Rückkehr zum Evangelium (Schlussfolgerung)

Botschaft von Theresia von Lisieux

Rundschreiben der Generalsuperiore von O.Carm. und OCD
anlässlich des hundertjährigen Todesjahres der heiligen Theresia von Lisieux

(Schlussabschnitt)

3. Gott, der von uns verlangt, die frohe Botschaft zu verkünden

Missionarischer Aspekt: Jesus lieben und dafür sorgen, dass er geliebt wird

49. Der Einsatz, das Evangelium weiterzugeben, ist ein Ausdruck universeller Liebe. Anderen das neue Leben in Christus und seine Botschaft der Hoffnung zu bezeugen und zu verkünden, bedeutet, sie zu lieben. Theresia lebte als kontemplative Nonne stets die missionarische und apostolische Dynamik des christlichen Berufes. Durch ihre besondere Berufung – in den Karmel – wollte sie mit Christus an der Rettung der Welt arbeiten, und zwar nicht nur bis zum Ende ihres Lebens, sondern bis zum Ende der Welt.38
In ihrer Korrespondenz mit ihren Missionsbrüdern erwähnt sie oft die apostolische und missionarische Dimension des Lebens einer kontemplativen Karmelitin. Unter anderem sagt sie: „Ihr wisst gut, dass eine Karmelitin, die nicht Apostelin wäre, sich von dem Ziel ihrer Berufung entfernen und aufhören würde, die Tochter der seraphischen heiligen Theresia zu sein, die ihr Leben tausendmal opfern wollte, um eine einzige Seele zu retten.“39 Deshalb sehnte sich Theresia von Lisieux danach, alle Berufungen zu leben.40 Die Wirksamkeit der Evangelisierung hängt nach ihr von der Liebe ab. Und sie bittet die Heiligen, dass sie ihr doppelt ihre Liebe schenken.41

50. Mit unserer Berufung in den Karmel sind wir der Mission geweiht. Wir haben die „prophetische Aufgabe, Gottes Plan mit den Menschen zu erinnern und ihn zu verwirklichen, in Übereinstimmung mit dem, wie er in der Heiligen Schrift verkündet und wie er sichtbar wird beim sorgfältigen Studium der Zeichen der aufmerksamen göttlichen Tätigkeit in der gesamten Menschheitsgeschichte. Es ist ein Plan, der darauf abzielt, die Menschheit zu retten und zu versöhnen.“42
Von unserer Schwester Theresia müssen wir lernen, unsere christliche Liebe apostolisch auszurichten; die Überzeugung von der evangelisierenden Kraft des Gebets zu übernehmen und die Notwendigkeit der Spiritualität, die in die alltägliche Realität eingebettet ist. Evangelisierung ist keine bloße Information.
Es ist eine Manifestation dessen, dass Gott uns als seine Kinder angenommen hat und uns im Glauben und in der Solidarität wachsen lässt. Es erfordert, dass wir die Erfahrungen des Leidens und der Angst unserer Brüder und Schwestern mit-erleben und sie aus besagter Perspektive zu unserer machen. So tat es Theresia, als sie die Prüfung der Zweifel auf sich nahm, um den Ungläubigen die Gnade zu verdienen, ihre Zweifel zu überwinden. Sie setzte sich an den Tisch der Sünder und derer, die den Glauben ablehnen, und litt mit ihnen an Leere und Dunkelheit: „dein Kind bittet dich um Vergebung für seine Brüder, ist bereit, das Brot des Schmerzes zu essen, so lange du willst, und will sich von diesem Tisch, der voller Bitterkeit ist, an dem die elenden Sünder essen, nicht erheben, bis zu dem Tag, den du bestimmt hast.“43 Dies ist auch ein Weg, wie die Spiritualität eine Antwort auf die Suche nach dem Heiligen und dem Verlangen nach Gott bietet, das weiterhin im Herzen der Menschen lebt.44

51. Diese Liebe hat auch eine soziale Dimension, die uns – bei allen besonderen Unterschieden jeder Berufung im Karmel – verpflichtet, dem allgemeinen Fortschritt zugunsten von Gerechtigkeit und Frieden in der Welt durch den Weg einer echten menschlichen Entwicklung aller Menschen zu dienen. Damit die Liebe zum Nächsten wirksam ist, muss sie sich im Einklang mit den Anforderungen der heutigen Welt zeigen. Das erfordert von uns, dass unsere Liebe auch soziale Auswirkungen hat, da die Mittel individueller Liebe immer begrenzter werden. Der Nächste in Not ist kein isoliertes Individuum, sondern es handelt sich um Massen, die von ungerechten und entmenschlichenden Strukturen unterdrückt werden.
Es ist dringend notwendig, dass christliche Liebe beim Bemühen um Veränderung und Transformation der Strukturen Anwendung findet. Liebe ist stärker als alle möglichen Spaltungen und hilft im Kampf um eine gerechtere Welt, den Hass zu überwinden, damit der Unterdrückte nicht wieder zum Unterdrücker wird. Nur die Liebe zu Jesus und das Zeugnis seines Lebens und seiner Lehre ermöglichen echte brüderliche Versöhnung. Die Lehre vom kleinen Weg der spirituellen Kindheit ist eine unglaubliche Kraft für sozialen Wandel angesichts des Missbrauchs von Macht in der Gesellschaft.

Eng verbunden mit Maria von Nazareth

52. Die Jungfrau Maria ist für uns ein Vorbild des Hingebens und der Nachfolge (Jüngerschaft); sie erinnert uns an die Vorrangstellung der göttlichen Initiative und lehrt uns, seine Gnade anzunehmen. Sie ist „Lehrerin des bedingungslosen Nachfolgens und des eifrigen Dienens“.45 In Übereinstimmung mit der reinsten Tradition des Karmels lebte Theresia von Lisieux in inniger Gegenwart der Mutter Jesu. Sie präfiguriert das Zweite Vatikanische Konzil und entdeckte in ihr die einfache Frau von Nazareth, eine Pilgerin des Glaubens und der Hoffnung, Mutter und Vorbild. Man kann sagen, dass sie ihr Leben in enger Nähe zu Maria führte (wörtlich: Schulter an Schulter mit Maria).

53. Theresia lehnt es ab, wenn Maria so dargestellt wird, dass ihre Größe hervorgehoben wird, ohne auf ihr irdisches Leben Rücksicht zu nehmen: „Damit mir irgendein Wort über die Jungfrau Maria gefällt und mir nützt, muss ich ihr wahres Leben sehen, nicht das angenommene Leben; und ich bin mir sicher, dass ihr wahres Leben sehr einfach gewesen sein musste. Man zeigt sie uns unnahbar; man sollte jedoch zeigen, dass es möglich ist, sie nachzuahmen, ihre Tugenden hervorheben, sagen, dass sie aus dem Glauben lebte wie wir … Sie ist mehr Mutter als Königin.“46 Theresias letztes Gedicht, das der Jungfrau Maria gewidmet ist, trägt den Titel: „Warum liebe ich dich, o Maria.“ Theresia durchschreitet hier die Seiten des Neuen Testaments und entdeckt dabei Marias Liebe zu Gott und den Nächsten, ihre Armut, ihr kontemplatives Schweigen, ihre Einfachheit, ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihre Bereitschaft und Gehorsam bei der Annahme des göttlichen Willens. Das Evangelium offenbart uns, wer Maria war, und Theresias (Theresias) empfindsames Herz offenbart – in ihrer Erfahrung der täglichen Gemeinschaft mit Maria – das wahre Wesen Marias.47

54. In der Lehre von Theresia von Lisieux finden wir den Weg zur Vertiefung und Erneuerung unseres marianischen Lebens – im Licht des Evangeliums und in Vertrautheit mit Maria. Wenn wir Maria neu entdecken, im Geheimnis Christi und der Kirche, gibt dies unserem frommen Leben, unserem Zeugnis und unserer Verkündigung einen festeren Grund. Die gesamte Geschichte unseres Ordens, von den ersten Tagen auf dem Berg Karmel, ist durchdrungen von Marias Gegenwart.
Vor allem ist Maria ein Vorbild für die Nachfolge Jesu (Jüngerschaft) im Glauben und in der Kontemplation. Wie Theresia erfahren hat, lehrt uns Maria vor allem die Haltungen des Gebets: Unterscheidung, Bereitschaft (Verkündigung); Lob und Dankbarkeit für das, was Gott in der Geschichte den Armen und Einfache bewiesen hat (Magnificat); Vertrauen (Hochzeit in Kana); geduldiges und kontemplatives Warten, alles im Herzen zu bewahren, ohne verstehen zu müssen, bis das Licht aufgeht (Jesus im Tempel finden); Treue in Zeiten der Prüfungen (unter dem Kreuz); Gemeinschaft und ein Sinn für die Kirche (Gebet mit den Jüngern).

Prophetisches Zeugnis angesichts großer Herausforderungen

55. Christen, insbesondere diejenigen, die ein geweihtes Leben führen, sind berufen, prophetisches Zeugnis abzulegen, indem sie die Werte des Evangeliums verkünden und alles ablehnen, was diesen Werten entgegensteht. Als Johannes Paul II. den prophetischen Charakter des geweihten Lebens „als eine Art einzigartigen Teilnahme an der prophetischen Aufgabe Christi, die der Heilige Geist dem ganzen Gottesvolk verleiht“ herausstellte, nannte er als Vorbild eines authentischen Propheten die Person des Elia, „eines mutigen Propheten und Freundes Gottes“. Er beschreibt ihn so: Elia lebte in der Gegenwart Gottes „und betrachtete das ‚Vorübergehen Gottes‘ in der Stille, er bat für das Volk und verkündete mutig den Willen Gottes; … er erhob sich zum Schutz der Armen gegen die Mächtigen dieser Welt“.48

56. Aus dieser Perspektive kann Theresia von Lisieux als Prophetin neuer Zeit angesehen werden. Zu Recht wurde sie als „Prophetin der Jugend“, „Zeichen der Hoffnung“, „Prophetin der Heiligkeit als allgemeinem Beruf in der Kirche“, „Prophetin der Aktualität der Erlösung“ bezeichnet, die die unsichtbare Kraft der Liebe betont.49 Als Frau, deren lebensmäßige österliche Wanderung (Pascha – Übergang) durch große Sehnsüchte gekennzeichnet ist, hat Theresia sehr viel zu sagen zu den Suchenden und unzufriedenen Menschen.
In Übereinstimmung mit der Tradition des Karmels sieht Theresia im Propheten Elia ein Lebensvorbild. Sie wird nicht nur von seiner Erfahrung Gottes im „sanften Lüftchen“ angezogen,50 sondern auch von seinem Kampf gegen die Propheten Baals: „Nachdem er die großartigen Anfänge unseres heiligen Ordens aufgezeigt und uns mit dem Propheten Elia verglichen hat, der gegen die Propheten Baals kämpfte, erklärte er, dass ‚ähnliche Zeiten wie zur Verfolgung Achabs wiederkommen werden‘. Es schien uns, als würden wir schon dem Martyrium entgegen eilen…“.51

57. In der Treue zu unserem karmelitanischen Beruf ist es unsere Aufgabe, prophetisches Zeugnis abzulegen, und zwar durch ein Leben, das die Vorrangstellung Gottes betont und seine Gegenwart im Herzen der Welt erfahren lässt. Wir sind berufen zur Offenheit, die es uns ermöglicht, die Gegenwart Gottes immer neu und überraschend zu entdecken – so wie Elia sie im sanften Lüftchen entdeckte; zu einer Offenheit, die uns anregt, den Brüdern und Schwestern in ihrem Kampf um die totale Befreiung zu dienen. Brüderliches Leben ist bereits ein prophetischer Akt in einer Gesellschaft, die, auch wenn sie sich dessen oft nicht bewusst ist, sehr nach grenzenlosem Brüdersein verlangt.“ Darüber hinaus „geht die besondere überzeugende Kraft des Prophezeihens aus der Übereinstimmung zwischen der Verkündigung und dem Leben hervor“.52

Lebendige und orientierende Gegenwart

58. Der evangelische Charakter der Erfahrung und Lehre von Theresia von Lisieux verleiht ihnen bleibende Bedeutung. Die Einfachheit, das Vertrauen und die Hingabe an Gott, wie sie Theresia von Lisieux lebte und verkündete, ermutigen zum Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.53

59. Theresias Einfluss auf die heutige Kirche und Welt ist unbestreitbar. Sie spürte dies, als sie kurz vor ihrem Tod sagte: „Vor allem fühle ich, dass meine Mission bald beginnt, meine Aufgabe, die Menschen dazu zu lehren, Gott so zu lieben, wie ich ihn liebe, und meinen Weg den Seelen zu zeigen. Wenn guter Gott meine Wünsche erfüllt, wird mein Himmel auf Erden bis zum Ende der Welt sein. Ja, ich will meinen Himmel so erleben, indem ich Gutes auf Erden tue“.54

Schlussfolgerung

Mit unserer Schwester Theresia unser kontemplatives und apostolisches Leben erneuern

60. Hundert Jahre nach dem Tod unserer Schwester Theresia ist Gott eingeladen, dass wir uns im Licht ihrer Erfahrung und ihrer Lehre erneuern. Wie Johannes Paul II. allen Ordensleuten und Nonnen gesagt hat, dürfen wir nicht nur „unsere ruhmreiche Vergangenheit erinnern und darüber erzählen, sondern auch neue ruhmreiche Geschichten schaffen!“ Wir müssen in die Zukunft schauen, „dorthin, wohin euch der Heilige Geist sendet, um durch euch großartige Dinge zu tun“.55
Unsere Schwester Theresia zeigt uns den Weg, den wir gehen müssen – den Weg der Rückkehr zum Evangelium als den einzigen Weg zum Leben wahrer schöpferischer Treue zu unserem Charisma.

61. Theresia lehrt uns: Die zentrale Bedeutung hat die Liebe. Sie führt zur Einfachheit und gibt wahre Freiheit und Befreiung, sie führt uns zu einer reifen christlichen, religiösen und karmelitischen Identität. In einer Welt voller Angst und Furcht bringt sie uns zu Vertrauen und Hingabe an den Herrn, der über alle Schwierigkeiten siegt. Gegenüber unserem von der Realität losgelösten Idealismus stellt sie spirituellen und evangelischen Realismus, sodass wir glaubwürdige Propheten des Gottes sein können, der gegenwärtig ist, nahe ist und befreit.
Wie bereits gezeigt, ist Theresias Botschaft eine Herausforderung für die Spiritualität der heutigen Kirche und betrifft nicht nur diejenigen, die sich der Kontemplation gewidmet haben, sondern auch diejenigen, die im Bereich der Evangelisierung arbeiten, indem sie sich menschlichem Fortschritt, Entwicklung und Befreiung widmen.56 Spirituelle Kindheit ist ein evangelisches Konzept, das sowohl das Bewusstsein einschließt, dass wir alle das Geschenk empfangen haben, Kinder Gottes zu sein, als auch die Antwort: Dieses Geschenk führt uns zur Gemeinschaft.

62. Brüder und Schwestern im Karmel: Lasst uns dem Herrn danken, dass er der Kirche, der Welt und dem Karmel unsere Schwester Theresia von Lisieux gegeben hat. Mögen wir ihre Gegenwart und Nähe erfahren, wenn wir das hundertjährige Jubiläum ihres Todes feiern und wenn wir in unserem Leben des Gebets, der Brüderlichkeit, des apostolischen Einsatzes und des Zeugnisses für unseren Herrn Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes fortfahren!

In Rom, 16. Juli 1996, am Fest der Jungfrau Maria vom Karmel.

P. Joseph Chalmers, O.Carm., P. Camilo Maccise, OCD


1 2 3 4 5