Aus den Briefen der heiligen Teresa von Avila (1)

Veronika Elisabeth Schmitt, O.C.D.

Briefe sind besonders unmittelbare Zugänge zu dem Menschen, der sie geschrieben hat, da sie aus dem Leben stammen. So ist es auch bei den Briefen der hl. Teresa aus dem 16. Jahrhundert. Sie drücken immense Spontaneität und Lebhaftigkeit aus. – Teresa ist eine Meisterin im Briefeschreiben. Uns sind 440 ihrer Briefe erhalten geblieben, und in deutscher Übersetzung sind sie in einem zweibändigen Werk von etwa 1200 Seiten verfügbar.1 Das ist jedoch nur ein Bruchteil von dem, was Teresa tatsächlich geschrieben hat. Es wird vermutet, dass es etwa 15.000 Briefe waren.

„Es fällt mir schwer, mich kurz auszudrücken.“

Oft beklagt sich Teresa über die Last der Korrespondenz, wie z.B. in einem Brief an P. Jeronymus Gracián aus dem Jahr 1576: „Ein Buch über die Gründung habe ich viel lieber geschrieben als diesen unzähligen Briefe, die mich fast zu Tode ermüden.“ In den letzten Jahren ihres Lebens benötigt sie eine Sekretärin, Anna von St. Bartholomäus, um die riesige Menge an Briefen zu bewältigen. Es ist eine Notlösung, mit der sie sich nur schwer arrangieren kann: „Leider kann ich mich nicht daran gewöhnen, dass ich nicht mit eigener Hand schreibe,“ gesteht sie 1580 der Priorin in Sevilla, Mutter Maria von St. Josef.
Trotz der Last, die sie dabei empfindet, schreibt Teresa Briefe und nimmt sie leidenschaftlich gern entgegen. Angesichts ihrer Freude am Kontakt und ihrer Fähigkeit zur Kommunikation ist das nicht verwunderlich. Zu ihrer Zeit war der Brief die einzige Möglichkeit, mit einem Menschen in Kontakt zu treten, der nicht in unmittelbarer Reichweite war. Aufgrund ihrer reformatorischen und gründungstätigen Arbeiten im Orden musste sie viele persönliche und sachliche Angelegenheiten klären. Ihre Briefe sind jedoch niemals theoretische Abhandlungen oder systematisch durchdachte Erklärungen zu spirituellen Themen. Sie schreibt einfach so, wie es ihr am Herzen liegt. Deshalb sind ihre Schreiben so sympathisch. Dabei versetzt sie sich sehr intensiv in die Person, an die sie schreibt, fühlt und leidet mit ihr. Beim Lesen ihrer Briefe wird dies deutlich. Ihr wacher Geist, die Fähigkeit, „aus der Tiefe“ zu verstehen, und die Herangehensweise sowohl ernsthaft als auch mit Humor hinterlassen einen angenehmen Eindruck.
So ist es verständlich, dass sie gerne schreibt und sich dabei überhaupt nicht kurzfasst: „So wie es Ihrer Würden schwerfällt, in Briefen ausführlich zu sein, so fällt es mir wiederum schwer, mich kurz auszudrücken“ (Brief an P. Dominikus Bañez, 1574).
Teresa beherrscht die Höflichkeitsformen ihrer Zeit perfekt, kann jedoch ebenso vollkommen unkonventionell sein. Man kann ihre Zuneigung zu den Personen spüren, mit denen sie Freundschaft verbindet, aber ebenso ihre Abneigung, die sie überhaupt nicht versteckt. Sie ist in ihren Briefen absolut menschlich. Das kann eine Korrektur gegenüber allen Versuchungen und Neigungen sein, sie erhaben als unerreichbare Heilige darzustellen.

„Ich lese meine Briefe nie durch…“

Teresa weiß, dass sie – schon zu ihren Lebzeiten – als Heilige betrachtet wird. Dagegen wehrt sie sich vehement, wenn sie dem Pater Gracián schreibt: „Denn es macht mich sehr traurig, solch unsinnige Dinge hören zu müssen, wo Sie wohnen; es wurde gesagt, dass Teresa von Jesus wohl heilig sei.“ Wenn sie sich so verteidigt, geht es nicht um eine unterschätzte Betrachtung ihrer Person. Teresa kennt sich selbst viel zu gut, als dass sie in Illusionen über ihre eigene Vollkommenheit verfallen könnte. Wie wahrhaftig diese Selbsteinschätzung ist, sehen wir unter anderem daran, dass sie ihre Briefe völlig ohne Sorge um ihre „Heiligkeit“ schreibt. Sie schielt überhaupt nicht danach, dass ihre Briefe eines Tages aufbewahrt und veröffentlicht werden könnten. Andernfalls würde sie kaum ihrem Bruder Lorenzo diesen Rat geben: „Machen Sie sich nicht die Mühe, die Briefe, die Sie mir schreiben, jedes Mal nochmals zu lesen; ich lese meine nie durch. Fallen einige Buchstaben aus, so fügen Sie sie hinzu! So mache ich es hier mit Ihren Briefen. Der Mensch versteht bald, was der andere sagen wollte; das andere ist nur Zeitverschwendung und macht keinen Sinn.“ Dabei gehört Teresa zu den wenigen gebildeten Frauen ihrer Zeit, die lesen und schreiben konnten. Dass sie so gelassen ist, wird nicht durch eine Naivität oder Unkenntnis bestimmt. Für sie ist es entscheidend, zu verstehen. Darauf kommt es ihr an.
Beim Schreiben tritt Teresa in einen lebhaften Dialog mit dem Adressaten. Beide, sie selbst und die Person, an die sie schreibt, treten uns beim Lesen lebhaft vor Augen. So kann nur jemand schreiben, der ganz präsent sein kann und auf diese Weise mit dem anderen in Kontakt tritt. Teresas Briefe sind so ansprechend aufgrund ihres entwaffnenden Charakters und ihrer Authentizität hinsichtlich ihrer eigenen Person. Gleichzeitig beherrscht sie sich sehr genau und bewahrt ein feines Gespür für die Grenzen, die eingehalten werden müssen.
Vor uns erscheint Teresa ganz menschlich. Es wäre ein Fehler, zu glauben, ihre Briefe seien fromme oder der Welt entfremdete Schriften. Es geht darin um den Kauf von Häusern und Eigentum, ebenso wie um praktische Dinge des Alltags. Teresas Schreiben geht nicht aus ihrem Kopf, sondern aus ihrem Herzen. Entscheidend ist dabei das, was ihr gerade die Intuition eingibt. Und so stoßen wir nur relativ selten auf längere Passagen über spirituelle Themen. Ihre Briefe sind keine spirituellen Texte aufgrund ihrer Thematik selbst, sondern wegen der Person, die durch all dies hindurchscheint: Teresa als jemand, der die Aufgabe, Mensch zu sein, vollkommen erfüllt hat und die vollständig offen für Gott und die Menschen ist. Ihr geht es immer um Leben, um ein „Mehr“ an Leben in ihr und in anderen. Deshalb lehnt sie es auch ab, ihre Briefe mit dem Zeichen des Totenschädels zu versehen; sie bittet ihren Bruder, ihr ein eigenes Siegel zu senden, das das Symbol des Namens des Herrn trägt, „dessen Bild ich mir in mein Herz eingravieren möchte.“

„Ich würde keinen Brief aus Ihrer Hand so gerne zerreißen wie diesen…“

Dieser Satz steht nicht in einem Brief, der an eine ihrer Töchter im Karmel adressiert ist, sondern in einem Schreiben an eine hochgestellte Persönlichkeit des kirchlichen Lebens: den Rektor der Gesellschaft Jesu in Ávila, P. Gonzalo Dávila. Dieser ist gleichzeitig Teresas Beichtvater. Welche Aufrichtigkeit spricht aus diesen Zeilen! Teresa schreibt, wie sie fühlt, erklärt jedoch auch dazu: „Denn ich bin noch nicht so demütig, dass ich ertragen könnte, als so stolz betrachtet zu werden. Sie sollten aber nicht so viel Ihre Demut auf meine Kosten offenbaren.“ Sie fühlt sich an einem empfindlichen Punkt getroffen. Demut – vergessen wir nicht: wahre Demut – hält sie für die Grundlage des geistlichen Lebens. Und jetzt trifft sie in diesem entscheidenden Punkt jemand – ihren Beichtvater. Sie fügt sich nicht einfach und behauptet sogar ihren Standpunkt. Daher endet der Brief nicht nur mit einer direkten Erkenntnis ihres Fehlers, sondern auch mit dem konkreten Vorsatz, sich dem angesprochenen Adressaten gegenüber zu bessern: „Ich möchte mich zukünftig bessern und Ihnen nicht gleich meine ersten Eindrücke schreiben, weil mir das teuer kommt. Wenn ich Sie als vollkommen sehen könnte, würde mein Versuch aufhören. Möge Gott Ihnen diese Gnade gewähren, denn er kann es! Das ist mein einziger Wunsch.“ Sie lässt sich nicht besiegen, sondern bleibt bei dem, was sie als Demut erkannt hat: „In der Wahrheit leben“ (6 H, X, 6.7). Diese Wahrheit motiviert sie dazu, die Fehler der Nächsten nicht einfach nur mit dem Mantel der Nächstenliebe zu verdecken. Sie sieht sie klar und deutlich und bringt das auch zum Ausdruck. Auch dann, wenn sie dafür getadelt wird. Ihre Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit kennen keine falschen Zugeständnisse, „um des Friedens willen.“ Sie sagt, was sie erkennt, und steht dazu. Zugleich sieht sie auch ihren eigenen Anteil an der Sache und gesteht ihre Misserfolge ein. Hier begegnen wir einem konstruktiven Umgang mit Konflikten. Dazu ist es notwendig, sich in den anderen hineinzuversetzen und mit ihm mitzufühlen. Teresa sieht nicht nur ihre eigene Sicht, sondern auch die Sicht des anderen und versucht ihm klarzumachen, dass auch seine Sicht nicht die einzige ist. Ihre Demut verleitet sie nicht zu einem frommen Buckeln, das keinen eigenen Standpunkt mehr zulässt. Teresa zeigt eine reife Gehorsamkeit, die um die eigene Meinung weiß, diese aber gegebenenfalls relativieren und unterordnen kann. Dazu bedarf es Mut und Eigenständigkeit! Mit diesem Kontrast begegnen wir bei Teresa immer wieder: auf der einen Seite zeigt sie starkes Selbstbewusstsein; an den Generalobersten schreibt sie diese Worte: „An dem werde ich mich bis zur ewigen Ewigkeit trösten müssen, wo Ihre Wohlgepflege sehen wird, wofür ich Ihnen danke.“ Auf der anderen Seite kennt sie auch starke Zweifel an sich selbst, sowohl in Bezug auf ihre Erfahrungen als auch auf ihre Entscheidungen. So lesen wir in einem Brief an P. Ordonez: „Doch ich habe immer Angst, wenn ich in einer Sache entscheiden soll; denn dann denke ich sofort, als ob alles verloren wäre.“ Diese innere Polarität charakterisiert ihre Persönlichkeit und verleiht ihr jene Dynamik, die sie so lebendig macht. Sie persönlich hat diese Gegensätze sicherlich nicht immer leicht ertragen.

„Bittet Gott, dass er aus mir eine wahre Nonne des karmelitanischen Ordens macht…“

Briefe sind für Teresa ein Dialog. Sie erwartet auf ihre Worte eine Antwort. Viele ihrer Zeitgenossen schätzten die Korrespondenz mit ihr. Doch unter den Brüdern ihres eigenen Ordens gibt es einige, von denen sie auf ihre Briefe keine Antwort erhält. Es sind Pater Antonio, einer der beiden ersten Karmeliten der Reform, und Pater Mariano, der sehr gute Beziehungen zum spanischen Hof hatte. Beide lassen kaum etwas von sich hören, respektive überhaupt nichts. So schreibt Teresa in einem Brief an die Priorin in Sevilla, Mutter Maria: „An die Väter Anton von Jesus und Marian empfehle ich mit dem Hinweis, dass ich jetzt auch nach der Vollkommenheit streben will, die sie bereits erreicht haben, nämlich nicht zu schreiben.“ Hier finden wir ein für Teresa typisches Merkmal: Sie kann die Wahrheit mit Humor mitteilen. So gelingt es ihr, zu lenken, ohne mit Ironie oder Moralismus zu verletzen. Dieser Humor zeigt die Größe ihres Geistes, die Weite ihres Herzens und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Sie meistert das Leben, dessen schwierige Seiten sie deutlich zu spüren bekommt, mit erheblichem Maß an Fröhlichkeit. Und diese Fröhlichkeit ist ein charakteristisches Element, das bis heute in ihren Klöstern lebendig ist. Sie zeigt sich besonders in den täglichen Freizeitaktivitäten, in denen die Schwestern herzhaft lachen können. Von einer Heiligkeit, die auf Melancholie beruht, hielt Teresa nichts.
Teresas Humor wirkt so wohltuend, weil sie auch sich selbst mit Humor betrachtet. Im Jahr 1576, vierzig Jahre nach ihrem Eintritt in den Orden, vierzehn Jahre nach der Gründung des ersten reformierten Klosters, schreibt sie an P. Gracián: „Bittet Gott, dass er aus mir eine wahre Nonne des karmelitanischen Ordens macht, schließlich besser spät als nie.“ Diese Worte stammen von einer Reformatorin und Gründerin des Ordens! Und diese Worte sind ernst gemeint. Teresa weiß von sich, dass sie immer wieder am Anfang steht, und ist sich zu ehrlich, um nicht zu sehen, dass noch ein weiter Weg vor ihr liegt. „Eine Sache, die mich hier (in Sevilla) zufriedenstellt und noch mehr zufriedenstellen sollte, ist, dass ich hier nicht wie dort dem Schein der Heiligkeit ausgesetzt bin! Das gibt mir die Freiheit zu leben und zu handeln, ohne Angst zu haben, dass eines Tages dieses luftige Schloss über mir zusammenbricht.“
Nicht nur Pater Gracián, sondern der ganze Orden fand über Jahrhunderte in Teresa „großartige Hilfe in einem so armseligen Geschöpf, wie ich es bin.“
In ihren Briefen begegnet uns Teresa ganz unmittelbar und spontan, so wie sie von ihren Zeitgenossen erlebt werden konnte. Wir können an ihr immer neue Seiten entdecken und feststellen, dass sie nicht in irgendein Schema einzuordnen ist. Teresa ist facettenreich und hat gerade den besonderen Charme, ihr reiches Wissen und ihre Erfahrung in Worte zu fassen.
Das Schreiben von Briefen ist heute, in Zeiten vielfältiger Kommunikationsmöglichkeiten, zu einem eher seltenen Phänomen geworden. Doch verbirgt es Schätze in sich, die wertvoll sind – in diesem Fall nicht nur für die damaligen Adressaten.

Übernommen aus der Zeitschrift Karmelimpulse, Jahrgang 10, 2000/I, S. 5–9.
Aus dem Deutschen übersetzt von Sr. M. Petra von der Auferstehung, OCD.


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