Die Taufe des Herrn und das Thema der Barmherzigkeit

P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.

karmel 4 2016 krestTheologen sagen, dass die Taufe von Jesus im Jordan eines der wichtigsten Ereignisse seines Lebens ist. Deshalb sprechen alle vier Evangelien1 und stellen sie als den Beginn seines öffentlichen Wirkens dar.

Nur das Evangelium nach Matthäus gibt die Stimme des Vaters aus dem Himmel in der Weise wieder, dass der Vater zu den Menschen spricht, die um ihn herumstehen, also auch zu uns (Mt 3,17). Dem Bericht des Markus (Mk 1,11) und des Lukas zufolge spricht die Stimme des Vaters zu Jesus: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Lk 3,22). Uns, den Lesern und Hörern des Evangeliums, wird zuteil, geistig Zeugen dieses Ereignisses zu sein, zuzuhören und zu versuchen, es zu verstehen.

Der Vater versichert hier den Sohn über seine Identität und über seine Liebe zu ihm. Damit bestärkt er ihn in dem Entschluss, das zu tun, was der Vater wünscht, den Willen des Vaters zu erfüllen.

Welches Bedeutung hatte das für Jesus? Vielleicht übertreiben wir nicht, wenn wir sagen, dass es große Bedeutung hatte. Die Annahme dieser Worte des Vaters stellt einen wichtigen Moment in seiner Beziehung zum Vater dar. So verstehen wir es, wenn wir versuchen, die Konsequenzen zu durchdenken, dass Jesus der wahre Mensch ist. Denn selbst wir – trotz aller Härte unseres Herzens – wären einem solchen Bekenntnis nicht gleichgültig. Es würde für uns viel bedeuten. Umso mehr für Jesus.

Aber auch für uns – die „Herumstehenden“ – hat es große Bedeutung, dass wir an diesem Bekenntnis des Vaters teilnehmen können. Hier hören wir voll und ganz, wer Jesus ist, freuen uns darüber und bestärken uns in dem Wunsch, danach zu leben. Und seit 2003, als Johannes Paul II. das Ereignis der Taufe des Herrn als eines der Geheimnisse des Lichtrosenkranzes wählte,2 meditieren wir häufiger darüber, und es ist uns nähergekommen.

Besonders anspricht mich immer wieder die Demut Jesu. Er, der Unschuldige, reiht sich „in die Schlange“ der Sünder (Egoisten, Diebe, Lügner, Grobiane, Unzüchtigen, Faulenzer, geistliche Nachlässige usw.) ein und trat so vor Johannes, um sich im Wasser der Taufe Johannes waschen zu lassen. Um anzunehmen: „eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mt 3,11 und par.).

Kurz nach dem Ende des Jahres, in dem wir versucht haben, achtsamer und offener für die Barmherzigkeit Gottes zu sein, möchte ich betonen: gerade in diesem Moment, in dem Jesus seine Solidarität mit den Sündern zeigt, hat der Vater ihn bezeugt: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Das geschah also nicht in einem „großen“ Moment: bei Jesu Besuch im Tempel von Jerusalem (wie im Fall der Ankunft Gabriels bei Zacharias), geschah es nicht, als Jesus in Kafarnaum oder Nazareth aus der Schrift las und „alle in der Synagoge ihn anstarrten“ (Lk 4,20), noch in dem Moment von Jesu persönlichem Gebet im Verborgenen auf dem Berg (wie es später bei der Verklärung geschehen wird – Mt 17,5 und par.). Nein. Aber gerade in dem Moment, als Jesus sich unter die Sünder mischte wie einer von uns, als es offensichtlich war, dass es ihm einfach um uns ging und dass er uns helfen wollte, gerade in diesem Moment sprach der Vater zu ihm, versicherte ihm und ermutigte ihn: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“

Das Jahr der Barmherzigkeit ist zu Ende gegangen. Dankbar dafür und für alles, was es uns gebracht hat, wollen wir uns an Jesus halten. Lassen wir uns niemals wegen irgendeiner begangenen Sünde verzweifeln, fürchten wir uns nicht vor chronischen Versuchungen und Laster, die wir mit uns schleppen und die trotz all unseren Bemühungen so oft über uns siegen, verachten wir uns nicht wegen unserer so oft offenbar gewordenen Schwäche. Nehmen wir den demütigen Jesus an, vertrauen wir auf seine Barmherzigkeit und auf den Wunsch, uns Schwachen zu helfen. Freuen wir uns über die Worte des Vaters und über die Gegenwart des Heiligen Geistes. Lassen wir auch so seine Taufe „mit dem Heiligen Geist und mit Feuer“ (Mt 3,11) lebendig werden, die wir bereits empfangen haben und die immer mehr in uns geschehen kann.