Inspiration für unser geistliches Leben
Am 2. April dieses Jahres feierten wir das 450. Jubiläum der Geburt der heiligen Maria Magdalena de’ Pazzi, einer florentinischen Karmeliterin (aus dem ursprünglichen unreformierten Zweig, O.Carm.), Heiligen und Mystikerin. Damit haben wir auch im Karmel ihr Jubiläumsjahr eingeläutet – ein Jahr, das mit der Möglichkeit verbunden ist, in den karmelitanischen Kirchen und Kapellen Ablass zu gewinnen; ein Jahr, das bis zum 25. Mai 2017 dauern wird (an dem wir den 410. Jahrestag ihres Todes gedenken).
Ich möchte Ihnen zunächst das Leben Marias näherbringen und zugleich ihr persönliches Charisma, denn im Vergleich zu ihrer spanischen Zeitgenossin – der 51 Jahre älteren Teresa von Ávila – oder im Vergleich zu Teresa von Lisieux oder Elisabeth von der Dreifaltigkeit ist sie relativ wenig bekannt.
Ich möchte auch versuchen, eine Art Aktualisierung für uns und unser geistliches Leben anzubieten. Maria Magdalena ist eine Heilige, mit der man nicht sofort umgehen kann. Eine Heilige, die man definitiv nicht nachahmen kann, wie sie ihr Leben mit Gott erlebte. Und das nicht nur aufgrund des unterschiedlichen historischen Kontextes, sondern vor allem, weil sie wirklich außergewöhnlich mystisch begabt war. Wir leben unseren Glaubensweg in der Regel anders. Es stimmt jedoch, dass nicht alle Christen (und auch nicht alle Heiligen, denken wir zum Beispiel an Teresa von Lisieux) berufen sind, Mystiker zu werden, doch jeder, der will, kann aus den Erfahrungen der Mystiker schöpfen, um seinen Glauben zu beleben und zu vertiefen. In diesem Sinne ist kein authentischer Mystiker ein Mystiker nur für sich selbst, sondern für andere.
Herkunft
Maria Magdalena wurde am 2. April 1566 in Florenz als Tochter von Maria und Kamillo geboren und erhielt bei der Taufe den Namen Katharina. Die florentinische Familie de’ Pazzi gehörte zu den ältesten und angesehensten in der Stadt. Die Eltern waren nicht nur sehr fromm, sondern auch religiös gebildete Menschen; um die Familie kümmerte sich der florentinische Jesuitenorden. In diesem Umfeld eignete sich die kleine Katharina natürlich eine Sensibilität für religiöse und geistliche Dinge an: „Mama, du riechst nach Jesus!“ sagte sie zu ihrer Mutter, die von der heiligen Kommunion kam. Mit neun Jahren (unterrichtet von dem Familienbeichtvater) praktiziert sie das kontemplative Gebet, mit zehn (am Fest der Verkündigung des Herrn im Jahr 1576) nimmt sie erstmals die heilige Kommunion und nur drei Wochen später (am Gründonnerstag) legt sie – für ihr ganzes Leben – das Gelübde der Keuschheit ab. Als sie mit zwölf Jahren über das Athanasianische Glaubensbekenntnis nachsinnt (wobei die Wahrheit über die Heiligste Dreifaltigkeit von großer Bedeutung ist), erlebt sie in der Gegenwart ihrer Mutter die erste Ekstase. Eine weitere, sehr starke Ekstase folgt zwei Jahre später am Fest der Himmelfahrt des Herrn. Zu dieser Zeit lebt Katharina im Kloster der Malteserinnen, wo sie von den Eltern zur Erziehung geschickt wurde und wo sich ihre Tante, eine Nonne, um sie kümmert. Obwohl in diesem Haus das gemeinsame Leben und das Einhalten der Regel vermutlich in Mangel war, reift in Katharina der Wunsch und der Ruf, ebenfalls Nonne zu werden. Sie erwägt den Eintritt bei den florentinischen Dominikanerinnen oder Kapuzinerinnen, die sie mit ihrem strengen Klosterleben und der Armut ansprache. Am Ende wählt sie jedoch das Karmeliterkloster der Heiligen Maria der Engel (Santa Maria degli Angeli), wo großer Wert auf das gemeinschaftliche Leben gelegt wurde und insbesondere, wo die Schwestern das Privileg hatten, täglich die Eucharistie zu empfangen. So tritt sie am 27. November 1582 – bereits oder erst sechzehnjährig – ein und empfängt am 30. Januar 1583 das Ordensgewand und den Namen Maria Magdalena.
Im Kloster
Über Marias große innere Reife, mit der sie ins Kloster eintritt, zeugt ihr Verhältnis zum Gebet. Zu der Zeit, als sie bei den Malteserinnen lebte, meditierte sie täglich mindestens zwei Stunden, oft dauerte ihre Meditation sogar doppelt so lang. Im Kloster der Karmelitinnen hingegen waren für kontemplatives Gebet nur 20–30 Minuten morgens und 15 Minuten abends vorgesehen, und zwar als stilles Nachklingen der Liturgie (Messe, Brevier). Als sie noch vor ihrem Gelübde gefragt wurde, ob sie darunter leiden würde, antwortete sie: „Ich glaube, dass alle Tätigkeiten, die im Orden zu verrichten sind, ein ständiges Gebet sind, da sie alle aus Gehorsam verrichtet werden.“ Wir sehen, dass das Gebet – auch das lange, vierstündige – für sie kein Anliegen nur der Neigung war, sondern vor allem des Gehorsams. Und das gilt sicherlich auch für unser Gebet: Unsere Aufgabe ist es nicht, lange zu beten, noch kurz zu beten, sondern im Gehorsam zu beten, so zu beten, wie der Geist uns zum Gebet führt.
Die Noviziatszeit verbringt Maria mit einer weiteren Mitschwester, die drei Monate später eintritt. Um zu ermöglichen, dass sie gemeinsam das Gelübde ablegen können, beschließt die Oberin nach einem Jahr, den Termin für Marias Gelübde um drei Monate zu verschieben. Maria akzeptiert diese Entscheidung, prophezeit jedoch, dass sie dennoch allein das Gelübde ablegen wird. Und das erfüllte sich auch. Anfang März 1584 erkrankte sie schwer. Blutige Hustenanfälle und quälende Schmerzen in der Brust wurden von hohen Fiebern begleitet. Obwohl ihr Vater – mit Zustimmung der Oberin – vier der größten florentinischen Ärzte zu seiner Tochter rief, verschlechterte sich die Krankheit rapide. In der Sorge um ihr Leben durfte sie am 27. Mai 1584, auf dem Krankenbett, wo sie vor den Altar der Jungfrau Maria gebracht wurde, ihr Gelübde früher ablegen.
Mystisches Leben
„Schwester Tod“ trat jedoch nicht ein, stattdessen begann für Maria Magdalena mit dem Tag ihrer Gelübde eine vierzigtägige Periode intensiver Ekstasen. Jeden Tag nach der heiligen Kommunion fiel sie für zwei bis drei Stunden in Verzückung. Sie erlebte die Einheit mit Gott, hatte Visionen, der Herr sprach zu ihr. Symbolisch erlebte sie den Austausch ihres und Jesu Herzens, erhielt unsichtbare Wunden. Der Beichtvater befahl den Schwestern, all diese Erscheinungen aufzuschreiben. Zunächst zur Unterscheidung, später, als er die Überzeugung gewann, dass es sich um authentische Gnaden handelte, damit dieser Reichtum bewahrt bleibt. Maria sprach oft über komplexe theologische Fragen, über das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit. Diejenige, die im Chor Schwierigkeiten hatte, das lateinische Brevier richtig zu rezitieren, sprach in ihren Ekstasen manchmal in der Sprache der Kirche – fließend und fehlerfrei.
Marias Ekstasen verliefen auf sehr vielfältige Weise. Manchmal erstarrte sie und blieb unbeweglich, manchmal wirkte es, als ob sie schlief. Ihr Gesicht spiegelte das Thema der ekstatischen Erfahrung wider, spiegelte die erlebte Schönheit oder das Leiden. Einmal im Winter erlebte sie eine Ekstase dieser Art beim Wäschewaschen. Die Schwestern mussten zunächst das Eis mit heißem Wasser aufbrechen, um sie – gefroren in die Schüsseln – zu befreien.
Ein anderes Mal tanzte sie in extatischer Verzückung, rannte durch das Kloster und rief: „Liebe, Liebe, liebt die Liebe... Die Liebe wird nicht geliebt.“ Dabei bewegte sie sich auch in Bereichen, wo man normalerweise langsamer wird – in engen gewundenen Gängen oder auf Treppen – äußerst geschwind und leicht. Wenn sie dann über den Heiligen Geist spricht und sagt über ihn: „unbeweglich, auch Bewegung...“, spricht sie nicht aus Spekulation, sondern aus Erfahrung.
Am Fest der Maria Magdalena de’ Pazzi wird in der karmelitischen Liturgie das Evangelium über Maria gelesen, die zu Jesu Füßen sitzt, und Martha, die sich kümmert (Lk 10,38–42). In Maria Magdalena verschmolzen die beiden Schwestern nicht selten. Manchmal hielt sie während einer Ekstase in der Arbeit inne, setzte jedoch auf gewöhnliche Weise fort, und dennoch waren die Arbeitsergebnisse besser als unter „normalen“ Umständen. Ihre Mitschwestern testeten sie auch auf verschiedene Weise: Sie banden ihr die Augen oder löschten das Licht aus, um sich zu vergewissern, ob sie bei der Arbeit in der Ekstase nicht mit ihrem natürlichen Blick hilft. Und überrascht stellten sie fest, dass Maria – ungestört und ungestörbar – weiterhin malte, nähte oder andere Handarbeiten verrichtete. Der einzige Anreiz, auf den sie in der Ekstase reagierte, war die Stimme der Vorgesetzten. Wenn man ihr befahl, zurückzukehren, gehorchte sie sofort.
Der Höhepunkt der mystischen Begabung von Maria Magdalena war der Pfingstoktav im Jahr 1585, als sie ab der Pfingstvigil am 8. Juni acht Tage lang Tag und Nacht in Ekstase verharrte, außer etwa zwei Stunden täglich, die sie mit dem Gebet des Breviers und etwas Nahrung verbrachte. In diesen Tagen erlebte sie um „Terz“ (9. Stunde) auf vielfältige Weise und in verschiedenen Variationen das Ausgießen des Heiligen Geistes, deshalb kann sie von ihm aus Erfahrung sprechen: „Und dieser Geist, der Geber des Reichtums, das im Herzen des Vaters verwahrt ist (...) dringt mit solcher Zartheit in die Seele ein, dass er oft nicht bemerkt wird... und dass nur wenige Menschen seine wahre Größe erkennen... Mächtig und sanft fließt der Geist in all die Orte, die bereit sind und ihn empfangen. Jedes Ohr erweckt er mit seinem wiederholten Wort und seinem tiefsten Schweigen. Unbeweglich, auch selbst Bewegung, durch den Ansturm der Liebe dringt er in alles ein.“
Unmittelbar nach diesen glücklichen Tagen „auf dem Berg Tabor“ tritt für Maria eine Zeit großer Leiden ein, die sie selbst als „in der Löwengrube“ bezeichnet – entsprechend der Erzählung im Buch des Propheten Daniel. Auch jetzt erfährt Maria Ekstasen, doch sie sind für sie nicht mehr Quelle der geistlichen Trost. Ihr Schicksal werden fortan schwere Versuchungen des Unglaubens, der Verzweiflung, des Verlassenseins im Ordensstand, Trockenheit, körperliches Leiden (unerkannte Krankheiten) und geistliche. Sie werden von Gefühlen der Verdammnis verfolgt, Versuchungen, ihr Leben zu nehmen. „Oh mein Gott, wo ist die Sonne deiner Gnade? Es scheint, als sei sie für mich erloschen. Deine Güte und Liebe sind mir ganz ferngeblieben. Ich bin verlassen wie ein Körper ohne Glieder, der sich nicht helfen kann. Ich bin wie ein vertrockneter Baum... Ich bin nichts als ein Abgrund des Bösen. Ich bin an allem Bösen und an allen Sünden, die gegen Gott begangen wurden, schuldig, dass ich oft nicht verstehen kann, wie Jesus und die Menschen mich auf der Erde ertragen können.“
Jesus bereitete Maria auf diese Zeit vor; er sagte ihr, dass „er mit ihr umgeht wie eine Mutter, die ihr Kind aus den eigenen Brüsten nährt; und wenn sie es später abstillt, bedeutet das nicht, dass es nicht mehr ihr Kind ist und dass sie es nicht mehr liebt; im Gegenteil, das Kind kann jetzt selbstständig handeln!“
Nach einem Jahr harter Prüfungen wird Maria zu einem Werk der Erneuerung der Kirche eingeladen, die sich bemüht, die aus dem Tridentinum hervorgegangenen Reformen umzusetzen. Zu konkreten Schritten ermutigt sie Papst Sixtus V. und die Kardinäle der Kurie, indem sie ihnen im Sommer 1586 in verzücktem Zustand ihre Briefe diktiert. Den florentinischen Erzbischof Alessandro de’ Medici forderte sie auf, sie zu besuchen. Unter anderem sagte sie ihm voraus (ähnlich wie Filip Neri), dass er für kurze Zeit Papst werden würde (was sich tatsächlich erfüllte – er blieb nur 26 Tage im Amt). Alessandro erklärte nach dem Besuch: „Diese Tochter sprach wirklich in der Person des Heiligen Geistes.“
An Pfingsten im Jahr 1590 verwandelte sich ihre „Löwengrube“ wieder in friedliche Jahre. Maria dient als Sakristanin und beteiligt sich an der Ausbildung der jüngeren Schwestern. Fünf Jahre später (im Jahr 1595) erbittet sie von Jesus „nacktes Leiden“, so, wie er es am Kreuz erlitten hat. Sie möchte ihm in allem ähnlich sein. Dennoch verlaufen auch die folgenden Jahre ohne herausragende, dramatische Prüfungen. Im Jahr 1598 wird Maria zur Novizenmeisterin ernannt. Dank der Novizinnen, die eifrig ihre Ekstasen, aber auch ihre Überlegungen, Ratschläge und Ermahnungen aufschrieben, sind uns insgesamt sieben Bände ihrer Aussagen erhalten geblieben. Im Jahr 1604 wird Maria Subpriorin und Oberin der Junioren, doch diese Ämter übt sie – von Tuberkulose betroffen – kaum aus. Im Juli 1604 erlebt sie ihre letzte Ekstase und tritt allmählich in eine dreijährige Leidenszeit ein, die sie vom Herrn erbeten hatte. Übernatürliche Erfahrungen lassen nach, Maria verliert auch die natürliche Fähigkeit zu meditieren. Die Tuberkulose befällt ihre Knochen und verursacht unerträgliche Kopfschmerzen und Zahnschmerzen.
Tod
Am 25. Mai 1607 stirbt Maria. Ihr Beichtvater trifft die Nachricht über Marias Agonie genau während er die heilige Messe feiert. Er lässt ihr daher ausrichten, dass sie warten solle, bis er ihr nach dem Ende der heiligen Messe die heilige Kommunion bringen könne. Maria antwortet darauf „Benedictus Deus“ (im Sinne von „Gott sei Dank!“) und stirbt gehorsam eine halbe Stunde, nachdem ihr Beichtvater gegangen ist.
Zusammenfassung und Aktualisierung
Wenn wir die Persönlichkeit von Maria Magdalena de’ Pazzi kurz charakterisieren müssten, würden wir sie wohl am treffendsten als „Mystikerin“ bezeichnen; oder – präziser – als „autentische christliche Mystikerin“, denn das, was sie erlebte, was sie erkannte und was sie bezeugte, wurde von der Kirche als „außergewöhnliche Weise, das Geheimnis der Erlösung“ zu erleben, wie es der katholischen Kirche verstanden, angenommen und geglaubt wird.
Maria Magdalena scheint „mit allen Sinnen“ (äußeren und inneren) das zu erleben, was wir im Glauben berühren. Diese Erlebnisse kamen nicht nur „hier und da“, sporadisch. Sie kamen sehr häufig und dauerten lange. Man sagte über sie, dass sie „mehr Zeit auf der irdischen Pilgerschaft... außerhalb der Erde verbrachte“, was sicher übertrieben ist, aber treffend aussagt, dass sie unter den mystisch Begabten in irgendeiner Weise heraussticht.
Wozu ist es gut, wenn einige Menschen mystisch begabt sind? Warum geschehen solche Dinge überhaupt? So kann der rational denkende Mensch und Christ unserer Zeit fragen! Wenn ich mir ähnliche Fragen stelle, kommen mir einige – sicherlich keine Antworten – (eher) Hinweise in den Sinn.
Zunächst ist zu sagen, dass Maria Magdalena ein „Kind ihrer Zeit“ war. Ihre Zeit rechnete mit ähnlichen Erfahrungen bei Menschen, die sich Gott hingaben und in denen Gott Gefallen fand. Ja mehr noch: Solche Erfahrungen wurden als Bestätigung ihrer persönlichen Heiligkeit angesehen (sofern sie als authentisch erkannt wurden) und auch als Bestätigung der Echtheit ihrer Mission.
In dieser Hinsicht ist es sympathisch, wie Gott sich jedem Menschen jeder Zeit und Kultur anpasst. Das sehen wir bereits in den Seiten der Schrift! Damit das Pfingsten von den Aposteln als einer der Höhepunkte von Jesu erlösendem Werk erfasst werden konnte, genügte es nicht, dass der Herr ihnen nach der Auferstehung den Heiligen Geist einhauchte; es war die alttestamentliche Epiphanie mit allen „begleitenden Effekten“ nötig, wie wir in den Apostelgeschichten lesen (Apg 2,1–13).
Gott passt sich zweifellos auch uns heute an! Er sucht täglich nach Wegen, uns anzusprechen, damit wir verstehen und erkennen können, dass er es ist, der mit uns spricht, der uns begleitet, der über uns wacht.
Was das mystische Leben von Maria Magdalena de’ Pazzi betrifft, könnte vielleicht die zutreffendste Antwort auf jedes „Warum?“ Jesu Wort sein: „Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (vgl. Mt 11,26). Gott gefiel es, Maria auf diesen Weg zu führen, und deshalb war das mystische Leben „maßgeschneidert“ für sie. Es war Ausdruck der persönlichen, einzigartigen und zugleich verschwenderisch teilenden Liebe Gottes zu ihr.
In Bezug auf die Mission, die Gott ihr für uns anvertraute, ging es um „ein Maß, das überfließt, überquellend“, um „einen Kelch, der überfließt“, denn diese überfließende LIEBE sollte nicht im Herzen Marias verborgen bleiben, sollte nicht ein Geheimnis zwischen ihr und ihrem Gott/Ehemann bleiben, sondern durch die aufgezeichneten Zeugnisse offenbart, ja fast „enthüllt“ werden, auch vor uns.
Maria Magdalena lebte ihr (Ordens-) Leben nicht für sich selbst. Sie lebte es nicht einmal nur für das Kloster der florentinischen Karmelitinnen. Sie lebte es für die Kirche. Sie lebte es speziell für die Kirche ihrer Zeit – wir sprachen über die Briefe, in denen sie zu einer Erneuerung aller Stände in der damaligen Kirche aufrief. Sie lebte (und lebt!) es auch für unsere gegenwärtige Kirche, was das Jubeljahr zum 450. Geburtstag zeugt! Ihre Gebete, ihr Leiden und die Prüfungen, die sie für die Kirche opferte, als sie auf der Erde lebte, sowie ihre Gebete, Fürbitten und Anbetungen, die verwandelt und verstärkt durch den Eintritt ins Gottesreich, zählen zu der Kategorie „Früchte, die bleiben“ (vgl. Joh 15,16).
Das Gleiche gilt für Marias mystische Erfahrungen: Auch sie bleiben lebendig und können unser Glaubensleben erfrischen und beleben; sie können helfen, meine persönliche Beziehung zu Gott zu vertiefen und vertrauter zu gestalten.
Ja, Marias mystisches Leben bezeugt uns vor allem die VERTRAUTHEIT DER LIEBE, mit der Gott auch uns begegnet; die Vertrautheit der Liebe, die auch uns einlädt – mit Sicherheit jeden anders, denn die Liebe hat viele Formen –, aber ohne Ausnahme jeden. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern ich habe euch Freunde genannt“ – sagt Jesus (vgl. Joh 15,15). Das biblische „Hoheslied“ ist nicht nur bestimmten Typen von Christen vorbehalten, vertrauliche Liebe ist das Erbe aller Bewohner des Gottesreiches, es wird auch unser Erbe sein, es wird mein persönliches Erbe sein.
Abschließend
Lassen Sie mich zum Schluss einen sympathischen Text über die Vertrautheit der Liebe zwischen Jesus und Maria Magdalena zitieren; eine Liebe, die sich auch im gegenseitigen „Schäkern“ ausdrückt; eine Liebe, die mutig ist und mutig sein darf, denn ihr einziges Ziel ist es, mehr zu lieben:
Sobald ich zur heiligen Kommunion trat, sah ich Jesus. Er überströmte vor Liebe und schien Lust zu haben, mich zu necken. Er sprach mit mir einen verliebten Dialog und sagte zunächst sanft: „Ich habe dich gerufen – und du hast mir nicht geantwortet.“
Ich wehrte mich: „Ich habe dich gesucht, und fand dich nicht.“
Er sagte mir erneut: „Ich habe dich gerufen, meine Taube, und du hast mir nicht geantwortet.“
Und ich erwiderte: „Ich habe dich gesucht, mein Liebster. Ich habe nach dir verlangt, mein Liebster. Ich habe dich geliebt, meine Liebe. Ich habe dich wirklich gesucht, mein Liebster, aber fand dich nicht.“
Aber Jesus, die Liebe, Der, den ich immer Liebe nenne, wiederholte mit Nachdruck: „Nein, meine Braut, ich habe dich so fleißig gerufen, und du hast mir nicht geantwortet!“
Ich ließ mich jedoch nicht beirren: „Es war ich, die dich so fleißig suchte, und du hast dich mir überhaupt nicht zeigen wollen, mein Geliebter!“
Jesus, die Liebe, erklärte: „Weißt du, warum du mich nicht gefunden hast? Weil du nicht hartnäckig genug gesucht hast.“
Ich wandte ein: „Weißt du, Liebe, warum ich dir nicht geantwortet habe? Weil du nicht laut genug gerufen hast, damit ich deine Stimme hören konnte.“
Jesus, die Liebe, drängte: „Suche mich ohne Rast, meine Braut, und du wirst mich finden.“
Ich antwortete: „Ruf laut, und ich werde dich hören.“
Da rief Jesus, die Liebe: „Es ist an dir, an dir, mich zu suchen!“
Und ich, schon ungeduldig vor Liebe, platzte heraus: „Warte, Liebe, du weißt doch, dass du gesagt hast, wer mehr hat, muss mehr geben. Und weil du mehr hast als ich, musst du geben. Du weißt sehr wohl, dass du mächtiger, reicher und stärker bist als ich, und du weißt auch, dass du mehr liebst als ich. Du nennst dich die Wahrheit; hast du, Liebe, wirklich so gesprochen, hast du die Wahrheit gesagt, und wenn das wirklich so ist, dann bist du an der Reihe, an der Reihe, Liebe, denn du bist mächtiger und stärker als ich. Rufe mich so laut, dass ich deine Stimme höre!“
Und er begann sofort zu sagen: „Komm, komm, meine Taube, mein Wunderschöner, komm.“ Und er vereinte mich vollständig mit sich, und so verbanden wir uns süß miteinander – wie enge Freunde – aber ich könnte nicht das Kleinste davon mitteilen. Und als ich in der Vereinigung mit ihm ruhte, seufzte ich glücklich: Jetzt habe ich dich gefunden, meine Liebe, jetzt bin ich so zufrieden, dass ich mit dir vereint bin, Liebe!!!
(Transkript des Vortrags von P. Norbert Žuška, O.Carm.,
der beim nationalen Treffen der Terziaren des Karmels
im Juni 2016 in Kostelend gehört wurde; redaktionell bearbeitet)