Kapitel VIII – Dienst im Lazarett in Hranice an der March
(Erinnerungen von Edith Stein)
1. Teil
Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, studierte Edith Stein in Göttingen. Viele ihrer Freunde, Studenten und Lehrer, wurden zum Militär einberufen. Auch sie wollte sich in den Dienst ihrer Heimat einbringen und dachte darüber nach, ihr Studium nach der Prüfung zu Beginn des Jahres 1915 zu unterbrechen.
Bald nach der Prüfung fragte ich das Rote Kreuz in Breslau, ob ich jetzt im Sanitätsdienst einsteigen könnte. Da keine Antwort kam, entschloss ich mich, bis zum Ende des Semesters in Göttingen zu bleiben, um die Vorlesungen zu hören und die Zeit für die Doktorarbeit zu nutzen. Ich begann wieder ein wenig Griechisch zu lernen, da ich so schnell wie möglich die Prüfung ablegen wollte. Vor der Abreise schickte ich jedoch diesmal all meine Sachen nach Hause, da ich fürchtete, ob ich zurückkehren würde.
In Breslau gab ich bald im Provinzialschulkollegium ein Gesuch um eine Nachprüfungsanmeldung in Griechisch auf; ich wollte sie im Herbst ablegen. Als ich einige Wochen zu Hause war, erhielt ich einen Anruf. Es war eine Dame vom Roten Kreuz, die mit mir sprechen wollte. In Deutschland sei angeblich nach wie vor kein Bedarf an Schwestern, aber in Österreich gebe es einen Mangel. Wenn ich dorthin gehen wollte, sollte ich mich darauf vorbereiten, Anfang April nach Hranice an der March zu reisen. Ich war sofort entschlossen.
Rosa Guttmann hatte bereits vom Lazarett in Hranice gehört, da eine Breslauer Studentin dort bereits seit mehreren Monaten pflegte. Diese Studentin – Greta Bauer – war gerade zu Hause im Urlaub. Ich suchte sie auf, um mehr zu erfahren. Hranice liegt an der Strecke Bohumín – Wien, von uns aus ist es mit dem Schnellzug 5–6 Stunden Fahrt. Das dortige große Kadettenhaus war als Lazarett für ansteckende Krankheiten eingerichtet: 4000 Betten, die zur Karpatenfront gehörten. Das kleine, frische, natürliche Mädchen arbeitete dort sehr gerne; sie sollte auch vor meiner Abreise wieder zurückkehren und freute sich darauf.
Bei meiner Mutter stieß ich auf entschiedenen Widerstand. Dass es sich um ein Lazarett für ansteckende Krankheiten handelte, sagte ich ihr überhaupt nicht. Sie wusste, dass sie mich nicht überzeugen konnte, indem sie auf die Lebensgefahr hinwies. Daher sagte sie mir als größte abschreckende Maßnahme, dass alle Soldaten vom Feld läuseverseucht kämen, und auch ich könnte mich davor nicht schützen. Das war natürlich ein Unheil, vor dem ich große Angst hatte – aber wenn alle Menschen im Schützengraben darunter leiden müssen, warum sollte ich dann besser dran sein als sie? (Die Läusebekämpfung in Hranice war so gut organisiert, dass ich von dieser Prüfung verschont blieb. Ich sah nur gelegentlich ein paar Tierchen auf den Kleidern der Leute – und zwar auf der frischen Wäsche, die gerade aus dem Schrank geholt worden war). Als dieser Angriff scheiterte, erklärte meine Mutter mit ihrer ganzen Energie: „Mit meiner Zustimmung gehst du nicht.“ Ich antwortete eben so sicher: „Dann muss ich es ohne deine Zustimmung machen.“ Meine Schwestern zuckten bei dieser trockenen Antwort zusammen. So einen Widerstand war meine Mutter nicht gewöhnt. Arno oder Rosa hatten ihr wahrscheinlich oft schon viel schlimmere Worte gesagt. Aber das war in einem Wutausbruch, in dem sie sich nicht beherrschten, und schnell wurde alles wieder vergessen. Hier ging es wirklich zur Sache. Mama sagte nichts mehr und war einige Tage sehr schweigsam und bedrückt – das war eine Stimmung, die sich immer auf das ganze Haus übertrug. Als ich mich jedoch dann auf die Abreise vorbereitete, nahm sie es als selbstverständlich, sich um die notwendige kleine Ausrüstung für die Schwester zu kümmern. Frieda, die sich am besten auskannte, musste die notwendigen Einkäufe und die Schneiderarbeiten erledigen.
Bevor ich mit dem Kriegsdienst begann, musste ich noch das Provinzialschulkollegium aufsuchen, um mich von Griechisch abzumelden oder vielmehr um zu sagen, dass ich den Termin auf unbestimmte Zeit verschieben muss. Der Dezernent für humanistische Gymnasien, geheimen Rat Thalheim, war ein gefürchteter Mann, ernst und streng. Als er den Grund für die Verschiebung hörte, war er sichtlich unzufrieden, sagte aber zunächst nichts. Erst als ich bereits auf dem Weg zur Tür war, rief er mich noch einmal zurück. „Und Ihre Eltern stimmen zu?“ „Vater ist längst tot. Das passt der Mutter nicht.“ Jetzt sprang er lebhaft auf. (Er hatte selbst eine Tochter in meinem Alter. Ich kannte sie aus der Schule). „Natürlich passt es ihr nicht. Ich habe Ihnen nichts zu sagen. Aber da Sie keinen Vater mehr haben, fühle ich mich verpflichtet, Sie zu warnen. Wissen Sie, wie es in den Lazaretten zugeht?“ Ich wusste es nicht. Aber wenn es so war, wie er andeutete – dass man sich moralischen Gefahren aussetzt und dass Schwestern einen schlechten Ruf haben – dann war das schrecklich traurig, und umso mehr hielt ich es nun für notwendig, dass solche Plätze von Menschen mit ernsthaften Absichten betreten werden. So bedankte ich mich bei Herrn Geheimen Rat mit aufrichtiger Herzlichkeit – schließlich verriet er große Güte des Herzens, indem er sich so um mich sorgte – aber ich ließ mich in meinem Entschluss in keinster Weise verwirren. (…)
Bevor ich abreiste, ging ich zu Emma an die Frauenklinik, und sie impfte mich gegen Typhus und Cholera. Viele Menschen reagierten auf die Impfungen mit mehreren Tagen echtem, fieberhaften Erkrankungen, aber mir tat es nichts.
(Edith Steins Werke VII, Editions Nauwelaerts, Löwen 1965, S. 231–233, gekürzt.
Übersetzt von Schwester Petra von der Auferstandenen OCD)