Rückkehr zum Evangelium (Teil 4)

Botschaft von Theresia von Lisieux

Rundschreiben der Generalkapitel der O.Carm. und OCD
anlässlich des hundertsten Todestages der Heiligen Theresia von Lisieux

(4. Teil)

2. Gott, der unsere Brüderlichkeit schafft

Evangeliumsdimension der brüderlichen Liebe

43. Der zweite Aspekt von Jesu Lebensplan ist das Überwinden von Hass und Spaltung, damit wir zu einer Begegnung in Liebe und Gemeinschaft mit allen gelangen, wie Gott uns dazu ruft. Diese Aufforderung ist eng verbunden mit der Offenbarung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes, denn Gott hat uns in Christus zu Brüdern und Schwestern verwandelt. Es handelt sich um den zweiten Teil des einzigen Gebots der Liebe: deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst.

44. In der Erfahrung und Lehre von Theresia von Lisieux begegnen wir der Überzeugung, dass die Echtheit unserer Liebe zu Gott sich in der Qualität unserer Liebe zu den Nächsten ausdrückt. Wie in konzentrischen Kreisen öffnet sich die Dimension der brüderlichen Liebe immer weiteren Horizonten, und diese „Ausdehnung“ entspringt der Liebe zu Gott. Der erste Kreis umfasst die engsten Angehörigen, der weitest entfernteste ist der Kreis der Menschheit als Ganzes. Theresias Vertrauen und Hingabe zu Gott, dem Vater-Mutter, sowie das Gefühl, von ihm geliebt zu werden, sind ihr Quelle brüderlicher Liebe und Apostolat – als Ausdruck der Liebe zu allen mit dem Wunsch, ihnen die frohe Botschaft des Heils mitzuteilen.

Brüderliche Liebe und Leben in Gemeinschaft

45. Die evangeliumsgemäße Dimension der brüderlichen Liebe lebt sich in den konkreten Verhältnissen aus, in denen sich unser menschliches Dasein entfaltet: in der Familie, in der Ordensgemeinschaft, in der christlichen Gemeinde, in der Kirche, in verschiedenen Menschengruppen, in der Gesellschaft. Wir finden in ihnen helle und dunkle Seiten, positive und negative Aspekte. Unsere Schwester Theresia lehrt uns, ein lebendiger Teil dieser Realität zu sein und die evangelische Liebe dort zu leben, wo uns Gott eingesetzt hat.

46. Zum Zeitpunkt ihres Eintritts war der Karmel in Lisieux nach den Worten ihrer Schwester Marie klein und arm. Er zählte 26 Nonnen. Das Durchschnittsalter in der Gemeinschaft betrug 47 Jahre. Menschlich war die Gemeinschaft arm, spirituell war sie vom Rigorismus ihrer Zeit geprägt, einschließlich der Angst vor Gott als Richter, die vom Jansenismus eingepflanzt wurde. All dies stellte sich hartnäckig dem dynamischen Fluss der Liebe und dem Gleichgewicht entgegen, das die Heilige Theresia vom Jesus mit so persönlichem menschlichem und geistlichem Realismus bewahren wollte. In diesem Umfeld – mit konkreten Menschen, mit all ihren Eigenschaften und Mängeln – lebte Theresia von Lisieux die brüderliche Liebe und ihre Anforderungen.

47. Auf vielen Seiten des Manuskripts C, das für die Priorin des Klosters, Mutter Maria Gonzaga, geschrieben wurde, beschreibt Theresia, wie sie immer mehr das Gebot Jesu verstand, den Nächsten zu lieben, wie er uns geliebt hat. Dies führte sie dazu, die Begrenzungen anderer zu ertragen, sich nicht über ihre Fehler zu empören, sich durch ihre kleinen Akte der Tugend ermutigen zu lassen und alles mit Verständnis und Güte zu beurteilen. Sie beschreibt auch konkrete Ereignisse, die ihre Praxis der Nächstenliebe auf die Probe stellten und das Wachstum der Gemeinschaft erschwerten.36 Das Gebot der Liebe lebte unsere Schwester in kleinen Mühen, Diensten und Opfern des gemeinschaftlichen Lebens mit den Schwestern.

48. Der Aspekt der Gemeinschaft, den die Berufung zum geweihten Leben in sich trägt und auf den auch unsere Regel hinweist, wurde erneut durch das Dokument Vita consecrata – in seinem zweiten Teil mit dem Titel: Zeichen der Brüderlichkeit. Das geweihte Leben als Zeichen der Gemeinschaft in der Kirche – hervorgehoben.37 Das österliche Geheimnis hilft zu verstehen, dass ohne Selbstverleugnung, ohne Kreuz, ohne großzügige Hingabe, ohne Offenheit und Vergebung die Liebe zum Nächsten nach dem Beispiel Jesu Christi nicht gelebt werden kann. Theresia von Lisieux ist für uns ein Anreiz und Lehrmeisterin, um inmitten von Schwierigkeiten mit geistlichem Realismus eine neue Gemeinschaft und Brüderlichkeit in Christus zu leben.


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