„… den Menschen Freiheit lassen“

Johannes vom Kreuz

(Lebendiges Feuer der Liebe 3,59–61)

Nehmen wir an, dass du als geistlicher Leiter für jemanden geeignet bist, vielleicht für jemanden, der nicht zu einem fortgeschritteneren geistlichen Weg berufen ist. Aber du kannst nicht allen Menschen gerecht werden, die du nicht loslässt. Gott führt jeden auf einen anderen Weg, denn es gibt keinen Charakter, der nur zur Hälfte einem anderen ähnlich wäre. Wer kann schon von sich sagen wie St. Paulus, dass er für alle alles sein kann, um alle zu gewinnen? So zwingst du die Menschen, nimmst ihnen die Freiheit und wagst zu denken, dass du das gesamte Evangelium umfasst hast, so dass du die Menschen ganz auf dich fokussieren willst, noch schlimmer: du ärgerst dich, wenn sie eine Erklärung bei jemand anderem suchen. Es kann schließlich sein, dass jemand mit jemand anderem eine Angelegenheit bespricht, weil es nicht gut wäre, sich darüber mit dir zu beraten, oder weil Gott ihn selbst dazu inspiriert, weil der andere ihn Dinge lehren kann, die du nicht könntest. Du hingegen – das sage ich nicht ohne Scham – machst ihm eifersüchtige Szenen, wie sie bei Eheleuten vorkommen. Das hat kaum etwas mit Eifer für die Ehre Gottes und für das Seelenheil zu tun! Denn du wirst nicht so dreist sein, zu behaupten, dass der Mensch, der sich deshalb beleidigt fühlt, Gott beleidigt hat. Es ist deine Eifersucht auf deinen eigenen Hochmut, dein Stolz oder etwas anderes aus deinen unvollkommenen Neigungen. Gegen solche geistlichen Leiter ist der Zorn Gottes groß! Durch Ezechiel droht er ihnen: „Ihr habt euch mit der Milch meiner Herde ernährt und euch mit ihrer Wolle bekleidet. Aber ihr habt meine Herde nicht geweidet. Aus euren Händen werde ich meine Herde zurückfordern“ (Ez 34,8).

Geistliche Leiter müssen den Menschen Freiheit lassen. Und sie sind verpflichtet, ihre Freundschaft zu bewahren, wenn diese eine bessere Führung suchen. Denn der geistliche Leiter kann nicht wissen, welchen Weg Gott selbst für den Menschen wählt, besonders wenn derjenige mit der bisherigen Führung unzufrieden ist – was nur ein Zeichen dafür ist, dass er mit der bisherigen Art nicht vorankommt. Entweder möchte Gott selbst weiterhin führen oder ein anderer geistlicher Führer ist geeigneter…

(Johannes vom Kreuz: „… Den Menschen Freiheit lassen“,
in: Lebendige Flamme der Liebe, 3,59–61, Karmel-Impulse 5/1995)

Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola