Jesus damals – Christus heute

Reinhard Körner OCD

 

Die zwei „Grundgesetze“ des geistlichen Lebens.

Vielleicht lautet das wichtigste „Grundgesetz“ des geistlichen Lebens: Liebe macht gleich. Ich werde dem ähnlich, was ich liebe. Angelus Silesius dichtete: „Mensch, was du liebst, darin verwandelst du dich. Wirst du Gott, wenn du Gott liebst – und wirst du Erde, wenn du die Erde liebst.“ Um also Gott ähnlicher zu werden, müssen wir Gott lieben. Doch es scheint, dass hier die geistlichen Lehrer trotzdem etwas zu hoch zielen. Wie kann ich Gott so echt und ernst lieben, dass ich ihm ähnlich werde?

Das zweite, ebenso grundlegende „Gesetz“ im geistlichen Leben besagt: Ich kann nur das lieben, was ich kenne. Kann ich Gott überhaupt kennen?

Ein Kreuz aus dem 14. Jahrhundert, der „Kreuz des Mystikers“ in Neumünster bei Würzburg, gibt eine anschauliche Antwort der geistlichen Lehrer wieder: Christus hat hier – in der Kunst vielleicht nur selten – die Arme vom Kreuz gelöst, umarmt mit Liebe etwas und zieht es zu sich, und achtet sorgfältig darauf, es nicht zu verletzen… Das Bild möchte sagen: In seinem liebevollen Verlangen nach dem Menschen kommt Gott uns entgegen, kommt, um uns zu sich zu ziehen und uns in sein Sohnsein gegenüber dem Vater einzuführen. „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde“, formulierte es Augustinus. Er hat sich uns im Wesen Jesu von Nazareth zugänglich gemacht. Nun kann ich Gott erkennen. An einem wirklichen Menschen kann ich nicht ablesen, welches Herz Gott hat und welche „Natur“ er besitzt. Nach der Erfahrung und der Lehre der geistlichen Lehrer hängt das geistliche Leben davon ab, Jesus Christus zu erkennen, ihn immer mehr zu lieben, damit er mein Wesen seiner Natur anpasst. Ich soll „der zweite Christus“ werden, sagt Paulus (vgl. Gal 4,19). Damit jemand das geistliche Leben beginnen kann, benötigt er nur ein wenig Neugierde: Wer ist dieser Mann, der von sich sagt, er sei der Sohn Gottes, und in dem Menschen aller Generationen ihren Lebensinhalt gefunden haben? Geistlich lebt derjenige, der sich mit Jesus Christus vertraut macht und, wie Edith Stein sagt, anfängt, „die Wissenschaft des Kreuzes“ zu studieren.

„Jesus“ und „Christus“

In der wissenschaftlichen theologischen Sprache wird manchmal zwischen „Jesus“ und „Christus“ unterschieden. Es handelt sich immer um denselben Jesus Christus. Doch aus Gründen der Klarheit sprechen Theologen in vielen Publikationen von „Christus“, wenn sie die Auferstehung des Herrn meinen, der jetzt lebt und gegenwärtig ist, und verwenden den Namen „Jesus“, wenn es um die Geschichte geht, und wenn sie über das irdische Leben des nazaretischen Jesus sprechen. Diese Unterscheidung kann uns auch bei unseren weiteren Überlegungen helfen. Denn auch im Praktizieren des Glaubens ist es wichtig, Jesus Christus sowohl als „Jesus“ als auch als „Christus“ im Auge zu behalten. Darauf hängt nicht nur die Klarheit der theologischen Sprache ab, sondern in diesem Fall auch die „Klarheit“ unseres Lebens.

Geistlich zu leben bedeutet, mit Christus zu leben, der von den Toten auferstanden ist und jetzt gegenwärtig ist. Wenn ich nur auf Jesus von Nazareth blicke, wäre mein Glaube noch tot. Jesus wäre dann vielleicht für mich ein Vorbild, eine eindrucksvolle Persönlichkeit aus der Bibel oder mehr oder weniger ein verständlicher Bestandteil meiner religiösen Weltanschauung. Erst wenn ich ihm „Du“ sage, wenn er tatsächlich aus meinem eigenen Herzen als mein „Du“ hervorgeht, und wenn er aufhört, nur ein Name oder eine biblische Figur zu sein, wird der Glaube zum „ernsten Fall“ (H. U. von Balthasar). So wie wir zwischen Menschen erst, wenn wir (jemandem) „du“ sagen können, von der Selbstzentrierung zu einem Treffen übergehen, so überschreiten wir auch in der Beziehung zu Jesus Christus mit dem Wort „Du“ das bloße Leben mit einem christlichen „Überzeugung“ und erreichen ein Leben mit dem Herrn. Im geistlichen Leben nehme ich ernst, dass er lebt und mich hört. Wenn ich zu ihm bete und versuche, den Tag mit ihm zu erleben, erkenne ich, dass er eine lebendige Person ist, so real und so wahrhaftig wie ein menschlicher Partner.

Aber ich muss auch auf Jesus achten, der in Bethlehem Mensch wurde, in Nazareth aufwuchs, durch Galiläa ging, in Jerusalem am Kreuz starb und den Jüngern die Erfahrung seiner Auferstehung schenkte. Andernfalls bin ich in Gefahr, ein Idol zu verehren, eine veränderte Version Christi zu schaffen oder ihn völlig mit meinen Träumen und frommen Gefühlen zu verwechseln. Wer der Christus ist, zu dem ich bete, kann ich nur aus dem biblischen Jesus herauslesen. Ich benötige Jesus, um zu sehen, zu wem ich bete und wem ich mein Leben anvertraue. Noch mehr: Dieser Jesus von Nazareth ist der Einzige, durch den ich erfahren kann, wer Gott überhaupt ist. Er ist das einzige authentische „Abbild Gottes“: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14,9). In ihm wird Gott zu einem objektiven Maßstab meines Lebens; ohne ihn falle ich leicht subjektiven Vorstellungen anheim, die mein Leben entsprechend prägen und mich zu einer Karikatur eines wahren geistlichen Menschen machen. Hildegard von Bingen deutete die Bedeutung des inkarnierte Jesus für unser Verhältnis zu Gott mit einem ihrer Bilder an: Zwei Kreise, gemalt mit kostbaren Farben, Gold und Silber, repräsentieren Gott den Vater und den Heiligen Geist, die unserem irdischen Verständnis unzugänglich sind. In der Mitte kommt die Figur eines Menschen, Jesus, zu dem Zuschauer, der uns die Botschaft über den Dreieinigen Gott bringt… – Ob Benedikt oder Franziskus, Ignatius oder Teresa von Avila – die Lehrer des geistlichen Lebens weisen immer wieder auf diese menschliche Figur in der Mitte hin. Ich muss mir die Szenen aus dem irdischen Leben Jesu vor Augen führen und mich dabei einfühlen, wie Jesus denkt, wie er wahrnimmt, was er liebt und was ihm widerwärtig ist (worüber er Verachtung empfindet), wie er mit Menschen umgeht, wie er heilt und zurechtweist, wie er weint und Freude bringt, wie er den Willen des Vaters erfüllt, wie er betet, wie er versucht wird, wie er geduldig ist, wie er am Kreuz sein Leben in die Hände des Vaters legt, wie er sich nach der Auferstehung mit den Jüngern trifft… Erst dann beginne ich zu ahnen, wer mir hier nahe ist, wenn mich die göttliche Nähe in meinem Inneren berührt, erst dann weiß ich, mit wem ich in der Dunkelheit des Glaubens rede…

Je mehr ich mich anstrenge, den Herrn als Jesus zu erkennen, desto leichter lerne ich, ihn als Christus zu lieben. Jesus von Nazareth – das ist der Christus, mit dem ich heute lebe. Und der Christus, zu dem ich bete – das ist Jesus aus Galiläa, von dem die Evangelien zeugen. Auch heute denkt und liebt er genauso wie damals.

Medidation – Kontemplation – Aktion

In diesem Zusammenhang lassen sich die Begriffe „Meditation“ – „Kontemplation“ – „Aktion“ gut erklären. Wir begegnen ihnen sehr häufig in den Schriften über das geistliche Leben.

Meditation ist ein Wort, das in der modernen religiösen Literatur viele Bedeutungen hat. In der geistlichen Tradition der Kirche bedeutet es, über die Wahrheiten des Glaubens nachzudenken und zu reflektieren, vor allem aber über das Leben und die Worte des fleischgewordenen Jesus.

„Meditari“ bedeutet im Lateinischen so viel wie „ins Zentrum nehmen“. Auf Jesus in den Evangelien sehen, sein Leben und seine Worte in sich hineinlassen, sie in die Mitte meines Herzens stellen, sie ins Zentrum meines Lebens stellen – das ist Meditation. Übungen mit Spannungsabbau oder Konzentration von Körper und Geist, die heute auch als „Meditation“ bezeichnet werden, können Hilfen sein, sie können auf das Nachdenken über die Wahrheiten des Glaubens vorbereiten oder deren Vertiefung ermöglichen, führen aber für sich allein noch nicht zu Gott der Offenbarung.

Meditation im eigentlichen Sinne dreht sich nicht darum, weise Gedanken zu sammeln. Vielmehr möchte sie der Frage zuhören: Wer bist du, Herr? „Ziel des Nachdenkens (Meditierens) über göttliche Dinge ist es, irgendeine Erkenntnis und Liebe zu Gott zu gewinnen“, schreibt Johannes vom Kreuz.

In Klöstern und geistlichen Gemeinschaften wird der Meditation während des Tages eine bestimmte Zeit gewidmet. Das bedeutet jedoch nicht, dass man nur zu diesen bestimmten Zeiten mit der Heiligen Schrift in der Hand meditieren kann. Es hat großen Wert, sich immer mehr auf diese Weise in das Leben Jesu einzuarbeiten – den Gedanken aus der Predigt vom letzten Sonntag nachklingen zu lassen, ein Wort des Herrn, das uns im Kopf geblieben ist, ins Zentrum des Tages zu stellen. Dies ist auch bei der Arbeit möglich, auf dem Weg mit dem Bus zur Arbeit.

Meditation, die sich so mit Jesus von Nazareth beschäftigt, dient dazu, Christus, den Herrn, der auch heute lebt, zu erkennen – ist auf Kontemplation ausgerichtet. Sie verstehen christliche Lehrer freundschaftlich, als lebendige Verbindung mit Christus, das Leben in bewusstem Zusammensein mit dem auferstandenen Herrn.

Die Entwicklungen der letzten Jahrhunderte haben leider dazu geführt, dass viele Gläubige glauben, Kontemplation sei vor allem eine Angelegenheit der Orden oder überhaupt nur „kontemplativer Orden“.

Natürlich kann jeder sein Leben mit Christus gestalten, mit ihm Freundschaft schließen und auf der Grundlage dieser Freundschaft seine Berufung leben, seine Aufgaben in der Familie, in der Kirche und in der Welt erfüllen. Unsere „Aktion“, unser Tun, wird dann überlegter sein, unsere Worte tiefgründiger, unser Leben sensibler, unser Mut mutiger, unsere Nächstenliebe und Seelsorge glaubwürdiger, unsere Hände werden heilender sein.

Übersetzt von Sr. Terezie Brichtová O.P.
aus der Zeitschrift „Karmelimpuls“ 1992, S. 16