Der Heilige Geist: Geschenk und Kraft (Teil 1)

P. Gianni Colzani

Der Artikel von P. Gianni Colzani bietet eine zusammenfassende Überlegung biblischer, historisch-theologischer und kirchlicher Art zur dritten Person der Dreifaltigkeit, und zwar vor dem Hintergrund der „Wiederentdeckung“ des Heiligen Geistes, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Besonders bedeutend sind die Überlegungen zur „Struktur“ des Heiligen Geistes, die aus einer doppelten Dynamik besteht: ék-stasis als die Gegenwart Gottes, die entgegen kommt, und kénosis als seine Selbstbeschränkung, um dem anderen nahe zu sein.

Bis vor zwanzig, dreißig Jahren wurde gewöhnlich von Stille und Vergessenheit hinsichtlich des Geistes gesprochen. Der Heilige Geist war ein großes unbekanntes Wesen. Sogar im Jahr 1951 erklärte E. Brunner, dass der Geist immer der Aschenputtel der Theologie sein wird und dass der Dynamismus des Geistes für Theologen immer ein Schrecken sein wird. Der Geist wurde tatsächlich als Unbekanntes dargestellt, als eine nicht fassbare Kraft, die frei „weht, wohin sie will“ (Joh 3,8). In unserer Zeit ist das nicht mehr der Fall, es wird von einer wahren und echten „Wiedergeburt“ des Geistes gesprochen. Es handelt sich um eine Wiederentdeckung, die biblische und ökumenische Ursachen hat und die darüber hinaus ihren Ausdruck in einigen Laienbewegungen gefunden hat, insbesondere in den Gruppen der Charismatischen Erneuerung. Es ist jedoch notwendig, die gesamte Problematik zu analysieren, es reicht nicht aus, dem Optimismus Raum zu geben. Wenn wir nicht erneut in die Fehler der Vergangenheit zurückfallen wollen, ist es notwendig, die Situation zu analysieren und zu verstehen; wenn wir uns in der Zukunft wirklich orientieren wollen, müssen wir die Probleme der Gegenwart kennen.

Das Vergessen des Geistes und seine Wiederentdeckung

Während die ersten christlichen Gemeinden die Figur Jesu wesentlich mit dem Geist verbanden (man erinnere sich nur an die Erzählungen über die Geburt Jesu und seine Taufe), war es für uns nicht so. „Viele Christen, die gerne über die Schöpfung, die Menschwerdung Christi und das Opfer der Erlösung, über die Kirche und die Zukunft sprechen, zögern, über das Wirken des Heiligen Geistes zu sprechen. Ihrer Meinung nach handelt es sich um ein so verborgenes und individuelles Werk, dass jeder Versuch, es in theologischen Begriffen auszudrücken, eine Respektlosigkeit wäre. [...] Das Ergebnis ist eine ‚Unterernährung‘ der Theologie und damit auch des Gebets, der Lehre und des Lebens der Kirche.“1 Unzureichende Aufmerksamkeit für den Geist ist unzureichende Aufmerksamkeit für die Globalität des Geschenks, das der Geist für die Kirche und die Menschheit ist. Infolgedessen wird auch über jene Aspekte arm diskutiert, die nicht vergessen wurden.

Ursprünglich stehen besonders zwei Ursachen für diese Verarmung. Die erste ist eine Reaktion auf jene geistlichen Bewegungen, die in allen Zeiten (von den Montanisten über Joachim von Fiore bis zu den Fraticelli) den Geist gegen die Kirche und gegen die kirchliche Auslegung der Schrift erhoben haben. Die Reaktion darauf war eine Einstellung des Misstrauens, die zur gegenseitigen Abspaltung von Glauben und geistlicher Erfahrung führte, zum Vergessen und Desinteresse an dem Wirken des Geistes, was schließlich das christliche und kirchliche Leben auf das unerlässliche Minimum reduzierte: keine Sünden zu begehen. Dass subjektive Erhebung (durch den Geist) und Gehorsam gegenüber der Kirche als zwei verschiedene Alternativen gegeneinander gestellt wurden, führt zu einer Angst vor der inneren Kraft, die anscheinend einige Menschen, einschließlich der Heiligen, drängt und beherrscht; schließlich resultiert daraus ein intellektuelles und hierarchisches Verständnis des Geistes und der Versuch, ihn den Diensten der Kirche zu unterwerfen. Hence the emphasis on the discernment of spirits; the fact that only discernment was emphasized, even where the Spirit was only scantily present or not present at all, clearly shows the prevailing attitude of the church community: it represented the Spirit as a guarantee of the church institution in all its forms, including problematic forms. Consequently, the widespread opinion expressed well by Manzoni: „Was für ein heiliger Mensch, aber welch ein Leid!“ – was bedeutet, dass der Geist das Potenzial des Außergewöhnlichen ist, der Antrieb einiger außergewöhnlicher Persönlichkeiten, Menschen „außerhalb“. Die Hartnäckigkeit und manchmal auch Vorurteil, mit der oft auf die gegenwärtige Wiederentdeckung der geistlichen Erfahrung geschaut wird, hat wahrscheinlich ihre Ursache in dieser Mentalität, die noch nicht kritisch überdacht wurde.

Die zweite Ursache ist die theologische Minimalisierung des Geistes, sodass er nach und nach schließlich von der Bildfläche verschwand. Die Christologie konzentrierte das Werk der Erlösung um den historischen Jesus und um die apostolische und kirchliche Gemeinschaft, die sein Werk fortsetzt. Der Geist wird hier nicht in seiner Autonomie als besondere göttliche Person gesehen, sondern nur in seinem Wirken in der Dienstleistung des Auferstandenen und der Kirche. Seine Aufgabe wird fast so gesehen, als ob sie nur durch Vermittlung und Verbreitung der Gnaden und Gaben des Erlösers erfüllt ist. Auch in den Traktaten über die Gnade weht ein solcher Reduktionismus (Einschränkung): Die Aufmerksamkeit verlagert sich auf den Menschen im Gnadenstand, mehr auf die Erneuerung der Person als auf die Quelle dieser Erneuerung. In diesem Verständnis wird das Wirken des Geistes lediglich als Erklärung und Ausdruck des Wirkens Christi angesehen: Pfingsten sind nur eine Offenbarung des Geheimnisses der Ostern, und die sieben Gaben des Geistes – großes Thema, dem Aufmerksamkeit gewidmet wird – sind lediglich eine Ausschmückung der Seele, die sich im Gnadenstand befindet. Höchstens wird eingeräumt, dass der Geist die Quelle geheimnisvoller, jedoch überflüssiger, innerer Trost ist.

Dieser Reduktionismus hat sich durch die Beschuldigung des Kristomonismus gezeigt, die gegen die westliche Kirche des zweiten Jahrtausends erhoben wurde:2 indem die Kirche das Leben des Christen und das Leben der Kirche als eine kristologische Fortsetzung der Menschwerdung darstellt, soll sie ihre Aufmerksamkeit auf den hierarchischen und institutionellen Moment dieser Fortsetzung konzentriert haben – und die Rolle und Aufgabe des Geistes blieben an zweiter Stelle. Das Ergebnis wäre das, worüber wir bereits gesprochen haben. Selbst wenn wir uninteressante historische Präzisierungen beiseite lassen, bleibt die Tatsache, dass der Geist an den Rand gedrängt wurde, in der Essenz bestätigt: Der Heilige Geist wurde den frommen Büchern überlassen. Es ist zugegebenermaßen notwendig, diesen Desinteresse für den Geist als die Geburt einer unangemessenen Christologie und eines vom Leben entblößten Christentums zu erkennen. Eine Rückkehr zu diesem Thema3 kann nicht bedeuten, dass wir passiv die Wahrheiten und Schemata wiederholen, wie sie im Kontext der trinitarischen Streitigkeiten der ersten Jahrhunderte definiert wurden, sondern vielmehr die gesamte Erfahrung des Glaubens – bei der Wiederentdeckung des Wirkens des Geistes „auf den lebendigen Tafeln unserer Herzen“ (vgl. 2 Kor 3,3) – im Lichte seines Lichtes neu zu durchdenken.

(La rivista del clero italiano, Milano, Jahrgang LXXVIII, Nr. 10 – Oktober 1997, S. 647–649.
Übersetzt von Zdena Kolářová, ergänzt von Kateřina Lachmanová.)


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