu ihr zu haben, diesen zu pflegen und zu entwickeln. (Anm. der Red.)
Übernommen aus dem Buch: Der Karmel in der tschechischen Kirche
Autor: Redemptus Valábek, OCarm.
Verlag: KNA