P. Jerzy Zielinski, O.Carm.
Es ist nicht ohne Grund, dass uns geraten wird, das Evangelium morgens und nicht abends zu lesen. Das Lesen des Evangeliums sollte uns nicht einschläfern, sondern wie Dynamit die Mauern unseres niederen Egoismus sprengen.
Für jeden von uns ist es nützlich, sich daran zu erinnern, wie sehr wir geneigt sind, uns selbst anders zu beurteilen als unsere Nächsten. Ein solches Verhalten missfällt Gott und ist gefährlich für unser Heil. Wir können nicht mit einem anderen Maß der Liebe für uns selbst und einem anderen für unsere Nächsten urteilen. Unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, ist das größte Gebot nach der Verpflichtung zur Liebe zu Gott. Es ist wie ein Baum mit zwei Teilen, von denen der eine in der Erde verwurzelt ist, während der andere über der Erde wächst. Wenn wir die Wurzeln zerstören, stirbt die Krone, und wenn wir die Krone des Baumes abtrennen, werden die Wurzeln vertrocknen. Wenn ich meinem Nächsten die Liebe nicht schenken will, die ich für mich selbst einfordere, bin ich wie ein Blinder, der die Krone des Baumes zerstört und damit auch seine Wurzeln, das heißt mich selbst.
Laut äußern wir das Verlangen nach menschlichem Verständnis, rufen nach Freundschaft zwischen den Nationen, während wir selbst nicht in der Lage sind, in Einheit mit einzelnen Menschen zu leben. Immer wieder fordern wir eine stärkere Beachtung der Moral der Jugend, doch unser inneres Leben widerspricht dem, was wir von anderen verlangen.
Wir werfen unseren Nächsten den kleinsten Mangel an Aufmerksamkeit vor, aber mit unserer unfreundlichen Beurteilung überschreiten wir ein viel größeres Gebot – das Gebot Gottes, aber das ist uns gleichgültig.
Bei anderen stört uns der Splitter, aber im eigenen Auge tragen wir den Balken. Wir berufen uns auf das Evangelium, wenn wir auf das Unrecht anderer hinweisen wollen, aber wir fürchten uns, darin zu schauen, wenn es uns an unsere eigene Fehler erinnern sollte.
Jesus, der Zimmermann aus Nazareth, der viele Jahre mit Holz gearbeitet hat, wusste genau, was der Unterschied zwischen einem Splitter und einem Balken ist. Wenn er diese Metapher benutzt hat, um uns das Ungeheuerliche unseres Ausdrucks über andere zu veranschaulichen, ist es höchste Zeit, dass wir erkennen, wie ungerecht das Urteil ist, mit dem wir unsere Nächsten beurteilen.
Um Richter zu werden, muss man zuerst die Vorschriften und das Recht studieren, um zu wissen, was im menschlichen Handeln schlecht und was gut ist. Man muss eine Prüfung ablegen, eine Spezialisierung und praktische Erfahrung durchlaufen. Das reicht aber nicht aus. Eine verantwortliche höhere Instanz muss ihm einen Wirkungsort anordnen.
Stellen wir uns einen Menschen vor, der nicht studiert hat und keinen Titel oder Berechtigung besitzt, wie er ein Schild an sein Haus hängt: „Staatliches“, „Bezirks“ oder „Stadtgericht“. Alle würden ihn auslachen.
Aber wenn wir den Mut haben, lachen wir auch über uns selbst. Schließlich haben wir uns schon so oft das Recht zugesprochen, zu urteilen und zu verurteilen, und das auch in geistlichen Dingen, die nur Gott kennt und entscheiden kann. Er hat sich dieses Recht für sich mit dem kategorischen Befehl vorbehalten: „Urteilt nicht!“
Um jemanden verurteilen zu können, müsste man zuerst seine Verfehlung prüfen, Zeugen anhören, deren Aussagen vergleichen und den Angeklagten anhören.
Und wir haben den Mut, ohne Zeugen zu urteilen, ohne die Stellungnahme unseres Nächsten anzuhören. Außerordentlich leicht fällen wir ungerechte Urteile nach rechts und links, schwingen mit Informationen aus zweiter Hand und betrachten uns als Autorität, die bestimmen kann, in welchem Auge der Splitter zu sehen ist.
Unsere Worte sind wie Früchte, die in unserem Herzen wachsen und reifen. Jesus befiehlt uns, das zu prüfen, was wir aussprechen, denn dann erkennen wir, was in unserem Herzen verborgen ist, wie es ist. Wenn wir sprechen, sollten jedes unserer Worte gut und nützlich sein. Weiser sind die, die so kurz sprechen, als würden sie ein Telegramm schreiben, die über jedes Wort nachdenken und sich fragen, ob sie sprechen oder lieber schweigen sollen, und falls es notwendig ist, über etwas zu sprechen, wie.
Die jüdische und christliche Tradition erinnert daran, dass Gott uns nach dem Maß messen wird, das jeder von uns im Leben bei der Beurteilung anderer verwendet hat.
Es ist daher notwendig, sich an Christi Aufforderung zu erinnern, auf jedes Wort zu achten, das wir aussprechen, und den Maßstab des Urteils sowie die Maß der Liebe gegenüber anderen Menschen im Blick zu haben.
Aus der polnischen Zeitschrift W cieniu Karmelu Nr. 2/95 Mai-Juni 1995
Übersetzt von R. Kouřimová