Himmel im Glauben (Teil 2)

Hl. Elisabeth von der Heiligen Dreifaltigkeit

Siebter Tag

  1. „Gott hat uns in ihm bereits vor der Schöpfung der Welt erwählt, dass wir heilig und untadelig in der Liebe vor seinem Angesicht sein sollten.“1 Die Heilige Dreifaltigkeit schuf uns nach ihrem Bild, nach dem ewigen Vorbild von uns selbst, das sie in sich selbst noch vor der Schöpfung der Welt hatte, zu diesem Anfang aller Anfänge, von dem Bossuet nach dem heiligen Johannes sagt: „,In principio erat Verbum‘, am Anfang war das Wort,2 und wir können hinzufügen: am Anfang war die Nichtigkeit, denn Gott trug uns in seiner ewigen Einsamkeit bereits in seinen Gedanken. „Der Vater betrachtet sich selbst in der Tiefe seiner Fruchtbarkeit, und so beginnt dieser Akt der Selbstverständnis die zweite Person, den Sohn, sein Ewiges Wort. Das Vorbild aller Kreaturen, die noch nicht aus dem Nichts hervorgegangen sind, wohnte von Ewigkeit in ihm, und Gott sah sie und betrachtete sie in ihrem Vorbild, in sich selbst. Dieses ewige Leben, das unsere Vorbilder bei Gott hatten, ist der Grund unserer Schöpfung.
    Unsere geschaffene Essenz möchte sich mit ihrem Wesen vereinen.“ „Das Wort, die Herrlichkeit des Vaters, ist das ewige Vorbild, in dem die Schöpfungen am Tag ihrer Erschaffung eingraviert sind.“ Deshalb will Gott, dass wir, von uns selbst befreit, unsere Hände zu unserem Vorbild ausstrecken und es besitzen, indem wir über die Dinge zu unserem Vorbild aufsteigen.“ Diese Kontemplation öffnet der Seele unerhörte Horizonte, gewissermaßen schon die eigene Krone, nach der sie strebt. Den gewaltigen Reichtum der göttlichen Natur können wir durch die Tugend der Liebe, durch sein Verweilen in uns, unser Verweilen in ihm, besitzen. Durch diese Tugend großer Liebe werden wir zu den Tiefen des ‚vertrauten Heiligtums‘ hingezogen, wo Gott uns ein gewisses Bild seiner Majestät einprägt. Durch die Liebe und infolge der Liebe, wie der Apostel sagt,3 können wir unbefleckt und heilig in der Gegenwart Gottes sein und mit David singen: „Ich werde unbefleckt sein und mich aller Ungerechtigkeiten entledigen, die in mir sind.“4
  2. „Seid heilig, denn ich bin heilig.“5 Der Herr selbst spricht so. „Egal wie unser Leben ist, egal wie unsere Kleidung ist, jeder von uns muss ein heiliges Gottes.“ Wer ist also am heiligsten? „Der, der am meisten liebt, der, der am meisten auf Gott schaut und der am vollsten die Bedürfnisse seines Blickes befriedigt.“ Wie können wir die Bedürfnisse des göttlichen Blickes befriedigen, wenn wir nicht einfach und verliebt auf ihn gerichtet sind, damit er sein eigenes Bild spiegeln kann, wie sich die Sonne durch einen klaren Kristall spiegelt. „Lasst uns den Menschen nach unserem Bild und nach unserem Gleichnis machen,“6 so war der Wille des Herzens unseres Gottes. „Ohne diese Ähnlichkeit, die aus seiner Gnade kommt, wäre uns die ewige Verdammnis bevor gestanden. Sobald Gott sieht, dass wir fähig sind, seine Gnade zu empfangen, ist seine freie Güte bereit, uns das Geschenk der Ähnlichkeit mit Gott zu geben. Unsere Fähigkeit, seine Gnade zu empfangen, hängt von der inneren Einheit ab, mit der wir zu ihm kommen.“ Und wenn Gott uns seine Gaben bringt, kann er uns „sich selbst geben, uns sein Bild aufprägen, uns vergeben und uns befreien.“ Wenn wir die Sätze von Elisabeth lesen, in denen sie versucht, den großen inneren Reichtum der Liebe auszudrücken, zu dem Gott uns einlädt und führt, trifft uns auf diesen Bildern die karge Einfachheit von Elisabeths Zelle und dem Zimmer für die Kranken. In der hier offensichtlichen absoluten Armut äußerer Wahrnehmungen wandte sich ihr Geist Gott zu und zu seiner Gegenwart und seinem Handeln, die unter der sichtbaren Oberfläche der Dinge und Ereignisse verborgen sind, von denen wir uns oft so stark anziehen lassen...
    Zelle Krankenhaus
    Wenn wir Elisabeths Sätze lesen, in denen sie versucht, den großen inneren Reichtum der Liebe auszudrücken, zu dem Gott uns einlädt und führt, trifft uns auf diesen Bildern die karge Einfachheit von Elisabeths Zelle und dem Zimmer für die Kranken. In der hier offensichtlichen absoluten Armut äußerer Wahrnehmungen wandte sich ihr Geist Gott zu und zu seiner Gegenwart und seinem Handeln, die unter der sichtbaren Oberfläche der Dinge und Ereignisse verborgen sind, von denen wir uns oft so stark anziehen lassen...

    Die höchste Vollkommenheit in diesem Leben, sagt ein frommer Autor, besteht darin, dass wir so mit Gott vereint bleiben, dass die Seele mit all ihren Fähigkeiten und Mächten in Gott gesammelt ist, „dass ihre Neigungen, vereint in der Freude der Liebe, nur im Besitz des Schöpfers Ruhe finden. Das Bild Gottes, in die Seele eingeprägt, wird tatsächlich durch den Verstand, das Gedächtnis und den Willen gebildet. Solange diese Fähigkeiten kein vollkommenses Bild Gottes abgeben, gleichen sie ihm nicht wie am Tag der Schöpfung. Die Gestalt der Seele ist Gott, der sich in sie prägen muss wie ein Siegel in Wachs, wie ein Zeichen auf einer Sache. Dies wird sich vollständig verwirklichen, sobald der Verstand völlig erleuchtet wird durch die Erkenntnis Gottes, sobald der Wille an die Liebe zum höchsten Gut gebunden ist, sobald das Gedächtnis vollends vom Kontemplieren und der Freude des ewigen Glücks erfüllt ist.“ Und da der Ruhm der Seligen nichts anderes ist als der vollkommene Besitz dieses Zustands, ist es offensichtlich, dass der Anfang des Besitzes dieser Güter die Vollkommenheit in diesem Leben ausmacht. Um dieses Ideal zu verwirklichen, ist es notwendig, in seinem Inneren gesammelt zu sein, in der Stille in der Gegenwart Gottes, während die Seele sich vertieft, erweitert und entzündet und sich in ihm auflöst, in der Fülle ohne Grenzen.“

Achter Tag

  1. „Diejenigen, die Gott vorhergesehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, um die Gestalt seines Sohnes anzunehmen, damit er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei; die er vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, und die er gerechtfertigt hat, die hat er auch in seine Herrlichkeit geführt. Was dazu zu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?... Wer kann uns von der Liebe Christi trennen?“7
    So erscheint es dem erleuchteten Auge des Apostels das Geheimnis der Vorbestimmung, das Geheimnis der göttlichen Erwählung. „Diejenigen, die er vorhergesehen hat, hat er auch vorher gekannt.“ Gehören wir nicht auch dazu? Kann Gott unserer Seele nicht sagen, was er einst durch die Stimme seines Propheten gesagt hat: „Ich bin um dich herumgegangen, ich habe dich gesehen, und siehe, es war gerade deine Zeit, Zeit der Liebe. Und ich breitete meinen Mantel über dich, ich deckte deine Nacktheit. Dann schwor ich dir und ging mit dir einen Bund ein, spricht der Herr Gott, und du bist mein geworden.“8 Ja, wir sind durch die Taufe sein geworden, das will der hl. Paulus mit diesen Worten sagen: „Er hat sie berufen“, ja, er hat sie berufen, um das Siegel der Heiligen Dreifaltigkeit zu empfangen, während wir die Worte des heiligen Petrus empfangen haben „Teil an der göttlichen Natur“9, haben wir „den Anfang seines Seins empfangen…“10 Dann hat er uns durch seine Sakramente, durch seine direkten „Berührungen“ in der Tiefe unserer Seele in Zeiten des Stillseins gerechtfertigt, hat uns auch „durch den Glauben“11 gerechtfertigt und gemäß dem Maße unseres Glaubens an die Erlösung, die uns Jesus Christus gewährt hat. Und zuletzt will er uns „herrlich machen“, und deshalb hat er uns, sagt der hl. Paulus, „vorbereitet, teilzuhaben am Erbe der Heiligen im Licht,“12 aber wir werden verherrlicht werden, je mehr wir dem Bild seines göttlichen Sohnes ähneln. Lasst uns daher dieses ehrwürdige Bild betrachten, lasst uns ständig in seinem Glanz verweilen, damit es sich in uns prägen kann, und dann lasst uns den Dingen im Geiste unseres heiligen Meisters begegnen. Dadurch werden wir den Willen erfüllen, den sich Gott „selbst bei sich“ vorgenommen hat, „alles in Christus zu erneuern.“13
  2. „Was mir auch Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust betrachtet. Ja, ich betrachte alles als Verlust, denn die Erkenntnis Jesu, meines Herrn, ist mir mehr wert als alles. Um seinetwillen habe ich alles andere als Verlust betrachtet und halte es für nichts, um Christus zu gewinnen und in ihm gefunden zu werden nicht mit eigener Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist, sondern mit der, die durch den Glauben an Christus ist – der Gerechtigkeit, die von Gott kommt und auf Glauben basiert, damit ich ihn erkenne und die Kraft seiner Auferstehung sowie die Gemeinschaft an seinen Leiden. Ich nehme die Gestalt seines Todes auf mich, damit ich so zur Auferstehung gelange. Ich denke nicht, dass ich schon am Ziel oder bereits zur Vollkommenheit gelangt sei; ich laufe jedoch, um sie zu ergreifen, weil ich von Christus Jesus ergriffen wurde. Brüder, ich habe nicht den Eindruck, dass ich bereits am Ziel sei; ich kann nur sagen: vergessend, was hinter mir liegt, und mich auf das konzentrierend, was vor mir liegt, laufe ich auf das Ziel zu, um die himmlische Belohnung zu gewinnen, die Gottes Berufung in Christus Jesus ist.“14 Das bedeutet: Ich will nichts mehr, als mit ihm vereint zu sein. „Mihi vivere Christus est,“ mein Leben ist Christus…!15
    In diesen Zeilen zeigt sich voll und ganz der Eifer der Seele des Paulus. Während dieser Erneuerung, die das Ziel hat, dass wir Ähnlicher werden unserem ehrwürdigen Meister und noch mehr, uns in ihm so auflösen, dass wir sagen könnten: „Ich lebe nicht mehr, sondern Christus lebt in mir. Und das Leben, das ich jetzt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat,“16 lasst uns dieses göttliche Vorbild studieren; sein Wissen, wie der Apostel sagt, ist „vollkommen über alles“!17
    Und was hat er zuerst gesagt, als er in diese Welt trat? „Opfer und Gaben wolltest du nicht, aber du hast mir einen Leib gegeben. Siehe, ich bin hier, um, oh Gott, deinen Willen zu tun.“18 Während dieser dreiunddreißig Jahre war dieser Wille (so sehr) sein tägliches Brot,19 dass er, als er seine Seele in die Hände des Vaters übergab, sagen konnte: „Es ist vollbracht;“20 ja, dein Wille ist vollendet, erfüllt, und damit habe ich dich „auf der Erde verherrlicht.“21 Jesus Christus sagte seinen Aposteln über diese Speise, die sie nicht kannten, dass (dieses Essen) darin besteht, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat.22 Und er konnte auch sagen: „Ich bin nie allein,“23 „Der mich gesandt hat, ist immer bei mir, denn ich tue immer das, was ihm gefällt.“24 Lasst uns mit Liebe dieses Brot des göttlichen Willens essen. Und wenn dieser Wille jemals das Kreuz bringt, können wir ohne Zweifel mit unserem geliebten Meister sagen: „Vater, wenn es möglich ist, nimm diesen Kelch von mir,“ aber sofort fügen wir hinzu: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst,“25 und in Frieden und gestärkt werden wir mit dem göttlichen Gekreuzigten an unserer Kalvaria kratzen und dabei in der Tiefe unserer Seele ein Danklied singen, das an den Vater emporsteigt, denn die, die diesen schmerzhaften Weg gehen, sind die, die „vorhergesehen und auch vorherbestimmt wurden, um die Gestalt seines Sohnes anzunehmen,“26 aus Liebe des gekreuzigten.

Neunter Tag

  1. „Gott hat uns dazu vorherbestimmt, als Söhne angenommen zu werden durch Jesus Christus, in Einheit mit ihm, nach dem Vorsatz seines Willens, damit die Herrlichkeit seiner Gnade leuchten möge, durch die er uns in seinem geliebten Sohn gerechtfertigt hat, in dem wir die Erlösung durch sein Blut haben, die Vergebung der Sünden aufgrund seiner unermeßlichen Gnade in seiner Weisheit…“27 Die Seele, die wirklich Tochter Gottes geworden ist, lässt sich nach den Worten des Apostels vom Heiligen Geist leiten: „Die im Heiligen Geist sind, sind Gottes Kinder.“28 Und noch: „Wir haben den Geist der Knechtschaft nicht empfangen, um uns zu fürchten, sondern den Geist der Sohnschaft, in dem wir rufen dürfen: Abba, Vater! So bezeugt der Geist Gottes unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Und wenn wir Kinder sind, dann auch Erben – Erben Gottes, Miterben Christi; wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm an der Herrlichkeit Gottes Anteil haben.“29 Gott hat uns nach seinem Bild und nach seiner Ähnlichkeit geschaffen, damit wir bis zu dieser Kluft der Herrlichkeit gelangen können. „Seht,“ sagt der heilige Johannes, „mit welcher Liebe der Vater uns beschenkt hat, dass wir Gottes Kinder heißen und tatsächlich sind… Von nun an sind wir Gottes Kinder und wissen noch nicht, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir, wenn er kommt, ihm ähnlich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung in ihm hat, ist geheiligt, denn er ist selbst heilig.“30
    So ist das Maß der Heiligkeit der Kinder Gottes: heilig sein wie Gott, heilig sein durch die Heiligkeit Gottes und sie in Kontakt mit Gott in der bodenlosen Tiefe leben... „Die Seele scheint auf eine gewisse Weise Gott ähnlich zu sein, der zwar Gefallen an allem findet, aber nirgendwo mehr als in sich selbst, weil er in sich das höchste Gut hat, vor dem alles andere wie nichts ist. So sind alle Freuden, die die Seele erfährt, ihr eine Mahnung, dass sie dieses Gut, dessen Besitz sie hat und mit dem sich nichts vergleichen lässt, lieber genießen soll.“ „Vater unser, der du bist im Himmel…“31 In diesem „kleinen Himmel“ ist er im Zentrum unserer Seele, und dort sollen wir ihn suchen und vor allem dort bleiben.
    Christus sagte einmal zur Samariterin, dass „der Vater die sucht, die ihn wahrhaft anbeten und ihm im Geist und in der Wahrheit huldigen.“32 Lasst uns seinem Herzen Freude bereiten und ihn so anbeten. Lasst uns ihn „im Geist“ anbeten, d.h. mit Herzen und Verstand auf ihn gerichtet, und mit einem Geist, der voller Erkenntnis Gottes im Licht des Glaubens ist. Lasst uns ihn „in der Wahrheit“ anbeten, das heißt mit unseren Taten, denn durch die Taten werden wir wahrhaftig; das heißt, immer das zu tun, was dem Vater gefällt, dessen Kinder wir sind. Und schließlich „lasst uns ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“, das bedeutet durch Jesus Christus und mit Jesus Christus, denn er selbst ist derjenige, der tatsächlich „im Geist und in der Wahrheit anbetet“. Dann werden wir Gottes Kinder sein, „und wir werden in der eigenen Haut die Wahrheit dieser Worte des Jesaja erfahren: ‚Ihr werdet trinkend in den Armen getragen, wie ein Kind auf den Knien gehegt.‘33 Gott erfüllt jede seiner Handlungen gewissermaßen mit Zärtlichkeit und Liebesbezeigungen, wie eine Mutter, die ihr Kind zu sich hebt und es mit ihrer Milch nährt. Lasst uns aufmerksam sein auf die geheimnisvolle Stimme unseres Vaters!“ Er sagt: „Mein Kind, gib mir dein Herz.“34
  2. „Gott, reich an Barmherzigkeit, hat uns in seiner großen Liebe das Leben in Jesus Christus gegeben, als wir tot waren in unseren Sünden.“35 „Denn alle haben gesündigt und erreichen die Herrlichkeit Gottes nicht; sie werden jedoch umsonst durch seine Gnade gerechtfertigt durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott vorgeschlagen, dass er durch seinen eigenen Tod eine Sühne für diejenigen werde, die an ihn glauben. So hat er gezeigt, dass er gerecht ist und den rechtfertigt, der aus Glauben an Jesus lebt.“ (hl. Paulus).36
    „Die Sünde ist so schreckliches Übel, dass derjenige, der nach jeglichem Guten sucht oder sich dem Bösen entziehen will, nicht sündigen darf.“ „Wir haben viel gesündigt.“ „Wie könnten wir uns bei der Anbetung fatigieren, wenn wir in die Tiefe der Barmherzigkeit eingetaucht sind und die Augen unserer Seele auf die Wahrheit richten, dass Gott unsere Sünden vergeben hat?“ Er hat gesagt: „Ich werde ihre Ungerechtigkeiten tilgen und an ihre Sünden nicht mehr denken.“37
    „Der Herr wollte in seiner Nachsicht unsere Sünden gegen uns selbst wenden, fand einen Weg, sie uns nützlich zu machen, sie in unseren Händen in ein Werkzeug des Heils zu verwandeln. Das mindert nicht unsere Angst vor der Sünde oder unseren Schmerz darüber, dass wir gesündigt haben. Aber unsere Sünden sind uns zur Quelle der Demut geworden.“
    Wenn die Seele in ihrem Inneren mit erhitzten Augen der Liebe auf die Unendlichkeit Gottes, auf seine Treue, auf die Beweise seiner Liebe, auf seine guten Werke schaut, die nichts zu seinem Glück beitragen können, und wenn sie dann auf sich selbst schaut, sieht sie ihre Angriffe auf die Größe Gottes und wendet sich mit einem solchen Selbstverachtung in ihr Inneres zurück, dass sie nicht mehr weiß, wie sie seinen Schrecken ablegen kann. Das Beste, was die Seele tun kann, ist, Gott um Hilfe zu bitten, ihrem Freund, dass sie nicht die Kraft hat, sich so zu verachten, wie es ihr zusteht und wie sie möchte. Sie übergibt sich dem Willen Gottes, und im inneren Verzicht auf sich selbst findet sie echten, unbesiegbaren und vollkommenen Frieden, der nichts stören kann. Denn sie hat sich in solch eine Tiefe geworfen, wo sie niemand suchen wird.“
    „Wenn mir jemand sagen würde, dass er den Boden erreicht hat, dass er in der Demut ertrunken ist, würde ich ihm nicht widersprechen. Dennoch scheint mir, dass in der Demut ertrunken sein, in Gott ertrunken sein ist, denn Gott ist am Grund des Inneren. Und deshalb kann die Demut, ebenso wie die Liebe, immer noch wachsen.“ Denn am demütigen Grund liegt der Schmutz, der für die Gnade nötig ist, und weil Gott die Seele dort hinunterbringen will, lasst uns demütig sein. „Eine demütige Seele wird Gott nie genügend erhöhen, noch sich selbst genügend erniedrigen. Aber das Wunder: ihre Unfähigkeit verwandelt sich in Weisheit, und die Unvollkommenheit ihrer Taten, die in ihren Augen immer unzureichend sein wird, verleiht ihrem Leben den größten Genuss. Wer das Wesen der Demut besitzt, braucht nicht viele Worte, um zu lernen, Gott sagt ihm mehr, als wir ihn lehren können; in einer solchen Position sind die Lehrlinge Gottes.“

Zehnter Tag

  1. „Si scires donum Dei…“ – Hättest du gewusst, was Gott gibt,38 sagte einst Christus zur Samariterin. Aber was gibt Gott, wenn nicht sich selbst? Und der geliebte Jünger sagt: „Er kam zu seinen eigenen, und die seine nahmen ihn nicht auf.“39 Johannes der Täufer könnte vielen Seelen diese Mahnung geben: „Mitten unter euch, in euch, ist der, den ihr nicht kennt.“40
    „Hättest du gewusst, was Gott gibt…“ Es gibt ein Geschöpf, das erkannt hat, was Gott gibt, ein Geschöpf, das keinen Krümel (von diesem Geschenk) verloren hat, ein Geschöpf, das so rein, so leuchtend war, dass es wie das Licht selbst war. „Speculum justitiae,“ Spiegel der Gerechtigkeit.41 Ein Geschöpf, dessen Leben so einfach war, so im Gott verloren, dass man kaum etwas über es sagen kann.
    „Virgo fidelis“, das ist die treue Jungfrau,42 die alles in ihrem Herzen bewahrte.43 Sie war so demütig, so in der Gegenwart Gottes gesammelt, in der Verborgenheit des Tempels, dass sie das Wohlgefallen der Heiligen Dreifaltigkeit an sich zog. „Er hat auf die Erniedrigung seiner Magd geschaut, von nun an werden alle Generationen mich selig preisen!...“44 Der Vater neigte sich zu diesem schönen Geschöpf, das nichts von ihrer Schönheit wusste, und wollte, dass sie im Laufe der Zeit die Mutter dessen werde, dessen Vater er in alle Ewigkeit ist. Dann kam der Geist der Liebe herab, der das göttliche Handeln lenkt, und die Jungfrau sagte ihr fiat. „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort,“45 und das größte aller Geheimnisse geschah. Und so wurde Maria durch die Inkarnation des Wortes für immer der göttlichen Beute.
    Es scheint mir, dass die Haltung der Jungfrau Maria in den Monaten zwischen der Verkündigung und der Geburt ein Beispiel für die inneren Seelen ist, die Gott ausgewählt hat, um im Inneren, in der Tiefe der bodenlosen Kluft zu leben. In welchem Frieden, in welcher Sammlung hat Maria alles getan! Wie das banalste durch ihre Haltung vergöttlicht wurde! Denn in allem blieb Maria diejenige, die das Geschenk Gottes verehrte. Das hinderte sie jedoch nicht darin, sich auch nach außen zu geben, wenn es um die Äußerung wohltätiger Liebe ging; das Evangelium sagt uns, dass Maria in aller Eile die judäische Bergregion durchquerte, um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen. Ihr unaussprechliches Kontemplieren schwächte niemals ihre äußere Liebe. Denn, wie ein frommer Autor sagt: „Wenn die Kontemplation auf das Lob und die Ewigkeit Gottes zielt, verliert sie die eigene Einheit nicht. Wenn der Befehl aus dem Himmel kommt, wendet sie sich zu den Menschen, hat Mitgefühl mit allen Bedürfnissen, neigt sich über ihr Elend, weint und macht es fruchtbar. Sie leuchtet wie ein Feuer, brennt, verzehrt und absorpiert, erhebt das, was sie aufgenommen hat, zum Himmel und wenn sie ihre Aufgabe auf der Erde vollendet, erhebt sie sich und begibt sich erneut auf den Weg zu den Höhen, entzündet von ihrem Feuer.“
  2. „Wir sind bestimmt worden durch den Plan dessen, der alles nach seinem Willen vollbringt, um sein zu sein Lob seiner Herrlichkeit.“46
    So lehrt uns der heilige Paulus. Wie können wir diesen Traum des Herzens Gottes verwirklichen, diesen unveränderlichen Willen über unsere Seele? Wie – kurz gesagt – auf unsere Berufung antworten und zur vollkommene Lobpreisung der Herrlichkeit der Heiligen Dreifaltigkeit werden?
    „Im Himmel“ ist jede Seele das Lobpreis der Herrschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, denn jede Seele wohnt in reiner Liebe und „lebt nicht mehr ihr eigenes Leben, sondern das Leben Gottes.“ Dann erkennt sie ihn, sagt der heilige Paulus, wie sie von ihm erkannt wird,47 anders gesagt, ihr Verständnis ist das Verständnis Gottes, ihr Wille ist der Wille Gottes, ihre Liebe selbst ist die Liebe Gottes. Der Geist der Liebe und der Kraft verwandelt in Wirklichkeit ihre Seele, denn er wurde ihr gegeben, um das zu ersetzen, was ihr fehlt. „Er vollbringt diesen herrlichen Wandel in ihr.“ Der heilige Johannes vom Kreuz erklärt, dass „es nicht wichtig ist, dass die von der Liebe erfüllte Seele durch den Heiligen Geist bis zu dem Grad erheben kann, von dem wir gerade gesprochen haben,“ bereits hier auf Erden. Das nenne ich die vollkommene Lobpreisung der Herrlichkeit!
    Die Lobpreisung der Herrlichkeit ist die Seele, die in Gott wohnt, die ihn mit reiner und selbstloser Liebe liebt und in der Süße dieser Liebe sich nicht selbst sucht, liebt Gott über alle seine Gaben, selbst wenn sie von ihm nichts erhalten würde, und wünscht sich nur das Wohl dieses so geliebten Objekts ihrer Liebe. Wie sonst können wir wirksam das Wohl Gottes wünschen als durch die Erfüllung seines Willens, der alle Dinge zu seiner größeren Herrlichkeit anordnet? Diese Seele muss sich daher ganz dem Willen Gottes übergeben und sich in ihm verlieren, dass sie nichts anderes mehr möchten als das, was Gott will.
    Die Lobpreisung der Herrlichkeit ist die stille Seele, die verweilt wie eine Leier unter dem geheimnisvollen Berührung des Heiligen Geistes, der göttliche Akkorde über sie erklingen lässt. Sie weiß, dass das Leiden die Saite ist, auf der noch schönere Klänge gespielt werden können, und daher macht sie es zu ihrem Instrument, mit dem sie das Herz Gottes sehr süß bewegt.
    Die Lobpreisung der Herrlichkeit ist die Seele, die sich im Glauben und in der Einfachheit Gott zuwendet, ein Spiegel, der ihn in allem widerspiegelt, was er ist, wie eine bodenlose Grube, in die er strömen und sich ausdehnen kann. Sie ist auch wie ein Kristall, durch den er leuchten und in dem er alles seine Vollkommenheit und eigenen Glanz betrachten kann. Die Seele, die es auf diese Weise erlaubt, dass Gott in ihr seinen (d.h. sein) Bedarf teilt, „alles, was er ist, und alles, was er hat,“48 ist wahrhaft die Lobpreisung der Herrlichkeit aller seiner Gaben.
    Die Lobpreisung der Herrlichkeit ist schließlich ein Wesen, das ständig in Dankbarkeit eingetaucht ist. Jeder ihrer Taten, jede Bewegung, alle ihre Gedanken und Wünsche verwurzeln sie immer mehr in der Liebe und werden zum Echo des ewigen Sanctus.
    Im Himmel, der voller Herrlichkeit ist, hören die Heiligen nicht auf zu rufen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott, Allmächtiger... und fallen zu Boden und beten den an, der lebt in Ewigkeit.49 Die Lobpreisung der Herrlichkeit übernimmt bereits heute im Himmel ihre ewige Aufgabe. Ihr Gesang ist ununterbrochen, denn sie ist unter dem Einfluss des Heiligen Geistes, der in ihr alles bewirkt. Und obwohl sie darüber nicht immer Bescheid weiß, da die Unvollkommenheit der Natur es ihr nicht erlaubt, sich ohne jegliche Zerstreuungen auf Gott zu konzentrieren, singt sie immer und immer anbetend, verwandelt sich vollkommen in Lob und in Liebe, in das Verlangen nach Gottes Herrlichkeit. Im Himmel unserer Seele wollen wir die Lobpreisung der Herrlichkeit der Heiligen Dreifaltigkeit sein, die Lobpreisung der Liebe unserer Unbefleckten Mutter. Eines Tages wird der Vorhang verschwinden und wir werden in die ewigen Wohnungen eingeführt, wo wir unserem Gesang ein Echo in dem Schoß der unendlichen Liebe verleihen. Und Gott wird uns dann einen neuen Namen geben, der denjenigen versprochen ist, die überwinden.50 Wie wird dieser Name lauten? Laudem gloriae. (Lobpreisung der Herrlichkeit)51

Übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Graubnerová.

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