Wilfrid Stinissen
Jeder Mensch hat die Pflicht und Verantwortung zu erkennen, was im Leben der Wille Gottes ist. Die meisten von uns benötigen jedoch Hilfe dabei. Je größer die Harmonie zwischen dem geistlichen Berater (Beichtvater) und dem Heiligen Geist, der der innere Helfer des Geführten ist, desto empfindlicher Antennen hat der Beichtvater zur Verfügung, um die Signale des Heiligen Geistes zu empfangen, und desto bessere Früchte kann seine Führung beim Geführten tragen.
Wie erlangen wir die Fähigkeit zu unterscheiden?
Wer es gewohnt ist, sich im Gebet für den Heiligen Geist zu öffnen, kann leicht erkennen, ob die Worte, Gedanken und Wünsche des Büßers im Einklang mit seiner Person stehen. Ein geistlicher Berater, der nicht betet, hat oft kein Interesse daran, was der Heilige Geist ihm oder demjenigen, um den er sich kümmert, sagt. Ein solcher geistlicher Berater hat meist Meinungen und Prinzipien, die er pauschal auf alle seine Schützlinge anwendet.
Als geistliche Berater sollten wir uns auch der lectio divina widmen, also dem langsamen Lesen der Bibel in einer Atmosphäre des Gebets, mit einem offenen Geist, der bereit ist, das persönliche Wort Gottes aus der Heiligen Schrift zu empfangen. Da das Wort von Gott inspiriert ist, gewinnen wir so eine vertraute Verbindung zum Heiligen Geist. Wir können „dioratikoi“ werden, also diejenigen, die sowohl das Wort als auch ihren Nächsten durchschauen können.
Es reicht jedoch nicht aus, nur zu beten und die Bibel zu lesen. Es ist auch notwendig, Kenntnisse über den reichen geistlichen Tradition der Kirche zu haben. Der geistliche Berater muss wissen, dass es verschiedene Wege und Methoden gibt, um zu beten und ein christliches Leben zu führen. Möglicherweise hat der geistliche Berater eine bestimmte Meditationsmethode gelernt, aber wenn er nicht mehr über das Gebet weiß, kann er kaum jemand anderem helfen. Die Kirche hat unermessliches geistliches Erlebnis. Diese nicht zu erwerben, ist ein echtes Vergehen gegenüber unserem Schützling.
In unserer Zeit neigen viele Menschen zur einfachen, stillen Gebet. Die Menschen können nicht oder wünschen nicht, über biblische Texte nachzudenken. Sie möchten alle Gedanken und Worte ausschalten und nur „sein“ vor Gott in einer Atmosphäre, die Johannes vom Kreuz als „atención amorosa“ (liebevolle Aufmerksamkeit) bezeichnet. Wenn der geistliche Berater diesen Wunsch sofort als Bequemlichkeit oder Quietismus abtut, riskiert er, das geistliche Wachstum des Geführten zu blockieren.
Andere Menschen haben möglicherweise Kontakt mit östlichen Meditationsmethoden gesucht und gelernt, mit einem Mantra zu meditieren. Dass so viele Menschen in unserer Zeit sich östlichen Gebets techniquen zuwenden, ist ein Zeichen der Unfähigkeit der heutigen Kirche, ihre reiche Tradition der Mystik zu vermitteln. Wenn mehr Priester mit der christlichen Mystik vertraut wären, wäre die Versuchung, sich anderswohin zu wenden, nicht so groß. Wenn jedoch bereits geschehen ist, dass diese Menschen suchen und etwas bei östlichen Lehrern gefunden haben, z.B. das Nutzen eines „Mantras“ (heilige Satz), sollten wir so viel Wissen über unsere eigene christliche Gebetstradition haben, dass wir ihnen zeigen, dass sie nicht so weit nach Wissen suchen müssen, dass sie es auch bei uns finden können, dass viele Heilige so gebetet haben, sogar Jesus selbst. Der Evangelist Matthäus (Mt 26,44) und Markus (Mk 14,39) belegen, dass Jesus im Garten Getsemani betete, indem er dieselben Worte wiederholte: „Vater, dein Wille geschehe.“ Der Apostel Paulus schreibt, dass der Heilige Geist in uns ständig wiederholt: „Abba! Vater!“ (Gal 4,6). Der heilige Franziskus betete ganze Nächte nur mit den Worten: „Dio mio e mio tutto“ (Mein Gott und mein Alles).
Wenn der geistliche Berater nichts davon weiß und außerdem noch nie von Jesus' Gebet gehört hat, kann er leicht Verwirrung in der Seele desjenigen verursachen, der zu ihm zur Beratung gekommen ist. Er kann auch den Eindruck erwecken, dass die christliche Spiritualität oberflächlich ist, dass sie sich nur mit Gedanken und Worten beschäftigt, dass sie kein Gefühl für das Mysterium hat und daher nicht für apophatische Gebetsmethoden offen ist, d.h. solche, bei denen wir uns nur im Schweigen angesichts des Unsagbaren verlieren.
Ein hervorragender Helfer ist es, die geistlichen Übungen des heiligen Ignatius zu durchlaufen. Wer jedoch nur diesen Schriften kennt, läuft Gefahr, ihn für selbsterlösend zu halten. Es gibt viele andere, legitime und authentische Wege. Der geistliche Berater muss etwas darüber wissen, sonst schränkt er eher die Freiheit seiner Büßer ein, anstatt sie zu fördern, und verursacht so eine fatale Reduzierung.
Da jeder Mensch einzigartig ist, können wir zwischen verschiedenen Arten von Persönlichkeiten unterscheiden. Die christliche Tradition hat durch charismatisch begabte Menschen mehrere Arten von Spiritualität geschaffen, die zu unterschiedlichen Persönlichkeitstypen passen. Die wahre Persönlichkeit jedes Einzelnen entspricht dem Weg, zu dem er auf seiner spirituellen Reise berufen ist. Der geistliche Berater darf nicht leichtfertig annehmen, dass er den Persönlichkeitstyp des Geführten vollkommen kennt; hat er jedoch ausreichende Kenntnisse, kann er auf verschiedene Wege hinweisen und so seinem Büßer helfen, selbst auszuprobieren, auf welchem dieser Wege er sich am meisten „zu Hause“ fühlt.
Oberflächliche und tiefe Schichten des Inneren
Von welcher Ebene seines Inneren spricht der Büßer? Hat er etwas aus der spirituellen Literatur gelesen, kann es sein, dass er auf der Grundlage seines intellektuellen Wissens spricht. Er weiß alles, aber sein Wissen steckt im Kopf und hat keinen Bezug zur Realität. Einige sprechen schön und geistlich, aber ihr Leben entspricht nicht ihren Worten. Ein unerfahrener geistlicher Berater kann dies nur schwer unterscheiden. Der Büßer kann auf packende Weise sprechen und ebenso tiefgründige Ansichten offenbaren. Daran ist nichts falsch, aber es ist keine Garantie dafür, dass seine Rede vom Heiligen Geist inspiriert ist. Hier können wir an die drei Kriterien der Teresa von Avila über das wahre Gebet denken, die uns helfen können zu erkennen, ob der Büßer aufrichtig Gott sucht: Liebe zum Nächsten, Unabhängigkeit von den Dingen und Bescheidenheit. Die Haltung des Büßers in diesen Fragen kann der geistliche Berater durch einige einfache Fragen herausfinden. Entscheidend ist, wie immer, die Haltung, „der Geist“.
Spricht der Büßer aus der Ebene seiner oberflächlichen Wünsche oder aus der Tiefe, aus dem „Herzen“? Hat er eine echte Sehnsucht nach Gott, oder ist sein „geistliches Leben“ nichts weiter als eine erhöhte Form der Selbstverwirklichung? Hat sein Streben nach Heiligkeit Wurzeln in Stolz und Ambitionen, oder ist es das Werk des Heiligen Geistes? Meditiert er, um sich zu beruhigen und vom Stress zu befreien, oder um sich Gott zu nähern? Möchte er seine „Fassade“ schmücken oder ist er bereit zu sterben, damit Christus leben kann?
„Was möchtest du wirklich? Wonach sehnst du dich in der Tiefe deines Inneren?“ sollte der geistliche Berater immer wieder fragen. Er kann dies direkt oder indirekt tun, je nach Umständen. Mit diesen Fragen kann er den Büßer zur Erkenntnis bringen, was tatsächlich seiner Sehnsucht wert ist. „Die Sehnsucht nach Gott ist ins menschliche Herz eingraviert, denn der Mensch ist von Gott geschaffen und nach dem Bild Gottes“ (Katechismus der katholischen Kirche). Oberflächliche Wünsche trüben und blockieren dieses angeborene Verlangen, und wenn der geistliche Berater den Büßer mit der Frage konfrontiert, was er tatsächlich in der Tiefe seines Herzens wünscht, kann er ihm helfen, diese Blockade zu durchbrechen. Wer ein feines Gewissen hat, kann aus eigener Kraft die Oberflächlichkeit und Eitelkeit seiner Wünsche durchschauen.
Falsche und wahre Schuldgefühle
Der geistliche Berater muss die Fähigkeit haben, zwischen falschen und wahren Schuldgefühlen zu unterscheiden. Falsche Schuldgefühle sind nicht durch echte Schuld begründet. Ihr Fundament kann sein, dass der Büßer beispielsweise eine übermäßig strenge und anspruchsvolle Mutter hatte: Er war niemals gut genug nach ihren Maßstäben, hat in nichts bestanden, war immer unzulänglich. Oder er hat völlig unbewusst einen Fehler begangen, der schwerwiegende Folgen für ihn oder andere hatte. In solchen Fällen von Gott Vergebung zu verlangen, wäre absolut falsch. Es geht vielmehr darum, dem Büßer zu helfen, mehr Klarheit zu gewinnen, ihn erkennen zu lassen, dass seine Schuldgefühle unbegründet und illusorisch sind.
Dazu bedarf es jedoch großer Geduld. Falsche Schuldgefühle können tief verwurzelt sein, daher wäre es unbedacht, einfach zu sagen, dass sie nicht wahr sind. Der geistliche Berater könnte mit einer solchen Haltung beginnen: „Obwohl du dich schuldig fühlst und dich selbst anklagst, ist die Liebe Gottes unermesslich größer als alles andere. Richte daher deinen Blick auf Gott und nicht auf deine eigenen Gefühle.“ Wenn der Büßer gehorcht und sich tatsächlich auf Gott konzentriert, wird er schließlich erkennen, dass seine Schuldgefühle unwesentlich und unproduktiv sind.
Stehen die Schuldgefühle hingegen im Zusammenhang mit wirklicher Schuld, dürfen wir sie nicht bagatellisieren. Der Trost, den wir bieten, sollte nicht darin bestehen, dass wir die Sünde verringern, sondern dass wir die Größe der göttlichen Vergebung betonen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, das Schuldgefühl in die richtigen Bahnen zu lenken und es zur wahren Reue entwickeln zu lassen. Oft sind Schuldgefühle eher Ausdruck verletzter Eitelkeit als wahrer Liebe. Betroffene sind enttäuscht von sich selbst, weil sie nicht die Fähigkeit hatten, so fähig, „zart“ und tugendhaft zu sein, wie sie es gerne hätten. „Ich bereue meine Sünde“ bedeutet oft: „Es tut mir leid, dass ich nicht so gut bin, wie ich dachte.“ Eine solche egozentrische Reue hat nichts mit einem „zerknirschten Herzen“ zu tun.
In echter christlicher Zerknirschung stehen wir demütig und erschüttert vor Gott, weil wir seine Liebe nicht erwidert haben oder auf sie mit Undankbarkeit reagiert haben. Wir haben die Liebe verletzt, vertrauen aber dennoch auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes. Wahre Reue geht Hand in Hand mit der Fähigkeit, die göttliche Vergebung annehmen zu können, und beinhaltet daher immer Genugtuung. Wer nicht an die göttliche Vergebung glauben kann, ist in sich selbst blockiert. Im Gegensatz dazu weiß der Demütige, dass seine Schwäche, wenn er sie anerkennt und bedauert, eine offene Tür zu Gott ist. Sich zu bedauern ist nicht das bitterliche Beklagen des eigenen Schicksals. Reue ist eine positive Kraft, die den Wunsch nach Wiedergutmachung und vertrauensvollem Hingeben an Gott beinhaltet. All dies muss der geistliche Berater zuerst in seinem Leben erfahren haben, um anderen zu dieser Erkenntnis zu verhelfen. Eine auf sich selbst gerichtete Reue erhöht die Selbstliebe und macht die Sünde noch größer. Echte Buße hingegen erhöht die Liebe zu Gott und lässt die Sünde in großzügigem Maße die Gnade zeigen (vgl. Röm 5,20). „In jeder Sünde liegt die entsprechende Menge an Segen, denn Gott ist Liebe“, schreibt Julian von Norwich.
Übersetzt von Prof. Dagmar Chvojková