Piotr Bakalarz
Es kommt vor, dass wir beten, ohne die tiefere Bedeutung der Worte, die wir aussprechen, zu verstehen. Wir sprechen die Worte vieler Gebete wie Schulaufsätze nach und bringen Gott so nur mit den Lippen Ehre, nicht aber mit dem Herzen. So werden wir zu einem bloßen Instrument, das nur durch den Musiker spielt, aber sofort verstummt, sobald es beiseitegelegt wird.
Gutes Gebet benötigt nicht viele Worte. „Seid nicht viele Worte machend,“ sagt der Herr Jesus, als er uns das kurze, aber gehaltvolle „Vaterunser“ empfiehlt. Wir haben Grund zu erwarten, dass wir darin das finden, was Gott besonders lieb ist, was für ihn und für uns bedeutend ist. Lassen wir uns bemühen, den Inhalt des Vaterunsers näher zu bringen, damit wir dieses tägliche Gebet mehr mit Herz und Verstand als nur mit den Lippen beten.
VATER UNSER
Die Worte, mit denen das Vater unser beginnt, verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, da sie uns zu einer Erkenntnis der Eigenschaften Gottes führen.
Erstens hebt das Wort „unser“ deutlich hervor, dass die Gnade Gottes kein Privileg für irgendjemanden ist, da sie alle Menschen umfasst. Eine frohe Botschaft ist auch, dass wir über Gott als unseren Vater und Freund sprechen können und nicht als über einen Direktor oder Herrscher, also über jemanden, der alles ins Leben gerufen hat und uns allein gelassen hat. Jesus sagte doch: „Ich nenne euch nicht mehr Diener ... sondern ich habe euch Freunde genannt ... Der Vater gibt euch, was ihr ihn in meinem Namen bittet“ (Joh 15,15–16). Der Vater ist schließlich jemand, der uns sehr nahe steht, dessen Sorgen und Wünsche uns wirklich am Herzen liegen. Er hat die Macht, unser Leben zu lenken und uns wie seine geliebten Kinder zu führen, solange wir nicht vorzeitig „erwachsen“ und weise werden. Deshalb wiederholt Jesus, dass wir wie Kinder sein sollen, denn Kinder streben nach Unterweisung und kennen nicht die Arroganz des Stolzes.
DER DU IM HIMMEL BIST
Dieser Teil des Vaterunsers definiert genau den Ort, wo Gott wohnt – den Himmel. Es ist nicht so, wie es die Anhänger östlicher Religionen und der New-Age-Bewegung behaupten, dass Gott in uns wohnt, sondern vielmehr „mitten unter uns“ (Mt 18,20). Die Ansicht, dass Gott im Menschen wohnt, ist unbiblisch und führt letztlich zu einer falschen Vergöttlichung des eigenen Selbst. Es sind uns allen bekannte Echos des Paradieses, wo Eva ebenfalls in ihrer Ungehorsamkeit den Wunsch hatte, Gott gleich zu sein, sich zu einem höheren Bewusstseinszustand zu erheben und das Gute und das Böse „wie Gott“ zu erkennen (Gen 3,5). Das bedeutet jedoch nicht, dass sein Geist nicht in uns wirkt, unser Herz nicht erwärmt, den Verstand nicht erleuchtet; aber er ist mit Sicherheit nicht unser fester und untrennbarer Teil, den wir in uns finden und „freisetzen“ müssen.
GEHEILIGT WERDE DEIN NAME
Es bedarf keiner Überzeugung, wie groß die Bedeutung des Respekts gegenüber dem Namen Gottes ist. Es bleibt nur die Frage: Wie lautet sein Name und wo finden wir ihn? Oft wird er in Bezug auf seine Person definiert. Die Antwort auf diese Frage finden wir in den zehn Geboten (Ex 20,1–17), die sozusagen die ewige Verfassung des auserwählten Volkes sind, in die sein Name für immer eingraviert ist. Nach den Worten des Dekalogs bilden zwei Bezeichnungen, Erlöser und Schöpfer, gemeinsam seinen heiligen Namen. Als Erlöser ehren wir ihn, indem wir an das Opfer Christi glauben, als Schöpfer verehren wir ihn, indem wir den Tag des Herrn heiligen und glauben, dass die ganze Welt durch seine Hand geschaffen wurde.
DEIN REICH KOMME
Nach der Himmelfahrt des Herrn Jesus warteten die Apostel ungeduldig auf seine verheißene Rückkehr. Sie wussten nicht, wann dies geschehen würde, waren sich aber sicher, dass es bald sein würde. Die Worte des Meisters: „Ja, ich komme bald“ (Offb 22,20) erfüllten sie mit Vertrauen und Liebe. „Komm, Herr Jesus!“ Diese Worte drücken am besten sowohl die Ehrerbietung des geliebten Jüngers als auch das Empfinden der gesamten Kirche Gottes – der Braut, die immer auf ihren Geliebten wartet (Offb 22,17). Warum aber hat der Herr Jesus gesagt, dass er bald kommen wird, wenn er bis jetzt nicht in seiner Herrlichkeit gekommen ist? Die Antwort ist einfach. Bei Gott ist „ein Jahr wie ein Tag“ (Ez 4,6); daher ist für ihn die Zeitspanne von zweitausend Jahren wie ein kurzer Augenblick, obwohl es für uns eine unglaublich lange Zeit ist. Zweitens sollten die Worte Christi über seine schnelle Rückkehr die Christen zu einem Zustand ständiger Bereitschaft inspirieren, zum „Öl in den Lichtern aufbewahren“, wie es in einem Gleichnis erwähnt wird. Der Herr Jesus empfahl seinen Jüngern, wachsam zu sein – diesen Aufruf verzeichnen alle Evangelien – denn er wird unerwartet „wie ein Dieb“ kommen. Auf diese Warnung sollten wir nicht vergessen, da sie Teil des Vaterunsers ist, das wir täglich wiederholen.
DEIN WILLE GESCHEHE WIE IM HIMMEL, SO AUF ERDEN
Hier finden wir einen äußerst wichtigen Aspekt unserer Beziehung zu Gott. Gerade diese Worte sprechen davon, wodurch sich ein Christ auszeichnen soll: es geht um Demut. Diese schöne Tugend des Geistes ist der Schlüssel zu unserer Beziehung zum himmlischen Vater. Den schönsten Ausdruck von Demut sehen wir im Gebet Christi. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lk 22,42). Er war ein Beispiel für die Jünger. Den Willen Gottes zu erfüllen, sollte uns am wichtigsten sein, alles andere wird uns hinzugefügt werden.
Dieser Teil des Gebets des Vaterunsers berührt auch eine weitere Realität. Wie wir wissen, hat Gott, der im Himmel regiert, den gefallenen Engel auf die Erde gestürzt, die zur Heimat des Satans wurde. Deshalb ist dieser Teil des Gebets eine Bitte an Gott um sein gnädiges Regieren auf Erden in Gerechtigkeit und Freiheit, da der Feind Gottes ganz andere Herrschaftsarten verwendet: Unterdrückung und Gewalt.
UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE
Brot ist für alle ein Symbol des Lebens. Die Bitte des Volkes Gottes, die in diesem Fragment Ausdruck findet, hat nicht nur den Charakter einer Bitte um Brot, mit dem wir unseren Körper nähren („sorgt euch nicht um das, was ihr essen werdet ...“), sondern vielmehr die Sorge um die spirituelle Nahrung – das Wort Gottes. Jesus drückte eindringlich aus, dass „der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt“ (Mt 4,4). Indem wir von dem Tisch essen, den uns der Herr bereitet hat, stärken wir unser geistliches Wachstum und vertiefen unser christliches Bewusstsein, das für jeden Nachfolger Christi so wichtig ist.
Doch dieser Teil des Gebets enthält noch eine weitere Lehre. Es geht darum, dass wir Gott um das Geschenk des Brotes bitten müssen. Und nicht ihn darum bitten oder umgekehrt passiv auf dieses Geschenk Gottes warten, als hätten wir ein Recht darauf. Und wiederum in schönem Einklang mit diesen Worten sagt der Herr Jesus: „Bittet, und es wird euch gegeben“ (Lk 11,9). Ein Gebet, das aus der Heiligen Schrift hervorgeht, bringt immer gute Früchte.
UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN. AMEN.
Wie oft stimmen unsere Bemühungen nicht mit dem Willen Gottes überein. Es kommt vor, dass wir von seinem Weg abweichen, in Irrtümer fallen und uns von seinen unveränderlichen Gesetzen entfernen. Wenn wir uns auf die Wiederkunft Jesu Christi vorbereiten, müssen wir also um seine Gnade beten, dass wir nicht unseren eigenen Wegen folgen und ihm treu nachfolgen, indem wir seinem Namen Ehre erweisen. Hartnäckiges Verweilen in der Sünde entfernt uns von dem, der die Macht hat, uns zu retten.
Die letzten Worte des Vatergebets lehren uns auch, dass diejenigen, die der Gnade Gottes nicht Beachtung schenken, sich nicht auf die Hilfe Gottes verlassen können und vollkommen vom Weg abkommen können. Lasst uns beten, dass dies niemandem von uns passiert. Lasst uns die Flamme des Glaubens in uns erhalten und uns nicht von Rückschlägen entmutigen lassen, die niemanden von uns verschonen.
Aus der polnischen Zeitschrift W cieniu Karmelu (Nr. 2/1995, S. 12–14)
Übersetzt von Růžena Kouřimová.
Zitate aus der Heiligen Schrift nach der ökumenischen Ausgabe der Bibel
(Zvon, Prag 1991).