Dienst im Lazarett in Hranice an der Morava
(Erinnerungen von Edith Stein)
(4. Teil – Fortsetzung)
Der Nachtdienst war mir besonders lieb, weil man dabei nur mit den Kranken in Kontakt war, nicht mit anderen Schwestern und dem restlichen Personal. Auf der chirurgischen Station, wo ich später arbeitete, war eine Wiener Bildhauerin als Hilfskraft, die nur Nachtdienst schob, um sich ohne unerfreuliche Konflikte den Verwundeten widmen zu können. Ich hielt mich an die übliche Ordnung und begnügte mich mit meinen zwei Wochen.
Man atmete natürlich auf, wenn man morgens den Saal, der von sechzig Kranken bewohnt war, verlassen konnte. Zuerst ging ich immer ins Bad auf der Station. Nach diesem Morgentoilette fühlte ich mich etwas gereinigt von den Keimen. Dann verließ ich die Reitbahn, in der großen Speisehalle frühstückte ich schnell und eilte nach draußen. Üblicherweise fand sich eine Begleiterin für einen kleinen oder größeren Spaziergang.
Eines Tages, als ich im Nachtdienstzimmer aus meinem Tagschlaf erwachte, fand ich Briefe und ein Päckchen von zu Hause auf meinem Bett. Suse Mugdan war angekommen und hatte mir diese Grüße leise hierhergelegt, ohne mich zu wecken. Wie glücklich war ich, als ich sie dann grüßen konnte! Wir hatten nur einmal in Breslau miteinander gesprochen, und beide waren wir zurückhaltend, sodass wir uns andernorts sicherlich nicht so schnell näher gekommen wären. Aber hier waren wir uns bald sehr vertraut. Oh, welch ein Segen war es zu wissen, dass hier jemand mit so reinem Herzen, so aufrichtigen Gedanken, so zartem und tiefem Empfinden war!
Auch für sie war es eine große Stütze, dass sie mich hier fand. Sie hätte wohl alleine noch schlimmer zurechtkommen können als ich. Suse war eine Pechvogel. Richard Courant, der sie sehr gut kannte und mochte, sagte, es sei ausgeschlossen, dass bei Suse Mugdan irgendetwas ohne alle Schwierigkeiten ablaufe, an die man nur denken kann. Das zeigte sich auch jetzt. Es war ein großes Opfer, dass Suse ihr spät begonnenes Studium nach einigen Semestern wieder unterbrach; ihre Angehörigen waren damit absolut nicht einverstanden. Sie tat es rein aus dem Gefühl patriotischer Pflichten und erwartete natürlich, dass sie jetzt ganz ihre Kräfte einsetzen könne. Stattdessen kam sie an eine damals wenig frequentierte Station in einem höheren Realgymnasium – zu Schwester Susi; die Hilfskraft wurde zur Unterscheidung „Schwester Susanne“ genannt – und musste sich um ein anfangs völlig leeres Zimmer für Offiziere kümmern. Als das Zimmer schließlich einen Bewohner bekam, war es ein Apotheker, krank an Gonorrhoe. Mit größtem Gewissen kümmerte sich Suse zunächst um die Möbel und Blumen im Offizierszimmer und später um den jungen Mann mit dieser unangenehmen Krankheit; (er benötigte keine besondere Pflege von der Schwester; es musste nur Essen gebracht, ein wenig mit ihm gesprochen und ihn aufgeheitert werden); aber es bedrückte sie dennoch, dass sie nicht vor größere Aufgaben gestellt wurde. Als später große Transporte Verwundeter eintrafen, änderte sich das.
Suse hatte große Sorgen um ihren innig geliebten Bruder – das Zwillingspaar Albrecht, der an der Front war. Und dann gab es noch eine Last, die sie schwer trug: Die Mugdans waren ursprünglich Juden, doch Frau Mugdan ließ nach dem Tod ihres Mannes alle ihre Kinder protestantisch taufen: aus der merkwürdigen, verqueren Sorge einer Mutter, um sicherzustellen, dass es ihnen besser ginge. Ich lernte sie später als liebenswürdige und wohltätige Frau kennen, die auf keinen Fall materielle Vorteile für sich selbst im Sinn hatte. Suse dankte ihrer Mutter für diese Maßnahme niemals, ihrer reinen und aufrichtigen Seele widerstrebte der Übertritt, der nicht aus innerster Überzeugung kam. Seit sie erwachsen war, dachte sie oft darüber nach, ob sie diesen Schritt zurücknehmen sollte. Aber wie konnte sie zum Judentum zurückkehren, wenn es ihr völlig fremd war? Zudem hatte sie in der Schule eine protestantische Erziehung erhalten, und auch wenn sie nicht positiv gläubig war, so hatte sie trotzdem eine gewisse christliche Prägung erhalten und verband sich mit manchem. Im Lazarett mussten wir natürlich manchmal antisemitische Äußerungen anhören. Suse beneidete mich direkt darum, dass ich dann einfach mit dem Bekenntnis auftreten konnte, dass ich Jüdin sei. (Das erregte übrigens jedes Mal großes Staunen, da mich niemand für eine Jüdin hielt.) Als sie bei einer solchen Bemerkung schwieg, fühlte sie sich feige; und wenn sie etwas sagen wollte, musste sie ein ausführliches Erklärung anführen, das abstand und selten verstanden wurde.
Über all diese Fragen sprachen wir in völliger Offenheit und Herzlichkeit miteinander. Wir duzten uns aber: „Du“ während unseres gesamten Aufenthalts in Hranice nicht. Die dumme Vertraulichkeit, mit der sich die anderen Schwestern untereinander duzten, ohne innerlich etwas gemeinsam zu haben, brachte uns dazu, das „Sie“ als Zeichen gegenseitigen Respekts zu bewahren. Das geschah ganz von selbst; wir sprachen kein Wort darüber.
Als ich schon eine Weile in Hranice war, erkrankte Greta Bauer und musste sich zur Heilung nach Hause begeben. „Die kleine Gemeinde“ bat mich, ihren Platz einzunehmen, damit sie ihnen kein störendes Element in das Zimmer geben. Ich stimmte mit großer Freude zu; im Schwesternzimmer in der großen Reitbahn fühlte ich mich nämlich weiterhin höchst unwohl. Im täglichen Zusammensein mit den neuen Kameradinnen freundete ich mich besonders mit Schwester Alwine an.
Auf der Typhusstation nahm die Zahl schwerer Fälle zwischenzeitlich ab. Noch zweimal mussten wir dem Tod sein Opfer überlassen. Einmal war es ein kleiner Kellner, ein zerbrechlicher, an den Lungen kranker Mensch. Er starb während des Tages, und Dr. Pick und alle Schwestern standen an seinem Bett. Da rief mich ein anderer Kranker zu sich. „Schwester, wenn ich jetzt wäre!“ flüsterte er aufgeregt. Ich redete ihm gut zu, wusste aber, dass auch für ihn nicht mehr viel Hoffnung übrig war. Er war ein zwanzigjähriger Maurer mit einer schweren Pleuraentzündung. Er hatte schon lange keinen Appetit und nahm von seiner Patientenportion fast nichts. Einmal fragte ich ihn, ob er wirklich auf gar nichts Lust hätte. Er sagte, er wünschte sich eine Orange. Gott sei Dank – Orangen waren in der Kantine erhältlich. In diesen Tagen hatte ich auch ein Päckchen mit Schokolade per Feldpost erhalten. Ich bot ihm davon an, und es schmeckte ihm. Von da an fütterte ich ihn mit Orangen und Schokolade. Das dürfte dazu geführt haben, dass er vertrauensvoller wurde. Davor war er meist mürrisch und schweigsam – bei seinem so schlechten Zustand kein Wunder. Einige Tage nach dem besagten Todesfall bemerkten wir, dass auch es mit ihm dem Ende zuging. Als ich hörte, dass in der Nacht Unruhe im Haus war, wäre ich gern dorthin gegangen, um dem armen Kerl zu helfen. Aber das konnten wir nicht – die Nachtschicht hatte jemand anderer. Er bat, Dr. Pick zu ihm zu rufen. Der junge Arzt kam bereitwillig, obwohl er nicht Nachtdienst hatte. Am nächsten Morgen teilte er mir noch ganz erschüttert mit: „Oh, Schwester Edita, hätten Sie das nur gesehen!“ Er zeigte mir, wie der junge Mann seinen Kopf in seine Hände legte und schrie: „Niemals sterben, niemals sterben!“ Die Leiche wurde geöffnet, um die Todesursache zu ermitteln. Dr. Pick sagte wieder: „Hätten Sie das nur gesehen!“ In der Brusthöhle hatten sich starke pleurale Verwachsungen gebildet, die auf die Organe drückten. Kein Wunder, dass der Magen nichts mehr aufnehmen konnte!
Nach einiger Zeit nahmen auch sie unseren Arzt in ein anderes Lazarett. Er verabschiedete sich herzlich von uns und schickte uns für unseren Saal schöne Blumen. Bevor er ging, übergab er sein kleines Königreich seinem Freund Dr. Flusser, der schon zuvor III. Saal und jetzt auch I. übernommen hatte. „Ich weise dich besonders auf das Stationsjournal hin. Es ist in einwandfreiem Zustand; es führte Schwester Edita“. Er begann es selbst, vergaß aber oft, Eintragungen vorzunehmen. Daher begrüßte er es sehr, dass ich die Aufzeichnungen über die Krankengeschichten übernahm.
Dr. Flusser kannte ich vorher nur vom Sehen und Hörensagen; danach hatte ich keinen guten Eindruck. Aber bei der gemeinsamen Arbeit fand ich keinen Grund, mich zu beschweren. Ihm gegenüber war er gut und auch uns gegenüber konnte man ihm nichts anlasten.
Auf der Typhusstation arbeitete „Schwester Edita“ drei Monate. Da dort im Laufe der Zeit die Arbeit abnahm, bat sie die Oberschwester, sie woanders zu versetzen. Weiterhin diente sie im kleinen Operationssaal in der Kadettenschule. Der Leiter der Station war ein tschechischer Chirurg, sehr fähig und gewissenhaft. Mit ihm arbeitete ein deutscher, respektive österreichischer Arzt, Dr. Scharf. Dieser fragte einmal Schwester Edita, warum sie ihr philosophisches Studium unterbrochen habe. „Ich erklärte ihm, dass meine Kollegen alle an der Front sind und dass ich nicht verstehe, warum ich besser dran sein sollte als sie.“
Auch der Charakter des Lazaretts änderte sich allmählich. Seit der Ankunft des großen Transports, der tausend Verwundete umfasste, gewannen hier die Verwundeten die Oberhand über die Patienten mit ansteckenden Krankheiten. Edith wurde weiter in das Gebäude 6 versetzt, wo in zwei Sälen je 50 leicht Verwundete lagen; sie war für einen der Säle verantwortlich. Kurz darauf wechselte sie wieder auf die I. chirurgische Station, wo sie bereits zuvor ausgeholfen hatte. Hier lagen die schwersten Fälle. Ihr Chef wurde wieder jener tschechische Chirurg – „Herr Oberarzt“, der stationsärztlich war ein junger Tscheche – „guten gegenüber den Soldaten und uns nicht gerade unfreundlich. Er hatte aber die unangenehme Angewohnheit, mit den Leuten tschechisch zu sprechen, ohne uns seine Anweisungen zu übersetzen.“
Der schwierigste Monat war dann für sie der August des Jahres 1915, als sie sich um erkrankte Patienten mit komplizierten Brüchen und um vier Patienten kümmerte, die besondere Pflege benötigten. „Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, sodass ich am Abend kaum stehen konnte“. Außerdem litt sie unter Schlaflosigkeit. „Mir war klar, dass es höchste Zeit war, mir eine Auszeit zu gönnen, die ich zwei Monate zuvor als überflüssig abgelehnt hatte. Aber die Entscheidung zu gehen kam erst nach großen inneren Kämpfen. Bei meinen Überlegungen spielte noch etwas anderes eine Rolle als nervliche Erschöpfung. Immer wieder kam mir der Gedanke, ob es nicht unklug sei, eine wissenschaftliche Arbeit so lange zu unterbrechen, wo doch für die Pflege so viele Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Andererseits überlegte ich, ob es nicht eine egoistische Neigung sei. Ich litt sehr darunter, dass Susi Mugdan gerade im Urlaub war. Mit ihr hätte ich über meine Zweifel sprechen können… Ich bat die Oberschwester, mich zum 1. IX. nach Hause zu lassen. Sie war sofort bereit, wollte mir keinen Urlaub sogar für zwei Wochen geben, sondern ließ es an mir, ob und wann ich zurückkehren wollte. Ich bat sie, mich zu rufen, sobald sie meine Hilfe für notwendig hielt“.
Schwester Edita hielt somit ihr Abschied von Hranice nicht für endgültig, sondern erwartete, dass sie zurückgerufen würde. Die Zeit des Urlaubs nutzte sie dazu, um sich als Hilfsschwester zu prüfen; Voraussetzung dafür war nämlich ein halbjähriges Praktikum als Pflegekraft. Und sie begann sich wieder dem Studium des Griechischen zu widmen. Bereits im Oktober legte sie an einem humanistischen Gymnasium die Ergänzungsprüfung ab, die für das Studium an der Universität Göttingen erforderlich war.
Zurück nach Hranice kehrte sie jedoch nicht mehr zurück. Stattdessen erfuhr sie – während des Oktobers jenes Jahres 1915 –, dass das Lazarett aufgelöst worden war. Nach der Befreiung Galiziens von den Russen sollte die Hranicer Kadettenschule wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Edith Stein bot sich erneut dem Roten Kreuz zur Verfügung, wurde jedoch nicht mehr zur Pflege der Verwundeten und Kranken gerufen.
(Edith Steins Werke VII, Editions Nauwelaerts – Löwen 1965, S. 244–262, gekürzt.
Ausgewählt und übersetzt von Schwester Petra von der Auferstandenen, OCD.)