Ablass – Ausdruck der Fülle der Barmherzigkeit des Vaters

P. Vojtěch Kodet, O.Carm.

In diesem Jahr des großen Jubiläums der Inkarnation bereitet der Karmeliterverlag im Rahmen der Reihe „Autor – Thema“ die Veröffentlichung eines kleinen Buches mit dem Titel „Großes Jubiläum mit P. Vojtěch Kodet“ vor. Es enthält vierzig Meditationen von P. Vojtěch zu wichtigen Themen, die mit dem Jubiläum verbunden sind, und soll als Hilfestellung für eine intensivere Feier des großen Jubiläums dienen.

Wir haben für die Leser des Karmels einige Texte ausgewählt, die sich auf das Thema beziehen, das bei uns historisch belastet ist (seit dem 14. Jahrhundert), oft übersehen, wenig verstanden und unterbewertet wird: die Praxis des sogenannten Ablasses.

Ablass

Ein weiteres besonderes Zeichen (neben Wallfahrten, Heiligen Pforten) sind die Ablässe, die eines der grundlegenden Elemente des Jubiläums darstellen, in denen die Fülle der Barmherzigkeit des Vaters zum Ausdruck kommt. Gott verbreitet durch den Dienst der Kirche seine Barmherzigkeit in der Welt durch ein kostbares Geschenk, das den alten Namen „Ablass“ trägt (IM 9).

Mit dem gnädigen Jahr hat die Kirche erneut die Frage aufgeworfen, ob Ablässe heute noch ein wahrhaftiges, angemessenes und verständliches Zeichen der Buße sind. Der Heilige Vater hat sie als kostbares Geschenk Gottes und der Kirche und als ein besonderes Zeichen des Jubiläums und eines seiner grundlegenden Elemente bezeichnet. Es ist zu beachten, dass wir in unserer Zeit und in unserer Ortskirche in der Frage der Ablasstradition der Kirche mehr von der tendenziösen Auslegung unserer Geschichte aus den vergangenen Jahren beeinflusst sind als von den Lehren der Kirche. Im Leben der Kirche hat sich die Praxis des Ablasses vor allem im Zusammenhang mit den Allerseelen bewahrt, wenn wir Ablässe für die Verstorbenen opfern, und als Bittablässe, die man am 2. August verdienen kann. Es wird gut sein, wenn wir uns wenigstens kurz vergegenwärtigen, worum es dabei tatsächlich geht.

Ablässe sind ursprünglich ein Überbleibsel aus der alten Bußpraxis. In der patristischen Zeit war der gesamte Bußprozess dem Bischof unterstellt. Dieser legte fest, welche Buße der Sünder zu leisten hatte und wie lange er daran gebunden war. St. Augustinus erwähnt, dass es viele Büßer gab: „Es kommen immer mehr Büßer, sodass, wenn die Hände auf sie gelegt werden, eine lange Reihe von Menschen vorhanden ist.“ Seit dem 4. Jahrhundert nahmen die Strenge und die Dauer der Buße zu. Oft dauerte die Buße Jahrzehnte. Im Mittelalter gab es bedeutende Veränderungen in der Bußpraxis. Zunächst wurde die Reihenfolge der einzelnen Teile der Buße vertauscht. Sünder erhielten die Absolution sofort nach der Beichte und nicht erst nach der Buße. Dadurch verwischte auch der Sinn der Buße als heilender Maßnahme, die zu einer vollkommeneren Umkehr führte. Nach und nach entstanden Listen, in denen einzelnen Sünden feste Bußwerke zugewiesen wurden. Seit dem 10. Jahrhundert erscheint die Praxis der Milderung dieser Buße durch Ablässe, die unter bestimmten Umständen verdient werden konnten. Ablässe selbst haben niemals Sünden vergeben, sondern milderten die Buße. In der heutigen Praxis der Kirche helfen sie uns, die Folgen von Sünden zu beseitigen.

Folgen der Sünden

„Die erzielte Versöhnung mit Gott schließt das Bestehen bestimmter Folgen der Sünde nicht aus, von denen man sich reinigen muss. Und gerade in diesem Bereich gewinnen die Ablässe an Bedeutung, durch welche sich die vollkommene Gabe der göttlichen Barmherzigkeit ausdrückt“ (IM 9).

Jede Sünde hat ihre traurigen Folgen. Die äußeren sehen wir: gestörte Beziehungen, geschädigte Gesundheit, zerstörte Dinge, Schäden, die anderen Menschen oder der Gesellschaft zugefügt wurden. Die inneren hingegen sind uns oft nicht bewusst. Auch bei unseren Beziehungen zu uns selbst, zu anderen und zu Gott bemerken wir oft nur das, was wirklich nicht zu übersehen ist: wenn sich jemand über uns ärgert oder nicht mit uns spricht, wenn wir selbst uns nicht mit dem versöhnen können, was geschehen ist, und die Tatsache unseres Scheiterns oder auch uns selbst ablehnen, oder wenn wir mit Gott streiten und unzufrieden mit ihm sind... Die gespenstischsten Folgen der Sünde können wir jedoch meist überhaupt nicht erkennen und oft nicht einmal zulassen, geschweige denn eingestehen. Mit jeder Sünde wird unser Herz verhärtet und wir werden immer weniger fähig, auf das Wort Gottes zu hören und auf die Züge göttlicher Liebe zu reagieren. In uns weist der Panzer verborgener Eitelkeit, der uns hindert, mit Gott in gehorsamer Unterwerfung und kindlichem Vertrauen zu leben, immer stärkere Züge auf. Wir werden immer undurchsichtiger und verlieren die innere Unschuld und Offenheit. „Denn wir sind durch eine Art Trägheit und Schläfrigkeit unserer Natur gelähmt, und die Schwäche unseres Geistes hält uns in Unkenntnis und hindert uns, Gottes Lehre zu verstehen“ (St. Hilarius). Damit verlieren wir auch die Fähigkeit, über die Größe Gottes und seines Werkes zu staunen, wir sind immer weniger in der Lage, Gott zu loben und ihm zu danken. Wir werden zu einem widerspenstigen Volk mit einem harten Nacken. Die Folgen der Sünde führen dazu, dass sich der Mensch Gott entweder widersetzt oder um ihn herum schleicht. Er ist voll von sich selbst und seinen Ideen und Wünschen, nicht bereit, etwas Wesentliches zu ändern. Er nimmt nicht einmal wahr, dass er sich ständig herausredet und rechtfertigt, oder wird immer gleichgültiger und verhärteter. Wir benötigen eine innere Reinigung.

Gott weiß gut um unsere inneren Hindernisse, die wir so in unserem Herzen wachsen ließen, und lädt uns ein, sie zu beseitigen. Wir müssen aufhören, uns dem Wirken Gottes in uns zu widersetzen, und beginnen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein Weg sind auch die Ablässe.

Zeitliche Strafe

„Zweitens ruft jede Sünde, auch die alltägliche, ein schädliches Festhalten an den Geschöpfen hervor, das gereinigt werden muss, sei es hier auf Erden oder nach dem Tod. Diese Reinigung befreit von dem, was als ‚zeitliche Strafe für die Sünde‘ bezeichnet wird“ (IM 10; KKK 1472).

Wenn zu ewigen und zeitlichen Strafen im Zusammenhang mit Gott gesprochen wird, überkommt den Menschen ein Schauer, und er denkt sich: „Das kann nicht sein! Bestraft Gott wirklich?“ Im Neuen Testament lesen wir, dass „er den bestraft, den er liebt, und jeden schlägt, den er als seinen Sohn anerkennt“ (Hebr 12,6). Viele von uns haben auch in Predigten gehört, dass der Gott des Alten Testamentes ein strafender Gott der Gerechtigkeit ist und der Gott des Neuen Testamentes ein liebender Gott der Liebe. Viele von uns haben in ihrer Kindheit sogar gehört: Der Herr wird dich bestrafen!

Unsere Erfahrung mit menschlicher Liebe und Gerechtigkeit ist für unsere Beziehung zu Gott einerseits sehr wichtig, andererseits aber auch sehr gefährlich. Es ist schwierig und manchmal irreführend, über das Unaussprechliche mit menschlichen Worten zu sprechen und auf der Basis menschlicher Erfahrungen aus menschlichen Beziehungen. Gott ist völlig anders als wir Menschen, denn er kennt kein menschliches Egoismus und Stolz. Er wird in seinem Denken und Handeln nicht von dunklen Strömungen des Unbewussten beeinflusst. Gott ist vollkommen gut und barmherzig, er ist voller Liebe und Mitgefühl und als solcher fähig zu keinem Gewaltakt gegen den Menschen und jeglichem Übel. Wenn die Heilige Schrift von einem strafenden Gott spricht, gibt sie Zeugnis von der geheimnisvollen Kraft des Bösen, die im Leben des Menschen ihre tödlichen Früchte bringt. Strafe ist niemals ein aktives Handeln Gottes gegenüber dem Menschen, sondern die Folge unserer Sünden, unserer Unfähigkeit, auf Gott zu hören und auf seine Liebe zu antworten. Wenn wir im Rahmen des Lebens mit Gott von Strafen sprechen, geht es stets darum, dass wir uns selbst bestrafen. Gott lässt die Folgen unserer Sünden auf seine Geliebten fallen, damit er sie erziehen, reinigen und noch intensiver zu sich ziehen kann. Dies darf nicht als „eine Art von Rache, mit der Gott den Sünder äußerlich bestraft“, sondern als die Konsequenzen verstanden werden, die sich aus dem Wesen der Sünde selbst ergeben“ (KKK 1472).

Israel hat die grundlegende Erfahrung mit dem Gott, der befreit, mit dem Gott, der der Vater seines Volkes ist und so handelt. Die Strafe Gottes ist dasselbe wie die Machtlosigkeit Gottes vor der Härte und dem Stolz unseres Herzens, die so leicht an dem Festhalten, was vergänglich ist, haftet.

Auf dem Weg der Demut

„Wenn Gläubige Ablässe verdienen, erkennen sie, dass sie mit ihren eigenen Kräften das Böse, das sie durch ihre Sünde selbst verursacht haben, nicht beheben können, und deshalb ermuntert sie das zu heilsamen Akten der Demut“ (IM 10)

Demütig sind wir nicht. Ein Mensch kann nur durch die Gnade Gottes allmählich demütig werden. Auch verschiedene Erniedrigungen können uns diese nicht geben, denn auch diese können wir stolz erleben. Erniedrigungen können uns von unseren Illusionen über uns selbst befreien, aber nur dann, wenn wir sie vor dem Angesicht Gottes und in Verbindung mit ihm erleben. Erniedrigungen können uns von naiver Unkenntnis über uns selbst befreien.

Demut gibt der Mensch Gott. Jesus ist für uns das vollkommene Beispiel der Demut, und deshalb bitten wir ihn auch, unser Herz demütig zu machen wie sein Herz. Demütig werden wir dadurch, dass wir von Gott angezogen, fasziniert und überwältigt werden. Solange wir „um uns selbst kreisen“, werden wir niemals in der Wahrheit stehen. Nur Gott gibt uns einen wahrhaften Blick auf uns und unsere Fähigkeiten und Kräfte, aber auch auf unsere Sünden. Er öffnet uns die Augen, um zu erkennen, dass wir ohne ihn wirklich nichts können (vgl. Joh 15,5). Ablässe kann nur ein gläubiger Mensch verdienen, also einer, der sich nicht auf sich selbst verlässt, sondern seine Hoffnung auf Gott und seine Barmherzigkeit setzt. Ablässe sind nicht nur ein äußerer Akt, mit dem wir irgendein Übel, das wir begangen haben, beseitigen. Beim „Verdienen“ von Ablässen geht es vor allem um die innere Umwandlung von uns selbst. Es geht um den Kampf in unserem Herzen, das zwar einerseits zu Gott drängt, aber andererseits – gerade durch die Sünde – in sich moralisch nicht akzeptable Neigungen zu den Geschöpfen und Vorliebe für das Böse trägt. Es geht auch um die Umwandlung unserer Beziehungen, die wir durch die Sünde gestört haben und die wir selbst nicht heilen können. Sind wir uns dessen bewusst, hören wir gerne zu und handeln, was uns die Kirche aufträgt. Es ist einer der Wege, wie wir uns auch bereit machen können, uns einmal demütig zu wählen: zuzuhören und das zu tun, zu dem wir aufgerufen werden.

Geistliches Gemeinschaft

„Für Ablässe zu beten, bedeutet, in die geistliche Gemeinschaft einzutreten und sich vollständig für andere zu öffnen. Auch im geistlichen Umfeld lebt niemand für sich allein“ (IM 10).

Paul VI. schrieb in seinem Brief vom 14. Juli 1966: „Ablässe sind keine billige Lösung, um sich der notwendigen Buße für die Sünden zu entziehen, sondern bieten eine Stärke, die die einzelnen Gläubigen mit dem bescheidenen Bewusstsein ihrer Schwäche im geheimnisvollen Leib Christi finden, der mit Liebe, Beispiel und Gebet an ihrer Umkehr mitarbeitet.“

Wir brauchen einander. Die Kirche ist ein Geschenk für uns alle. Ein Mensch geht niemals allein zu Gott, nur dauert es manchmal lange, bis er es erkennt und lernt, dafür dankbar zu sein. Die geistliche Gemeinschaft der Gläubigen ist der einzige richtige Rahmen, um das Evangelium zu leben. Der Sohn Gottes selbst schuf von Anfang an Gemeinschaft und lebte selbst in ihr. In der Gemeinschaft können wir nicht suchen, was uns nur Gott geben kann, aber sie ist dennoch der Ort, an dem Gott uns beschenkt – oft durch andere. Sie ist für uns der Raum, in dem wir unsere Brüder und Schwestern auch mit ihren Schwächen lieben können. Oft bedeuten wir selbst für andere eine sehr unangenehme Last und bereiten ihnen Schmerz, manchmal sind wir für sie eine Freude und ein Geschenk. Wir sind uns oft nicht einmal bewusst, was uns die Nähe von Menschen bedeutet, die beten, Gott lieben - zumindest so gut sie können, versuchen, Gutes zu tun und auch uns lieben. Nichts ist selbstverständlich. Die geistliche Gemeinschaft ist noch reeller als die leibliche Gemeinschaft. Auf dieser Welle lernen wir uns für andere zu öffnen und zu geben, aber auch in diesem Bereich nehmen wir an und werden unterstützt, oft ohne es zu bemerken. Die gesamte Praxis der Ablasserechnung geht von dieser Gemeinschaft des Geistes, der Liebe und des Opfers aus. Wir brauchen andere, wir brauchen auch ihr Fürbitte und Hilfe. Der Tod trennt uns darin nicht, denn in Christus leben alle für Gott. Oft helfen uns die Heiligen durch ihre Fürbitte auf unserem Weg mehr, als wir ahnen können.

Um die Bedeutung der Ablässe und ihren Platz in der Bußpraxis der Kirche gründlich zu erhellen, wäre es sicherlich angebracht, noch andere relevante Kapitel des Buches zu zitieren. Wir beschränken uns darauf, wenigstens ihre Titel zu erwähnen: Vergebung und Buße, Sünde, Heilung von Beziehungen, Wert des Guten, Stellvertretung, Sehnsucht nach Heiligkeit.

Das Buch sollte in den nächsten Wochen erscheinen.