Herzgebet

Wilfrid Stinissen

Das Gebet Jesu wird oft als das Gebet des Herzens bezeichnet. Tatsächlich sollte jedes Gebet so sein, oder zumindest sollte es sich zu einem Gebet des Herzens entwickeln. Dass dies in besonderem Maße für das Gebet Jesu gilt, liegt daran, dass das Herz darin einen besonderen Platz einnimmt. Zunächst ist es jedoch wichtig zu bemerken, dass hier nicht vom Herzen gesprochen wird, wie es in der heutigen (poetischen) Sprache verstanden wird. Es hat in Wirklichkeit überhaupt nichts mit oberflächlichen Gefühlen zu tun. In der Tradition der östlichen Kirche, und auch in der Sprache der Bibel, ist das Herz sowohl in seiner physischen als auch in seiner spirituellen Bedeutung das wichtigste menschliche Organ. Und im Herzen begegnet der Mensch Gott. Dort, in der Tiefe des menschlichen Herzens, schlummert das göttliche Leben.

Im Paradies lebte der Mensch in seinem Herzen. Er war in Harmonie mit seinem Gott, und zwischen seinen intellektiven und emotionalen Fähigkeiten herrschte vollkommen Einheit. Der Fall in die Sünde hat dazu geführt, dass etwas der menschlichen Natur verderbt und zerfällt. Der Mensch hat seinen Mittelpunkt verloren, sodass er nun in äußeren Dingen ertrinkt. Die himmlische Harmonie, die dem Menschen gegeben wurde und für die er geschaffen wurde, ist verschwunden. Gedanken, Bilder, Wünsche und Gefühle kämpfen gegeneinander, sodass es uns schwerfällt, unser ganzes Ich zu Gott zu wenden. Auch wenn die Seele in ihrer Tiefe einen schmerzhaften Wunsch nach Gott empfindet, wimmeln an der Oberfläche kleine und große Begierden, die ständig „nein!“ schreien. Diese Zerrissenheit sitzt im Geist (Kopf), wo Gedanken und Bilder „tanzen wie Schneeflocken oder Schwärme von Mücken im Sommer“ (Teofan der Einsiedler, 1815–1894). Die orthodoxe Anthropologie legt großen Wert auf diese Spaltung zwischen Geist (Kopf) und Herz des gefallenen Menschen. Die Sünde bringt Verwirrung. Die Einheit und Harmonie, die einst zwischen Herz, jener Kraft, durch die wir Gott fühlen und erfahren, und Kopf, dem Sitz der rationalen Wahrnehmung und des Verstehens der äußeren Welt, herrschte, ist zerbrochen. Die Integrität, die Ganzheit des Menschen liegt jedoch in der harmonischen Beziehung zwischen diesen beiden Polen, und diese Harmonie entsteht, wenn der Verstand dem Herzen untergeordnet wird.

Deshalb betonen östliche spirituelle Schriftsteller immer wieder, dass man den Kopf verlassen und ins Herz eintauchen muss. Dabei handelt es sich nicht um einen rein spirituellen Prozess. Mit dem Wort „Herz“ ist auch das körperliche Organ gemeint, das seinen Platz in der Brust „ganz nah an der linken Brustwarze, etwas darüber“, wie Ignatij Brjanchaninov (1807–1867) sagt, hat.

Das körperliche Herz ist also ein Symbol für das geistliche Herz. Daher hat die Suche nach dem Herzen sowohl körperliche als auch geistliche Bedeutung. Den Herzschlag unseres eigenen Herzens zu hören, erleichtert es uns auch, unser geistliches Zentrum zu finden.

(Auszug aus dem bevorstehenden Buch Das Gebet Jesu,
das Ende des Jahres vom Karmelitenverlag veröffentlicht wird,
übersetzt von P. Vojtěch Engelhart OSB)