P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.
11. Erwähnungen der göttlichen Barmherzigkeit in Therese's Briefen
Als wir uns bereits so gründlich mit der Frage beschäftigt haben, wie Thérèse die göttliche Barmherzigkeit verstand und darüber sprach, lasst uns auch ihre Briefe durchgehen und versuchen zu erkennen, welche Aussage in ihnen verborgen ist.1
Die älteste Erwähnung bezieht sich nicht auf die göttliche Barmherzigkeit, sondern auf die Jungfrau Maria. In einem Brief an Céline vom 8. Juli 1891 (DT 129) ermutigte Thérèse ihre Schwester, im Gebet für die Bekehrung des abtrünnigen, barfüßigen Karmeliters Hyacinthe Loyson2 damit unser Bruder, Sohn der heiligen Jungfrau, überwältigt zurückkehrt und sich unter den Mantel der barmherzigsten Mutter wirft.
In einem Brief vom 13. August 1893 (DT 147) wollte Thérèse Céline ermutigen, die den elterlichen Haushalt leitete3 und Schwierigkeiten mit einer Dienstmagd hatte, die zur Neigung zum Alkoholismus neigte. Da Céline vorher für die Bekehrung des Mannes dieser Dienstmagd gebetet hatte, gab Thérèse ihr Vertrauen auch hinsichtlich der Möglichkeit einer Verbesserung bei der Dienstmagd. Ihre Erwähnung der Barmherzigkeit ist kurz: Auf jede Sünde gibt es Barmherzigkeit. Und der Herr ist mächtig genug, um auch den Menschen, die keine Ausdauer haben, Ausdauer zu geben.
Die Übersetzung ist nicht einfach, da im Original das Verb fehlt. Thérèse schrieb: Auf jede Sünde Barmherzigkeit. Deshalb habe ich im Übersetzung das Wort gibt in Klammern gesetzt. In der tschechischen Buchausgabe von Thérèses Korrespondenz lautet die verwendete Übersetzung: Auf jede Sünde gilt Barmherzigkeit,4 was meines Erachtens zu einer anderen Interpretation führen kann. Zum Beispiel im Sinne: „Barmherzigkeit hat denjenigen, der sündigt, wirksam zur Umkehr angeregt“. Das ist sicher wahr, aber nicht die primäre Aussage dieses Satzes. Die slowakische Übersetzung verzichtet auf das Wort Barmherzigkeit und hat: Auf jede Sünde gibt es Vergebung.5 Doch bei der Dienstmagd geht es nicht um die Vergebung von Sünden, sondern um die Überwindung der Laster, sodass in diesem Fall das Wort Barmherzigkeit beibehalten und das Wort Sünde freier übersetzt werden sollte. Im Sinne von: jede (auch die größte) Laster kann durch die göttliche Barmherzigkeit überwunden werden, die noch größer und zählebiger ist als sie... Fassen wir zusammen: Der barmherzige Gott ist bereit, jede Sünde zu vergeben und jedes Laster zu überwinden.
In einem Brief vom 20. Juli 1895 (DT 178) schrieb Thérèse an ihre Tante, Frau Guérin, dass sie im Kloster von ihrer Tante, Onkel Guérin, besucht wurde, begleitet von ihrer Tochter Marie Guérin, die sich entschlossen hatte6 ebenfalls in den Karmel in Lisieux einzutreten. Thérèse blickte zu ihrem Onkel mit großer Bewunderung auf. Nicht nur, dass er sich mit dem bevorstehenden Abschied seiner Tochter in die Klausur auseinandersetzen musste,7 sondern dass er gerade mit Marie nach Caen fuhr, um von dort Thérèses Schwester Léonie Martin abzuholen, die dort bereits zum zweiten Mal ging. Thérèse sah in ihrem Onkel einen Heiligen. Als wir seine Ruhe und Hingabe sahen, verschwanden unsere Ängste, wir fühlten die Unterstützung der väterlichen Hand... Meine geliebte Tante! Wie groß ist die göttliche Barmherzigkeit gegenüber seinen elenden Kindern!... In diesem Brief von Thérèse bedeutet der Begriff der göttlichen Barmherzigkeit, dass Gott den schwachen Menschen die notwendige Kraft gibt, sich ihm hinzugeben, was sie ihn bitten, die Prüfungen und Erniedrigungen ertragen und ihn dabei lieben und preisen. So geht auch aus dem Fortgang des Briefes hervor. Und hier kommt auch eine andere Form der göttlichen Barmherzigkeit zum Ausdruck, die darin besteht, dass wir auch aus der Sicht der schwachen und gleichzeitig von Gott wunderbar gestärkten Seelen Vertrauen in unsere Kämpfe und Schwierigkeiten schöpfen können.
Einen sehr wichtigen Brief, in dem Thérèse ihren Glauben an die göttliche Barmherzigkeit offenbarte, schrieb sie an ihre Schwester Marie, nachdem Marie das Manuskript B gelesen hatte (DT 197 vom 17. September 1896). Den Inhalt dieses Briefes haben wir bereits früher behandelt.
Weitere Erwähnungen der göttlichen Barmherzigkeit finden sich dann in Briefen, die im Jahr 1897 geschrieben wurden, dem Jahr, in dem Thérèse starb.
An Abbé Bellier schlug Thérèse in einem Brief vom 24. Februar 1897 (DT 220) ein kurzes Gebet vor, das sie sich wünschte, dass er täglich für sie betet. Gott wird darin mit den Worten angesprochen: barmherziger Vater. Thérèse schrieb wörtlich, dass dieses Gebet alle ihre Wünsche zusammenfasst. Also die Anrede, mit der das Gebet beginnt, wählte Thérèse sicherlich nicht zufällig. Das gesamte Gebet lautet: Barmherziger Vater, im Namen unseres süßen Jesus, der Jungfrau Maria und der Heiligen bitte ich dich, entzünde meine Schwester mit deinem Geist der Liebe und gewähre ihr die Gnade, anderen zu helfen, dich viel zu lieben. Thérèse sehnte sich danach, von Gott, der voller barmherziger Liebe ist, Liebe zu empfangen, um in Flammen der Liebe zu brennen und auch anderen dabei zu helfen.
Weitere Erwähnungen der göttlichen Barmherzigkeit finden sich in einem anderen Brief an Abbé Bellier, den Thérèse am 25. April 1897 (DT 224) schrieb. Dort erläuterte sie ihrem geistlichen Bruder, dass im Karmel nicht nur große Seelen leben, wie er sich vorstellte, sondern auch solche wie sie, die in ihren Augen: arm, unansehnlich wie eine Blume. Und nach ihrer Auffassung resultiert dies aus dem Willen Jesu selbst: Jesus wollte in seiner Barmherzigkeit, dass auch kleine zwischen diesen Blumen wachsen. Dieser Absatz ihres Briefes ist wunderschön, lasst uns daher den gesamten Abschnitt bedenken:
Mein lieber Brüderchen, ich muss mich Ihnen anvertrauen, dass mich in Ihrem Brief etwas betrübt hat, nämlich dass Sie mich nicht so kennen, wie ich tatsächlich bin. Es ist wahr, dass wir, wenn wir große Seelen finden wollen, ins Kloster gehen müssen. So wie in den jungfräulichen Wäldern wachsen hier wunderbare wohlriechende Blumen, die in der Welt unbekannt sind. Jesus wollte in seiner Barmherzigkeit, dass auch kleine zwischen diesen Blumen wachsen. Niemals kann ich ihm genug dafür danken. Nur durch diese Gütigkeit befinde ich mich, arm, unansehnlich wie eine Blume, im selben Beet wie meine Schwester Rosen. Lieber Bruder, ich bitte Sie, glauben Sie mir, der Herr hat Ihnen keine große Seele als Schwester gegeben, sondern eine ganz kleine und sehr unvollkommene.
Diese Worte von Thérèse sind ein Bekenntnis großer Ehrfurcht gegenüber der Gemeinschaft des Karmels, ein Bekenntnis unbeschreiblicher Dankbarkeit für die Berufung in diese Gemeinschaft und ein Zeugnis von Thérèses Demut.
In diesem Brief fasste Thérèse auch kurz ihr gegenwärtiges Leben zusammen und drückte die Hoffnung aus, dass sie bald von dieser Welt in die Ewigkeit übergeht. Und diesen Übergang nannte sie mit bemerkenswerten Worten: Gnade der unendlichen Barmherzigkeit. In einem längeren Zitat:
Ich erinnere mich, dass man mehr lieben muss, wem mehr vergeben wurde, deshalb versuche ich, mein Leben zu einem Akt der Liebe zu machen und mache mir keine Sorgen mehr, dass ich nur eine kleine Seele bin. Ganz im Gegenteil, ich freue mich darüber. Deshalb wage ich zu hoffen, dass „meine Verbannung kurz sein wird“8, aber nicht, weil ich bereit bin. Ich fühle, dass ich niemals bereit sein werde, es sei denn, der Herr verwandelt mich selbst. Das kann er in einem Augenblick tun. Nach all den Gnaden, mit denen er mich überschüttet hat, erwarte ich noch die Gnade seiner unendlichen Barmherzigkeit.
So betrachtete sie ihr ganzes Leben als eine große Kette von Offenbarungen der göttlichen Barmherzigkeit und glaubte, dass diese Kette mit dem größten – unendlich großen – Ausdruck dieser Barmherzigkeit enden würde!
Und noch eine weitere Erwähnung der göttlichen Barmherzigkeit finden wir in diesem Brief. Als Thérèse hier Abbé Bellier erklärte, dass der Herr ihr die Gnade des Martyriums nicht gewährt hat, obwohl sie danach sehnte, führte sie die Worte des heiligen Paulus an: „Es hängt nicht davon ab, dass jemand will oder dass jemand rennt, sondern es hängt von Gottes Barmherzigkeit ab“ (Röm 9,16). Anstelle des Wortes Barmherzigkeit steht im französischen Original ihres Briefes: Barmherzigkeit. Dieser Abschnitt aus dem Brief an die Römer war für sie sehr wichtig, sie bezieht sich gleich zu Beginn des Manuskripts A darauf. Es gab ihr eine Antwort auf die Frage, warum die Lebensgeschichten verschiedener Heiligen und von Menschen ganz unterschiedlich sind. Die Bibelübersetzung, die sie verwendete, stärkte vielleicht noch mehr ihre Auslegung. Wir könnten es etwa so übersetzen: Es ist nicht das Werk dessen, der will, noch das desjenigen, der sich anstrengt, sondern Gottes, der Barmherzigkeit erweist.
Kurze doppelte Exkursion in die Heilige Schrift (Röm 9,1–18 und Ex 33,19)
Da dieser Abschnitt aus dem Römerbrief für Thérèse so wichtig war, halten wir kurz inne. Lassen Sie uns zusammenfassen, worüber der Anfang des 9. Kapitels dieses Briefes spricht. Paulus bedauert die Juden. Er zählt sieben geben Gottes auf, mit denen Gott sein Volk geweiht und gebildet hat (V. 4-5). Diese Gaben haben die Juden immer noch. Wie ist also zu erklären, dass sie den Messias abgelehnt haben? Paulus verweist auf die Geschichten der Patriarchen und darauf, dass auch damals die Erwählung nur auf einen Teil der nachfolgenden Generation des Nachkommens beschränkt war. Nach Abraham war nur Isaak der Träger der göttlichen Erwählung, Ismail nicht. Obwohl Rebekka Zwillinge gebar, wählte Gott den Jakob als Fortsetzer der Geschichte seines Volkes, den Esau nicht. Und diese Erwählung geschah schon, bevor diese Zwillinge geboren wurden, so dass die Jungen nichts tun konnten, was sie irgendwie die göttliche Erwählung verdienten oder nicht verdienten. So wählte Gott immer nur jemanden und ließ jemanden anderen beiseite. Diese Wahl hing nicht von den Taten der betreffenden Personen ab, sondern nur und allein von Gottes Beschluss (Verse 6-13).
Nach dieser Auslegung stellt Paulus eine rhetorische Frage: Ist Gott ungerecht? Hat er denjenigen, die er nicht gewählt hat, Unrecht getan, indem er sie nicht wählte? Und Paulus antwortet negativ: Auf keinen Fall! Und er zieht ein Zitat aus dem Alten Testament heran, das besagt, dass die Entscheidungen des Herrn absolut frei sind, sie nur aus seinem Willen entspringen. Zu Mose (sagt der Herr): „Ich erbarme mich, über wen ich mich erbarme, und ich erzeige Gnade, über wen ich Gnade erweise“ (Ex 33,19). Ich zitiere hier aus der Übersetzung des Römerbriefs von Pater Ivan Hrůša. Diese Übersetzung versucht, den genauen Sinn des hebräischen Textes zu bewahren, indem sie ein Modalverb einfügt: will. Diese Bedeutung wird auch von den Worten des Paulus im Vers 18 bestätigt: Über wen (der Herr) will, der erbarmt sich...
Unmittelbar nachdem Paulus dieses alttestamentliche Wort zitiert, fügt er dazu seinen Kommentar hinzu. Und gerade dieser Kommentar des Paulus war für Thérèse das Schlüsselwort Gottes, auf das sie sich wiederholt bezog: Es ist nicht das Werk dessen, der will, noch das desjenigen, der sich anstrengt, sondern Gottes, der Barmherzigkeit erweist (Vers 16).
In den folgenden zwei Versen fügt Paulus noch ein Beispiel aus der Schrift hinzu und zitiert das Wort des Herrn zum Pharao aus Ex 9,16: „Gerade deshalb habe ich dich erhalten,9 um an dir meine Macht zu zeigen, damit mein Name in der ganzen Erde verbreitet wird.“ Diese Schriftstelle bezeugt, dass der Pharao die Funktion eines Werkzeugs hatte, das Gott souverän für die Verwirklichung seines Willens verwendete. Der Pharao handelte dabei frei und dennoch verwirklichte er zugleich die souveräne Entscheidung Gottes. Seine Überlegungen zur göttlichen Erwählung schließt Paulus ab (Röm 9,22-33): In der gegenwärtigen Zeit hat Gott einige Juden und einige Heiden gewählt, um ihnen seinen Sohn Jesus, den Messias, bekannt zu machen. Das ist eine völlig freie Entscheidung Gottes. Und die anderen Juden, die den Messias ebenfalls hätten annehmen müssen, lehnen es ab, sich auf den Glauben an Jesus zu verlassen und wollen sich nur durch das Festhalten am mosaischen Gesetz bei Gott beliebt machen.
Der von Thérèse zitierte Vers hat also diesen Inhalt: Im Leben gibt es Dinge, die nicht das Ergebnis unseres Wollens (Begierdes)10 oder unseres Strebens („Laufens“, d.h. Anstrengung) sind, sondern nur und ausschließlich das Ergebnis des freien göttlichen Beschlusses. Sie sind einfach ein Geschenk Gottes.
Der Apostel Paulus bezog sich darauf in Bezug auf die Juden und deren Bekehrung zum Glauben an Jesus. Thérèse bezog sich in diesem Brief (LT 224) auf sich selbst: Es war das freie göttliche Entscheidungs, das ihr nicht die Gnade des Martyriums gewährt hat. Und zu Beginn des Manuskripts A führte sie diese Begründung, die sie aus dem Römerbrief entnommen hatte, auch an: Nur aufgrund freien göttlichen Entscheidungs erhielt sie eine so große Menge an Gnaden (AS 15)! Denn selbst wenn jemand – unserem Anschein nach – so wenig göttliche Gnaden erhält (den Kindern, die als Kleinkinder gestorben sind; den Wilden, die niemals von Christus gehört haben und nicht an ihn glauben konnten), Glaubte Thérèse fest daran, dass Gott niemandem ungerecht ist. Und wie in der Natur alle Jahreszeiten so angeordnet sind, dass an einem bestimmten Tag die bescheidenste Blumen blühen, so entspricht auch alles dem Wohl jeder Seele (AS 17).
Ich weiß nicht, ob Thérèse den Abschnitt aus dem Buch Exodus, den der Apostel Paulus in Röm 9,15 zitiert hat, direkt im Alten Testament ausgefunden hat. Vielleicht hatte sie nicht einmal die Möglichkeit, dennoch haben wir bei anderer Gelegenheit erwähnt, dass die Schwestern damals nicht wie wir heute ganz einfach Zugang zur gesamten Bibel hatten. Aber wenn wir diesen Abschnitt im Alten Testament wirklich finden, wird es uns erfreuen (besonders uns im Karmel, die wir wünschen, den Herrn so nah wie möglich zu erkennen und intim mit ihm zu leben), dass dieser Satz aus dem Gespräch des Herrn mit Mose stammt, bei dem Mose darum bat, die Herrlichkeit Gottes zu sehen.
Der Herr ist bereit, Mose's Bitte zu erfüllen, warnt ihn jedoch, dass dies auf Erden nur in einem begrenzten Umfang erfüllt werden kann. Und zu seiner Antwort fügt der Herr die von Paulus zitierten Sätze hinzu, die eindringlich erklären, dass Gott in dem, was er tut – jetzt für Mose, aber auch überhaupt – intensiv frei ist. Im Zusammenhang mit diesem Gespräch verstehe ich die Worte des Herrn so: „Ja, ich erfülle deine Bitte, aber du darfst dir dafür keinen Verdienst anrechnen!“ Der biblische Text lautet:
Mose sagte: „Zeige mir deine Herrlichkeit!“ Der Herr antwortete: „Ich werde all meine Güte vor dir vorführen und meinen Namen, den Herrn, vor dir aussprechen. Meine Gnade gebe ich, wem ich will, und über wen ich mich erbarme.“ Und er fügte hinzu: „Mein Gesicht kann man nicht sehen; kein Mensch kann mein Gesicht sehen und leben.“ Weiter sprach der Herr: „Hier ist bei mir ein Platz, stelle dich auf den Felsen. Wenn meine Herrlichkeit vorbeigeht, stelle ich dich in die Felsspalte und decke dich mit meiner Hand zu, bis ich vorbei gehe. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst mich von hinten sehen, aber mein Gesicht kann nicht gesehen werden.“
Ich führe die biblischen Verse Ex 33,18-23 nach der tschechischen katholischen Übersetzung an. Diese fügt einen interessanten Hinweis hinzu: „Der Text spielt sehr überlegt mit den Synonymen „Herrlichkeit“ und „Gesicht“ auf der einen und mit den Antonymen „Gesicht“ und „Rücken“ auf der anderen Seite.“11 Der Herr ist souverän und zeigt uns dies. Zu unserem Guten.
(Fortsetzung in der nächsten Ausgabe.)