Tägliches Gebet der Kirche (1. Teil)

Wilfrid Stinissen OCD

(Nach der schwedischen Zeitschrift Karmel, August 1996)

 

Im perfekten christlichen Leben ist das innere Gebet untrennbar mit dem liturgischen Gebet verbunden. Manche „entdecken“ zuerst das innere Gebet und erst allmählich das liturgische Gebet, bei anderen ist es umgekehrt. Für denjenigen jedoch, der aufrichtig nach Gott sucht, ist es absolut unvermeidlich, dass beide Formen des Gebets immer mehr zu einer Einheit werden. Wer auf dem Weg ist, Gott zu erkennen, kann nicht anders, als festzustellen, dass Gott sich sowohl in der Stille der unergründlichen Tiefe unseres Inneren offenbart als auch durch Worte und Zeichen Seiner Schöpfung.

„Das geistliche Leben,“ lehrt das 2. Vatikanische Konzil, „beruht jedoch nicht nur auf der Teilnahme an der heiligen Liturgie. Der Christ ist zwar berufen zur gemeinsamen Anbetung, hat jedoch auch in seine Kammer einzugehen, um im Verborgenen den Vater zu bitten; sogar soll er ohne Unterlass beten, wie es der Apostel Paulus lehrt“ (SC 12).

Dialog zwischen Gott und Mensch

In den allgemeinen Anweisungen zum täglichen Gebet der Kirche heißt es, dass es darum geht, „einen Kontakt oder vielmehr einen Dialog zwischen Gott und den Menschen herzustellen, wobei ‚Gott zu Seinem Volk spricht… und das Volk Gott mit Gesang und Gebet antwortet‘“ (14).

Das liturgische Gebet der Kirche ist die wahre Jakobstreppe, auf der die Engel Gottes auf- und niedersteigen (Gen 28,12; Joh 1,51). Das rettende Wort Gottes kommt zu uns in den Lesungen, oft auch in den Psalmen, und wir antworten, indem wir mit Dank Gott preisen. Die doppelte Bewegung, die aufsteigende und die absteigende, wird sehr treffend im ersten Satz des Gloria der heiligen Messe zusammengefasst: „Gloria in excelsis Deo – et in terra pax hominibus“ (Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden den Menschen guten Willens). Unser Lobgesang erhebt sich von unten, steigt empor und preist Gott in der Höhe. Und die Worte Gottes, die von Seiner Liebe zu uns sprechen, kommen von oben, sinken herab und bringen Frieden auf die Erde. Was für ein wunderbarer Dialog!

Was immer bei einem Dialog auf tiefster Ebene geschieht, geschieht auch hier. Beide Bewegungen – vom Menschen zu Gott und von Gott zu den Menschen – verschmelzen miteinander und schließlich sind sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Wenn „der Herr Gott gewiss von Frieden für Sein Volk und für Seine Heiligen spricht“ (Ps 85,9), preist Er Sich selbst. Alles, was Er für den Menschen tut, offenbart Seine eigene Herrlichkeit. „Gloria Dei vivens homo,“ schreibt Irenäus von Lyon (+ um 200): wenn der Mensch wirklich lebt, wenn es ihm in jeder Hinsicht gut geht, strahlt von ihm etwas von der göttlichen Herrlichkeit aus. „Ein Baum wird an seinen Früchten erkannt“ (Mt 12,33). Ist der Mensch eine gute Frucht, bezeugt er damit, dass Gott ein guter Baum ist. Andererseits tut es dem Menschen nur gut, wenn er selbst aufhört, an sich zu denken, und Gott lobt. In diesem Lobgesang findet er seine tiefste Freude. „Er wird strahlen“ (Ps 34,6), wenn er Gott preist. Dann lebt er das, wozu er geschaffen wurde: er ist ein Strom, der zu Gott fließt. Er steht auf dem richtigen Weg und deshalb empfindet er Frieden in seiner Seele: denn nach Augustinus bedeutet Frieden den Frieden, der uns umgibt, wenn alles in der notwendigen Ordnung ist.

Dass beide Bewegungsrichtungen (der Mensch lobt Gott – Gott heiligt den Menschen) miteinander verschmelzen, sehen wir am deutlichsten in Christus. Die liturgische Konstitution spricht von Seinem „großen Werk, das Gott vollkommen preist und den Menschen heiligt“ (SC 7). Ist das Wort Fleisch geworden für den Menschen oder für den Vater? Die Frage ist natürlich falsch formuliert. Hier gibt es kein ‚Entweder – Oder‘. Die Verherrlichung des Vaters ist das Heil des Menschen. Einige Menschen machen ein grimmiges Gesicht, wenn gesagt wird, dass alles zur Verherrlichung Gottes geschaffen ist: Wie egoistisch ist Gott! Sie verstehen dabei nicht, dass wenn Gott Sich selbst verherrlicht, Er damit die Liebe preist. Gott ist schließlich Liebe. Wenn Gott Seine eigene Herrlichkeit verkündigt, bedeutet das, dass Er Seine Liebe in vollem Glanz zeigt, dass Er niemals an sein eigenes Wohl denkt, sondern nur an Seinen Sohn und an uns alle, die Er zu Ihm eingeschlossen hat. Mehr vom Egoismus entfernt zu sein, ist einfach nicht möglich!

Der Mensch will auch sich selbst preisen. Darin ist im Grunde nichts Schlechtes. Wenn wir so wären, wie Gott uns gedacht hat, hätten wir tatsächlich das Recht, nach unserer Ehre, unserer wahren Ehre zu streben. Wir hätten das Recht, uns selbst zu lieben, das heißt, die wahre Tiefe unseres Wesens zu lieben, die nichts anderes ist als Liebe, reine Liebe, die immer nur gibt und empfängt. Die Sünde, der Egoismus haben jedoch alles auf den Kopf gestellt, sodass die Liebe zu uns selbst häufig auf Kosten unserer Nächsten geschieht. Wer sich selbst auf richtige Weise liebt, liebt die Liebe, zu der er geschaffen wurde.

Wenn wir in der Liturgie Gott preisen und verherrlichen, preisen wir gleichzeitig das Bild Gottes in uns selbst. Es gibt keinen Raum für Hochmut, Egoismus, Missachtungen anderer. Der liturgische Lobgesang nimmt sehr aktiv den Körper teil. Jede körperliche Aktivität ist in die Liturgie integriert. Derselbe Körper, der seine täglichen Pflichten erfüllt, verneigt sich in der Liturgie tief vor Gott, dieselbe Stimme, die im täglichen Leben erklingt, lobt in der Liturgie Gott. Wenn wir uns bewusst werden, welche Würde unserem Körper zukommt, und ihm oft die Möglichkeit geben, an der Liturgie teilzunehmen, wird uns diese Würde überall begleiten. Gott verherrlicht in Seiner grenzenlosen Güte in der Liturgie eigentlich mehr uns als wir Ihn. Es besteht jedoch die Gefahr für diejenigen, die oft an der Liturgie teilnehmen – es geht hauptsächlich um Ordensleute – dass wir anstatt dass uns die Würde der Liturgie in den Alltag begleitet, eine banale Haltung des Alltags in die Liturgie eindringen lassen.

Das Gebet des ganzen Gottesvolkes

„Da es sich um das Gebet des ganzen Gottesvolkes handelt,“ schreibt Paul VI. in der apostolischen Konstitution Laudis canticum, die 1970 die Erneuerung dieses Gebets verkündete, „wurde es so angeordnet, dass daran nicht nur die Kleriker, sondern auch die Ordensleute und auch die Laien teilnehmen können. Um die Menschen verschiedener Stände und Positionen und ihre besonderen Bedürfnisse wird dadurch Sorge getragen, dass verschiedene Formen des Feiern eingeführt wurden. So kann das tägliche Gebet der Kirche unterschiedlichen Gemeinschaften, die es nach ihren Lebensbedingungen und ihrem Auftrag halten, angepasst werden“ (1). „Deshalb wird das tägliche Gebet der Kirche allen Christen angeboten,“ fährt der Heilige Vater fort, „auch denen, die nicht verpflichtet sind, es zu beten.“ Und auch: „Vor allem ist es notwendig, dass das Volk Gottes mit neuer Liebe das Gebet der Psalmen erkennt, das immer die göttliche Wirksamkeit in der Geschichte des Heils verfolgt und verkündet.“

Lange Zeit war es nahezu allgemeiner Meinung, dass das tägliche Gebet der Kirche nur für Priester und Ordensleute gilt, während Laien sich mit dem Rosenkranz zufriedengeben müssen. Wenn es nur in lateinischer Sprache zugänglich war, war diese Meinung bis zu einem gewissen Grad verständlich. Das Latein bildete eine Barriere zwischen Geistlichen und Laien. In der Urkirche war das nicht der Fall, da Latein (gegebenenfalls Griechisch) die Sprache des Volkes war. Das tägliche Gebet der Kirche war eine Sache der aktiven Teilnahme der gesamten Gemeinde der Gläubigen. Als die Leute jedoch nicht mehr Latein sprachen, entstanden zahlreiche volkstümliche Andachten. Die verbreitetste unter ihnen ist der Rosenkranz. Gemeinsam mit der ganzen Familie die Vesper zu feiern war vor dem Konzil kaum vorstellbar. Im Gegensatz dazu beteten viele katholische Familien jeden Abend den Rosenkranz.

Die Kirche betrachtet den Rosenkranz als sehr wichtig. Dank seiner Einfachheit und meditativen Charakter wird der Rosenkranz immer einen wichtigen Platz im Gebetsleben der katholischen Kirche einnehmen. Der Rosenkranz ist jedoch kein typisches Morgen- oder Abendgebet. Morgens einen Rosenkranz zu beten, hat nicht dasselbe Gewicht wie die Morgenlobpreisung (laudes). Wenn wir die Lobsprüche beten, beginnen wir den Tag mit dem Lob Gottes; eine kurze Lesung dient uns als Nahrung für den Weg, mit der wir uns während des Tages nähren; in den Fürbitten bitten wir um Kraft für die Aufgaben des kommenden Tages. Darüber hinaus sind wir uns bewusst, dass wir nicht alleine beten, sondern mit der ganzen Kirche: überall auf der Welt erklingt dasselbe Gebet. Wir sind nicht nur uns selbst überlassen: fühlen wir uns müde, schläfrig oder abgelenkt, wissen wir, dass andere unsere Schwäche mit ihrem Eifer ausgleichen. In einem großen Chor stört es nicht so sehr, wenn einige Mitglieder unsicher oder ein wenig heiser sind. Sie können dennoch zusammen mit den anderen singen und müssen sich keine Sorgen machen, die Harmonie zu stören. Bei der täglichen Gebet der Kirche befinden wir uns im Zentrum des Mysteriums. Wir sind Teil des mystischen Leibes Christi. Mein unbedeutendes ‚Ich‘ des Einzelnen wurde in Zusammenhänge gesetzt, die keine Grenzen haben. Und erst wenn ich in etwas Größeres als das, was ich unmittelbar als ‚mich selbst‘ wahrnehmen kann, eingeschlossen bin, kann ich wirklich ‚ich selbst‘ werden.

Natürlich kann die Mehrheit der Laien nicht das ganze Offizium beten. Es ist jedoch möglich, entweder einen Teil oder nur einen Abschnitt eines Teils zu beten. So kann man beispielsweise bei den morgendlichen Lobpreisungen auf einen Psalm beschränken. Oft sehen wir nur zwei Möglichkeiten: alles oder nichts. Und so nehmen wir die Länge des Offiziums als Vorwand, um überhaupt nicht zu beten. Es gibt jedoch auch einen Mittelweg: sich einen Teil auszuwählen und sich damit zu begnügen. Der Vorteil der Laien ist die Freiheit hinsichtlich der Quantität des Gebets. Der Priester oder der Ordensmann ist verpflichtet, alle Teile des täglichen Gebets der Kirche vollständig zu beten. Ich spreche von einer Verpflichtung, aber es ist eine ‚selige‘ Verpflichtung. Verpflichtet zu sein bereichert mich durch Treue. Dabei besteht jedoch das Risiko, diese Angelegenheit so schnell wie möglich „loszuwerden“. Der Laie ist andererseits nicht an eine bestimmte Quantität gebunden und kann daher mehr auf die Qualität achten.

Die christliche Tradition unterscheidet meist zwischen gemeinschaftlichem und individuellem Gebet. Beide sind wichtig und Jesus ermutigt zu beiden. „Wenn du aber betest, gehe in deine Kammer, schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird dir vergelten“ (Mt 6,6). So tat es auch Jesus. Seine ‚Kammer‘ war oft die Natur. „… Er ging auf einen Berg, um allein zu beten. Es war bereits Abend und er war dort allein“ (Mt 14,23). Jesus ging jedoch auch in die Synagoge und sang zusammen mit Seinen Jüngern Psalmen. Er sagt ja: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

Das tägliche Gebet der Kirche ist ein typisches Gebet der Gemeinschaft der Gläubigen und hat den Charakter eines gemeinsamen Gebets. Es ist für das Gebet in Gemeinschaft bestimmt und kommt am besten zur Geltung, wenn wir es zusammen mit anderen beten. So setzen beispielsweise die Responsoria voraus, dass sie abwechselnd von zwei Chören gesungen (rezitiert) werden. Für alle, die die Stunden zusammen mit anderen beten, ist es ebenfalls wichtig, sich Zeit für das persönliche, private Gebet zu nehmen, also für das Gebet, aus dem wir in unsere ‚Kammer‘ eintreten. Nur im Gemeinschaftsgebet zu beten reicht nicht aus.

Doch für den Laien, der alleine ‚in seiner Kammer‘ das tägliche Gebet der Kirche betet, kann dieses Gebet eine schöne Synthese aus gemeinschaftlichem und individuellem Gebet, aus mündlichem und kontemplativem Gebet sein. Er hat an dem Gebet der Kirche teil und ist sich bewusst, dass er mit der Kirche verbunden ist, gleichzeitig betet er jedoch in der Einsamkeit und hat die Möglichkeit, seine Freiheit zu nutzen, sich bei einigen Versen aufzuhalten und so das Gebet in Meditation und Kontemplation übergehen zu lassen.

(Aus dem Schwedischen übersetzt von Prof. Dagmar Chvojková)

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