Karmelitanische Spiritualität als Weg zu einem tieferen Erleben der Liturgie (1. Teil)
Paul Menting
Einleitung
Die Eucharistie ist das Sakrament der Einheit zwischen Gott und Mensch. Diese Einheit kann nicht statisch verstanden werden als eine unveränderliche Verbindung, die unabhängig von der gegenwärtigen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist, sondern wir müssen sie durch das Feiern der liturgischen Handlungen und in der Tiefe der Erfahrung, die sich uns dadurch eröffnet, immer wieder suchen und finden als communio, die vertieft wird und weiter vertieft wird.1 Die Karmeliten haben eine lange Tradition, wenn es darum geht, wie man in die Erfahrung der Einheit mit Gott eintritt, wie man diese Einheit bewahrt und schützt und wie man sie fruchtbar macht für das ganze Leben. Gerne greifen sie dabei auf den Text des biblischen Hohelieds zurück, das besser als jedes andere Buch der Bibel zum Ausdruck bringt und beschreibt, was in der Einheit der Liebe (des Menschen) mit Gott geschieht. Und inwieweit dies auch das liturgische Erleben der Eucharistie vertiefen kann, soll Gegenstand dieses Artikels sein.
Der Karmelitenorden entstand im späten 12. Jahrhundert im Karmelgebirge. Begeisterte Christen, die mit den Kreuzzügen kamen, blieben im Heiligen Land und begannen dort ein Ordensleben. Im Karmelgebirge, das damals eine einsame und öde Gegend war, fanden sie einen hervorragenden Ort für ein Gott geweihtes Einsiedlerleben. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde dieser Ort jedoch aufgrund der Überfälle der Muslime zu gefährlich, und so zogen die Brüder, die inzwischen einen eigenen Orden erhalten hatten, zurück nach Europa. Sie änderten ihre Lebensweise und wurden zu einem Bettelorden, ähnlich wie die Dominikaner, Franziskaner oder Augustiner-Eremiten.
Dennoch reicht der Einfluss der Ideale sowohl der Wüstenväter als auch der Bettelorden nicht aus, um die Spiritualität der Karmeliten ausreichend zu beschreiben. Zusammen mit den Zisterziensern und den Beginen haben die Karmeliten nämlich auch ihren Platz im Strom der Tradition der sogenannten Liebes-Mystik.2 Diese Tradition bildete den Boden für die Entstehung einer eucharistischen Frömmigkeit, die ihren Höhepunkt darin fand, dass im Jahr 1264 ein neues liturgisches Fest eingeführt wurde, nämlich das Fest des Leibes Christi (am zweiten Donnerstag nach Pfingsten).
In der Tradition der Liebes-Mystik spielte das biblische Hohelied immer eine große Rolle. Es war nicht selbstverständlich, dass dieses Buch eine solche Stellung erlangte. Denken wir daran, dass im 1. Jahrhundert nach Christus in jüdischen Kreisen Zweifel und Streitigkeiten darüber aufkamen, ob es zur Schrift gehört. Diese Zweifel wurden jedoch in der Schlussphase der Kodifizierung des Tanach (unseres Alten Testaments) mit Berufung auf die Tradition zurückgewiesen. Ein Teil der religiösen Autoritäten verdächtigte damals das Hohelied, dass es „nur“ die Liebe zwischen Mann und Frau beschreibt. Jüdische und christliche Mystiker hingegen waren sich immer bewusst, dass dieses Buch nicht nur einen Ausdruck menschlicher Liebe darstellt, sondern dass es die Liebe zwischen Gott und Mensch verdeutlicht. Das Liebeslied über die Liebe zwischen Mann und Frau preist auch die Liebe zwischen Gott und dem in Gott verliebten Menschen. Frauen und Männer, die die Tradition der Liebes-Mystik repräsentieren, knüpfen an dieses Überzeugung an und machen das Hohelied zu einer Leitlinie für ihre Meditationen und Predigten über die Liebe zu Gott. Ihr Leben klang vollkommen im Hohelied und diese Stimme der Liebe zwischen Gott und Mensch war dann auch der tragende Ton ihrer Liturgie.
In diesem Artikel möchte ich zunächst aufzeigen, wie die Karmeliter und Karmelitinnen das Hohelied verstanden. Es war für sie nahezu ein Lehrbuch für das Verständnis und die Erfahrung der Liebe zwischen Gott und Mensch. Viele Schwestern und Brüder der seligen Jungfrau vom Berge Karmel ließen sich durch das Hohelied zu ihren eigenen Aussagen über die Liebe inspirieren. Ich muss mich hier auf die Auswahl nur einiger Texte aus dem großen Schatz der karmelitischen Literatur über das Hohelied beschränken. Diese möchte ich kurz etwas erläutern. Danach würde ich gerne darlegen, dass die karmelitanischen Mystiker in der Liturgie genau diese göttliche Beziehung der Liebe feierten, die sie im biblischen Hohelied vorgebildet fanden. Auch hierbei werde ich auf Texte aus der karmelitischen Tradition zurückgreifen.
Zueinander wachsen
Die Liebe gibt den Menschen Offenheit. Werden zwei Menschen Partner in der Liebe, wachsen beide zur Einheit. Die Bibel formuliert das so: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein“ (Gen 2,24 – ökumenische Übersetzung). Hier wird – in diesem Fall der Mann – erklärt, dass er als Partner in der Liebe sein vertrautes Leben in seiner bisherigen Familie aufgeben muss, um ganz seiner Frau anzugehören. In der Zeit des Alten Testaments bedeutete Familie viel mehr als heute. Die Familie war nicht nur in sozialer Hinsicht wichtig, sondern auch die Basis für Bildung und wirtschaftliche Möglichkeiten. Die Familie zu verlassen, bedeutete alles aufzugeben, was dem Menschen nah und vertraut war. Die Bibel möchte sagen: Damit der Mensch ein Leben in der Liebe beginnen und zur Einheit (mit seinem Partner) gelangen kann, muss er alles Alte und Vertraute hinter sich lassen und sich ganz auf denjenigen ausrichten, mit dem ihn die Liebe verbindet.
Mit der Liebe zwischen Gott und Mensch ist es nicht anders. Auch die Apostel haben alles verlassen, um Jesus zu folgen und in seiner Liebe zu verbleiben. Als sie berufen wurden, ließen sie ihre Familien und Existenzmöglichkeiten zurück und folgten Christus. „Er sagte zu ihnen: „Kommt her, folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen.“ Sofort ließen sie die Netze und folgten ihm. Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder; Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, wie sie im Boot mit ihrem Vater Zebedäus die Netze bearbeiteten. Und er rief sie. Sie ließen sofort das Boot und ihren Vater zurück und folgten ihm“ (Mt 4,19–22).
Im Vergleich zur wahren Liebe verblasst alles andere, was das Leben sonst noch bieten kann. Nur derjenige, der dies auch tief empfinden kann, kann sich der anziehenden Kraft der Einladung Jesu zur Liebe hingeben. Aber selbst dann ist es nicht einfach, seine Heimat aufzugeben. Das, was der Mensch sein Eigen nennt, gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit, der anziehenden Kraft des anderen zu widerstehen. Erst wenn der Mensch sich wegen dessen, den er liebt, selbst verleugnet, kann er die Früchte der Liebe genießen. Daher sagte Jesus: „Jeder, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Felder um meinetwillen verlässt, wird hundertmal mehr empfangen und wird das ewige Leben erben“ (Mt 19,29).
Wer die Liebe gewinnen will, muss die Schwelle seines eigenen Ichs überschreiten und sich dem anderen zuwenden. Was die Liebe zu Gott angeht, formuliert Jesus es noch prägnanter: „Wenn jemand zu mir kommen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf und folge mir nach! Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“ (Mt 16,24–25).
So radikal seine Lebensausrichtung zu ändern, gelingt uns nicht mit einem einzigen Willensakt. Vielmehr ist dazu ein lebenslanger Prozess notwendig, bei dem der Mensch immer wieder aus seiner Gewöhnung herausgeht und das, was er bereits kennt und erreicht hat, hinter sich lässt. Und nur wenn jeder dieser Schritte von der Liebe zu Gott mitgestaltet wird, entsteht schließlich aus vielen kleinen Anfängen und Schritten eine große Bewegung der Liebe, ein Strom der Liebe, der alles mit sich zieht.
Übe dich in meinen Geboten und Ratschlägen. Vertreibe nicht nur unreine Gedanken und egoistische Begierden, die mit der Liebe zu mir unvereinbar sind, sondern hüte dich auch vor allem, was deine Liebe zu mir (auch nur) schwächen und ersticken könnte. Achte darauf, was die Liebe zu mir stärkt und was dir hilft, mich mit vollendeter und ungehinderter Liebe zu lieben. Wenn du einmal so innig mit mir verbunden sein wirst, wenn in dir kein einzelner Wunsch aufkeimt, der dieser Liebe widerspricht oder sie behindert, dann beginnst du, vollkommen mit ganzem Herzen zu lieben und in Kerith verborgen zu sein, in der Liebe.3
Buch über die Gründung der ersten Mönche ist eines der frühesten Werke der karmelitischen Tradition. Es wurde wahrscheinlich zwischen 1370 und 1390 von Philipp Ribot verfasst. Ihr Ziel ist es, auf der einen Seite den Ursprung und die Geschichte der Entstehung des karmelitischen Ordens zu erläutern und auf der anderen Seite die Leser, junge Karmeliten, in das geistliche Leben hineinzuführen. Nach dem Autor stammt der karmelitische Orden vom Propheten Elia, der sich am Bach Kerith versteckte (vgl. 1 Kön 17 – 2 Kön 1). Elias Geschichte kann hervorragend mit dem Ideal des geistlichen Lebens im Karmel verbunden werden: in die göttliche Liebe verwandelt zu werden. Der Autor des Buches, der lateinisch schrieb, benutzte ein Wortspiel mit dem Namen Kerith – verband es mit dem lateinischen Wort „caritas“ (gelesen „karitas“), das Liebe bedeutet. Wenn Gott Elia anordnete, sich am Bach Kerith zu verstecken (1 Kön 17,3), deutet das Buch über die Gründung der ersten Mönche im Sinne von: in die göttliche Liebe eintreten. Nachdem sich Gott Elia offenbart hatte, verweilte er nicht in Passivität, sondern begab sich in die Wüste und erreichte dort den Bach Kerith. Auf diese Geschichte nimmt das Buch Bezug in der Überzeugung, dass der junge Mönch sehr viel tun muss, um Raum für die Liebe zu schaffen. Es ist notwendig, das Leben nach vielen Geboten und Ratschlägen zu ordnen, ungestüme Gedanken und Begierden zu meiden. Gottes Gebote und Ratschläge sind Wegweiser, mit deren Hilfe man vorankommt; (im Gegensatz dazu) lenken Gedanken und Begierden, die sich auf etwas Einzelnes konzentrieren, vom Weg ab, und man muss sich von ihnen trennen. Mit diesem doppelten Bemühen soll derjenige, der ein geistliches Leben führen möchte, alles Zerstreuende hinter sich lassen und alle seine Kräfte in einem einzigen Bemühen versammeln: der selbstlosen, sich hingebenden Liebe. Der Mensch soll mit ungeteilter Aufmerksamkeit, ganzem Herzen und voller Seele lieben, ohne sich etwas für sich selbst lassen zu wollen.
Solch eine Einheit mit sich selbst, mit all seinen Kräften und Wünschen ist Voraussetzung dafür, dass der Mensch zur Liebe fähig ist und somit auch zur Einheit mit dem anderen. Maria Magdalena de Pazzi (1566–1607) beschreibt, was geschieht, wenn dieser erste Schritt getan wird und der Mensch sich ganz in der Liebe versteckt:
Als ich die heilige Kommunion empfing, sah ich Jesus ganz erfüllt von Liebe. Es schien, als wolle er mich necken, und sanft sprach er zu mir. Wir führten einen voll Liebe durchtränkten Dialog: Ich habe dich gerufen, aber du hast mir nicht geantwortet (vgl. Hohelied 5,6). Und ich antwortete ihm: Ich habe dich gesucht und nicht gefunden. Er sagte: Ich habe dich gerufen, meine Taube, und du hast mir nicht geantwortet. Und ich antwortete: Ich habe dich gesucht, mein Liebster. Ich habe mich nach dir gesehnt, mein Liebster. Ich habe dich geliebt, meine Liebe. Ich habe dich gesucht, ich habe dich gesucht, mein liebster, und habe dich nicht gefunden. Und meine Liebe, Jesus, den ich immer meine Liebe nenne, sagte: Oh, meine Braut, ich habe dich so oft gerufen und du hast mir nicht geantwortet! Und ich antwortete: So oft habe ich dich gesucht, und du hast dich mir nicht gezeigt, meine Liebe! Jesus, meine Liebe, sagte: Weißt du, warum du mich nicht gefunden hast? Weil du nicht richtig gesucht hast. Und ich antwortete: Weißt du, meine Liebe, warum ich dir nicht geantwortet habe? Weil du nicht laut genug gerufen hast, damit ich dich hören konnte. Jesus, meine Liebe, sagte: Suche mich richtig, meine Braut, und du wirst mich finden. Und ich sagte: Rufe mich laut, und ich werde dich hören. Meine Liebe, Jesus, sagte: Du, meine Braut, musst mich suchen. Und ungeduldig vor Liebe sagte ich: Liebe, du weißt gut, dass du gesagt hast, wer mehr hat, muss mehr geben. Weil du mehr hast als ich, musst du geben. Du weißt gut, dass du mächtiger, reicher und stärker bist als ich, und du weißt auch, dass du mehr liebst als ich. Du hast gesagt, dass du die Wahrheit bist: Wenn du das gesagt hast, Liebe, hast du die Wahrheit gesagt, und wenn das wahr ist, musst du, Liebe, etwas tun, weil du mächtiger und stärker bist als ich. Rufe mich laut genug, damit ich deinen Ruf hören kann. Und plötzlich begann er zu sagen: Komm, komm, meine Taube, meine Schönheit, komm.4 Und er vereinte mich ganz mit sich. Und so vereint führten wir einen sehr süßen Dialog, wie ein Freund mit einem Freund, aber ich wüsste nicht, wie ich auch nur das Kleinste davon mitteilen könnte. Aber als ich bemerkte, dass ich so sehr mit ihm verbunden war, sagte ich oft: Oh, jetzt habe ich dich gefunden, meine Liebe, oh, jetzt bin ich ganz zufrieden, weil ich mit dir verbunden bin, Liebe.5
Wie oft geschieht es, dass Menschen einander nicht verstehen! Einer sagt etwas und der andere möchte zustimmen, aber die Worte bringen nicht den Sinn zum Ausdruck oder finden nicht den richtigen Ton. Da Gott und der Mensch voneinander vollkommen verschieden sind und nahezu eine andere Sprache sprechen, erscheint die Kommunikation zwischen ihnen sogar noch schwieriger. Maria Magdalena de Pazzi jedoch hat sehr eindrücklich erfahren, dass eine Verbindung (zwischen ihnen) durch wechselseitiges leidenschaftliches Streben möglich ist. Unmittelbar nachdem sie ihre Gelübde abgelegt hatte, war sie während vierzig Tagen stets nach der täglichen heiligen Kommunion in einen ekstatischen Dialog mit Gott gezogen.
Im obig zitierten Text sagt Christus neckisch, dass er sie gerufen hat, aber keine Antwort erhielt. Maria Magdalena führt an, dass sie Christus gesucht hat, aber ihn nicht finden konnte. Er rief, sie suchte – aber sie begegneten einander nicht. Erst nachdem Maria Magdalena das Sakrament empfangen hatte, waren beide füreinander offen. So konnte zwischen ihnen ein liebevoller Dialog entstehen. Sie tauschten zärtliche Vorwürfe aus, um den anderen zu bewegen, tiefer in die Beziehung der Liebe einzutreten. Gott möchte, dass Maria Magdalena alles gibt und sich ganz für die Suche nach ihm hingibt; und Maria Magdalena möchte, dass Christus alles gibt, wenn er sie ruft. Christus provoziert mit seinem Necken Maria Magdalena darin, ihre Vorwürfe gegen ihn noch mehr zuzuspitzen: Denn er ist mächtiger als sie, muss er er dafür sorgen, dass sie einander völlige Offenheit erreichen. Sie erkennt, dass er größer ist als sie, und gibt sich ihrem eigenen Engagement hin, um alles von ihm zu empfangen. Sie öffnet sich ihm ganz und überlässt ihm, die Einheit der Liebe (zwischen ihnen) zu ermöglichen, d.h. sie vertraut Christus darauf, dass er sie (wirklich) lieben kann, dass er ihr seine Liebe schenken kann und damit auch sie befähigen kann, ihn ihrerseits ebenso zu lieben. Mit dieser demütigen Haltung von Maria Magdalena wird Christus bewegt, sie deutlich – ganz und ausschließlich – zu sich zu rufen und sie mit sich zu vereinen. In dieser Einheit der Liebe führen beide einen gegenseitigen Dialog, der so intim ist, dass nichts davon einem Dritten mitgeteilt werden kann.
Aus dem Tschechischen übersetzt von Schwester Petra von der Auferstehung, OCD.