P. Patrik Burke O.Carm., Irland
Das Zweite Vatikanische Konzil ermutigte die Kirche zu einem neuen Leben im Heiligen Geist, der den ganzen Leib der Kirche belebt, ihn eint und in Bewegung setzt. „Christus erfüllt die Kirche, die sein Leib und seine Fülle ist (vgl. Eph 1,22–23), mit seinen göttlichen Gaben, damit sie zu der ganzen Fülle Gottes drängt und gelangt (vgl. Eph 3,19)“ (LG 7). Alle Getauften, die mit Christus verbunden sind und durch das Wort Gottes und die Sakramente gestärkt werden, bilden eine Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.
Innerhalb dieser Gemeinschaft der allgemeinen Kirche bietet die Familie des Karmels dem Volk Gottes eine spezifische Spiritualität an, die hilft, in unserer modernen, säkularisierten („verdünnten“) Welt auf eine Weise zu leben, die den Anforderungen entspricht, die das Evangelium in sich trägt. Die karmelitische Tradition dient der Kirche mit Charismen, die das Gebet, die Gemeinschaft und den Dienst betreffen. Durch die Figuren des Propheten Elias und der Jungfrau Maria war das prophetische und marianische Erbe des Karmels über Jahrhunderte hinweg in jeder Zeit eine ständige Quelle neuer Inspiration für die Mitglieder dieser geistlichen Familie. Wie kann jedoch dieses Erbe in die Lebenssituation von Nicht-Ordensangehörigen und Klerikern – den Laien – integriert werden?
Die Kirche verkündet, dass „aus dem eigenen Beruf der Laien sich (ihr) Auftrag ergibt, das Reich Gottes zu suchen, indem sie sich mit den zeitlichen Dingen beschäftigen und sie nach Gott ordnen“ (LG 31). Die Laien sind also – von Gott berufen und vom Geist des Evangeliums geleitet – aufgerufen, zur Heiligung der Welt beizutragen, indem sie Christus anderen durch die Erfüllung ihrer spezifischen „irdischen“ Pflichten offenbaren. Angesichts des Charakters ihrer Berufung ist der gläubige Laie direkt berufen, sich mit „weltlichen“ Angelegenheiten zu beschäftigen und sie nach dem Gesetz Gottes zu lenken. Einzelne Laien leben mitten in irdischen Sorgen und Aktivitäten und in den gewöhnlichen Bedingungen des Familien-, Arbeits- und Gesellschaftslebens. Nach ihren Möglichkeiten „haben Laien, auch vereinten Kräften, die weltlichen Institutionen zu heilen“ (heutzutage wird oft gesagt: „Strukturen“ der heutigen Gesellschaft) „und die Lebensbedingungen,… damit alles mit den Anforderungen der Gerechtigkeit übereinstimmt und eher der tugendhaften Lebensweise dient als sie schädigt“ (LG 36).
Jeder einzelne Christ stellt die Kirche dar. Wo sich ein einziger Christ befindet, erreicht sein Glied den lebendigen Leib der Kirche; es handelt sich nicht um das Vorhandensein eines isolierten (leblosen) Teils. Der Auftrag aller Christen lautet: „Geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern…“ (Mt 28,19), und dieser Auftrag wird in der Familie, bei der Arbeit, beim Gottesdienst verwirklicht. Beziehungen zu Nachbarn, Beschäftigung, Einkäufe, Amtsgeschäfte, Krankheit, die Fürsorge für Kinder – all dies erfordert Selbsthingabe, so wie sich Christus in der Eucharistie hingibt.
Der Laienchrist erlebt seine weltliche Identität als Mitglied oder Glied der Kirche. Und er kann nicht nur ein passives Glied bleiben. Papst Johannes Paul II. fasste während seines Besuchs in Kolumbien im Juli 1986 die Rolle der Laien so zusammen:
„Ihr Laien, treu zu eurem weltlichen Identitäts, müsst in der Welt bleiben wie in einem Umfeld, das euch gehört, und ihr müsst darin präsent sein – aktiv und im Einklang mit dem Evangelium, dynamisch und mit der Fähigkeit, die Welt zu verwandeln – wie der Sauerteig im Teig, wie das Salz, das der Welt der Arbeit christlichen Sinn verleiht (Im englischen Original: „light of work“, was wohl ein Fehler ist; wir haben keinen Zugang zum Originaltext der Rede des Heiligen Vaters, aber wir vermuten eine Korrektur zu „life of work“ und übersetzen freier.), wie ein Licht inmitten der Dunkelheit der Gleichgültigkeit.“
Vom Heiligen Geist geleitet unterstützte die Autorität der Kirche seit den Zeiten der Apostel die Verbreitung verschiedener Formen des Ordenslebens, die bestrebt sind, Christus nachzufolgen – sei es in Einsamkeit oder in Gemeinschaft – durch evangelische Räte. Nach und nach entstanden verschiedene Ordensfamilien, in denen bestimmte Aspekte des christlichen Lebens und die Gaben des Geistes entwickelt werden – zum Wohl der ganzen Kirche und zur Hilfe ihrer Mitglieder auf dem Weg zur Heiligkeit (LG 43). Einige Laien, die von spezifischen Charismen der jeweiligen Ordensfamilie angezogen werden, haben sich enger an diese Familie angeschlossen und sich manchmal durch ein Gelübde zu einem charakteristischen Weg des geistlichen Lebens gemäß der Tradition dieser Familie verpflichtet, lebten jedoch weiterhin unter den normalen Bedingungen ihrer eigenen Familie und der Gesellschaft.
Das Unterscheidungsmerkmal jeder Ordensfamilie ist ihre Spiritualität, die das Erleben desselben Charismas, derselben Inspiration und derselben Werte umfasst. Wenn die Kirche eine Ordensfamilie genehmigt, ermutigt sie sie, auch unter den Laien die charakteristischen Merkmale des geistlichen Lebens, die ihr eigen sind, zu verbreiten. So können auch in der heutigen Zeit Laien einem bestimmten Orden oder einer Ordensfamilie nachfolgen, jedoch in Übereinstimmung mit ihrem Status als Laien und mit den Lebensumständen, in denen sie sich befinden.
Die karmelitische Spiritualität beruht auf dem Engagement, „in Gehorsam gegenüber Jesus Christus zu leben und ihm treu mit reinem Herzen und gutem Gewissen zu dienen,“ inspiriert von den Worten des heiligen Paulus (2 Kor 10,5 und 1 Tim 1,5) und der auf diesem Grundsatz basierenden Regel des heiligen Albert, auf dem unser ganzes Lebensprogramm aufgebaut wurde (vgl. Statuten des Ordens von 1995, Art. 14). Karmeliten sollen das Antlitz des lebendigen Gottes suchen (es geht hierbei um die Dimension des Gebets in unserem Leben) durch Brüderlichkeit (Gemeinschaft) und durch den Dienst mitten unter den Menschen. Sie sollen ganz der liebevollen Aufmerksamkeit auf das Wort durch ständiges Gebet und den Gottesdienst gewidmet sein und mit Eifer den Herrn loben. Die Regel beschreibt eine Gemeinschaft, deren Mitglieder offen sind für das Wohnen des Geistes und von den Werten des Geistes geprägt sind.
Von Anfang an hat der karmelitische Orden die christliche Verehrung und Frömmigkeit gegenüber der Jungfrau Maria als sein Eigen betrachtet, sowohl im eigenen Leben des Ordens als auch in seinem Dienst der Kirche. Er war sich des besonderen Charismas bewusst, das er erhalten hat: seiner Verbindung mit Maria als „Mutter und Schmuck des Karmels“. Nach dem Vorbild, das sie in Maria sahen, bemühten sich die Karmeliten, Gott in der Welt um sie herum gegenwärtig zu machen, indem sie durch Gebet ihre Vereinigung mit Gott vertieften. Als sie das Gebirge Karmel verlassen mussten, nahmen sie den Geist der Propheten und die Inspiration der Figur des Propheten Elias mit sich. Dadurch konnten sie im Laufe der folgenden Jahrhunderte die „Wahrheit, die uns befreit“, leichter verstehen und tiefer annehmen, erleben und verkünden (Statuten, Art. 25).
Laien fühlen sich von der Spiritualität des Karmel angezogen. Auch sie verstehen in ihrem Herzen, die den Herrn suchend, was der Karmel über das Gebet sagt: Die kontemplative Dimension des karmelitischen Gebets bedeutet eine Haltung der Offenheit gegenüber Gott, dessen Gegenwart die Karmeliten überall finden. Damit eröffnet sich der innere Weg, ein Weg, der durch die Wüste führt, um Gott zu begegnen und von seiner Liebe überwältigt zu werden. Diese Liebe befreit uns von unseren begrenzten und unvollkommenen Denk- und Handlungsweisen; sie verwandelt sie so, dass wir denken, lieben und handeln wie Er.
Gerade den Laien ermöglicht die kontemplative Haltung der Welt um uns herum, in besonderem Maße in dem, was für uns „auf der Tagesordnung“ steht, die Gegenwart Gottes zu entdecken und Gott vor allem in den Menschen zu finden, mit denen wir in Kontakt kommen. So führt die Spiritualität des Karmel auch die Laien dazu, das ehrfurchtgebietende Geheimnis zu schätzen, das die Personen ausmacht, mit denen sie leben. Auf der Basis ihrer Erfahrung des Lebens im Karmel streben sie dann nach Dialog, nach Versöhnung und Heilung von Beziehungen zu anderen. Durch die Lesung der Schrift (lectio divina) erfüllen sie die Aufforderung der Regel, Tag und Nacht über das Gesetz des Herrn nachzusinnen, und so wird das Wort weiterhin erziehen.
Die Tradition des Karmel führt die Laien dazu, im Herzen der Welt das Antlitz Gottes zu suchen. Dies setzt Offenheit gegenüber anderen voraus, die Fähigkeit zuzuhören, das Wissen über die Kultur und das soziale Umfeld der Menschen der Gegenwart sowie einen freien und hingebungsvollen Zugang zu ihnen, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit allen, die das Reich Gottes suchen und die nach dem Guten streben. Kontemplation, Gemeinschaft und Dienst sind somit die zentralen Werte des karmelitischen Berufes der Laien, die sie „in der Welt“ leben – überall dort, wo der Herr ihnen Leben gibt.
Dieser Auftrag der karmelitischen Laien wird durch das Zeugnis ihres Lebens und Wortes verwirklicht. Egal, wie Laien mit dem karmelitischen Orden verbunden sind, jeder zeigt an seinem Platz auf konkrete Weise die Berufung des Karmels. Und sie selbst werden in ihrem grundlegenden christlichen Berufung, die durch die Taufe und Firmung gegeben ist, durch den karmelitischen Geist und Ideal gestärkt, unterstützt durch Gebet, Beispiel und Hilfe von Brüdern und Schwestern im Karmel. In dieser Atmosphäre nehmen sie – im Einklang mit ihren Möglichkeiten – die zentralen Gedanken der Regel auf. Daher betrachten sie die Eucharistie als „Quelle und Höhepunkt“ (LG 11) ihres christlichen und karmelitischen Lebens, sind sich des Wertes von gemeinschaftlichen Begegnungen bewusst und bemühen sich, daran teilzunehmen.
Auch wenn wir versuchen, die Berufung der karmelitischen Laien so praktisch zu formulieren, bedarf es tatsächlich einer theologischen Auslegung des breiten Spektrums von Verpflichtungen, die zum Leben der Laien gehören, und einer entsprechenden tiefergehenden Erklärung der karmelitischen Spiritualität der Laien. In ihrem geistlichen Leben muss es um „einen spezifischen Prozess gehen, durch den der Mensch ein Lebensprogramm annimmt, dessen Zentrum Christus ist (wie es für jeden Christen gilt), jedoch belebt durch den Schutz Mariens und das Vorbild Elias, in Übereinstimmung mit den besonderen Charismen des karmelitischen Ordens.“
In den gewöhnlichen Lebenssituationen, in denen Ordensbrüder und -schwestern nicht wirken können, ist der Beitrag der karmelitischen Laien für den Dienst der Kirche groß. Dabei zeigt sich in Übereinstimmung mit dem karmelitischen Charisma und mit der Vielzahl der persönlichen Gaben, mit denen sie beschenkt sind, auch die schöpferische Fähigkeit des Einzelnen. Diese Tatsache weist auf die Notwendigkeit eines grundlegenden und detaillierten Ausbildungsprogrammes für alle Interessierten der Gemeinschaft der Laien im Karmel (dritter Orden) hin und darauf, dass ergänzende Ausbildungsprogramme die Vielfalt der Gaben innerhalb der karmelitischen Familie berücksichtigen und dementsprechend angepasst werden müssen. Es ist auch notwendig, in der karmelitischen Familie der speziellen Rolle der Frau Rechnung zu tragen.
Die Arbeit der Ordensbrüder und -schwestern im Bereich der neuen Evangelisierung sollte in der weiteren karmelitischen Familie – aus der Sicht der Laien – von Anerkennung und partnerschaftlicher Zusammenarbeit begleitet werden. Apostolisches Engagement sollte sowohl in der einzelnen Ortskirche als auch bei den karmelitischen Gründungen in den Missionsgebieten mit dem Bemühen verbunden sein, die Bindungen innerhalb der karmelitischen Familie zu stärken.
Die Veränderungen im Verlauf der Geschichte des Karmels sind stets ein hoffnungsvolles Zeichen für die Gegenwart und Nähe Gottes und dafür, was der Orden im Dienst des Reiches Gottes leisten konnte. Der Aufbau der karmelitischen Familie ist an sich ein Engagement zur Evangelisierung. Aber das setzt voraus, dass wir die Lebensbedingungen der Menschen um uns herum besser verstehen, was uns selbst vor allem zu einem intensiveren Verlangen führt, besser zu beten. Wie? Im Geist eins sein, ohne die spirituelle Eigenart von irgendjemandem von uns zu beeinträchtigen.
(Nach der Übersetzung von Miluška Hosnedlová bearbeitet von P. Gorazd.)
Zusatz:
Es ist auch wert, in diesem Zusammenhang einen Abschnitt aus dem Dokument über das geweihten Leben in der Kirche Vita consecrata, das vor einigen Jahren von Johannes Paul II. nach dem Abschluss des Bischofssynods, der sich mit dem geweihten Leben und allem, was damit zusammenhängt, befasste, veröffentlicht wurde.
„Nicht wenige Institute (geweihten Lebens) kommen heute, oft bedingt durch die neue Situation, zu der Überzeugung, dass sie ihr Charisma mit den Laien teilen können. Deshalb laden sie sie zu einer intensiveren Teilnahme an der Spiritualität und am Auftrag des jeweiligen Instituts ein. Man kann sagen, dass in der Folge der historischen Erfahrungen (beispielsweise verschiedener säkularer oder dritter Orden) ein neues, hoffnungsvolles Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen Laien und geweihten Personen begonnen hat.
Diese neuen Formen der Gemeinschaft und der Zusammenarbeit sind aus verschiedenen Gründen zu fördern. Vor allem kann von ihnen eine schöpferische Spiritualität über die Grenzen des Instituts erstrahlen… Ein weiterer positiver Effekt kann dann die Erleichterung einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen geweihten Personen und Laien im Hinblick auf das missionsmäßige Werk sein: Angezogen durch das Beispiel der Heiligkeit von Personen des geweihten Lebens werden die Laien in die unmittelbare Erfahrung des Geistes der evangelischen Räte eingeführt und werden so ermutigt, im Geist der Seligpreisungen zu leben und darüber Zeugnis zu geben, damit die Welt nach dem Willen Gottes verwandelt werde. Die Mitwirkung der Laien führt nicht selten zu unerwarteten und fruchtbaren Vertiefungen einiger Aspekte des Charismas. Sie ruft eine geistlichere Deutung dieses Charismas hervor und bietet die Möglichkeit, Richtungen für neue apostolische Bemühungen zu bestimmen. Es ist daher notwendig, dass sich geweihten Personen bei jeder Aktivität und bei jedem Dienst stets daran erinnern, dass sie vor allem andere erfahren führen und im geistlichen Leben begleiten müssen, und dass sie aus diesem Blickwinkel Sorge tragen müssen um das „kostbare Gut: den Geist“. Die Laien ihrerseits haben den geweihten Familien einen wertvollen Beitrag durch ihre Verbindung mit der Welt und ihren besonderen Dienst zu bieten.
(…) Es ist absolut richtig, die Ehrenamtlichen – Laien [d.h. die, die sich einer bestimmten Ordensgemeinschaft in einer unverbindlichen Form, ohne Gelübde und zeitlich, anschließen] hochzuschätzen, die aus dem Reichtum des geweihten Lebens schöpfen; jedoch muss für ihre Ausbildung gesorgt werden, damit sie neben ihrer Fachkompetenz bei ihren Plänen für ihre Vorhaben auch immer tiefergehende übernatürliche Motivationen und gleichzeitig ein lebendiges Gemeinschafts- und Kirchensinn finden. Desweiteren ist zu beachten, dass Initiativen, bei denen Laien auch auf Entscheidungsebene mitwirken, damit sie als Werke eines bestimmten Instituts angesehen werden können, die Ziele dieses Instituts verfolgen und in Verantwortung gegenüber ihm durchgeführt werden müssen. Wenn also Laien die Leitung dieser Initiativen übernehmen, sind sie in deren Durchführung den zuständigen Vorgesetzten verantwortlich. Dies alles soll die einzelnen Institute regeln und lenken durch geeignete Vorschriften, die von der übergeordneten Autorität genehmigt werden, in denen die Kompetenzen des Instituts selbst, der Gemeinschaften und der angeschlossenen oder freiwilligen Personen festgelegt sind.“
Der zitierte Text (aus den Abschnitten 54–56 des Dokuments) behandelt vor allem die neuen Formen der Gemeinschaft und der Zusammenarbeit zwischen Geweihten und Laien. Viele seiner Aussagen sind jedoch auch anregend für unseren „klassischen“ dritten Orden.
Ich stütze mich für das Interesse auf die deutsche Übersetzung des Dokuments (Hrsg. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn), sicher kann man auch auf die „offizielle“ Übersetzung ins Tschechische im Verlag Zvon, Praha 1996, zurückgreifen.
Bearbeitet von P. Gorazd, O.Carm.