Wenn wir uns hingeben, wird unser Leben zu einem Gebet.

Vielleicht möchte Gott, dass ich jetzt hart arbeite...Wilfrid Stinissen (1927–2013)

Im gegenwärtigen Moment zu leben bedeutet, radikal zu lernen, sich selbst zu sterben. Es ist eine natürliche Form der Askese, die uns jederzeit zur Verfügung steht, denn es ist die eigene Dimension des Lebens.

Wenn wir den gegebenen Moment und die Aufgabe, die er mit sich bringt, nicht ernst nehmen, schützen wir unser egoistisches „Ich“. Dieses denkt an zukünftige Ergebnisse: an Geld, Stellung, Erfolg und Ruhm, und verrät die Angst, dass etwas aus der Vergangenheit in der Zukunft unangenehme Folgen haben könnte. Solch ein Egoismus kann jedoch überhaupt nicht entstehen, wenn wir im Jetzt leben.

Leben wir im Jetzt, leben wir geheimnisvoll, aber gleichzeitig sehr real in der Meditation. Wir bemerken dies, wenn wir nach der Arbeit zur Meditation zurückkehren und weiterhin im gegenwärtigen Moment bleiben: Wir kehren nicht zu etwas zurück, das wir während der Arbeit verlassen haben, denn die Meditation fand die ganze Zeit über statt, wir tauchen nur wieder bewusst ein. Wer den Weg des Lebens im gegenwärtigen Moment beschreitet, erkennt, dass sich dieser Moment allmählich zu öffnen beginnt und sich zeigt, dass er von Gott erfüllt ist.

„Betet ohne Unterlass“, schreibt der heilige Paulus (1 Thess 5,17). Ein russischer Pilger, der den Aufruf des Apostels hörte, machte sich auf die Suche nach einem heiligen Alten. Als er ihn fand, lehrte ihn der Alte, das Jesusgebet zu beten. Der Pilger konnte sich dies leisten, weil er nichts anderes zu tun hatte, als durch das Land zu wandern. Doch auch das Jesusgebet löst nicht vollständig das Problem des Menschen, der zum Arbeiten berufen ist. Man kann das Jesusgebet nicht ständig wiederholen, wenn man beispielsweise Kinder in der Schule unterrichtet. Zur Vertiefung des Gebets gibt es jedoch einen einfacheren Weg, der allen zugänglich ist und nicht von der Arbeit abhält.

Es ist die vollkommene Offenheit für den gegenwärtigen Moment bei dem Bewusstsein, dass wir ihn aus Gottes Hand als Geschenk empfangen. In dem Moment, in dem wir uns vollkommen dem Vater wie Jesus übergeben, wird unser Leben zum Gebet. Das Gebet ist ein Zustand der völligen Hingabe an Gott. Zu oft scheint es uns, dass beten bedeutet, an Gott zu denken. In Wirklichkeit beruht die erwähnte Hingabe auf einem tieferen Fundament – dem Verlangen, genau das zu tun, was Gott will, sein Werkzeug zu sein und nicht mehr. Vielleicht wünscht Gott überhaupt nicht, dass ich in diesem Moment an ihn denke; vielleicht will er, dass ich jetzt hart arbeite. Also werde ich arbeiten. Zunächst mag es mir so erscheinen, als würde ich wegen der Arbeit von Gott weggehen, aber in Wirklichkeit bin ich durch die Arbeit tiefer mit ihm verbunden, als wenn ich nichts täte und in die Kirche rannte.

Diejenigen, die eines Tages die Schönheit des Gebets entdecken, beginnen zu klagen, dass sie nicht mehr Zeit dafür haben. Sie möchten ununterbrochen beten, was für sie bedeutet, ständig nur an Gott zu denken. Sie legen jedoch übertriebenen Wert auf das Denken und suchen einen Bewusstseinszustand. Aber der Bewusstseinszustand ist nicht so wichtig, wie es scheinen mag. Wir werden dies verstehen können, wenn wir uns an die endgültige Vereinigung mit Gott erinnern, die von der heiligen Teresa von Jesus als geistliche Ehe bezeichnet wird. In diesem Zustand ist der Mensch Tag und Nacht mit ihm vereint, aber diese Vereinigung muss er nicht die ganze Zeit über bewusst sein. Es kann geschehen, dass die anstrengende Arbeit alle seine Gedanken vereinnahmt; doch genügt eine kurze Pause in der Arbeit, und die Vereinigung im Geist tritt spontan auf.

Fortschritte in der Meditation können wir unter anderem auch daran erkennen, dass wir aufhören, über Zeitmangel zu klagen. Wir werden immer anpassungsfähigere, flexiblere Werkzeuge in Gottes Händen, weil wir Gott in jedem Moment unser „Ja“ sagen... Wenn wir unser ganzes Leben als Meditation erleben wollen, müssen wir im Jetzt leben. Darin, in den alltäglichen Angelegenheiten, können wir die Gegenwart Gottes entdecken. Im gegenwärtigen Moment gibt es eine gewisse „reale Präsenz“ (1). Gott ist darin wirklich gegenwärtig, und nur dort können wir ihn berühren.

(1) Der Autor verwendet hier den Begriff „reale Präsenz“ analog zur eucharistischen realen Präsenz des Leibes und Blutes Christi unter den Gestalten von Brot und Wein.

Entnommen aus dem Buch: Christliche tiefgehende Meditation
Autor: Wilfrid Stinissen OCD
Verlag: KNA