Beweise der Liebe

Gen 22,1–18

Vojtěch von der hl. Hedwig, OCD

Ich sehe sie überall: auf den Straßen, im Park, in der Straßenbahn… Sie halten Händchen, küssen sich, umarmen sich. Mir drängt sich die Frage auf: Ist das wirklich Liebe? Haben diese Paare von jungen Leuten wirklich einander gern? – Diese Frage scheint sie wohl auch selbst zu quälen. Und deshalb fragen sie immer wieder: „Liebst du mich?“ und können sich nicht satt sehen an den Beweisen der Liebe und Treue des Partners.

Der Mensch will die Gewissheit haben, dass er geliebt wird. Bei kleinen Kindern sehen wir das am stärksten: „Zeig mir, wie du mich liebst!“…

Die Antwort auf eine solche Bitte finden wir auch im Wort Gottes. Die Lesung aus dem ersten Buch Mose über Abraham und Isaak ist sehr bekannt. Wir verstehen sie meist so: Gott will die Gewissheit über Abrahams Liebe zu ihm. Deshalb fordert er das Opfer seines einzigen Sohnes. – Abraham besteht, Gott rettet Isaaks Leben und alles endet mit einem Happy-End und dem entsprechenden Versprechen von Gottes Belohnung. „Zeig mir, wie du mich liebst!“

Aber mir passt da vieles nicht: … Der Engel sagt: „Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest…“ Jetzt? Gott ist doch allwissend! Wie konnte er vorher nicht wissen? Wusste er nicht auch ohne diese Prüfung, wie Abrahams Liebe zu ihm ist? Und weiter: Was ist das für ein Gott, der den Tod des einzigen geliebten Sohnes um nichts und wieder nichts will? Warum jemanden töten? Ich glaube, es ist alles ein bisschen anders. Wir lesen: „Gott prüfte Abraham“ – in welchem Sinn prüfte er, wenn Gott allwissend ist? – Das, was Gott verlangt, ist eine Prüfung für Abraham, jedoch nicht für Gott. Der weiß von Anfang an, wie es ausgeht. Dieses Ereignis ist tatsächlich Teil der Antwort auf die Bitte: „Zeig mir, wie du mich liebst“ – aber genau das Gegenteil. Es ist nicht der Mensch, der seine Liebe zu Gott beweist, sondern Gott dem Menschen.

Vor allem zeigt Gott Abraham, dass er jeden Menschen liebt, und deshalb fordert er keine Menschenopfer (die zu dieser Zeit ganz üblich waren). Im Gegenteil, er verbotet sie. „Es soll bei dir niemand sein, der seinen Sohn oder seine Tochter durch das Feuer gehen lässt“, sagt das fünfte Buch Mose (18,10). Deshalb erscheint ein Widder, den Abraham „als Brandopfer anstelle seines Sohnes“ opfert. Und weiter: Wenn ich sage, dass Isaak ein Vorbild, ein Symbol für Jesus Christus ist, werde ich euch damit wahrscheinlich nicht überraschen. Das wissen wir wohl alle gut. Und das ist gerade der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Problems. Sehen wir: Wir haben schon gesehen, dass Gott in Wirklichkeit nicht will, dass Abraham „seinen einzigen Sohn, den er liebt“, opfert. Ebenso will Christus den Schmerz der Witwe von Nain nicht, und deshalb erweckt er ihren einzigen Sohn von den Toten. – Aber in seinem Fall hat Gott seinen eigenen Sohn nicht verschont – wie wir im Brief an die Römer lesen. Er hat ihn dem Tod übergeben, obwohl es sein „geliebter Sohn“ ist, wie wir im Evangelium lesen. Und ebenso hat Christus seine eigene Mutter, die Witwe – die Jungfrau Maria, nicht vor dem Schmerz über den Verlust seines einzigen Sohnes bewahrt…

Nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott dem Menschen beweist seine Liebe. Wenn er seinen Sohn dem Tod übergibt, geschieht dies nicht um nichts und wieder nichts. Es ist ja Sünde, unser radikales Nein zu Gottes Liebe. Und Gott beweist uns durch den Tod seines eigenen Sohnes, dass er uns trotzdem liebt. Auch wenn wir ihm ins Gesicht spucken.

„Zeig mir, dass du mich liebst“ – bitte ich Gott. Und er gibt mir die Antwort im Tod und in der Auferstehung seines einzigen, geliebten Sohnes – Jesus Christus. Nur durch das Kreuz auf Golgota kann ich Gott in Christus und seine Liebe erkennen. Und deshalb will ich auf den hohen Berg steigen, um allein mit ihm zu sein. In die Stille, in die Einsamkeit. Denn dort wird Jesus vor meinem Auge verwandelt sein. Und es wird so groß sein, dass „ich nicht wissen werde, was ich sagen soll“.

Herr, ich habe Vertrauen, auch wenn ich manchmal sage: „Ich bin so niedergeschlagen!“ Denn der Tod deines Sohnes ist kostbar in deinen Augen, sodass du meine Fesseln gelöst hast. Deshalb bringe ich dir das Dankopfer dar und will deinen Namen anrufen. Amen.