Eucharistie und das Wachstum in der Einheit mit Gott (Teil 3)

Karmeliter Spiritualität als Weg zu einem tieferen Erleben der Liturgie

Paul Menting

Die Einheit bewahren

Zwei Personen, die eine Freundschaft geschlossen haben, müssen sich bemühen, diese Freundschaft zu erhalten. Wenn eine Beziehung gut ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch gut bleibt: Das Feuer, das einmal entfacht wurde, brennt nicht von selbst immer weiter. Wer liebt, kann nicht passiv auf den Lorbeeren einer tiefen Erfahrung der Liebe ruhen, ohne das Risiko einzugehen, alles zu verlieren.

Eine Liebesbeziehung bleibt nur dann lebendig, wenn sie sich erneuert und wächst durch stetige Weiterentwicklung. Dieses Wachstum ist jedoch nicht wie eine Treppe, auf der man Stufe für Stufe immer höher steigt. Es ist vielmehr wie ein kleiner Teich, der schließlich zu einem Meer wird, einem Meer mit hohen Wellen und tiefen Abgründen. Wahre Liebe schließt nämlich nichts aus, sondern hat für alles ihren Wert und Platz. Auch schmerzhafte Erfahrungen fehlen darin nicht. Zusammen mit den schönen Erfahrungen bilden sie (die einzige) zusammenfassende Realität der Beziehung. Auf einen schönen Moment liebevoller Verbindung folgt oft eine Phase des Verlustes der unmittelbaren Einheit zwischen uns und möglicherweise treten Schwierigkeiten auf, gleich welcher Art. Wenn die Liebe lebendig ist, nutzt sie die Schwierigkeiten, also die Abgründe zwischen den Wellen, als Vorbereitung, könnte man sagen, als Anlauf für den folgenden hohen Höhepunkt. Dann werden sowohl die schönen als auch die schwierigen Momente des Lebens zusammen in das Meer einer unendlichen Liebe aufgenommen.

So verhält es sich auch in der mystischen Liebe zwischen Gott und Mensch. Mystiker erzählen nicht nur von ihrem Erleben der Einheit mit Gott und von den Höhepunkten mit ihm, sondern auch von Momenten der göttlichen „Abwesenheit“ und den damit verbundenen Gefühlen der Verlassenheit. Allgemein ist auch für Mystiker das Erleben der Einheit mit Gott eine Seltenheit, insbesondere zu Beginn des spirituellen Weges. Auch sie müssen oft lange in Zeiten der Dürre ausharren, bis Gott sie wieder vollständig zu sich zieht. Niemand kann allein das Treffen mit Gott verwirklichen; man muss warten, bis Gott sich einem gibt. Doch der Mensch lernt allmählich, sich auch in Zeiten des Rückzugs – wie zwischen den Wellen der Emotionen – in den Abgrund der göttlichen Liebe zu werfen, die immer ebenso tief ist. Johannes von St. Samson (1571–1636) drückte es so aus:1

„Ich werde mich mit aller Kraft und Macht meiner unendlichen Liebe in dich stürzen, von Abgrund zu Abgrund, bis ich in der reinen Aktivität und der reinen Passivität der Liebe ganz in dich und in deine Liebe zurückkehre und darin aufgehe. Denn wenn ich mich einfach, ausschließlich und in völliger Nacktheit an dir festhalte, mit dem schlichten Blick, den ich von dir in dir haben werde, werde ich mich ganz in dir verlieren. Ist es da nicht ein Wunder, wenn ich mich mit aller (meiner) Macht in die Liebe stürze, um dich schlicht und nackt zu lieben – sowohl in mir als auch außerhalb von mir selbst, um dich immer auf dieselbe Weise zu haben, in der unendlichen Unersättlichkeit meines liebenden Verlangens? Ich werde erst dann gesättigt sein, wenn ich dich unvermischt und ganz habe und wenn du mich mit solcher Fülle tränken wirst, dass du auf die anderen so überfließen wirst, dass auch sie über die Überfülle deiner Überfülle gesättigt und erfüllt werden. Singt mutig, Braut des Bräutigams, wie meinem...
Und doch, mein süßes Leben, ich habe dir noch nicht gesagt, womit ich dir den süßen und liebevollen Krieg vergelten werde, den du gegen mich in ständiger Liebe führst. Siehe, das werde ich tun: Freust du dich darüber, dass du in tiefster Liebe ohne Unterlass zu mir kommst, so werde ich auch ohne Unterlass zu dir kommen; und in der unendlichen Kraft meiner Liebe, die deiner entspricht, werde ich dir alles geben. Und dann werden wir uns ohne Unterlass sehr oft und sogar unendlich oft begegnen, Geist gegen Geist, bis einer von uns beiden nachgibt.

Mit allem, was er ist und hat, möchte Johannes von St. Samson zu Gottes Liebe zurückkehren. Seine Liebe ist bereits von der göttlichen Liebe berührt und in die göttliche Liebe umgewandelt, sodass er sie seine unendliche Liebe nennt. Johannes weiß, dass die göttliche Liebe von ihm alles fordert: seine Liebe muss ohne Umschweife und ohne doppelte Böden feiner Selbstzentriertheit schlicht2 und ausschließlich auf Gott gerichtet sein. Und das ist Johannes auch möglich, denn seine eigene Liebe hat so eine Tiefe erreicht wie die göttliche Liebe und hängt daher nicht von der Schwankung des Niveaus auf und ab ab, sondern ruht wesentlich in (dem einzigen) selbstvergessenen Verlangen, sich zu verschenken. Eine solche Liebe wird niemals erschöpft und ist unermesslich tief. Eine solche Liebe ist göttlich und schließt jeden begrenzten menschlichen Liebesweg aus (insbesondere die selbstzentrierte Liebe). Denn wenn der Mensch auch nur etwas von jener „menschlichen“ Liebe für sich behält und sie auf sich selbst oder einen anderen Gegenstand richtet, würde sich die Tiefe verflachen, der Abgrund würde sich mit Schlamm zusetzen, die Kraft der einen Liebe würde in viele kleine, schwache Splitter von Liebe zersplittern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass eine andere Person oder die eigene liebende Person im Hintergrund unliebend verschwinden muss. Wer nur Gott selbst liebt, wird seinen Nächsten viel mehr lieben als derjenige, der Gott nur unter anderen liebt. Wer Gott selbst liebt, ähnelt nämlich dem Abgrund, der, obwohl er unermesslich weit und tief ist, mit göttlicher Liebe in solch einer Fülle erfüllt ist, dass alle, die mit ihm in Berührung kommen, genau so von ihm gesättigt und erfüllt werden. So fließt die Liebe dessen, der Gott selbst liebt, auf seinen Nächsten und auf sein eigenes Ich über.

Gott selbst zu lieben bedeutet, sich in Nacktheit und ohne Umschweife sozusagen an Gott festzukleben und sich für keinen Augenblick mehr mit sich selbst oder anderen Dingen zu füllen. Auf diese Weise bringt der Mensch Gott dazu, dass er ununterbrochen zu ihm kommt und ihn erfüllt. Die Begegnungen können dann häufiger stattfinden, sogar unendlich oft. Menschliche Liebe, die ganz in göttliche Liebe umgewandelt ist, hat die gleiche Kraft wie göttliche Liebe; leidenschaftlich und heftig drängen sich beide Liebesarten zueinander, wie sich zwei starke Magneten anziehen. Da gibt es dann nichts mehr, was zwischen die Vereinigung der beiden stehen könnte.

Teresa von Avila (1515–1582) beschreibt, dass der Mensch, der so sehr liebt, die Einheit mit Gott nicht einmal mehr brechen kann.3

„... hat die Liebe in mir geordnet.“ (Hohelied 2,4 – nach der Vulgata.) Ach, diese Worte, die die Seele niemals vergessen sollte, denn sie sind ihr vom Herrn gegeben! Ach, höchste Gnade; niemand könnte sie sich verdienen, wenn der Herr ihm nicht die Fähigkeit dazu gibt. Die Seele ist noch gar nicht erwacht, um zu lieben. Was für ein glücklicher Schlaf, was für ein glückliches Rausch, das bewirkt, dass der Bräutigam wieder ausgleicht, was die Seele nicht vermag: es so wunderlich zu ordnen, dass die Liebe lebendig bleibt und dennoch alle Kräfte der Seele tot oder im Schlaf sind. Ohne dass der Mensch begreifen könnte, wie die Liebe wirkt, ordnet der Herr es so, dass (die Liebe) wunderlich bewirkt, dass die Seele wesentlich eins mit dem Herrn der Liebe, also mit Gott wird. Denn nichts steht ihr im Weg – weder die Sinne, noch die geistigen Kräfte – Verstand und Gedächtnis – und – das versteht sich – auch nicht der Wille.

Wer so sehr liebt, ist wie jemand, der schläft oder betrunken ist. So wie im Schlaf der Mensch nicht mehr selbst aktiv ist, sondern ihm passiv das aufgeht, was das wache Tagesbewusstsein bislang nicht verarbeitet hat, so geschieht es auch dem Liebenden: er setzt sämtliche eigene Aktivität aufs Spiel und lässt Gott wirken und herrschen und alles zum Besten lenken. So wie die Trunkenheit den Menschen von sich selbst ablenkt und ihm das Vergessen der eigenen Person ermöglicht, so befreit die Liebe den Menschen von dem krampfhaften Drang, alles auf das eigene Ich auszurichten. Und Gott erhält die Gelegenheit, alles auf sich auszurichten. Teresa verweist in ihren Meditationen über das Hohelied auf die lateinische Übersetzung der Bibel, wo steht: „hat die Liebe in mir geordnet“ (ordinavit in me caritatem) (Hohelied 2,4). Betrunken vor Liebe und sorglos in der Liebe lässt der Mensch das Steuer aus der Hand und überlässt es Gott, dass Er das Einvernehmen in der Liebe bewahrt. Menschliche Fähigkeiten bleiben außen vor, sie können nicht erfassen, was im Inneren zwischen Gott und der Seele geschieht. Und solange der Mensch erlauben lässt, dass Gottes Hand alles ordnet, bleibt die Einheit in der Liebe unberührt. In diesem Stadium liegt alles in Gottes liebender Hand; Er weiß am besten, wie Er mit dem umgehen muss und wie Er sich um das kümmern kann, was für Ihn so kostbar ist, damit es weiter wächst und sich entwickelt. Für den Menschen ist es dann besser, in dieser Passivität des „Schlafes“ und „Trunkenheit“ zu bleiben, um nicht zu stören, was er selbst nicht „herstellen“ kann. Schlafend und von der Liebe betrunken sollte er sich dem vollendeten Erfüllen hingeben.

Aus dem Deutschen übersetzt von Schwester Petra von der Auferstehung, OCD.


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