P. Saverio Cannistra, OCD
Mission und Identität
Ein weiterer Aspekt der „Scheu“ unserer Mission ist, dass wir sie nicht ausreichend im Verhältnis zu unserem (karmelitanischen) Charisma charakterisieren können. Manchmal denkt jemand, dass die Identität des Karmel durch den Ansatz der Mission nicht gelebt werden kann, oder nur auf Kosten ihrer drastischen Reduzierung. Das ist paradox, denn die Mission sollte im Gegenteil das Reifen und die Vollendung unserer Identität darstellen.
Wenn wir zum Beispiel an Teresa von Jesus oder an Theresia vom Kind Jesus denken, können wir sicherlich nicht behaupten, dass ihre missionarische Leidenschaft ihrer Identität der boshaften Karmelitinnen etwas entzieht oder sie schwächt. Ganz im Gegenteil, denn in dieser missionarischen Liebe tritt die Person Jesu Christi kraftvoller in sie ein und teilt mit ihnen ihr Sein vollständiger. Die Mission des Karmel sollte so sein, wie sie Teresa beschreibt, besonders im zweiten ihrer Ausrufe: 1 Jesus zu verlassen, um ihn vollständiger zu haben, denn ihn zu haben bedeutet, dass wir ihm ähnlich werden, der sich aus Liebe zu den anderen dessen, was er hat, entblößt hat. Die Mission gehört deshalb innig zu unserem Charisma: wir können nicht leben „in Gehorsam gegenüber Jesus Christus“ (Regeln, Art. 2), wenn dieser „Geho-sam“ nicht auch „Geho-sam“ und Dienst für jeden Mann und jede Frau wird, für die Jesus Christus sein Blut vergossen hat.
Auch wenn von der Inkulturation des Charismas gesprochen wird, von seiner Anpassung an verschiedene kulturell-soziale Kontexte, ist die erste Bedingung, dass das Charisma wirklich tief erfahren wird und dass unsere Aneignung so tief ist, dass sie uns erlaubt, das karmelitanische Charisma in neuen Formen auszudrücken, die sich von den bereits etablierten unterscheiden. Leider kann ich nicht sagen, dass dies häufig geschieht. Berichte aus pastoralen Besuchen (einzelner Provinzen und Klöster) in Ländern aller geografischen Breiten zeugen häufiger von einem monotonen Kreisen in denselben Problemen als von verschiedenen Ausdrucksformen des (karmelitanischen) Charismas mitten in verschiedenen Kulturen.
Probleme und Sünden sind überall immer gleich und es lässt sich nicht so sehr die (einzelne) Kultur dafür verantwortlich machen, sondern vielmehr die menschliche Schwäche und Unvollkommenheit. Das Böse bleibt immer gleich. Nur das Gute ist kreativ und vielgestaltig. Konkret und prosaisch gesagt: Oft wiederholen wir anstatt unser Charisma in andere Landschaften zu verpflanzen (nur) dort die nicht bewältigten Probleme (im Bereich) unserer menschlichen Zerbrechlichkeit, unseres Stils des Ordenslebens, unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens.
Ich erinnere mich an das, was mir ein gewisser Generaloberer bei einem Treffen der Generalobersten verschiedener Orden gesagt hat: „Wir haben den Fehler gemacht, uns mehr auf die Förderung des Ordens zu konzentrieren als auf die Weitergabe des Charismas.“ Ich habe diese Fähigkeit zur Selbstkritik geschätzt. Sie führt zu tieferem Nachdenken und zu einer anderen Art und Weise, die Mission zu konzipieren. Unsere Mission - in Europa ebenso wie in Afrika, Asien und Amerika - sollte von dem Zeugnis über einigen (grundlegenden) Werten ausgehen, die wir in unserem Leben verwirklichen und die jede einzelne Kultur übersteigen, und deshalb ist es möglich, diese Werte unter unterschiedlichen Umständen, sei es geographisch, sozial oder generationsbedingt, zu übermitteln und zu realisieren.
Welche (grundlegenden) Elemente charakterisieren unserer Meinung nach das karmelitanische Charisma und motivieren uns zur Mission? Wenn uns einige Gaben gegeben sind, dann machen gerade diese Gaben uns zu Missionaren, weil wir danach verlangen, dass auch andere daran teilhaben. Wenn ein Karmeliter zur Mission geht, was nimmt er mit sich? Wie verkündet er, dass das Reich Gottes nahe ist, dass es bereits unter uns ist? Ich gehe davon aus, dass wir uns alle einig sind, dass die ersten und grundlegendsten solcher Elemente die Erfahrung der Nähe Gottes im Gebet und im brüderlichen Leben sind. Und wie könnte man authentisch beten und Gemeinschaft leben, ohne ebenso authentische Armut, Distanz zur Welt und bescheidene Bereitschaft zum Dienst zu praktizieren? Diese Werte sollten den Missionar durchdringen! Und so - wie das Evangelium über ihn sagt - braucht er keine andere Ausrüstung mitzunehmen, denn das genügt für die Mission: die Erfahrung, dass Gott lebendig ist und wir in seiner Gegenwart stehen.
Es ist daher notwendig, dass wir unsere Denkweise ändern. Wie ich zu Beginn sagte, die grundlegende Frage ist nicht: „Was werden wir tun?“, sondern: „Wer bin ich und was bringe ich mit? Wie verkünde ich das Evangelium - nicht mit Worten, sondern mit dem Zeugnis meines Lebens?“
Ich glaube nicht, dass unsere Ordensgemeinschaften ihre Präsenz vervielfachen müssen (und es ist das Gegenteil der Fall: von vielen Orten müssen wir weggehen). Wir brauchen keine „weiteren Gemeinschaften“, sondern „neue Gemeinschaften“, das heißt Gemeinschaften, die Zeugnis ablegen und in der Lage sind, der Welt das Evangelium zu zeigen, das mit karmelitanischen Augen gelesen wird, Jesus, geliebt mit einem karmelitanischen Herzen. Es mag vielleicht zu einfach sein, aber so ist im Grunde auch das Evangelium.
Aus dem Italienischen übersetzt von Martina Vintrová