Aus den Briefen der hl. Teresa von Ávila (4)

Veronika Elisabeth Schmitt, O.C.D.

„Dient Gott umsonst…“

Die Erkenntnis, dass Kontemplation und Aktion nicht voneinander getrennt werden können, ist für unsere Zeit wichtig und ist bereits selbstverständlich geworden. Aber das war nicht immer so. Zur Zeit von Teresa, im 16. Jahrhundert, war das „geistliche Leben“ nur für Männer, die dem Ordensstand angehörten oder Kleriker waren. Als der Franziskanerpriester Francisco de Osuna in seinen Schriften forderte, dass Kontemplation für alle sei, handelte er revolutionär. Teresa fand in ihm ihren geistlichen Lehrer. Auch sie wollte die Kontemplation für alle – auch für Frauen! Ihre Reform entdeckte erneut, dass dieses innige Verlangen am Anfang des karmelitischen Ordens stand, und sie setzte sich voll und ganz dafür ein.

Teresa weiß dabei, wie wichtig es für das kontemplative Leben ist, dass das kontemplative Leben keinen Zweck verfolgt. In der Gebet, in der geistlichen Lektüre und in der Meditation möchte sie nur „Gott selbst“ suchen. Sie selbst erlebte und litt lange Zeit den Prozess, den die Seele durchläuft, wenn sie von der Suche nach ihrem eigenen Heil zur Offenheit gegenüber Gott übergeht, unbelastet von Zweckmäßigkeit. Vom Egoismus – sich Heil zu verdienen – kam sie zur wahren Hinwendung zu Gott. Bei der Gebet geht es ihr nicht darum, sich den Himmel und das Heil zu verdienen. Für sie bedeutet Gebet, eine persönliche Beziehung zu leben, in der es in erster Linie um Gott selbst geht. Von Ihm eine Belohnung zu erwarten oder sogar zu fordern, so schreibt sie einer Novizin in Soria, würde dem Denken eines „gewöhnlichen Soldaten“ gleichen (sie denkt hier an bezahlte Söldner): „… und verlangt nicht zu sehr nach himmlischem Trost! Nur gewöhnlichen Soldaten ist eigen, dass sie am Ende jeden Tages ihren Lohn fordern. Dient Ihm umsonst, wie es sich für die Großen dieses Landes gegenüber ihrem König gehört, und der König des Himmels sei mit euch!“1

Weil sie vertraut, dass dieser König sich um seine Schöpfung kümmert, betrachtet Teresa ebenso selbstverständlich die dringenden Anliegen und die Not der Welt, die „in Flammen steht“ (Weg der Vollkommenheit 1,5), sowie die Mühen und Sorgen der Evangeliumsbotschafter in diese kontemplative, freundschaftliche Beziehung zu Gott. So zerbricht sie jedes fromme Idyll, bei dem es nur „Gott und die Seele“ gibt. In dieser Art der Kontemplation, wie sie sie lebt und lehrt, findet alles Raum, was auf dieser Erde geschieht.

Aus der Kontemplation entspringen – und werden im Grunde auch gefordert – alle „Aktionen“. Denn: „Wo die heilige Liebe im Herzen verweilt, da gibt Seine Hoheit auch Gelegenheit, sich durch Werke zu zeigen.“2 Vollständig im Sinne des Neuen Testaments sind die „Werke“ Früchte der Beziehung zu Gott – nicht etwa Bedingungen, um als Belohnung die göttliche Gnade zu erhalten. Wie könnten wir sie auch als Bedingung für die Hinwendung zu Gott verstehen, wenn Er die Liebe ist? Diese Werke sind nämlich erst durch die Kraft der selbstlosen Hinwendung zu Gott möglich – das ist Teresas Erfahrung. Und damit sind keine „großen Taten“ gemeint, sondern konkrete Geschwisterlichkeit, „Werke“, die der Liebe Gottes im Alltag entsprechen.

„… dieser Küchenofen wäre für alle Klöster der Brüder und Schwestern ein wertvoller Schatz.“

Wir kennen Teresa als die Gründerin des Ordens, als eine Frau, die erfahren ist im geistlichen Leben, was ihr im Jahr 1970 den Titel einer Kirchenlehrerin einbrachte, und als Schriftstellerin. Für ihre Schwestern war sie jedoch einfach auch eine von ihnen, die genau wie die anderen alle Arbeiten verrichtete. Im Buch über die Gründung erfahren wir, wie sie aufräumt und alles Notwendige besorgt. Auch für ihre Schwestern kocht sie gerne. Und dabei handelt es sich keineswegs um durch asketische Gründe überwürzte Suppen, sondern um sehr schmackhafte, wenn auch einfache Gerichte. Dass Christus auch „in der Küche und zwischen Töpfen“ (Buch über die Gründung 5,7) gegenwärtig ist, gehört zu einem ihrer Aussprüche, die bis heute besonders lebendig geblieben sind. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Teresa nicht nur von der Küche, sondern auch von Küchenöfen versteht. Sie kann sich für einen guten Herd begeistern und weiß, dass sie im Sinne Christi handelt, wenn sie P. Gracián bittet: „Eure Paternität möge ihm (Teresa Bruder Lorenzo) die Erlaubnis geben, ins Kloster (in Sevilla) zu kommen, um die Küchenöfen, die die Oberin hat machen lassen, mit eigenen Augen zu sehen… Die Schwestern erzählen merkwürdige Dinge darüber… Wenn diese Öfen wirklich so sind, wie sie beschrieben werden, dann wären sie ein wertvoller Schatz für alle Klöster der Brüder und Schwestern… Es wird sogar behauptet, sie seien besser als Sotos Schmiede; mehr könnte man wohl nicht sagen.“3 Mit derselben Begeisterung, mit der sie sich um geistliche Werte bemüht, wendet sich Teresa auch den ganz alltäglichen Dingen zu. In allem – auch in dem scheinbar Banalen – ist sie ganz sie selbst, handelt „Werke“, die dem kontemplativen Leben entsprechen, das ihre Existenz prägt.

„Lassen wir die guten Absichten, die uns so teuer zu stehen kommen, einmal beiseite.“

Das Verlangen nach Belohnung für scheinbar gute Werke hat in der Geschichte des Christentums dazu geführt, dass der Mensch immer angsterfüllter auf sein himmlisches Konto blickte. So wurde Gott allmählich eher zu einem gefürchteten, unzugänglichen Buchhalter. Doch damit wurde nicht nur das Bild Gottes, sondern auch das Bild des Menschen verzerrt. Und so entstand ein ängstlicher, übertrieben ehrerbietiger, unfrei und unselbstständiger Mensch – sowohl gegenüber den kirchlichen als auch den ordentlichen Vorstehern und genauso gegenüber Gott…

Teresa ist Verfechterin eines anderen Bildes des Menschen, vor allem auch eines anderen Bildes der Frau. In ihren Schwestern möchte sie Selbstbewusstsein wecken. Immer wieder ermutigt sie sie und demaskiert jede unechte, gebückte Demut. Sie leitet4 ihre Schwestern dazu an, sich durch den Verweis auf die Ordensgehorsam nicht alles kritiklos gefallen zu lassen, auch nicht von der Oberin. In einem Brief schreibt Teresa an P. Gracián: „Oh, es ist schrecklich, wie viel Schaden eine Oberin anrichten kann! Auch wenn die Schwestern mit eigenen Augen die Fehler sehen, an denen sie sich stoßen – und das geschieht hier (in Malagón) oft – denken sie dennoch, dass sie sie nicht böse auslegen dürfen, sonst würden sie gegen den Gehorsam verstoßen.“5 Und in einem Brief an das Konvent von Sevilla können wir lesen: „Wahre Liebe darf die Fehler nicht verschleiern, deren man ohne großen Schaden abhelfen kann… Lassen wir die guten Absichten, die uns so teuer zu stehen kommen, einmal beiseite.“6

Teresa selbst verhält sich als Ordensfrau des 16. Jahrhunderts wunderbar selbstbewusst! „Ich möchte Ihnen jetzt erklären,“ – gemeint ist P. Gracián, der sie beauftragen will, das Amt der Oberin im avilensischen Kloster der Inkarnation zu übernehmen – „dass ich mich mit aller Kraft dagegen wehren werde.“7 Obwohl sie sich P. Gracián in besonderer Weise zur Gehorsam verpflichtet hat, hindert sie das nicht, sich seinem Willen zu widersetzen, solange sie ihn nicht selbst annehmen kann. Wegen des langwierigen Verfahrens bezüglich der eigenen Provinz der reformierten Ordensgemeinschaft weist sie ihn an, zu handeln: „… die Zeit vergeht, ohne dass wir jemand nach Rom schicken, und wir werden in unseren Hoffnungen, die uns tausend Jahre trösten, untergehen.“8 Sie weiß, dass es Zögern und Zögern aus Angst und falscher Demut gibt, was dazu führt, dass man Chancen verpasst. „Glauben Sie mir,“ schreibt sie im Jahr 1577 mit nicht minder klaren Worten an P. Marian, „dass wir nie Erfolg haben werden, wenn wir den richtigen Zeitpunkt übersehen.“9

Auch aus Teresas Gebet wissen wir, dass Teresa mit Gott – „Seiner Hoheit“, der jedoch zugleich „Freund“ ist – erstaunlich frei umgeht. Sie lehrt ihre Schwestern, mit Ihm frei und so zu sprechen, wie es ihnen gerade am Herzen liegt. Sie möchte sie zur Freiheit führen, weiß doch: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17).

„Ich habe so viel Arbeit…“

Teresa hinterließ keinen Abschiedsbrief. Der Tod überraschte sie. Sie war gerade, wie so oft, auf Reisen. Von Burgos, wo sie gerade ein Kloster der Schwestern gegründet hatte, führte ihr Weg über Valladolid nach Medina del Campo. Von dort wollte sie so schnell wie möglich nach Ávila zurückkehren, um die Gelübde ihrer Nichte Teresita entgegenzunehmen. Danach wollte sie Klöster in Salamanca und Alba de Tormes besuchen, um dann den Wunsch zu erfüllen, der ihr schon lange am Herzen lag – ein Kloster in Madrid zu gründen. Es kam jedoch anders. In Medina del Campo erhielt Teresa den Befehl, sofort nach Alba de Tormes zu reisen. Als sie dort am 19. September ankam, erkrankte sie schwer. Bereits vor vier Jahren, im Mai 1578, hatte sie sehr realistisch geschrieben: „Obwohl meine Wünsche feurig sind, bin ich doch alt und müde.“10 Ihr Krebs trat jetzt hervor und es kam zu einer Blutung, die nicht mehr zu stoppen war. Vierzehn Tage später, in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 1582, starb Teresa. Wegen der Änderung des Kalenders, die gerade auf diese Nacht fiel, wird ihr Todestag auf den 15. Oktober gerechnet.

Der letzte Brief, den wir von ihr haben, wurde nicht von ihr selbst geschrieben. Wie viele andere Briefe diktierte sie ihn ihrer Sekretärin, Anna von St. Bartholomäus. Er entstand drei Wochen vor Teresas Tod und war an die Oberin in Soria gerichtet. Nach der Unterschrift können wir noch einen Zusatz in eigener Hand lesen: „Wir sind in Medina angekommen. Ich habe so viel Arbeit, dass mir gerade noch so viel Zeit bleibt, um Ihnen mitzuteilen, dass wir eine glückliche Reise hinter uns haben.“11

Teresa strebte bis zu den letzten Momenten ihres Lebens nach einem neuen Ordenszweig des Karmels. Dabei begegnete sie keineswegs nur Zustimmung. Gegner der Reform fanden sich in ihren eigenen Reihen. Sie war tief betrübt über das Kloster St. Josef in Ávila, als sie erfuhr, welche Wünsche die Schwestern im Jahr 1581 bei der endgültigen Redaktion der Statuten geäußert hatten. Eine Nonne aus Sevilla verleumdete sie und Teresa musste sich vor der Inquisition rechtfertigen. Die Oberin in Alba de Tormes, wo Teresa sich nun befindet, betritt nicht einmal einmal ihr Sterbezimmer, so feindlich eingestellt ist sie der Gründerin gegenüber. Teresa stirbt allein. Bei ihr sind nur ihre treue Begleiterin Anna von St. Bartholomäus und die Nichte Teresita, und diese notierten im Protokoll, dass Teresas Tod alles andere als leicht war.

Den so geschätzten und geliebten P. Gracián sah Teresa nicht mehr. In dem letzten Brief, den sie ihm am 1. September 1582 adressierte, klagt sie bitter über seine so schnelle und nach ihrer Meinung nicht ganz nötige Abreise. „Ich verstehe daher den Grund Ihrer Abreise nicht. Aber ich habe Ihre Abwesenheit unter den gegenwärtigen Umständen so stark gespürt, dass sogar mein Wunsch, Ihnen zu schreiben, verschwunden ist…“12 In Teresas Schriften begegnen wir immer wieder der Erfahrung, dass es nur einen einzigen Freund gibt, der uns niemals im Stich lässt. „Der wahre Freund, auf den wir uns allein verlassen können, ist Gott,“ so schreibt sie im Jahr 1577 an Pater Marian.

Teresas Wünsche und Geist blieben bis zu ihrem Tod „feurig“. Ihre Briefe sind ein Zeugnis einer Spiritualität, die bis heute lehrreich ist.

Übernommen aus der Zeitschrift Karmelimpulse, Jahrgang 10, 2000/4, S. 5–9.
Aus dem Deutschen übersetzt von Schwester M. Petra von der Auferstehung, OCD.


1 2 3 4