Heiliger Geist: Geschenk und Kraft (3. Teil)

P. Gianni Colzani

Die Person des Geistes

Die Wahrheit über den Geist definierte das I. Konzil von Konstantinopel im Jahr 381; das Konzil lehnt jede Ablehnung des Geistes ab und stellt den Geist als Herrn und Lebensspender, der vom Vater ausgeht, zusammen mit dem Vater und dem Sohn verehrt und verherrlicht wird und durch die Mund der Propheten spricht, dar. So lautet zumindest der Text, der vom chalcedonensischen Konzil übernommen wurde; in jedem Fall finden wir ähnliche Themen in den Einigungskonzilen; im Glaubensbekenntnis von Michael Paleologus beim Konzil von Lyon im Jahr 1274; in den Dekreten an die Griechen und Jakobiten beim florentinischen Konzil, sowie bei den Konzilien von 1439 und 1441; im Glaubensbekenntnis, das Gregor XIII. den Griechen im Jahr 1575 auferlegte. Auf diese Weise setzte die christliche Tradition fort und stellte den Geist als Person dar, eine der drei Personen der Trinität. Allerdings führte ab Boethius die metaphysische Ausarbeitung des Begriffs „Person“ zu einer Fixierung auf das rationale Wesen und die unmittelte Individualität der Person. Es scheint jedoch, dass solche Charakterisierungen den Geist und das Wirken des Geistes, wie wir dieses Wesen erkennen, nicht gerecht werden.

Es ist daher nützlich, Moltmann zu folgen, wenn er uns einlädt, uns der Person des Geistes ohne eine vorgegebene metaphysische Auffassung von „Person“ zu nähern. Vielmehr sollten wir viele Bilder und verschiedene Symbole verwenden, mit denen der Geist in der Heilsgeschichte bezeichnet wird. Ohne den Anspruch auf eine vollständige Aufzählung oder Übersicht können wir hier einige erwähnen; der Geist ist Herr, Kraft oder dynamis, Feuer und Licht, Wasser des Lebens und Liebe, Freiheit und Wahrheit, und vor allem Leben und Heiligkeit. Kann man in solch einem Reichtum an Begriffen ein gemeinsames, einheitliches Element finden? Ich würde sagen, ja. Immer ist da vor uns die souveräne und freie Kraft, die sich jedoch in den Dienst der Beziehung und Gemeinschaft stellt, die es ermöglicht, Bindungen zwischen Personen auf neuen und unterschiedlichen Grundlagen zu schaffen. In diese Richtung zielt die Kraft des Geistes. Die grundlegende Struktur der Person des Geistes können wir also um die doppelte Dynamik zusammenfassen: ek-stasis, das Aus-sich-Heraustreten, und kenosis, das Sein-nah bei einem anderen. Das ist das Evangelium: „Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben wurde“ (Röm 5,5).

Wir verstehen den Begriff ek-stasis, wenn wir in Gott den sehen, der aus sich herausgeht; für Irenäus sind das Wort und der Geist zwei Hände, mit denen Gott Sein Dasein gibt und in die Tiefen Seiner Liebe einführt. Der Schöpfungshandlung gibt nicht dem Welt und der Menschheit eine neutrale Existenz, sondern eine Existenz, die von einer gewissen vereinigenden und aufsteigenden Energie geprägt ist: Der Geist ist die Gegenwart Gottes „außerhalb“ von Ihm, ist altruistische absolute und reine Liebe, die sich nur damit zufrieden gibt, dass sie sich selbst dem anderen gibt. Die Tatsache, dass der Geist eine Person ist, erschöpft sich nicht darin, dass der Geist sich selbst ist: Im Leben der Trinität ermöglicht der Geist das wechselseitige Schenken – vinculum amoris (das Band der Liebe) – des Vaters und des Sohnes und in der Heilsgeschichte ist der Geist derjenige, der das, was durch Jesus geschehen ist, öffnet und in Beziehung zu allen Menschen und zur ganzen Welt stellt. Ek-stasis Gottes gegenüber seinem Gegenüber, gegenüber dem Geschöpf – das ist der Geist, und zwar auf göttliche Weise, transzendent, heilbringend, wie es aus den Begriffen hervorgeht, die ihn als Freiheit, Wahrheit, Liebe, Feuer und Licht darstellen, als Kraft, die sich aus sich selbst ausbreitet. Die Fülle der Realität, dass der Geist eine Person ist, ruht in der Fülle Seines Geschenks; es kann daher nicht existieren und gleichzeitig nicht in die verwandelnde und erneuernde Gemeinschaft mit der Geschichte der Menschen eintreten. So ist dieser Geist der Ort göttlichen Wirkens „außerhalb“ seiner selbst. Gott vollbringt sein Werk durch die Modalität des Geistes Christi oder durch die Modalität der Barmherzigkeit, die den Sünder gerechtfertigt und den Menschen heiligt, durch das mächtige Sich-neigen über Hunger und Krankheiten, um Neuheit und Hoffnung zu sein, durch den Ruf zur Gemeinschaft mit Ihm auch jenseits der letzten Grenze im Kampf gegen den Tod. Wie Athanasius erinnert: „Der Herr wurde Träger des Körpers, damit wir Menschen Träger des Geistes werden (pneumatoforoi).“ Der geistliche Mensch – nämlich der, der die Taufe empfangen hat (wir verfallen nicht in irgendeinen Intimismus) – ist also Zeuge des Geistes, ein Mensch, der in seiner Freiheit die Hoffnung begründet, die sein Herz erfüllt hat.

Die zweite Dynamik der Person des Geistes ist kenosis, die Selbstbeschränkung, durch die der Geist den Strom der göttlichen Liebe in Fülle führt, Gott in seiner Größe und in dem Glanz zeigt, an dem man Anteil haben kann. Und wirklich, in den Bildern des Windes und des Lichts hat der Geist kein eigenes Gesicht, sondern ist das Gesicht der Verherrlichung Jesu im Leben und in der Lebensgeschichte seiner Jünger. Kenosis besteht also darin, Raum für den anderen zu schaffen, die Bereitschaft, sich für das Wohl des anderen nutzen zu lassen, sich in seine Hände zu geben – in der Freude über sein freies Wachsen. Hier wird kenosis zu einem großen Licht im anthropologischen Sinne, entsprechend dem Text 2 Kor 3,17. „Die, die mit dem Geist beschenkt sind, wissen, ihre Freiheit zu begrenzen, Raum für andere zu schaffen, im Interesse der Entwicklung anderer zu handeln. Sie sind auf diese Weise und für dieses Ziel mit enormer Energie ausgestattet und verbreiten um sich herum Freundlichkeit und Vertrauen. (…) Ihr Wohlergehen ist verbunden mit dem befreienden Öffnen neuer Lebensmöglichkeiten für andere, mit der Erfahrung, das feindliche und unterdrückende Mächte des Lebens zu überwinden zum Wohle anderer.“16 Kenosis des Geistes in diesem Sinne kann keineswegs auf Passivität reduziert werden. Es ist das Prinzip der Erneuerung und Umwandlung des Menschen und der Geschichte; es wirkt in uns und gibt durch den Kontakt mit unseren Elend – Er, der reinigt, was befleckt ist, und belebt, was ausgetrocknet ist – dem neuen Geschöpf das Leben. Kenosis verbindet sich mit der menschlichen Suche nach Sinn und mobilisiert den Menschen, um zu seiner höchsten Berufung zu gelangen.

M. Welker fasst diese Überlegungen zusammen und spricht vom Geist als von einer „öffentlichen Person“.17 Der Heidelberger Professor möchte so das Verständnis des Geistes unterstützen, wonach sich auf persönlicher Ebene der Geist auf die Figur Jesu konzentriert und auf historischer Ebene sich über uns ergießt. Der Geist Christi und die Gemeinschaft seiner Jünger, die aus seinem Leben leben, sind auf öffentliche Weise, durch die Gott weiterhin sein Werk in der Welt vollbringt, die von Egoismus und Individualismus ihr Leben und ihre Zukunft auf's Spiel setzen. Welker zeichnet diese „öffentliche Natur“ des Wirkens des Geistes mit dem Begriff „Resonanzfeld“, das von N. Luhmann stammt. Zu sagen, dass die Kirche ein Resonanzfeld der Macht Christi ist, bedeutet, sie sowohl in vollkommener Gehorsamkeit gegenüber ihrem Herrn zu fokussieren als auch in kreativer Courage, von ihm Zeugnis abzulegen und aus ihm zu leben. Zusammengefasst: Die Gegenwart des Geistes anders als in sich selbst ist die Weise, wie der Geist wirklich sich selbst ist: In seinem frei gegebenen Geschenk treten die gesamten Menschheitsgeschichte in Berührung mit dem göttlichen Leben.

Das Sendungswesen des Geistes

In diesem Moment ist es einfach, das Sendungswesen des Geistes in Bezug auf das Leben zusammenzufassen, wenn wir erklären, was mit Leben gemeint ist. Das Risiko des naturalistischen Vitalismus – mehr oder weniger in der Linie von Bergsons élan vitale oder Tillichs Mut zu existieren – ist gewiss groß. In dem Bestreben, das Leben theologisch zu beschreiben, definiert J. Moltmann es „einerseits als selbstschaffendes Ziel, andererseits als Mittel zur Verwirklichung des Reiches Gottes.“18 Die große Aufmerksamkeit für die Geschichte (auch für die persönliche Geschichte – Anm. d. Red.), die in dieser Aussage enthalten ist, würde wahrscheinlich mehr Klarheit gewinnen, wenn sie mit einer präziseren Betonung ihres trinitarischen und christologischen Wertes verbunden würde. Denn in der Tat trifft gerade die trinitarische und perichoretische Vorstellung des Geistes seine Heilsdynamik.

Die Modalität des Sendens des Geistes in die Welt wird durch die Erzählung von Pfingsten (Apg 2,1–11) präzisiert. Der Sinn dieser Erzählung ist es, das überraschende Spannungsfeld zwischen der Verschiedenheit von Sprachen und Kulturen mit ihrer offensichtlichen wechselseitigen Unzugänglichkeit, belastet von Entfremdung und Misstrauen, und der plötzlichen Erfahrung von Verständnis und Gemeinschaft, in die die Anwesenden hineingezogen werden, zu beleuchten. Die Geschichte jedes Einzelnen muss vor dem neuen Hintergrund neu bewertet werden, so geheimnisvoll und unbegreiflich sie auch sein mag, vor dem Hintergrund der Verkündigung der universellen Natur dessen, was durch Jesus geschehen ist. Das Wunder von Pfingsten besteht nicht in äußeren Erscheinungen, sondern in der universellen Verkündigung der göttlichen Taten (vollbracht) in Jesus. Jesus ist das Fundament der erneuerten, anderen Weise, sich selbst zu sehen: Rund um Jesus entsteht eine planetarische und multikulturelle Gemeinschaft. Die johanneische Erzählung von Pfingsten (Joh 20,19–23) erinnert daran, dass Teil dieser neuen Situation auch die messianische Freude der Kirche und ihr Einsatz gegen das Böse und die Sünde ist.

Diese neue Situation wird der Kirche als Geschenk, als Freude und als Verantwortung anvertraut. Aus der Fülle des Geistes und damit aus der Heilung besitzt die Kirche jedoch nur einen Anhang (2 Kor 1,22; 5,5; Eph 1,14), nicht ihre Vollständigkeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kirche nur einen Teil der Heilung hat oder dass sie sich einredet, dass sie diese hat. Sie hat sie ganz, aber als Saat, die noch wachsen muss, um ihre Vitalität durch Taten zu belegen. Durch die Kraft der Taufe wird diese Aufgabe auch zu unserer Aufgabe. Jeder ist berufen, Gott wirklich in unsere Zeit zu bringen, ihn in unserer Welt zu verherrlichen. Paulus stellt in 1 Kor 9,11 das Werk des Missionars in einem eindrucksvollen Bild als das Säen geistlicher Gaben (pneumatika) dar, die dann ihrer natürlichen Fülle zustreben; durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe drängt der Geist uns zur eschatologischen Fülle. Zu einer Fülle, deren Zeichen die Gemeinschaft ist, dessen Kriterium der Weg nach dem Geist und dessen Anzahlung das freudige Feiern ist.

Von den zahlreichen Beobachtungen, die in diesem Zusammenhang möglich sind, – Hans Urs von Balthasar19 unterscheidet zwischen objektiven und subjektiven Modalitäten des Wirkens des Geistes und berücksichtigt dabei praktisch die gesamte christliche Wirtschaft der Heilung – möchte ich nur die Wichtigkeit der Charismen erwähnen. Charisma ist nicht nur ein kostenlos gegebenes Geschenk, sondern in erster Linie die Weise, wie der Christ am universellen und kosmischen Sendungswesen Christi teilhat: „Dieses ‚Geschenk‘, obwohl es dem persönlichen Beruf dient und eine Form der Teilnahme am heilbringenden Werk der Kirche ist, nützt zugleich auch anderen und baut die Kirche und die brüderlichen Kirchengemeinden in den verschiedenen Bereichen des menschlichen irdischen Lebens auf.“20 Die Gaben des Geistes zersetzen die Kirche nicht in ein Geflecht persönlicher Rollen, sondern regen sie an, das persönliche „Ich“ des Herrn, der dient (Lk 22,27), zu zeigen. In dieser Hinsicht sind die Charismen ein angemessener Ausdruck des Lebens der Kirche: Sie verwirklichen die Gemeinschaft, deren Grundlage nicht das moralische Gesetz oder institutionelle Anforderungen sind, sondern dynamis – Kraft und Macht, die sich in der Geschichte der Menschen zeigt, indem sie wahrem Gemeinschaft von Liebe, Bruderlichkeit lebendig und vielgestaltig Ausdruck verleiht. Daher ist das Charisma niemals unser persönliches Eigentum und kann niemals von seiner Quelle und seinem Zweck getrennt werden: Wer sich vom Geist trennt, der sich von der Liebe trennt, der ist nichts (1 Kor 13,2).

Reich an dieser Kraft steht die Kirche mitten in der Geschichte: Sie gibt dem göttlichen Plan konkrete Gestalt, strebt sowohl nach eigener Heiligkeit als auch nach der Erneuerung der Menschheit. Heiligkeit muss heute den Dimensionen von Lobpreis und Kontemplation mit dem Engagement des Lebens verbinden, um zu vermeiden, dass sich das Engagement in leeren Aktivismus verwandelt oder dass Lobpreis und Kontemplation auf subjektiven Intimismus beschränkt werden. Denn die Kontemplation stellt uns ständig die göttliche Ablehnung der weltlichen Logik und die Ablehnung der Liebe des Vaters durch die Welt vor Augen, um uns so zu helfen, den endgültigen Sinn der Geschichte sowie unserer Pläne zu unterscheiden. Nur so können wir die versperrten Türen unserer Tischgemeinschaft öffnen und an der Erneuerung der Welt, an der Zukunft Gottes arbeiten. Der Geist, der die Freiheit Gottes untrennbar an die Tiefen unseres Lebens bindet, führt uns dazu, auf die vielfältigen Erwartungen der Befreiung zu reagieren, um allen zärtliche Gesten entgegenzubringen, die das Zeichen der Liebe Gottes sind.

Gestatten Sie mir abschließend, das Zeichen des Wirkens und der Gegenwart des Geistes zu erinnern, nämlich die Freude. Freude ist das Zeichen der Liebe, die gegeben und erwidert wird. Sie umfasst das Bewusstsein der Unzulänglichkeit der alltäglichen Realitäten und das Durchbrechen des Teufelskreises eines unveränderlichen und sich ständig wiederholenden Lebens. Freude öffnet uns weit das Leben, das größer ist als unsere Berechnungen, stärker als unsere Ängste. Der Ruf des Geistes an die Eingeladenen zur Hochzeit ertönt heute an uns: „Kommt, es ist bereit“ (Lk 14,17). Da der Geist die Anzahlung unserer Zukunft hat, heilt nur die Hingabe an ihn die Mühe der einzelnen Tage mit den Kräften und Mitteln des Reiches. Nur so wird unser Leben erfüllt sein von einem Erbe, das auch unsere Kleinheit einbezieht und sie übersteigt: „Schon jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar“ (1 Joh 3,2). Freude ist das Übermaß von etwas, das mit unserem Erleben nicht übereinstimmt. Wenn unsere Herzen lernen, von Freude zu brennen (Lk 24,32), werden endgültig Enttäuschungen und Traurigkeiten verbannt sein.

(La rivista del clero italiano, Milano, Jahrgang LXXVIII, Nr. 10 – Oktober 1997, S. 654–660.
Übersetzt von Zdena Kolářová, ergänzt von Kateřina Lachmanová.)


1 2 3