„In der Mitte der Zeit pulsiert die Ewigkeit“

Das Wort „Ewigkeit“ ist längst nicht mehr populär. Gehört die Ewigkeit nicht zu dem bekannten Opium, das den Menschen betäubt und ihm hindert, sich mit gegenwärtigen Dingen zu beschäftigen und seine Kräfte weltlichen Aufgaben zu widmen? Obwohl der Ruhm des Marxismus bereits vergangen ist, beeinflussen uns seine Prinzipien immer noch. Wir fürchten uns vor der Flucht vor der Wirklichkeit. Es gibt so viel zu tun hier und jetzt in der Gegenwart. Ist es nicht weiser, das zu tun, was jetzt möglich ist, anstatt von einer unsicheren Ewigkeit zu träumen? – Solche Überlegungen sind ein Beweis dafür, dass unser Verständnis von Ewigkeit fehlerhaft ist.

Was ist Ewigkeit?

Lass uns zunächst darüber nachdenken, was Ewigkeit nicht ist. Ewigkeit bedeutet nicht, dass die Zeit unbegrenzt ist. So stellen wir uns Ewigkeit vor. Wir stellen sie uns als Zeit vor, die weder Anfang noch Ende hat. Gott lebt und regiert „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Es gibt keine Grenzen, weder nach rechts noch nach links. Wenn wir Gottes Ewigkeit als ohne Ende begreifen, machen wir Gott sehr klein. Charakteristisch für die Zeit ist die Abfolge von Ereignissen. Zeit bedeutet Veränderung, Entwicklung. In der Zeit zu leben bedeutet immer Entwicklung, etwas wird. Gott aber ist. In Gott gibt es kein Wachsen oder Reifen. Gott hat alles und ist zugleich alles. In Gott existiert keine Vergangenheit noch Gegenwart. Gott lebt immer in der Gegenwart.

Thomas von Aquin zitiert Boethius, der zwischen „nunc fluens“ und „nunc stans“ unterscheidet. „Nunc fluens“ (fließende, flüchtige Gegenwart) ist der Moment zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Der gegenwärtige Moment fließt davon wie Wasser in einem Fluss. „Nunc stans“ (verharrende Gegenwart) ist hingegen unbeweglich. Gerade dieses „nunc stans“ – der Moment – kennzeichnet die göttliche Essenz.

Charakteristisch für die Zeit sind Bewegung, Veränderung, Fragmentierung, während die Ewigkeit von Stabilität, Verdichtung, Vollkommenheit geprägt ist. Nicht selten wird die Zeit mit der Basis eines hohen Berges verglichen. Der Gipfel des Berges – das ist der einzigartige Moment der Ewigkeit. Von der Bergspitze aus sieht Gott mit einem einzigen Blick all das Geschehen in der Zeit, Generation um Generation zieht vor seinem Blick vorbei. Oder wir können uns W. A. Mozart (1756–1791) ins Gedächtnis rufen, der – nach den Berichten seiner Zeitgenossen – ganze Symphonien „im Kopf“ hatte, bevor er sie „in der Zeit“ auf Papier festhielt.

Für viele Menschen ist der Begriff Ewigkeit mit dem Begriff Langeweile verbunden. In dem unbeweglichen Moment der Gegenwart gibt es keinen Raum für spannende Entdeckungen. Wenn alles auf einen einzigen Moment konzentriert ist, kann sich nichts Neues mehr ereignen. Dieselben Menschen haben oft Schwierigkeiten zu glauben, dass das Versprechen ewigen Glücks im Himmel wahr ist. Wie kann jemand im Himmel glücklich sein, wenn er sein ganzes Leben lang nichts anderes zu tun hat, als „heilig, heilig, heilig“ zu singen? Entspringt jedoch dieses Bedürfnis nach Veränderung und Vielfalt nicht einem Gefühl der Unzufriedenheit, aus dem Bewusstsein, dass uns immer etwas fehlt? Sind alle Lücken gefüllt und alle Bedürfnisse befriedigt, dann jagen wir nicht mehr nach etwas Neuem.

Gott strahlt Ruhe und Frieden aus, gerade weil er ewig ist. Die Verbindung mit ihm gibt uns Geschmack, und die Bedürfnisse, die an die Zeit gebunden sind, sind für uns uninteressant. Dann sagen wir: „Wen habe ich im Himmel außer dir? Und wenn ich dich habe, begehre ich nichts auf Erden“ (Psalm 73,25), nach keinem der begrenzten Befriedigungen, die uns die Zeit gibt.

Indem wir so oft beten, dass unsere Verstorbenen „in Frieden ruhen“, neigen wir dazu, den Begriff Frieden mit dem Tod zu verbinden. Gottes Frieden jedoch ist nicht der Frieden des Todes, sondern die absolute Harmonie des vollen Lebens. Das, was wir „Gebet um Frieden“ nennen, ist genau das Mittel, um wenigstens für einen Moment in diese Ewigkeit einzutauchen und die totale Abwesenheit jeglichen Gefühls der Unzufriedenheit zu genießen.

Die Antithese der Ewigkeit: vergangene Zeit

„Die Zeit vergeht wie Wasser“, sagen wir oft. Was uns bei dem Gedanken an die Zeit am meisten fasziniert, ist ihre Vergänglichkeit. Hier auf der Erde ist alles vergänglich. Ereignisse sind wie Wolken, die kommen und schnell wieder verschwinden. Manchmal, wenn wir im Leben glücklich sind, möchten wir mit Faust sagen: „Verweile doch, du bist so schön.“ Doch die Zeit vergeht gnadenlos weiter, unabhängig von unserem Flehen.

Besonders wenn wir auf die Vergangenheit zurückblicken, scheint es, als würde die Zeit direkt rasen. Einem Kind erscheint die Großmutter, als würde sie unendlich lange leben, und der Gedanke, dass es eines Tages so alt wie die Großmutter sein wird, ist völlig unglaublich: es ist, als hätte man die ganze Ewigkeit vor sich. Aber die Großmutter erinnert sich an ihre Kindheit, als wäre es gestern gewesen, und ihr ganzes Leben erscheint ihr wie ein flüchtiger Traum. Alles ist restlos vergangen. (Mdr 5,9–13)

Wer von uns wurde nicht mindestens einmal von einem Gefühl des Bedauerns überfallen, dass alles einmal vergeht, ja, dass der größte Teil bereits vergangen ist? Der Anteil der Vergangenheit in meinem Leben wird immer größer, die Zukunft immer kleiner. Die Vergangenheit scheint ständig die Zukunft zu verschlingen. Am Ende bleibt nur die Vergangenheit, das Unwirkliche, der Traum.

Im Grunde genommen ist es nicht wahr, dass der Mensch der Herr der Zeit ist. Zeit fließt nur zwischen den Fingern wie Sand. Der Mensch kann sie nicht festhalten. Zeit lässt sich nicht zähmen. Sie mag uns nahestehen: Sie ist auf dem Weg, doch sobald sie bei uns angekommen ist, ist sie schon vorbei. Zeit ist glitschig wie ein Aal. Es gelingt uns nie, sie zu packen, sie entgleitet uns unbarmherzig aus der Hand.

Kahle – nackt – Zeit, d. h. Zeit, die ihrer Dimension der Ewigkeit beraubt ist, ist ein Fluch: sie spielt mit dem Menschen Verstecken. Gegen unseren Willen. Der Mensch könnte jedoch auch spielen, und zwar freiwillig. Vielleicht würde er hier einen Weg finden, den Fluch der Zeit zu brechen. Wir können die Zeit fließen lassen und sogar zugleich treiben. Warum versuchen wir überhaupt, den Lauf der Zeit anzuhalten? Denn wir sehnen uns nach „einem besseren Land, einem Land im Himmel“ (Hebr 11,16). „Denn hier auf der Erde haben wir keinen bleibenden Platz, sondern wir suchen die Stadt, die kommen soll“ (Hebr 13,14). Und genau dorthin führt uns die Zeit! Wenn die Zeit nicht verginge, oder wenn sie langsamer verginge, wäre die Wartezeit viel länger. Bevorzugen wir etwa das Präludium gegenüber der Symphonie?

Die Vergänglichkeit der Zeit kann ein Segen für die von uns sein, die zusammen mit dem heiligen Paulus die Vergangenheit vergessen und die Hände in Richtung der Zukunft ausstrecken und zum Ziel rennen (Phil 3,13–14). Ja, wie es scheint, streckt sich die Zeit selbst ungeduldig aus. Sie hält keinen Moment inne, sondern eilt dem Ziel entgegen.

Vielleicht ist die Vergänglichkeit der Zeit nichts anderes als die hastige Eile, den Moment zu erreichen, in dem sie in der Ewigkeit verschwindet.

Dimensionen der Ewigkeit in der Zeit

Ist die Zeit jedoch wirklich kahl, nackt? War es nicht der Mensch selbst, der die Zeit „entblößt“ hat und sie so vergänglich gemacht hat? In die Zeit ist der Moment der Ewigkeit eingebaut. Die Zeit ist mit dem Gewand der Ewigkeit bekleidet.

Anstatt Zeit und Ewigkeit als zwei horizontale Linien vorzustellen, die parallel verlaufen und sich daher niemals treffen, sollten wir die Ewigkeit als eine vertikale Linie sehen, die in ständigem Kontakt mit der Zeit steht. Die vertikale Linie der Ewigkeit steht still, während die Zeit horizontal fließt. In jedem Moment berührt sich die Zeit mit der Ewigkeit, und diese Berührung verleiht der Zeit eine tiefe Dimension.

Bereits der Mensch der antiken Zeit wusste, dass die veränderliche Realität ein Element der Ewigkeit und Beständigkeit enthält. Die Lehre Platons (427–347 v. Chr.) ist ein Versuch zu erklären, warum Menschen in ihren besten Momenten etwas Absolutes in einer sonst so veränderlichen und flüchtigen Welt empfinden. Die Welt der Sinne ist nicht die gesamte Realität. Während Platons Ideen eine Welt für sich selbst schaffen, die hoch über der veränderlichen Welt steht, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, zeigt das Neue Testament einen größeren Realismus. Die ewige Wahrheit ist nicht im Hintergrund, sondern in der Mitte unserer Realität. Die Dimension der Ewigkeit ist ein grundlegendes Element der Realität, in der wir leben.

Das gilt bereits auf der Ebene der Schöpfung. Alles ist nicht nur von Gott geschaffen, sondern in Gott. „In Gott wurde alles im Himmel und auf der Erde geschaffen“ (Kol 1,16). „Unser Ursprung liegt in Gott, in dem wir leben, uns bewegen und existieren“ (Apg 17,28–29). Gott ist das „innere Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,4–9). Die traditionelle Theologie spricht von der substantiellen Gegenwart Gottes in allem Geschaffenen. Durch den Akt der Schöpfung gibt Gott allem Geschaffenen die Teilhabe an seinem eigenen Wesen. Gott ist der Inhalt alles Geschaffenen und lenkt seinen Lauf zum Ziel.

Jeder gläubige Mensch weiß, dass dem so ist. Doch auch derjenige, der nicht an Gott glaubt, kann ahnen und bis zu einem gewissen Grad die tiefe Dimension erleben, die Zeit mit der Ewigkeit verbindet – vorausgesetzt, er lässt sich nicht von der ständigen Veränderung der Dinge und Ereignisse blenden. Gabriel Marcel (1889–1973) sagt: „In der Geschichte gibt es eine bestimmte transhistorische Tiefe.“ Wenn wir lernen, mit diesem tiefen Blick auf die Schöpfung zu schauen, wird uns die Vergänglichkeit der Dinge nicht mehr Sorgen bereiten. Je reiner unser Blick, je freier von Anforderungen und Wünschen, desto klarer sehen wir, wie das ewige Wesen alles durchdringt.

Aus der schwedischen Zeitschrift KARMEL 4/92
Übersetzt von Dagmar Chvojková