Geistliche Begleitung nach Johannes vom Kreuz
Reinhard Körner, OCD
In einer kleinen Kirche im oberbayerischen Dorf Urschalling gibt es ein Bild der Dreifaltigkeit von außergewöhnlicher Art. Die menschlichen Figuren, die dort abgebildet sind, sind nicht nur der Vater und der Sohn, sondern auch der Heilige Geist, der – zumindest in der westlichen Kunst – normalerweise durch biblische Symbole wie die Taube dargestellt wird. Hier jedoch nimmt er die Form eines Menschen an. Der Betrachter ist überrascht, wenn er näher auf die Figur zwischen Vater und Sohn sieht: Er erblickt ein weibliches Gesicht und eine deutlich weibliche Gestalt…
Wir wissen nichts über die Person des mittelalterlichen Meisters, aber aus dem ungewöhnlichen Bild können wir folgern, dass er Gott – in diesem Fall den Heiligen Geist – als Gott mit „weiblichen“ und „mütterlichen“ Eigenschaften erfahren hat. So haben die Menschen während der jüdisch-christlichen Glaubensgeschichte in Gott immer wieder nicht nur „väterliche“, sondern auch „mütterliche“ Züge gesehen – bis hin zu Albert Luciani, der in seiner ersten Ansprache als neu gewählter Papst Johannes Paul I. am 10. September 1978 zu den Menschen, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten, rief: „Wir sind Empfänger der unendlichen Liebe Gottes. Wir wissen, dass er ständig mit offenen Augen über uns wacht, auch wenn es uns scheint, als wäre Nacht. Er ist der Vater, aber noch mehr ist er die Mutter…“ (A. Luciani, Vater unser, Styria 1995, S. 11).
Auch in den Schriften des heiligen Johannes vom Kreuz begegnet uns Gott im Bild der „liebenden Mutter“. Am Anfang seines Werkes Dunkle Nacht lesen wir: „Wenn sich der Mensch entschlossen dem Leben mit Gott zuwendet, sorgt Gott meist geistlich für ihn wie eine liebende Mutter für ihr neugeborenes Kind: Sie wärmt es an ihrer Brust, nährt es mit ihrer süßen Milch, trägt es in den Armen und spielt mit ihm. Doch in dem Maße, wie es wächst, entzieht sie ihm die Zärtlichkeiten, überdeckt ihre bisher süße Brust mit Bitterkeit und lässt das Kind aus ihrem Schoß, damit es lernt, selbstständig zu stehen, seine kindlichen Verhaltensweisen abzulegen und festere Nahrung zu verlangen. Nicht anders verhält sich die Gnade Gottes, diese liebende Mutter, sobald der Mensch wieder zu neuem Streben im Leben mit Gott geboren wird…“ (I 1, 2).
Wie für den Maler aus Urschalling oder für den „30-Tage-Papst“ ist auch für Johannes vom Kreuz hinter dem Bild Gottes als „liebende Mutter“ eine tiefe Glaubenserfahrung und Lebensrealität. Der Gott, den er im Evangelium Jesu und in der innerlich erlebten Freundschaft mit Christus erkannt hat, wurde ihm größer als alles, was mit dem Vergleich zu einem menschlichen Vater ausgedrückt werden kann, so sehr auch er vaterlich ist. Wie tief berührt müsste Johannes gewesen sein, wenn er gewusst hätte, dass auch Jesus das Wort weiblichen Geschlechts verwendete, als er in der Sprache seiner galiläischen Heimat den Heiligen Geist, den Geist seines Vaters, „ruach“ nannte…
Doch Johannes vom Kreuz weiß, dass auch der Vergleich mit einer Mutter, so mütterlich sie auch sein mag, Gott nicht fassen kann: „Gott gibt sich dem Menschen in der Erfahrung der inneren Einheit mit einer so tiefen Liebe, dass es keine mütterliche Liebe gibt, die so innig mit ihrem Kind umgeht, keine Geschwisterliebe, keine Freundschaft, die sich damit vergleichen lässt…“ (Geistliches Lied 27, 1). Die Forderung mancher Stimmen im heutigen Feminismus, dass wir nicht mehr von Gott als dem Vater sprechen, sondern dass wir ihn künftig als Mutter bezeichnen müssen, steht dem spanischen Karmeliten völlig fern. Gott ist für ihn Vater und Mutter zugleich – und er ist für ihn mehr, als beide Bilder zusammen ausdrücken können!
Nur an zwei Stellen seines gesamten schriftlichen Erbes verwendet Johannes vom Kreuz das Bild Gottes als Mutter. Im Gegensatz dazu kehrt er häufig zu den „Kindern“ zurück, die die „liebende Mutter“ ernährt und begleitet, die sich jedoch nicht wirklich ihrer Fürsorge unterwerfen wollen (s. o.) oder deren Erziehung andere mit „ungeschickter Hand“ ( Feuer der lebendigen Liebe 3, 54) stören.
Es sind also drei „Themen“, die Johannes vom Kreuz mit seinem Vergleich anspricht: (1.) das Bild Gottes, (2.) der Mensch in der göttlichen Führung und (3.) das richtige und falsche geistliche Führen.
1. Gott ist für mich „Mutter“
Zuerst zitieren wir einen anderen Text, in dem Johannes auch von Gott als liebender Mutter spricht. In einem Kommentar zu Geistlichem Lied schreibt er: „So verwöhnt Gott hier (in der Erfahrung der liebenden Einheit) den Menschen und streichelt ihn mit zärtlicher Sorge ebenso wie eine Mutter und ernährt ihn nicht anders als an ihrer Brust. In diesem erkennt der Mensch die Wahrheit von Jesajas Worten: ‚Ihr werdet saugen und auf den Knien gehegt werden.‘ (66,12)“ (Geistliches Lied 27, 1).
Gott – die liebevoll sorgende Mutter. Wie kommt Johannes vom Kreuz zu diesem Bild? Pater Johannes gehört zu den Menschen, die ihren Vater nie kennengelernt haben. Er war erst wenige Monate alt, als Gonzalo de Yepes starb. Doch das Bild seiner Mutter, die ihn und seinen 14 Jahre älteren Bruder Francisco unter großen wirtschaftlichen Nöten aufgezogen hat – und nach dem Tod ihres Mannes noch dazu allein – blieb ihm tief im Gedächtnis bis zu seinem Lebensende. Sowohl die leibliche Mutter als auch gewiss auch Anna, die als Frau seines Bruders zur Familie des jungen Johannes gehörte und für die acht Kinder, von denen sieben früh starben, ebenfalls eine „liebende Mutter“ war, wurden für den späteren Karmeliten und geistlichen Leiter zum schönsten Bild Gottes, das er in seiner inneren Freundschaft mit Jesus erkannt hat.
Für viele Menschen, die ebenfalls keine oder eher negative Erfahrungen mit Vätern gemacht haben, konnte und kann Johannes vom Kreuz mit diesem Bild einen Weg zur Freude an Gott aufzeigen: Das Schönste und Tiefste, was ich in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebt habe, der beste Mensch, den ich kennenlernen durfte – egal ob er mir als Vater, als Mutter, als Bruder, als Schwester oder als geliebter Freund begegnet ist – ist gerade gut genug, um ein Bild Gottes zu sein! Und wem es schwerfällt, Gott von ganzem Herzen „Vater“ zu sagen, der kann ihn „Mutter“ oder „Schwester“ oder „Bruder“ oder – wie es Johannes in seinen Schriften getan hat – „Geliebter“… nennen.
2. Ich bin Gottes „Kind“
Wenn Johannes vom Kreuz denjenigen vergleicht, der sich „entschlossen dem Leben mit Gott zuwendet“ (Dunkle Nacht, s. o.), mit einem Kind, um das sich die Mutter kümmert und das sie erzieht, spricht er erneut aus Erfahrung. Was er mit diesem Bild beschreibt, hat er bereits in der frühen Kindheit erlebt, als sein Bruder Francisco entschlossen von seiner jugendlichen Wanderschaft Abschied nahm und sich einem bewussteren Leben mit Gott zuwandte. Später konnte Johannes als geistlicher Leiter bei vielen Menschen beobachten, wie Gott denjenigen führt, der sich zu ihm wendet. Und nicht zuletzt steht hinter diesem Bild auch die Erfahrung seines eigenen Lebens. In Aufstieg zum Berge Karmel fasst er sie so zusammen: „Um den Menschen näher zu bringen und ihn von einem Extrem, nämlich von seiner Barmherzigkeit, zum anderen Extrem, nämlich zur Einheit mit sich, zu führen, hält sich Gott an die natürliche Ordnung, handelt mit Nachsicht und auf eine für den Menschen angemessene Weise…, führt ihn von unten nach oben, vom Äußeren zum Inneren… So geleitet er ihn von Stufe zu Stufe…“ (II 17, 3–5).
Gott behandelt den Menschen also – bildlich gesprochen – wie eine Mutter ihr Kind. Er gibt ihm zunächst alles, was ihm schmeckt und ihn nährt und stärkt: Er berührt ihn mit dem Gefühl seiner Nähe und seiner Liebe. Doch wie die Mutter sich in ihrer Erziehung bemüht, ihr Kind zur Selbstständigkeit und Reife zu bringen, damit sie sich eines Tages nicht mehr als „Kind“, sondern als reifen Sohn und als Tochter, die sie als Frau und Mutter gleichgestellt ist, begegnen kann, so „erzieht“ auch Gott zur Selbstständigkeit, zu einer reifen Freundschaft – ja, zu einer liebevollen „Vereinigung“ mit ihm, die bereits in diesem Leben beginnt und sich in der Ewigkeit vollendet. Er entzieht die „süßen“ Berührungen, damit der Mensch selbst aktiv wird und nach dem sucht, was die Seele nährt; er stellt ihn auf die Beine seines eigenen Gewissens, seines eigenen Verstandes und seiner eigenen Talente, damit er seiner Sehnsucht folgt, die in die Ferne, in die Freiheit führt – und zu dem Ziel, für das er geboren wurde.
Nun ist es anfangs bedrückend, wenn jemandem das „süße“ genommen wird; und auf eigenen Beinen zu stehen ist schwieriger und mühsamer, als sich in der schützenden Umarmung tragen zu lassen. Die entsprechende Reaktion darauf ist im geistlichen Leben nachvollziehbar und daher häufig: „Es ist bedauerlich zu sehen, wie viele Menschen, denen Gott alle Gaben und Gnaden verleiht, um voranzukommen. Wie sie in ihrem kindlichen Umgang mit Gott verharren, weil sie das anders nicht wollen oder nicht können oder weil niemand da ist, der sie aus den kindlichen Schuhen führen könnte.“ Hätten sie den Mut, könnten sie vorankommen (Aufstieg zum Berge Karmel, Prolog 3). Doch auch das ist nur eine allzu menschliche und verständliche Reaktion: Wenn eine Mutter einem Jugendlichen ihre liebende Zuneigung auf eine neue Weise zeigen will, wird sie abgelehnt. Auch hier ähnelt der Mensch einem „kleinen Kind, das die Mutter an sich zieht, um es in die Arme zu nehmen: das Kind aber wehrt sich mit Geschrei und strampelt mit den Beinen, um selbst auf eigenen Füßen zu gehen; so lernt es weder selbst zu gehen, noch lernt die Mutter es gehen…“ (Feuer der lebendigen Liebe 3, 66).
Diese Vergleiche sprechen für sich. Sie bedürfen keiner näheren Erläuterung. Wie alle Bilder und Gleichnisse sind sie ausreichend konkret und zugleich fern genug, dass man darin den eigenen Weg erkennen und die Hilfe finden kann, um ihn bewusster zu gehen…
3. Überlege, in wessen Hände du dich begibst…
Bereits im Vorwort zu seinem ersten der vier Hauptwerke, zum Aufstieg zum Berge Karmel, spricht Johannes vom Kreuz von geistlicher Führung. Einige Zeilen zuvor stellt er dem Leser das Bild des Verhaltens von Kindern in der mütterlichen Erziehung vor: „Es gibt Menschen, die – anstatt sich Gott anzuvertrauen und mit ihm zusammenzuarbeiten – ihm durch ihr unvernünftiges Verhalten und ihren Widerstand erheblich im Wege stehen. Sie sind wie kleine Kinder: Wenn die Mutter sie in die Arme nehmen will, strampeln sie und schreien, weil sie unbedingt selbst laufen wollen, obwohl sie es noch nicht können, und wenn, dann nur mit kindlichen Schritten“ (Prolog 3). Was dann folgt, ist eines von jenen Stellen im Text, an denen Pater Johannes mit leidenschaftlichem Zorn die geistlichen Leiter seiner Zeit zur Rede stellt: „Es gibt Seelenführer und Beichtväter, denen das Licht und die Erfahrung auf diesen Wegen fehlt. Deshalb schaden sie solchen Menschen mehr, als dass sie ihnen helfen, voranzukommen. Sie gleichen den Bauleuten von Babylon, die – weil sie sich untereinander nicht verstehen – ungeeignetes Baumaterial zusammenschafften, und so nichts zustande brachten. (…) Sie begreifen nicht, dass es manchmal besser ist, den Prozess der Reinigung, den Gott sich vorgenommen hat, ganz sich selbst zu überlassen…“ (Prolog 4 ff.).
Johannes vom Kreuz lehnt die geistliche Führung nicht ab. Aber er relativiert sie entschieden! Wer geistlich leben möchte, benötigt nicht unbedingt einen „geistlichen Begleiter“, vielmehr muss er lernen, Gott selbst als „geistlichen Begleiter“ zu erkennen durch die inneren und äußeren Erfahrungen seines Lebens und sich seinem Führen anzuvertrauen. Sicherlich kann es helfen und in bestimmten Lebenssituationen oder manchmal auch über längere Strecken notwendig sein, in gewissen Lebenssituationen Rat und Begleitung von einem geistlichen Leiter zu suchen – jedoch nicht, um sich unter seine Leitung zu begeben, sondern um zu lernen, durch ihn und mit ihm das Führen Gottes auf dem eigenen Lebensweg zu entdecken!
Ein geistlicher Leiter, der das Geschenk hat, dem Suchenden zu helfen, zwischen den vielen Stimmen, die von außen und innen zu ihm sprechen, die Stimme Gottes zu erkennen, ist in allen Zeiten rar. Es ist ein Geschenk, das ihm nicht unbedingt mit dem priesterlichen Amt gegeben ist! Pater Johannes muss wohl vielen Menschen begegnet sein, deren Beichtväter und geistlichen Leiter ihnen mehr im Weg standen, als sie ihnen Gottwege zeigten; er musste oft erleben, wie das kostbare, was Gott – die „liebende Mutter“ – in die Seele gelegt hat und zu entfalten begonnen hat, durch deren „Führung“ deformiert wird, wenn er immer wieder mit diesen und ähnlichen Worten klagte: „Viele Geistliche richten großen Schaden an. Sie begreifen nichts von den eigenen Wegen Gottes. Und so bewirken sie, dass die Menschen die zärtlichen Berührungen Gottes, mit denen der Heilige Geist sie für sich zubereitet, verlieren und lehren sie stattdessen, auf eigene bearbeitete Weise oder irgendwo Gelesenes wie – im besten Fall – wie Einsteiger voranzukommen. Mehr wissen sie nicht, und Gott gebe, dass sie wenigstens das wissen!“ (Feuer der lebendigen Liebe 3,31).
Solche Worte haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Damals wie heute gilt: „Die geistliche Führung von Menschen erfordert Wissen und Urteilsvermögen, das ist die Grundlage; doch fehlt es an Erfahrung, was der wahre und echte Geist ist, kann man den Menschen nicht im erkennen, was er von Gott empfangen hat, denn wir verständigen uns nicht einmal mit ihm“ (ebd. 3, 30). Notwendiges Wissen, das ausreichend gründlich im reichen Schatz der Erfahrung der geistlichen Tradition der Kirche und an wertvollen Erkenntnissen der Geisteswissenschaften studiert wird, und gesunder Urteilsvermögen, den ein Mensch nur in dem Maße gewinnen kann, wie er selbst von Vorurteilen befreit ist, gehört ebenso wenig selbstverständlich zu jedem geistlichen Leiter wie die eigene Erfahrung, die Johannes einfordert und die man nur erhält, wenn man sich selbst lange genug dem „mütterlichen“ Führen Gottes anvertraut hat und die Fehler anerkennt, die sich schlingenden Kinder gemacht haben. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen ohne priesterliches Amt in der Kirche – auch davon sind nicht viele wie der Sand am Meer – die ganz diesen Kriterien entsprechen.
Aus Liebe und Achtung vor der Würde jeder menschlichen Seele und zu seinem mütterlich-väterlichen Gott legt deshalb Johannes vom Kreuz seinen Lesern dringend ans Herz: „Wer den Weg der Vertiefung seines Lebens gehen möchte, muss sich zuerst überlegen, in wessen Hände er sich übergibt. Denn wie der Meister, so der Schüler, wie der Vater, so der Sohn!“ (Feuer der lebendigen Liebe 3, 30).
(Körner, R.: „… Wie eine liebende Mutter“
Geistliche Begleitung nach Johannes vom Kreuz,
Karmel-Impulse 5/1995)
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola