Das Beruhigen des Sturms

Überlegungen zu Mk 4,35–41

Wilfrid Stinissen, OCD

„Lass uns auf die andere Seite überfahren“, sagt Jesus. Wenn wir unser Leben ernst nehmen, gelangen wir immer wieder in eine Situation, in der es darum geht, „auf die andere Seite zu überfahren“. Leben wir intensiv das christliche Leben, ist es unvorstellbar, dass wir einfach stehenbleiben. Wenn wir wollen, dass wir zu reifen Menschen und Christen werden, müssen wir viele Schwellen überschreiten. Gott fordert uns auf, immer neue Erfahrungen in Bezug auf unsere Beziehung zu ihm und zueinander zu machen. Es werden Zeiten kommen, in denen wir aufgefordert sind, unsere Vergangenheit hinter uns zu lassen, und da sagen wir mit dem hl. Paulus: „Was alt ist, ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!“ (2 Kor 5,17).

Sind wir jedes Mal ausreichend bereit, auf die andere Seite überzufahren? Bleiben wir nicht lieber auf unserer Seite, wo wir uns schon eingerichtet haben und uns sicher fühlen? Wir können diese Überfahrten nicht selbst programmieren, aber „Nein“ zu sagen, wenn die Herausforderung kommt, ist dasselbe wie das Leben zu ersticken.

Am Ende unseres Lebens wird uns Jesus noch einmal auffordern: „Lass uns auf die andere Seite überfahren!“ Wenn wir im Leben mit absoluter Hingabe oft überfahren sind, können wir auch diesmal von ganzem Herzen „Ja“ sagen, wenn die Zeit der letzten großen Überfahrt kommt. Umso mehr, wenn wir wissen, dass Jesus immer mit uns überfährt. Er sagt nicht: „Überfahrt“, sondern „Lass uns auf die andere Seite überfahren“.

„Und es erhob sich ein großer Sturm mit Unwetter, und die Wellen schlugen ins Boot, sodass es schon fast voll war.“ Das Alte hinter sich zu lassen und sich dem Neuen zuzuwenden, ist nicht nur ein wunderbares Abenteuer. Wachstum bringt Krisen mit sich. Es ist eine Illusion zu glauben, dass bei einer Überfahrt kein Sturm entstehen kann, nur weil Jesus bei uns ist. Stürme gehören zum Leben eines Seemanns. Hat je jemand einen erfahrenen Seemann gesehen, der niemals einen Sturm erlebt hat? Jesus befiehlt nicht im Voraus dem Wind und dem Wasser, sich zu beruhigen. Er lässt den Sturm ausbrechen. Er greift erst ein, wenn wir am Rande des Untergangs stehen. Er wartet gern bis zum Moment, wenn es fast zu spät ist; er liebt den letzten Augenblick. Nicht um uns zu quälen, sondern weil er weiß, dass der Sturm notwendig ist und einen wichtigen Platz in unserem Leben einnimmt. Ohne Sturm können wir nicht wachsen. Auf Jesus zu vertrauen, während der See ruhig ist und alles glatt läuft, erfordert nicht viel Glauben.

Doch wenn die Situation hoffnungslos ist, wenn wir keinen Ausweg sehen, dann hat unser Glauben und unsere Hoffnung die Gelegenheit zu wachsen. Jesus führt uns nicht nur in die Arme der Hoffnungslosigkeit, um unseren Hoffnungsschatz zu testen, sondern auch, damit unsere Hoffnung fest wie ein Fels sein kann, die die Hoffnungslosigkeit selbst überwinden kann. Wenn er zu früh eingreift, wäre der Sturm ohne Wirkung. Sobald alle menschliche Hoffnung vollständig erschöpft ist, dann ist die Zeit für die göttliche Hoffnung, die Hoffnung auf Gott. Bei einer anderen Gelegenheit beschreibt Jesus die erschreckenden Ereignisse, die seinem Kommen vorausgehen werden, und dann fügt er ganz unerwartet und zur Überraschung aller Anwesenden hinzu: „Wenn dies beginnt zu geschehen, richtet eure Köpfe auf und erhebt euch, denn eure Erlösung ist nahe“ (Lk 21,28). In den schlimmsten Situationen ist die göttliche Hoffnung am stärksten. Als Jesus seine letzte Überfahrt unternimmt, trifft ihn ein schrecklicher Sturm, wie ihn wir nicht erleben. Der Vater wartet nicht nur bis zum letzten Moment mit einem Eingreifen, sondern im Gegenteil, er lässt ihn vorbeigehen. Er rettet Jesus nicht vor dem Kreuz, lässt ihn sterben, Jesus stirbt am Kreuz. Als ob er schlief, genauso wie Jesus schlief, als die Jünger verzweifelt gegen den Sturm kämpften. Der Vater jedoch erweckt Jesus zum Leben, Jesus steht von den Toten auf. Jesus hatte ja zuvor vorausgesagt, dass der Vater ihn nicht allein lassen würde (Joh 8,16.29). Selbst wenn Gott absichtlich den letzten Moment verpasst und uns zugrunde gehen lässt, ist immer noch ein anderer Moment in der Hinterhand, ein Moment des neuen Lebens nach dem Untergang.

In diesem Sturm jedoch geht Jesus nicht so weit. Er greift rechtzeitig ein. „Er bedrohte den Wind“, schreibt Markus; er verwendet dasselbe Wort, wie wenn Jesus Dämonen austreibt (epitamao). Die Situation, in der Jesus den Sturm beruhigte, beschreibt Markus als kosmischen Exorzismus. Die Bibel betrachtet das Meer als Reich der bösen Mächte. Wir, säkularisierte Menschen, benötigen keine Dämonen, um den Sturm zu erklären. Meteorologen wissen genau, wann und warum ein Sturm entsteht, und das Wort Dämon kommt niemals in einer Wettervorhersage vor. Die Menschen der biblischen Zeit jedoch wussten, dass die Realität eine tiefere Dimension hat, die wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können, die jedoch wahrer ist als das Sichtbare und Be-greifbare. Die wissenschaftliche Erklärung hat ihre Berechtigung, die Realität ist jedoch tiefer, als die Wissenschaft versteht. Der hl. Paulus wusste offenbar um diese Realität etwas mehr. „Denn wir kämpfen nicht gegen Fleisch und Blut“, schreibt er, „sondern gegen die Mächte, die Herrschaften und alles, was die Welt dieses Dunkels beherrscht, gegen die übernatürlichen Geister des Bösen“ (Eph 6,12).

Als Jesus dem Wind und dem See befiehlt und damit den Frieden herstellt, wendet er sich zu seinen Jüngern und tadelt sie: „Warum seid ihr so ängstlich? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Bei Matthäus nennt Jesus die Jünger kleingläubig (8,26). Laut Markus, der oft stärkere Ausdrücke verwendet, haben sie überhaupt keinen Glauben. Jesus stellt Angst dem Glauben gegenüber. Beides schließt sich gegenseitig aus. Wenn ich glaube, dann erliege ich nicht der Angst. Und wenn ich Angst habe, ist das ein Zeichen schwachen Glaubens. Angst ist immer ein Alarmzeichen. „Hab mehr Glauben!“, sagt uns die Angst. Doch der Glaube, den Jesus im Sinn hat, ist etwas anderes als die Annahme, dass die Existenz Gottes wahrscheinlich ist. Glauben heißt, den Mut zu haben, sich Gott anzuvertrauen, sich auf ihn zu verlassen, sich selbst und sein ganzes Leben in seine Hände zu legen und zu wissen, dass ich dort in Sicherheit bin.

Hätten die Jünger echten Glauben an Jesus gehabt, hätten sie ihn nicht wecken müssen. Er war schließlich bei ihnen. Was könnte mit ihrem Boot geschehen, wenn Jesus anwesend ist? Die Jünger – und so auch die meisten von uns – glauben an Jesus, nur wenn er wach ist, wenn er uns offensichtlich zeigt, dass er sich um uns kümmert. Im Gegensatz zu diesem unzureichenden oder gar nicht existierenden Glauben können wir den Glauben von Therese von Lisieux nennen. Therese hatte lange Zeit das Gefühl, dass Jesus im Boot ihres Lebens schläft, dass er überhaupt kein Interesse an ihr hat. Dennoch wollte sie ihn, wie sie schreibt, niemals wecken; sie ließ ihn schlafen. Dies mag uns naiv erscheinen, doch gleichzeitig beleuchtet dieses kindliche Bild, dass Therese überhaupt nicht „fühlen“ muss, dass Gott sich um sie kümmert. Sie weiß, dass Gott um sie weiß, obwohl er scheinbar tief schläft. Ihr Glaube ist so fest, dass es da keinen Unterschied gibt, ob sie die göttliche Fürsorge spürbar empfindet oder nicht. In Wirklichkeit ist Gottes Schlaf nur scheinbar. „Ja, der, der Israel beschützt, schläft und schläft nicht“ (Ps 121,4).

Als die Jünger sehen, mit welcher unwiderstehlichen Souveränität Jesus Wind und Wasser beherrscht, ergreift sie große Furcht. Diese Furcht hat nichts mit der Angst zu tun, die sie fühlten, als der Sturm tobte. Ihre Furcht ist Ehrfurcht, Staunen, Bewunderung. „Wer ist er nur?“

Es wäre gut, wenn auch wir manchmal etwas von dieser Furcht verspüren und uns ebenfalls die Frage stellen: „Wer ist er nur?“ Denn er ist anders, größer und geheimnisvoller, als wir gedacht haben. Wir können viel mehr auf ihn vertrauen, als wir uns bisher zugetraut haben. Seine Liebe ist größer, als unser Verstand fassen kann. Wer ist er nur? Oder mit den Worten des Apostels Paulus: „Wie unergründlich sind die Reichtümer Gottes, seine Weisheit und Erkenntnis! Wie unbegreiflich sind seine Urteile und unerforschlich seine Wege! Wer hat den Sinn des Herrn erkannt… Ihm sei die Ehre in Ewigkeit. Amen.“ (Röm 11,33.34.36)

(übersetzt aus der schwedischen Zeitschrift KARMEL, 1/1995)