Das Gebet als Ur-Sinn der Existenz des Karmel
In allen Teilen der Welt verbinden die Menschen das Wort »Karmelitaner« mit der Vorstellung einer in das Gebet vertieften kontemplativen Seele, beginnend mit der heiligen Teresa von Jesús und Johannes vom Kreuz. Apostolisch tätige Karmelitaner werden heute auch von aktiven Katholiken oft gefragt: »Aber, Vater, sind Karmelitaner nicht kontemplativ und in der Klausur?« In der allgemeinen Vorstellung ist der Karmelitaner ein Mensch mit einem klaren Bewusstsein Gottes, der göttlichen Gegenwart. Sogar in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die den Menschen und das, was er erreicht hat, in den Mittelpunkt stellt, erwarten die Menschen, dass Karmelitaner ein Spiegelbild der Vorzüglichkeit Gottes und seiner Teilnahme an unserem Leben sind.
Gott selbst ist die ewige Initiative. In einer Zeit, in der die christliche Lehre von der Gnade oft als »christliche Anthropologie« bezeichnet wird, hat der Karmel zu bestätigen, dass Gott im Mittelpunkt steht. Die neuen karmelitischen Konstitutionen (1995) drücken das so aus: »Die Kontemplation des Karmelitaners ist ein 'Weg im Inneren', der aus der freien Initiative Gottes hervorgeht, der ihn berührt und umgestaltet, der ihn zur Einheit der Liebe mit ihm führt und ihn so erhebt, dass er diese unverdiente Liebe wahrnehmen und in seiner liebevollen Gegenwart leben kann. Es ist die Erfahrung der göttlichen Liebe, die in uns siegt, indem sie uns verwandelt« (Art. 17). Kontemplation als freies Geschenk Gottes ist nichts, was wir uns verdienen oder was wir automatisch erhalten, sobald es uns beliebt. Aber sie kann – und sollte – durch schrittweises Vertiefen und Vereinfachen des Gebets in seinen gewohnten sowie in neuen kreativen Formen vorbereitet werden.
Seit der Gründung des Ordens auf dem Berg Karmel, wo bereits der eremitische Lebensstil einen besonderen Schwerpunkt auf das Gebet legte, bleiben Gebet und Kontemplation die Säulen des karmelitischen Lebensstils. Obwohl der Karmel bald zu den Bettelorden gehörte, hat er sich dennoch immer einen besonderen Fokus auf das Gebet als Teil seines urspünglichen Sinns der Existenz bewahrt. Für die Karmelitaner von heute ist dieser Akzent nach dem Zweiten Vatikanum, das das Gebet als zentrale Wert für alle Ordensleute betont hat, noch dringlicher. »Darum sollen die Mitglieder der Gesellschaft beständig den Geist des Gebets und das Gebet selbst pflegen und dabei aus den wahren christlichen Quellen des geistlichen Lebens schöpfen« (1).
Was für alle Ordensleute gilt, müssen die Karmelitaner also mit noch größerer Entschlossenheit und Leidenschaft annehmen, denn das Gebet, das Lehren des Gebets und das Teilen mit anderen gehören zu ihrem ureigensten Auftrag. Obwohl es innerhalb des Karmel auch zu einer gewissen Erneuerung des Interesses an eremitischen Lebens- und Gebetsformen gekommen ist, ist das bislang nicht etwas Gewöhnliches. Doch wenn der karmelitische Orden seinem Charisma treu bleiben will, das er in der Kirche trägt, und wenn er den Gründen treu bleiben will, aus denen er offiziell anerkannt wurde, dann muss er seinem Erbe des Gebets, des Schweigens und der Einsamkeit, die zum Gebet, besonders in seinen höchsten Formen, notwendig sind, treu bleiben. Gibt es vielleicht noch etwas mehr, was die Kirche vom Karmel verlangen könnte?
(1) Perfectae caritatis, Art. 6.
Aus dem Buch: Karmel in der tschechischen Kirche
Autor: Redemptus Valábek, OCarm.
Herausgegeben von: KNA