Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit, Prophetin für die heutige Zeit (1. Teil)

Kardinal Albert Florent Augustin Decourtray

Der folgende Text stammt aus einer Broschüre, die 1979 in Dijon veröffentlicht wurde. Es ist angebracht, einige Worte über seinen Autor voranzustellen. Kardinal Decourtray (geboren am 9. April 1923) war zunächst Weihbischof (1971–1974) und dann Diözesanbischof (1974–1981) in Dijon, also in der Stadt, die mit dem Leben der seligen Elisabeth verbunden ist. Ab 1981 war er Erzbischof in Lyon und wurde 1985 zum Kardinal ernannt. Er starb am 16. September 1994.

Die Aktualität ihrer Botschaft

Drei grundlegende Gedanken der geistlichen Botschaft Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit erscheinen mir besonders aktuell: die Wichtigkeit der persönlichen und offensichtlichen Liebe zu Gott, die Rolle der Laien und das Gespür für echtes christliches Gebet.

Persönliche und offensichtliche Liebe zu Gott

Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit ist uns vor allem eine lebendige Erinnerung an einen zu oft vergessenen Wert: die persönliche und offensichtliche Liebe zu Gott. Wir entdecken zunehmend irdische Wirklichkeiten und menschliche Solidarität, sind so sehr beschäftigt mit dem Aufbau einer allgemeinen Brüderlichkeit, dass wir manchmal vergessen, denjenigen, der das Herz der Welt ist, den Vater der Menschen und unseren Vater: Gott. Dennoch können wir aus dem Evangelium nicht das Wort Jesu streichen, das besagt, dass die Liebe zu Gott das erste Gebot ist! „Gott zu lieben“ bedeutet nicht nur, die Welt zu erobern und unser Brot zu verdienen, sondern auch Gott um seiner selbst willen zu lieben. Wenn Gott sich als Liebe offenbart („reine Liebe“, wie Elisabeth gerne sagte), erwartet er eine wechselseitige Liebe, im Annehmen, in der Gegenwart, in der Achtsamkeit, im Gebet.

Wir haben Jesu Beispiel: Aus Liebe zu seinem Vater entsteht seine Liebe zum Gebet und die Liebe zu den Mitmenschen. Öffnet er uns nicht durch den Geist zu einer unaussprechlichen Vertrautheit mit Gott? Er sagte: „Der Vater sucht solche, die ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4,23). Jesu „Durst“ am Kreuz war der Durst nach dem Verständnis seiner doppelten Botschaft: über den Vater und über die Mitmenschen.

Offensichtliche Liebe zu Gott offenbart uns, wie sehr wir selbst geliebt sind, die Gehorsamkeit gegenüber seinem Wort „Kommt zu mir alle“ verschafft uns die „Ruhe“, die Jesus versprochen hat (vgl. Matthäus 11,28). „Seine Freude wird in uns sein“ (Johannes 15,11) und „Friede“, anders als den dieser Welt gibt (Johannes 14,27).

Die Liebe zu Gott, die Liebe zu Jesus ist der zentrale Punkt von Elisabeths Wirklichkeit und ihrer Lehre. Er ist „mein Freund in jedem Moment“, sagt sie (D 243). „Er ist mein Unendlicher, in ihm liebe ich, in ihm bin ich geliebt und in ihm habe ich alles“ (D 117). „Denkst du nicht, dass, wenn das Herz von Christus gefangen genommen ist, es sich vollkommen hingeben kann?“ (D 130).

Bei ihrem Ordensgelübde wünscht sie sich, dass „es der Beginn einer einzigen Anbetung sein möge, die in meiner Seele niemals endet“ (D 150). Ihre Berufung ist eine verliebte Aufmerksamkeit auf Gott, die sich in allem fortsetzt: „Die Karmelitin ist eine Seele, die auf den Gekreuzigten blickte, die sah, wie er sich als Opfer für die Seelen dem Vater hingibt, und die, in diesem großen Blick auf die Liebe Christi gesammelt, die Leidenschaft der Liebe ihrer Seele begriff und sich geben wollte wie er! (...) Und auf dem Berg Karmel, in der Stille, in der Einsamkeit, in nie endendem Gebet, das sich in allem fortsetzt, lebt die Karmelitin bereits wie im Himmel: nur von Gott“ (D 133).

Einer Freundin anvertraut sie, woher sie Kraft schöpft, und rät ihr, es ebenso zu tun: „Ich sage euch, wie ich es mache, wenn ich ein wenig müde bin: Ich schaue auf den Gekreuzigten, und wenn ich sehe, wie er sich für mich hingegeben hat, scheint es mir, als könnte ich für ihn nicht weniger tun, als meine Kräfte aufzubringen, mich zu verausgaben, um ihm ein wenig zurückzugeben, was er mir gegeben hat! Morgens bei der heiligen Messe lasst uns seinen Geist des Opfers empfangen (...), wir müssen ihm ähnlich werden. Dann halten wir uns den ganzen Tag über stets in ihm. Und so, wenn wir treu aus seinem Leben leben, wenn wir uns mit allen Bewegungen der Seele des Gekreuzigten identifizieren, müssen wir uns ganz einfach nicht mehr vor unseren Schwächen fürchten, denn er wird unsere Kraft sein“ (D 156).

Drei Wochen vor ihrem Tod, in großem Leiden, offenbarte sie in ihrem letzten Brief an ihre Mutter das Geheimnis, das aus ihrem jungen Leben eine einzige Flamme der Liebe machte: „Es gibt ein Wesen, das die Liebe ist und möchte, dass wir in Gemeinschaft mit ihm leben. Er ist es, der mir Gesellschaft leistet, er hilft mir zu leiden, er lehrt mich, über den Schmerz hinauszugehen und in ihm zu ruhen; tue es wie ich, du wirst sehen, wie sich alles verändert!“ (D 327)

Die Rolle der Laien

Der zweite Gedanke – besonders aktuell – wird uns sicherlich überraschen: die Botschaft der Liebe und des inneren Lebens von Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit richtet sich in erster Linie und scheinbar vorrangig an die Laien! Um das zu verstehen, ist es wohl gut, sich zu erinnern, dass Elisabeth, bevor sie diese Botschaft in Briefen aus dem Karmel übermittelte, sie mitten in der Welt lebte. War diese junge Christin, diese junge Laiin, die in der gewöhnten Umgebung vieler junger Menschen ihrer Zeit die Präsenz Gottes so intensiv erlebte und dieses Geschenk in einem großen Freundeskreis verbreitete, nicht bereits damals eine Mystikerin? Jedenfalls, als sie Karmelitin wurde, hörte sie nicht auf, ihren Freundinnen Laien zu vermitteln, was die Seele und die Freude ihres neuen Lebens ausmachen, ihre Erfahrung mit Gott in der Stille und Einsamkeit. Ein Blick auf die Adressaten ihrer 342 erhaltenen Briefe genügt: darunter sind 6 Priester und Seminaristen, 13 Ordensfrauen, aber 39 Laien. Aber wie lässt sich erklären, dass der Inhalt ihrer Botschaft so offen, so weit und so anpassungsfähig an das Leben „in der Welt“ ist? Elisabeth hatte ein besonderes Talent zu verstehen, zu erfahren, zu leben und weiterzugeben, was die Grundlage jedes christlichen Lebens ist: das Wort Gottes, das uns im Heiligen Schrift angeboten wird. Elisabeth nährte sich von den Texten des heiligen Paulus und des heiligen Johannes, obwohl sie weder Theologie noch Exegese studierte und auch keine zahlreichen Kommentare las, die uns heute zur Verfügung stehen. Es ist die Liebe zu Gott, zu Jesus und ihr Wunsch, eine gute Christin zu sein, die sie zum Hören auf das Neue Testament führt, das sie mit ganzem Herzen das offenbarte Wort annimmt und sich ihm mit der Logik der Heiligen anvertraut. Durch das Nachsinnen über das Neue Testament vertieft sie alle grundlegenden Linien unseres christlichen Lebens. Wie oft betont sie, dass unser Gott der Gott der Liebe ist und dass wir von Ewigkeit her berufen sind, an dem göttlichen Leben teilzuhaben, das uns Jesus erworben hat!

Hören wir, wie sie ihrer Schwester Guite, einer jungen verheirateten Frau und Mutter von zwei Kindern (sie wird neun haben!) von ihrer Freude erzählt, Gottes Kind zu sein. „Ich habe gerade bei dem heiligen Paulus wunderschöne Dinge über das Geheimnis der göttlichen Annahme als Söhne gelesen, natürlich habe ich dabei an dich gedacht, und es wäre seltsam, wenn nicht: du, die Mutter bist und weißt, welche Tiefen der Liebe zu deinen Kindern Gott in dein Herz gelegt hat, kannst du die Größe dieses Geheimnisses verstehen: Wir sind Kinder Gottes, meine Guite, erschüttert dich diese Freude nicht? Höre, was mein lieber heiliger Paulus sagt: ‚Gott hat uns noch vor der Erschaffung der Welt erwählt. Er hat uns als Söhne bestimmt, damit in uns die Herrlichkeit seiner Gnade leuchte‘, das bedeutet, dass er in seiner Allmacht nichts Größeres tun konnte“ (D 239).

Durch die Taufe, wie sie gerne sagte, sind wir alle „der Tempel der Heiligsten Dreifaltigkeit“ (D 197) und das Leben mit Gott, in Gott, durch Gott wird für jeden möglich. „Dieses beste Schicksal, das wie ein Privileg in meiner geliebten Einsamkeit des Karmels scheint“, schreibt sie an eine andere junge verheiratete Frau, „offenbart Gott jeder getauften Seele. Er bietet es euch an in eurer mütterlichen Pflege und in euren Sorgen. Glaubt, dass sein ganzer Wille ist, euch immer weiter in sein Geheimnis zu führen“ (D 129).

In der Eucharistie, die auch für alle zugänglich ist, schöpft Elisabeth die Kraft, die ihr Leben verwandelt. Die Verbindung mit Jesu Opfer am Kreuz hält sie in großem körperlichen Leiden aufrecht. Sie schreibt darüber an ihre Mutter: „Diese Messe, die Gott mit mir feiert und deren Priester seine Liebe ist, kann noch lange dauern. Dein ‚kleines Opfer‘ sieht in der Hand desjenigen, der es opfert, die Zeit nicht als zu lang an und kann sagen, dass, wenn es den Weg des Leidens geht, es viel mehr auf dem Weg des echten Glücks bleibt, meine liebe Mama, eines solchen, das ihm niemand nehmen kann. Ich freue mich, sagte der heilige Paulus, dass ich in meinem Körper ergänzen kann, was noch an den Leiden Christi für seinen Leib, die Kirche, aussteht“ (D 309).

Nach Jesu Beispiel sieht Elisabeth die Grundlage der Liebe im Gehorsam gegenüber dem konkreten Willen des Vaters. „Lieben ist so einfach“, sagt sie, „sich seiner (d.h. Jesu) Willen zu überlassen, so wie er sich dem Willen des Vaters überlassen hat“ (D 288). „Das Glück meines Meisters genügt, damit auch ich glücklich bin, und ich gebe mich ihm hin, damit er in mir tut, was er will“ (D 271). „Jede Kleinigkeit, jedes Ereignis, jeder Schmerz und jede Freude ist ein Sakrament, das Gott mir gibt“ (NV 10). Ja, für Elisabeth wird der Christ selbst zum göttlichen Sakrament, zum Träger der Gnade für seine Brüder. „Gott beugt sich über uns mit all seiner Liebe, Tag und Nacht möchte er uns seinen göttlichen Lebenshauch übermitteln, um aus uns vergöttlichte Wesen zu machen, die ihn ausstrahlen“ (D 124).

Bereits als Kind träumte sie davon, dieses Abbild Gottes zu sein: „Bitte ihn, dass er so in mir ist, dass die Menschen ihn spüren, wenn sie sich mir nähern, und dass sie an ihn denken“ (D 54). Und einer jungen werdenden Mutter erklärt sie, dass das Leben eines neuen menschlichen Wesens zugleich ein Geschenk des göttlichen Lebens sein soll: „Ich bitte den göttlichen Meister, den, der in deiner Seele wohnt wie in einem kleinen Hostien im Tabernakel, dir mehr als Überfluss seines göttlichen Lebens zu geben, damit du es deinem Engelchen gibst, dessen Mutter du sein wirst“ (D 186). Bewundernswert fasst sie in einem Brief an ihre Schwester Guite, eine junge zweiundzwanzigjährige Mutter, zusammen: „Wenn er durch dich hindurchgeht, will er geliebt werden“ (L 233).

Aus dem Französischen übersetzt von Alžběta Graubnerová.

Fortsetzung