P. Saverio Cannistra, OCD
Die Grenze überschreiten
Ich denke, dass wenn wir sagen müssten, was Mission ist,1 und das so, dass wir nicht nur ihre theologische Dimension, sondern auch ihre existenzielle Auswirkung ausdrücken, würden wir sagen, dass es bei der Mission immer darum geht, wenn wir vor der Herausforderung stehen „die Grenze zu überschreiten“. Unbewusst verbinden wir Mission mit der Erfahrung von Reise und Abenteuer. In Wirklichkeit ist die Mission jedoch durch den Übergang von einem Gebiet, das uns gehört, zu einem Gebiet, das uns fremd ist und um das wir kämpfen, charakterisiert. In diesem Sinne gibt es – und es ist notwendig, sie zu überwinden – Grenzen, die nicht nur geografischer, sondern auch sozialer, wirtschaftlicher, kultureller, ethnischer und – zunehmend häufiger – generationsübergreifender Natur sind. Vor dem Überwinden von Grenzen haben wir Angst. Dieser Akt erfordert den Mut, den Widerstand der Umgebung zu überwinden, die innere Kraft, um das, was uns Sicherheit und Schutz bietet, aufzugeben, und vor allem erfordert es den Wunsch, sich dem anderen Menschen zuzuwenden, sich ihm als Nächster zu geben.2
Aber vor allem ist die Mission ein theologischer Akt, den nicht die tun, die menschlich stark und tugendhaft sind, sondern es handelt sich eher um den Akt der Armen, die glauben, das heißt, die ihr Leben in die Hände Gottes begeben, von dem sie wissen, dass er sie liebt und begleitet.
Diese theologische Wurzel der Mission möchte ich betonen. Ein Christ oder ein Ordensmann ist kein Missionar, weil er es sein möchte, er ist nicht Missionar nur deshalb, weil er sensibel für soziale Fragen ist, weil er ein einfacheres und radikaleres Leben führen möchte, oder weil er Abenteuer liebt oder versucht, den Schwierigkeiten zu entkommen, die er in seiner Umgebung erlebt. Sicherlich spielen im Entschluss zur Mission auch solche Motivationen oft eine Rolle und haben ihren Wert, aber – ebenso wie alle anderen „menschlichen“ Gründe – müssen sie gereinigt und reifen. Die authentischste und radikalste Auffassung von Mission stammt nicht aus dem Fleisch, sondern aus dem Geist, das heißt aus dem Band, das uns mit Christus vereint. Und deshalb ist es nicht möglich, echte Christen zu sein, ohne Missionare zu sein. Ich bin Missionar insofern, als ich nicht mehr mir selbst gehöre, ich bin nicht mehr Herr meines Lebens, sondern ich empfange es von Ihm, erneuert in seinem Sinn und darin, wie ich mich selbst verstehe. Meine Mission ist eine Verlängerung der Mission Jesu Christi, die er mir gegenüber verwirklicht hat, als er bis zu mir kam, sich mit mir traf und mich durch den Bund, der den Lauf meines Daseins verändert, zu seinem machte. Wenn ich mein Leben nicht mehr selbst als Individuum lebe, sondern der einzige Sinn meines Lebens darin besteht, „ein Leben in Christus“ zu führen, wie es der hl. Paulus sagt,3 ist es unvorstellbar, dass ein solches Leben nicht als Mission, als Sendung wahrgenommen wird. Was von Balthasar über Jesus sagt: dass seine Person mit seiner Mission übereinstimmt, das heißt, dass sein Dasein tatsächlich ein Dasein-Sendung ist, gilt auch für jeden Menschen, der in Christus lebt, für jeden, der neue Schöpfung ist, neu geboren als Glied des Leibes Christi.
Diese christologischen und anthropologischen Überlegungen sind keine bloße Spekulation. Sie dienen uns dazu, das Fundament der Mission erneut auf die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, den Bund mit ihm, die Gehorsamkeit seinem Willen zu legen. So wie Berufung nicht bedeutet, sich selbst zu wählen, sondern gewählt zu werden, so ist auch Mission nicht unsere Entscheidung, bei der wir mutig voranschreiten und uns aufmachen, sondern es ist die gehorsame Antwort an den, der uns sendet, nicht ausgestattet mit menschlichen Sicherheiten, nicht ausgestattet mit Mitteln oder Tugenden, sondern fest verankert in seinem Versprechen: „Ich werde mit dir sein.“4
Es ist daher leicht zu verstehen, dass die Mission ständig Kraft und Motivation, Licht und Unterscheidung aus dem Dialog zwischen dem „Missionar“ und dem Herrn, der ihn gesandt hat, schöpfen muss. Zu oft denken wir, dass Mission ein Werk ist, das wir tun und entwickeln müssen, beurteilt nach menschlichen Maßstäben, und wir geben dem, was uns der Herr sagen will, was er uns im Schweigen des Gebets, in den Tiefen unseres Gewissens oder auch im Unterscheiden unserer Gemeinschaft, die in seinem Namen versammelt ist, vorschlägt, keinen Raum; und über die er uns versprochen hat, dass er in ihrer Mitte gegenwärtig sein wird. Wenn wir nur nach unseren gewohnten Mustern vorgehen, riskieren wir, weitere Möglichkeiten, wie wir gegenwärtig sein (in der heutigen Welt) und das Evangelium verkünden, zu übersehen, Möglichkeiten, die wahrscheinlich prophetischer und mehr unserem karmelitischen Ruf entsprechen.
Ängstliche Mission
Ich gestehe, dass ich, als ich in all diesen Jahren (meiner Tätigkeit als Generaloberer) um die Welt gereist bin, vielen Mitbrüdern begegnet bin, die hart arbeiten, sich selbstlos bemühen, den Gläubigen die Verkündigung des Wortes, die Katechese und die Sakramente zu gewährleisten, und das alles oft in sehr schwierigen Situationen, mit Dutzenden von Kilometern, die sie zu Fuß zurücklegen, bei Hitze oder Kälte, trotz Krankheit und den Widrigkeiten des Lebens, das die Bequemlichkeit unserer westlichen Welt vermissen lässt. Dafür danke ich Gott und meinen Brüdern. Gleichzeitig kann ich jedoch das Gefühl nicht verbergen, dass Mission oft die Form von pastoraler Arbeit in den Pfarreien annimmt, bei der wir der lokalen Kirche helfen, wenn es zu wenige Priester und viele Gläubige gibt. Und es ist nicht klar, worin das Besondere oder Neue besteht, das die Mission kennzeichnet. Die Unterschiedlichkeit, die aus verschiedenen sozialwirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen resultiert, ist offensichtlich, aber besteht Mission nur darin? Geht es nur darum, das, was wir in unseren Kirchen im Westen tun, an andere Orte zu bringen? Ansonsten genügt das, was wir in unserer alten Welt, die eine antike christliche Tradition hat, in unseren Kirchen und Gemeinschaften tun, um es als Mission zu betrachten? Welche Grenzen müssen wir überschreiten, wenn dies das bestimmende Zeichen wahrer Mission ist?
Vielleicht erscheint euch das etwas merkwürdig, aber ich kann den Gedanken des Überwindens, des Überschreitens von Grenzen nicht von den Erfahrungen des Kampfes trennen. Grenzen sind in der Regel geschützt und können nicht überschritten werden, ohne dass wir in einen Kampf mit ihren Wächtern eintreten, mit denen, die uns in der Trennung halten. Der Unterschied zwischen der üblichen Pastoral, einem friedlichen Umgang mit den geschaffenen kirchlichen Strukturen, und der Mission besteht meiner Meinung nach in diesem Kampf. In diesem Sinne verwirklicht die Mission Jesu Worte: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34). Jesu Schwert bedeutet offensichtlich einen Aufstand gegen die Feinde des Menschen und den Plan Gottes. Dass Jesus ein Schwert gebracht hat, ist nur insoweit wahr, als Jesus getötet wurde. Seine Mission/sendung verstanden sie als echte Gefahr, als etwas, das die bestehende Ordnung untergräbt und das deshalb um jeden Preis gestoppt werden muss. Wir wissen auch, dass es nur durch das Geschenk des Heiligen Geistes möglich ist, Jesus bis dahin zu folgen, der fähig ist, wehrlose und schwache Menschen in Muster von Stärke und Mut zu verwandeln.
Wenn ich sage, dass der christliche Auftrag immer einen Aspekt des Kampfes, der Konfrontation mit feindlichen Kräften enthält, drücke ich keine theologische oder ideologische Option aus. Es geht mir darum, unsere christliche Existenz in die Geschichte einzubetten und die Auswirkungen, die die Verkündigung oder einfach das Zeugnis vom Reich Gottes und dem Evangelium Jesu Christi in der Welt hat, zu erinnern. Wenn ich an den Bereich denke, der momentan die größte Besorgnis in der Welt aufwirft, an den Nahen Osten, kann ich nicht die christlichen Zeugen vergessen, die hier gestorben sind, als sie den friedlichen Kampf einer einfachen Gemeinschaft führten, die Grenzen (der einzelnen) Religionen überschreitet. Natürlich denke ich dabei besonders an die Märtyrer von Tibhirine, aber nicht nur an sie. Auf eine bestimmte Weise riskiert jeder, der wirklich liebt. Er betritt ein Gebiet, das der andere schützt, und nähert sich dem anderen „bedrohlich“. Dieses Sich-Nähern ist nur möglich unter der Bedingung, dass wir die Menschlichkeit des anderen Menschen von dem trennen, was ihn fesselt. In diesem Sinne können Mission und die Verkündigung des Evangeliums die „Befreiung“ des Menschen von dem, was ihn bindet und von seiner eigenen Menschlichkeit trennt, nicht ausschließen.
Es erscheint mir, dass unsere Mission in diesem Sinne etwas „ängstlich“, etwas erstarrt, in der üblichen Pastoral der Pfarrei und der sakramentalen Pastoral verkrustet ist. Es scheint, als würde ihm das „Feuer“ Elias oder das, von dem Jesus spricht, fehlen: eine Flamme, die den Menschen erhellt und wärmt, aber auch alles verbrennt, was sich dem Willen Gottes entgegenstellt. Ich frage mich selbst, ob wir dieses Feuer in uns haben, ob es nicht nur eine kleine Flamme geblieben ist, die unter einer Schicht von Asche glimmt. Wir müssen dieses Feuer neu entfachen oder besser gesagt: den Heiligen Geist lassen, dass er in es bläst. Damit die Flamme in uns erneut entzündet wird und in unsere Umgebung aufflackern kann.
Papst Franziskus fordert die gesamte Kirche auf, „selbst aus sich herauszugehen“. Eine Kirche, die sich mit sich selbst beschäftigt, sich im Spiegel betrachtet, wird krank, rostet. Was die Kirche lebendig und gesund macht, ist, dass sie zu den anderen hinausgeht im Dynamismus der Mission. Papst Franziskus sagte schon als Kardinal Bergoglio, dass Jesus, der innerhalb der Kirche und in jedem Christen anklopft, nicht von außen, sondern von innen, damit wir ihm die Türen öffnen und ihn hinauslassen, damit er seine Mission der Welt, den entferntesten Randgebieten gegenüber, fortsetzen kann. Es ist notwendig, dass wir die Freude, die Kraft und den Mut zur Evangelisierung, die gute Nachricht zu verkünden, die nicht vor allem eine Lehre darstellt, sondern eine Person, wiederentdecken, wie uns Papst Benedikt so oft ins Gedächtnis ruft. „Evangelisieren bedeutet, anderen die frohe Botschaft des Heils zu bringen und diese frohe Botschaft ist eine Person: Jesus Christus. Wenn ich Jesus begegne und verstehe, wie sehr Gott mich liebt und dass er mir Heil bringt, wird in mir nicht nur der Wunsch, sondern auch das Bedürfnis geboren, dass andere ihn kennenlernen.“5
Der Karmel kann, weil er sich auf die Beziehung zu Jesus, seiner auferstandenen Menschlichkeit, konzentriert, einen bedeutenden Beitrag zur Kirche in ihrer Mission und der neuen Evangelisierung leisten. Teresa von Jesus, Theresia vom Kinde Jesu und viele unserer Brüder und Schwestern zeigen uns das und rufen uns auf, die Höhen unseres Rufes zu erreichen. Es ist leicht, den Mut zu verlieren, es ist eine häufige Versuchung, die Messlatte zu senken, seinen Horizont auf die heimischen Dimensionen zu verkleinern, in denen wir Ruhe haben. Aber dafür sind wir nicht in den Karmel gekommen. Wir sind gekommen, um zu lieben, und dazu kann man nicht kommen, ohne sein Leben zum Zeugnis dessen zu geben, wie sehr dieses Leben geliebt und liebenswert ist.
Aus dem Italienischen übersetzt von Martina Vintrová