Neue Erfassung der karmelitischen Spiritualität: Die Statuten des Karmeliterordens von 1995 (4. Teil)

Christopher O’Donnell, O.Carm.

Kriterien

Dieser abschließende Teil mag etwas umstritten erscheinen. Es geht um vier Werte, die nicht gerade zu den Stärken unseres Lebens gehören, oder Elemente, die wir (deshalb) im Auge haben und die wir pflegen. Aber sie sind auch Kriterien – insofern sie die Entscheidungsfindung betreffend unsere Brüderschaft, unsere Mission und unsere Treue zu unserem Charisma leiten. Die Satzung enthält einen Artikel, der die Richtlinien für die Unterscheidung im Bereich unseres apostolischen Dienstes festlegt.

Es geht uns um:

  • das Leben der Brüderschaft und des Gebets inmitten der Menschen,
  • die Antwort auf die Bedürfnisse der lokalen und universellen Kirche,
  • die Bevorzugung des Dienstes an den Armen und Menschen an den Rändern der Gesellschaft,
  • besonderes Augenmerk auf die Frage der Stellung der Frauen,
  • die Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden,
  • die Sorge um diejenigen, die sich für den Geist, das spirituelle Erbe und das Leben des Karmel interessieren (Art. 93).

Es gibt jedoch auch Kriterien, die andere Bereiche unseres Lebens als das apostolische Mission betreffen. Ich bin überzeugt, dass dies im Wesentlichen diese vier sind: die Schrift, die Unterscheidung, menschliche Werte und arme Menschen.

Wort Gottes

Die Schrift nimmt in unserer Tradition einen besonderen Platz ein. Bereits im Regelwerk ist im zehnten Kapitel die Meditation über das Gesetz des Herrn als Grundlage unseres Lebens festgeschrieben. Im neunzehnten Kapitel wird gefordert, dass das Wort Gottes in unserem Herzen wohnt, und im vorletzten Kapitel steht geschrieben, dass wir durch die Schrift unterrichtet werden.

Wir haben bereits bemerkt, dass im Mittelalter das Studium der Schrift (vor anderen Disziplinen) bevorzugt wurde. Die Wiederbelebung dieses Interesses, die stattgefunden hat, hat mehrere Ursachen. Eine davon ist die belebende biblische Bewegung in der Kirche, die Papst Pius XII. 1943 mit seiner Enzyklika Divino afflante Spiritu offiziell genehmigte und einen neuen Impuls gab, und die das Zweite Vatikanische Konzil feierlich in seinen Dokumenten und in der anschließenden liturgischen Erneuerung bestätigte. Und im Orden wurden durch die prokonventualen Treffen – Provinzräte und Generalkapiteln – seit den 70er Jahren die Erfahrungen aus Lateinamerika und das neue pastorale Verständnis des Wortes Gottes, das unter anderem vor allem Carlos Meesters überbrachte, vermittelt. Auch in verschiedenen Provinzen, wie in Italien und den Niederlanden, hat sich das Interesse an der Schrift erneut belebt. Als die Satzungen geschrieben wurden, hatten wir bereits reiche Erfahrungen mit dem Wort Gottes. Ich glaube, dass seit diesem Zeitpunkt das Wort Gottes ein entscheidender Faktor bei der Neubewertung der Echtheit unserer Brüderschaft und unseres Werkes ist.

Beginnend mit dem, wie es im Regelwerk zusammengefasst ist (Art. 11), finden die Satzungen in der Schrift Inspiration und Licht für jeden Bereich unseres Lebens:

  • im Licht des Evangeliums haben wir die Zeichen der Zeit zu prüfen (Art. 13),
  • unser kontemplativer Aspekt zeichnet sich durch fromme Aufmerksamkeit auf das Wort Gottes aus (Art. 16),
  • die Werte der Brüderschaft finden ihren Ausdruck und ihre Quelle im Wort Gottes (Art. 20),
  • die lectio divina wird empfohlen (Art. 20),
  • durch das Wort Gottes werden wir in das Gebet und die Brüderschaft gezogen (Art. 20),
  • Elias und Maria sind für uns Vorbilder, wie man gemäß dem Wort Gottes lebt und es in die Tiefe des eigenen Herzens aufnimmt (Art. 26, 27);
  • im Gebet hören wir als Gemeinschaft auf das Wort Gottes (Art. 31);
  • das Unterscheiden muss im Licht des Evangeliums erfolgen (Art. 40);
  • Gehorsam umfasst das gemeinsame Hören auf das Wort Gottes (Art. 46, 47);
  • Reinheit reift im Schweigen und der Aufmerksamkeit gegenüber dem Wort (Art. 63);
  • unser Gebet soll biblisch sein und wir sollen uns dem gemeinsamen biblischen Gebet widmen (Art. 65) – nahezu jeder Artikel über das Gebet verweist auf das Wort Gottes;
  • die apostolische Mission wird hier als Verkündigung der frohen Botschaft betrachtet; die Mission oder der Dienst der Karmeliten umfasst das aufmerksame Hören auf das Wort Gottes (Art. 91);
  • wenn wir im Rahmen unseres Apostolats das Gebet und das spirituelle Leben lehren, ist uns das Beispiel Marias, die auf das Wort Gottes hört, vorgestell (Art. 95);
  • wir achten darauf, dass die karmelitanische Familie ihr Leben nach den Anforderungen des Evangeliums im Geist des Karmel ausrichtet (Art. 109);
  • das neunte Kapitel über das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden, das eine Neuheit in den Satzungen darstellt, ist eine tiefe Meditation über das Wort Gottes und betont die Notwendigkeit, die Bibel im Kontext der heutigen Welt und auch aus der Perspektive der Armut zu lesen (Art. 110–116).

Wir können all dies zusammenfassen und sagen, dass die Betonung der Heiligen Schrift nach dem Zweiten Vatikanum in tiefem Einklang mit unserer gesamten Tradition steht und uns in diesen Satzungen mit neuer Kraft vorgestellt wird. Es stellt sich jedoch die Frage, wie die Schrift unser Leben formen und so ein Kriterium für unser ganzes Leben werden soll. Sicherlich geht es dabei nicht nur darum, den Methoden der modernen Bibelwissenschaft Aufmerksamkeit zu schenken. Wir müssen zulassen, dass in unseren Gemeinschaften die Kultur der Schrift Wurzeln schlägt. Das ist eine drängende Aufgabe der Formung: zu zeigen, wie man den Weg dorthin finden kann. Und es geht nicht nur um die jüngeren Mitglieder, sondern es soll eine lebenslange Suche sein.

Unterscheidung

Mit dem Schwerpunkt auf der Schrift steht eng das Berufungszentrum zur Unterscheidung in Verbindung. Das Wort Unterscheidung ist umfassend und oft missverstanden, und das ist der Grund, warum es in den Satzungen wenig verwendet wird, eigentlich nur dreimal. Unterscheidung kann ein Charisma sein, ein besonderer Geistlicher Geschenk des Heiligen Geistes, das einer Person gegeben wird, die dann instinktiv erkennt, was von Gott ist und was von einem anderen Geist oder von einem Menschen. Manchmal wird das Wort Unterscheidung in einem weiteren Sinne verwendet, wenn ein Individuum oder eine Gruppe Urteile im Geist des Glaubens äußert. Dies lässt sich bis zu einem gewissen Grad erlernen; das Charisma kann nicht erlernt werden, obwohl auch eine Person, die mit Charisma begabt ist, lernen muss, es weise und umsichtig zu nutzen. Die Satzungen verwenden Wörter für den Begriff Unterscheidung, die mehr oder weniger äquivalent sind, wie prophetisches Charisma, die Suche nach dem Willen Gottes, erleuchtet durch das Wort Gottes, das Erkennen der Zeichen der Zeit.

Ein entscheidender Blickwinkel der Satzungen ist, dass wir Menschen sein müssen, die sich ständig vom Heiligen Geist unterrichten lassen. Ständig bedeutet: Wir haben keine fertigen Antworten, und deshalb müssen wir ständig unsere Meinungen und Handlungen überdenken, bereit sein, diese zu ändern oder anzupassen. Wir müssen uns unterrichten lassen: Wir sind nicht autark, können uns nicht auf unsere eigene Schaffenskraft und Vernunft verlassen. Wir sind auf den Heiligen Geist angewiesen. Diese Lehre wird selten durch unmittelbare Eingebung stattfinden, sondern vielmehr wird sie durch das Wort Gottes, durch Brüder und Schwestern, durch die Zeichen der Zeit, durch arme Menschen und Menschen an den Rändern vermittelt.

Im Zusammenhang mit der Unterscheidung können unterschiedliche Schwierigkeiten auftreten. Menschen können unterschiedliche Ansichten darüber haben, worin die Unterscheidung besteht: ob es ein Charisma, eine Technik oder das unvermeidliche und zuverlässige Ergebnis eines ehrlichen Dialogs ist. Unterscheidung kann auch missbraucht werden, wenn Menschen erwarten, es in den gesetzmäßigsten und bewährtesten Angelegenheiten zu finden. Es ist auch möglich, damit zu manipulieren, entweder wenn Menschen behaupten, sie hätten so entschieden oder wenn sie leugnen, dass es zu einer tatsächlichen Unterscheidung gekommen ist. Es ist interessant, dass in der ignatianischen Tradition zur tatsächlichen Unterscheidung der zweite Grad der Demut erforderlich ist, das heißt, es ist dem Menschen vollkommen gleichgültig, welches Ergebnis dies haben wird, er achtet nur darauf, dass der Wille Gottes geschieht. Für diese Haltung ist eine Reinheit des Herzens unerlässlich. Im abschließenden Kapitel, das sich mit der Stelle unseres Ordens in der Kirche befasst, wird die Berufung zur Unterscheidung erklärt.

„In einer Zeit, in der die Menschheit eine neue Etappe der Geschichte beginnt, streben wir Karmeliten, inspiriert von dem Geist, der in der Kirche wirkt, danach, unser Lebensprogramm an die neuen Bedingungen anzupassen und bemühen uns, die Zeichen der Zeit zu verstehen, um sie im Licht des Evangeliums, unseres Charismas und unseres geistlichen Erbes zu prüfen, und sie in verschiedene Kulturen einzubringen“ (Art. 13).

Einige wichtige Perspektiven der Satzungen zur Unterscheidung:

  • Die Suche nach Gott in der Kontemplation und das „Empfangen der Gaben des Geistes gibt der karmelitanischen Gemeinschaft größere Aufmerksamkeit gegenüber den Zeichen der Zeit, Sensibilität für die Gegenwart des Wortes in der Geschichte, auch durch Wahrnehmung und Bewertung von Tatsachen und Ereignissen in der Kirche und in der Gesellschaft“ (Art. 18).
  • Im Abschnitt über die Brüderschaft lesen wir: „Die kontemplative Haltung gegenüber der Welt um uns herum, die uns erlaubt, in dem, was wir täglich erleben, die Gegenwart Gottes zu entdecken, lässt uns Gott besonders in unseren Brüdern finden“ (Art. 19).
  • Im Abschnitt, der sich mit dem Dienst inmitten der Menschen befasst, lesen wir:
    „Als kontemplative Gemeinschaft suchen wir das Angesicht Gottes auch im Herzen der Welt. (...) Die Brüderliche Gemeinschaft des Karmel fühlt sich als lebendiger Teil der Kirche und der Geschichte: als offene Gemeinschaft, die fähig ist, auf ihre Umgebung zu hören und diese Fragen zu stellen; bereit, die Herausforderungen der Geschichte anzunehmen und authentische Antworten des Lebens gemäß den evangelischen Räten auf Grundlage ihres eigenen Charismas zu geben“ (Art. 21).
    „Dem angemessenen Vergeben von Arbeitsaufgaben und deren Annahme durch die Gemeinschaft sollte Unterscheidung auf verschiedenen Ebenen vorausgehen“ (Art. 33 – hier wird also direkt das Wort Unterscheidung verwendet).
    „Um unserem Beruf als Brüdergemeinschaft treu zu bleiben, ist es notwendig, dass wir täglich eine „Umkehr zum Evangelium“ praktizieren. (...) Konkrete Formen der Umkehr müssen gesucht werden, insbesondere durch ständige Unterscheidung, bei der wir das Leben im Licht des Evangeliums, der Zeichen der Zeit und der Erfahrungen der Armen betrachten“ (Art. 40).
  • Die Artikel über Gehorsam fordern die Unterscheidung:
    „Dem gehorsamen Christus heute zu folgen bedeutet für uns, gemeinsam auf das Wort Gottes zu hören, das in der Kirche empfangen und gelebt wird; die „Zeichen der Zeit“ lesen zu können, um heute den Willen Gottes zu erkennen“ (Art. 46).
  • Im Abschnitt über Gehorsam wird auch der gemeinsame Aspekt der Unterscheidung für das Erreichen wahren Gehorsams hervorgehoben:
    „Unser Gehorsam gegenüber Gott betrifft nicht nur uns als Individuen, sondern auch als Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist nämlich der Ort, an dem der Wille Gottes gemeinsam gesucht wird. In diesem Suchen lernen wir voneinander und sind gemeinsam verantwortlich für das Hören auf das Wort Gottes und die Erfüllung des Wortes Gottes, das im Licht der Zeichen der Zeit gehört und gemäß den Werten des Ordens interpretiert wird“ (Art. 47).
  • Der Vorgesetzte hat einen angemessenen Dialog und eine Unterscheidung zu gewährleisten (Art. 48).
  • Authentische Armut zu leben erfordert in unserer heutigen Zeit unter anderem „eine gesunde und ausgewogene Unterscheidung bezüglich der Formen unserer Gegenwart inmitten der Menschen und sie auf die Befreiung und die ganzheitliche Entwicklung des Menschen auszurichten“ (Art. 54).
  • Das Gebet befähigt uns dazu, dass „wir das, was in uns und um uns herum geschieht, im Licht Gottes wahrnehmen. Unser ganzes Leben muss so tief kontemplativ sein, dass wir alle Ereignisse mit den Augen Gottes zu sehen glauben“ (Art. 78).
  • Im Artikel 93 haben wir bereits die Kriterien für den apostolischen Auftrag bemerkt. Dieses Kapitel betont auch die Notwendigkeit der Führung in unseren Entscheidungen bezüglich des Apostolats: „Wir werden von den Lehren der Hirten der Kirche, von unserer Tradition und ihren Werten, von den Zeichen der Zeit und vor allem von dem Hören auf das Wort geleitet, wobei wir dessen Auslegung aus der Perspektive der Armen berücksichtigen“ (Art. 91).

Dieses Unterscheidungskriterium stellt in den Satzungen in ihrer gesamten Fülle ernste Anforderungen an die Formung. Es widersetzt sich übertriebenem Individualismus, der eine Krankheit unserer Gesellschaft ist. Auch ist Unterscheidung nur im kontemplativen Brüdersein inmitten der Menschen möglich; und umgekehrt: dieses Charisma verwirklichen wir dort, wo wir leben, nur durch Unterscheidung.

Menschliche Werte

Menschliche Werte sind ebenfalls ein Kriterium für unser Leben und für unsere Mission. Es ist schwierig, sich zu diesem Bereich zu äußern, da es viele Verzerrungen gibt. Oft wird über den Mangel an Menschlichkeit im geweihten Leben in der vorkonziliaren Zeit gesprochen. Ich erinnere mich, wie mir vor etwa zwanzig Jahren ein älterer irischer Ordensmann erzählte, wie er auf die Vergangenheit blickt: „Als ein neuer Prior ernannt wurde, waren wir immer neugierig, ob er schlecht oder sogar noch schlimmer sein würde.“ Und trotzdem gab es in der Praxis viel Menschlichkeit, auch wenn dies oft erst dann offensichtlich wurde, wenn jemand alterte oder krank wurde. Wie ich bereits sagte, war die Liebe früher kodiert und verschlüsselt.

Heute herrscht ein „Kult des Selbst“, eine Götzenverehrung des Erfülltseins. Die Menschen sind gegenüber langfristigen Verpflichtungen vorsichtig geworden, sie neigen dazu, großzügig nach ihren eigenen Vorstellungen zu sein, und bemerken zu empfindlich, wenn etwas ihr Wohlbefinden oder ihre Gewohnheiten berührt. Viele junge Menschen äußern sich so, als hätten wir fast das Recht, erfüllt zu werden. Dieses Recht haben wir, aber es wird immer unter dem Kreuz sein.

Trotz dieses kultischen menschlichen Wertes und des ernsten Versäumnisses, das Kreuz zu verkünden, sind menschliche Werte sehr wichtig, worüber beim Zweiten Vatikanischen Konzil begonnen wurde zu sprechen. Diese Thematik finden wir auch in den Satzungen von 1971, die beispielsweise bereits vor übermäßiger Arbeit warnen. Die aktuelle Ordensgesetzgebung sagt zu diesem Thema ebenfalls viel Anregendes, aber dies wird nicht immer akzeptiert. Besonders müssen wir darauf achten, dass wir das, was hier über menschliche Werte gesagt wird, nicht getrennt von anderen Elementen betrachten – der Wüste, der Brüderschaft, der Kontemplation und der Mission (Apostolat).

Besondere Beachtung verdienen folgende Gedanken:

  • Die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen in der karmelitischen Gemeinschaft muss ständig entwickelt werden: „Brüder zu sein bedeutet für uns, in Gemeinschaft und Einheit zu wachsen, Unterschiede und Privilegien zu überwinden, Teilhabe und Mitverantwortung, das Teilen von Gütern, ein gemeinsames Lebensprogramm und persönliche Charismen; und auch auf das geistliche und seelische Wohl der Personen zu achten und dabei Dialog und Versöhnungswege zu gehen“ (Art. 19).
  • Ein Moment von besonderer Wichtigkeit ist für die Gemeinschaft das „Teilen von Freuden, Sorgen und Freundschaften“ (Art. 31h).
  • „Das Leben in der Gemeinschaft muss aufgrund seiner Natur das menschliche Wachstum des Ordensmannes – intellektuell, geistlich und pastorales – unterstützen“ (Art. 33).
  • „Die Gemeinschaft muss außerdem darauf achten, dass kein Ordensmann so mit Arbeit, sei es apostolisch, beladen ist, dass ihm das gemeinschaftliche Leben und die Übungen der Frömmigkeit unmöglich oder zu schwierig werden“ (Art. 33).
  • Massenmedien werden positiv bewertet, sofern darauf geachtet wird, dass die „Würde und Freiheit der Menschen nicht verletzt wird“ (Art. 34).
  • Der Artikel über die Reinheit sagt, dass eine tiefere Annahme (des Inhalts) des Gelübdes „zunehmend ein Prozess der Umgestaltung aller affektiven Fähigkeiten“ stattfindet und dass dabei „Wahrhaftigkeit und Durchsichtigkeit unserer Beziehungen zunehmen“ (Art. 61).
  • Die Artikel über die Reinheit enden mit einer wunderbaren Vision der vollständigen menschlichen Entwicklung durch eine ganzheitliche Haltung der Liebe (Art. 63).

Ich denke, dass das Thema menschlicher Werte in den Satzungen nicht detailliert ausgearbeitet ist. Es wird nachdrücklich umrissen, aber es werden nicht viele Mittel angeboten. Ich denke, dass dies einen wichtigen Bereich der Suche und eine besondere Herausforderung für diejenigen darstellt, die mit der Ausbildung jüngerer Brüder betraut sind. Es ist wichtig, dies ernst zu nehmen, aber wir müssen auch verstehen, dass nicht alles, was im Namen menschlicher Werte getan wird, mit den Werten des Evangeliums übereinstimmt. Hier ist das Unterscheiden notwendig.

Die Armen

Das letzte Kriterium für unser Brüderleben und unsere apostolische Mission sind die Armen. Diese Sichtweise hat sich schnell entwickelt. Die Konvente der Brüder waren immer Orte, an denen sich um die Armen gekümmert wurde. Die Tatsache, dass die Armen zu uns kommen, zeigt, dass sie uns wahrnehmen und dass sie von uns etwas erwarten. Eine der anziehenden Eigenschaften des Ordens ist, dass wir nie zu sichtbar waren. Neben dem Bereich der Spiritualität hatten wir wenige große Theologen. Wir waren in der geschichtlichen und kulturellen Entwicklung der europäischen Gesellschaft nicht wichtig. Sogar der Inquisition sind wir ausgewichen. Diese hatte ihre gelehrten kirchlichen Anwälte aus den Reihen der Franziskaner und Dominikaner. Die Rolle der Karmeliten war es eher, die armseeligen Unglücklichen, die als Häretiker zum Tode geführt wurden, zu trösten. Die Karmeliten haben den Armen am häufigsten in stiller, heimlicher Weise zu helfen versucht.

Die gegenwärtige bedeutende Entwicklung der Aufmerksamkeit gegenüber den Armen können wir ruhig im zeitlichen Zusammenhang mit dem Vortrag des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez im Jahr 1968 sehen. Mit ihm entstand die Befreiungstheologie. Wir entdeckten eine neue Theologie, die sich nicht nur um das Verstehen der Realität bemühte, sondern sich um die Veränderung der sozialen Situation der abhängigen Menschen bemühte. Unterschiedliche Befreiungstheologien entwickelten sich rasch. Ich sage „unterschiedliche“, weil es immer viele gegeben hat. Grundlegend für diese Befreiungstheologien ist es zu erkennen, warum Menschen arm oder am Rand stehen. Von vielen Seiten und aus vielen Gründen ist Widerstand entstanden. Ein Grund, der in letzter Zeit weniger anwendbar ist, ist die Tatsache, dass einige Verfechter dieser Richtung zunächst den Marxismus als Analyseinstrument verwendeten. Das reichte aus, um einen Widerspruch zu provozieren. Der berühmte Spruch des brasilianischen Erzbischofs Helder Câmara lautet: „Ich gebe den Armen zu essen und nennen mich einen Heiligen. Ich frage, warum es Arme gibt, und nennen mich einen Kommunisten.“

Die Themen der Befreiung wurden in großem Maße bei den Ordensversammlungen auf gesamter Ebene zwischen 1971 und 1987 behandelt. Auch hier ist eine Entwicklung zu erkennen. Die Armen, oder – wie die Satzungen oft sagen – minores sind heute alle, die am Rand stehen oder auf irgendeine Weise entfremdet sind. Dies bedeutet nicht nur materiell Arme, sondern auch Menschen, die aufgrund ihrer Kultur, Geschlechts, sexuellen Orientierung, Rasse, Religion oder Situationen, in denen sie von anderen abhängig sind, durch Gewalt ... an den Rand gedrängt werden. Alle Unterdrückten unserer Welt benötigen Befreiung.

Es ist bemerkenswert, dass in den Satzungen auch erwähnt wird, dass wir von den Armen lernen müssen, dass wir die Bibel aus ihrem – gewinnbringenden – Blickwinkel lesen müssen. Wenn die Bibel in einer brasilianischen Hütte oder in einem lateinamerikanischen Slum gelesen wird, ist das ein völlig anderes Buch. Auch die Armen können uns zeigen, wie sie im Wort Gottes die „frohe Botschaft“ finden.

Im Suchen nach Kriterien für unseren Lebensstil, für unsere Brüderschaft und unsere apostolische Mission sind für uns folgende Überlegungen der Satzungen wichtig:

  • Karmeliten zeigen Solidarität mit allen, die leiden, die hoffen und die sich ganz dem Streben nach dem Reich Gottes widmen (Art. 21).
  • Mitten unter den Menschen zu sein „ist ein Prophetentum der Gerechtigkeit und des Friedens in der Gesellschaft und zwischen den Nationen (...) und es ist auch die Entscheidung, sich für das Teilen des Lebens mit denen zu entscheiden, die durch die Geschichte als minores (kleinere, weniger bedeutende) gehen, um diesen Brüdern mehr durch das Leben als durch den Mund ein Wort der Hoffnung und des Heils zu sagen. Eine solche Wahl ist die logische Konsequenz unseres Gelübdes der Armut, das in der Gemeinschaft der Brüder eines bettelnden Ordens abgelegt wird, und steht im Einklang mit dem Gehorsam gegenüber Jesus Christus, den wir auch im Gehorsam gegenüber den Armen und denen, in denen sich besonders das Antlitz des Herrn spiegelt, leben“ (Art. 24).
  • Elias „ist ein Prophet, der mit den Armen und Vergessenen solidarisch ist und die verteidigt, die unter Gewalt und Ungerechtigkeit leiden“ (Art. 26).
  • Der Abschnitt über geweihte Armut hebt das Teilen Christi mit den Kleinen und Armen hervor (Art. 50).
  • Im gleichen Abschnitt wird gesagt, dass „Armut eine doppeldeutige und komplexe Realität ist“ und dass wir Menschen sein müssen, die „solidarisch mit den Armen sind und jeder Herrschaftswunsch und Autarkie entsagen“ (Art. 53).
  • Der Text hebt weiterhin die Notwendigkeit hervor, „sich mit dem Studium und dem Verständnis der wirtschaftlichen, sozialen und moralischen Ursachen der Armut zu beschäftigen, die das Produkt der Ungerechtigkeit sind“ (Art. 54).

Das erinnert uns an die These des theologischen Instituts in Milltown: „Sünde, aber nicht Sünder“ (Sinn but no sinners).

Es würde uns zu weit führen, wenn wir uns detailliert mit dem neunten Kapitel der Satzungen, mit dem Titel Apostolische Mission und die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, befassen würden. Dieses Kapitel wäre beinahe nicht in die Satzungen eingefügt worden. Zunächst sollten wir uns bewusst sein, dass dieses Kapitel uns auffordert, die Zeichen der Zeit zu lesen und dass es uns zugleich darin schult.

Es bleibt zu bemerken, wie wichtig es ist, die Armen zu sehen und zu sehen, was es bedeutet, arm zu sein, als Kriterium für unser Leben. Und als Formatoren sollte uns noch eine weitere Sache interessieren. Wir sollten darüber nachdenken, warum das Thema „Gerechtigkeit und Frieden“ in unserem Orden nicht so Wurzeln geschlagen hat wie andere Themen, die in den siebziger Jahren ausgearbeitet wurden.

Schlussfolgerung

Die Satzungen sind trotz aller Fehler und Mängel ein bemerkenswerter Versuch, eine lebensfähige karmelitische Spiritualität für die heutige Zeit zu präsentieren. Sie eröffnen neue Horizonte, stellen aber auch große Herausforderungen. Ihre Schönheit versuchen wir in der Fragilität unserer Gemeinschaften zu verwirklichen.

Aus dem Englischen übersetzt von Miluše Hosnedlová und Jája Vanišová.