Sel. Elisabeth von der Allerheiligsten Dreifaltigkeit

Der Himmel im Glauben ist das erste der vier geistigen Abhandlungen der sel. Elisabeth von der Dreifaltigkeit. Sie schrieb es im August 1906, als bei ihr die fortschreitende Addison-Krankheit voll zur Auswirkung kam und als ihr nur noch drei Monate des Lebens blieben und sie mit einem frühen Tod rechnete. Dieser Text, den sie während ihrer üblichen zehn Tage dauernden persönlichen geistlichen Erneuerung niederschrieb, widmete sie ihrer jüngeren Schwester Margarete. Beide Schwestern waren sich sehr nah und die Karmeliterin Elisabeth fühlte sich Margarete wie eine geistliche Mutter. Zufälligerweise las Margarete diesen Text erst zwei Monate nach Elisabeths Tod. Als einziges und gemeinsames Ziel ihrer Erneuerung hatte sich Elisabeth gesetzt, ihrem Meister ähnlicher zu werden, sodass sie sagen konnten: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“
Erster Tag
- „Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, hier bei mir sind, um die Herrlichkeit zu sehen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt, bevor die Welt geschaffen wurde.“1 So lautet der letzte Wille Christi, seine letzte Bitte vor der Rückkehr zum Vater. Er möchte, dass auch wir dort sind, wo er ist, nicht nur ewig, sondern schon jetzt in der Zeit, die eine begonnene Ewigkeit ist, die kontinuierlich voranschreitet. Um seinen göttlichen Wunsch zu erfüllen, ist es also wichtig zu wissen, wo wir mit ihm leben sollen. „Der Ort, wo der Sohn Gottes verborgen ist, ist das Schoß des Vaters,2 was das göttliche Wesen ist, das allen sterblichen Augen fremd und jedem menschlichen Geist verborgen ist,“3 was Jesaja dazu brachte zu sagen:4 „Du bist gewiss ein versteckter Gott.“5 Und dennoch ist es sein Wille, dass wir in ihm bleiben, dass wir dort sind, wo er ist, in der Einheit der Liebe, sodass wir, sozusagen, sein eigener Schatten sind.
„Durch die Taufe,“ sagt der hl. Paulus, „sind wir mit Jesus Christus verbunden worden.“6 Und weiter: „Gott hat uns mit ihm in die himmlischen Höhen versetzt in Christus Jesus, damit in den kommenden Zeitaltern die überschwängliche Größe seiner Gnade gezeigt werde.“7 Und weiter: „Ihr seid also nicht mehr Fremde und Gäste, sondern habt Anteil am Volk Gottes und gehört zur Familie Gottes.“8 Die Dreifaltigkeit, das ist unser Wohnsitz, unser „Zuhause“, das Vaterhaus, aus dem wir nie herausgehen sollen. Meister sagte eines Tages: „Der Sklave bleibt nicht ewig im Haus; ewig bleibt der Sohn“ (hl. Johannes).9 - „Bleibt in mir.“10 Dieses Gebot gibt uns das Wort Gottes, es drückt diesen Willen aus. Bleibt in mir, nicht nur auf einige Augenblicke, einige Stunden, die vergehen werden, sondern bleibt... ständig, unaufhörlich. Bleibt in mir, betet in mir, verehrt in mir, liebt in mir, leidet in mir, arbeitet, handelt in mir. Bleibt in mir und nähert euch so jedem und allem; dringt weiterhin tiefer in diese Tiefe ein. In der Tat, dies ist die „Einsamkeit, in die Gott die Seele ziehen möchte, um mit ihr zu sprechen,“ wie der Prophet sang.11
Aber um dieses geheimnisvolle Wort zu hören, dürfen wir uns nicht an der Oberfläche aufhalten, es ist notwendig, durch das Innehalten tiefer in das Wesen Gottes einzutreten. „Ich laufe mein Rennen,“ rief der hl. Paulus,12 so müssen auch wir jeden Tag diesen Weg in die Tiefe gehen, die Gott ist; lassen wir uns von diesem Hang mit einem voll und ganz liebenden Vertrauen leiten. „Die Tiefe ruft die Tiefe.“13 Dort in der Tiefe wird die Begegnung mit Gott geschehen, dort wird die Tiefe unserer Nichtigkeit, unserer Elend Angesicht gegenüber der Tiefe des Erbarmens, der Größe Gottes stehen. Dort finden wir die Kraft, für uns selbst zu sterben, und dort, indem wir unser eigenes Bild verlieren, werden wir in die Liebe verwandelt. „Glücklich, die im Herrn bleiben!“14
Zweiter Tag
- „Das Reich Gottes ist in euch.“15 Gestern hat Gott uns eingeladen, „in ihm zu bleiben“, unser Leben in seinem Erbe der Herrlichkeit zu leben,16 und jetzt offenbart er uns, dass wir nicht aus uns hinausgehen müssen, um ihn zu finden. „Das Reich Gottes ist innen.“ Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, dass Gott sich der Seele „im Wesen der Seele gibt, wo weder die Welt noch der böse Geist eingreifen können,“17 und dann „werden alle ihre Regungen göttlich, und obwohl sie von Gott sind, sind sie auch ihre, weil unser Herr sie in ihr und mit ihr bildet.“18
Der selbe Heilige sagt auch, dass „Gott das Zentrum der Seele ist. Wenn die Seele mit aller ihrer ‚Kraft‘ Gott vollkommen erkennt, liebt sie ihn und freut sich vollkommen an ihm, dann ist sie im tiefsten Zentrum, das sie in Gott erreichen kann.“ Bevor sie dorthin gelangt, ist die Seele schon „in Gott, der ihr Zentrum ist“, aber sie ist noch nicht in seinem tiefsten Zentrum, weil sie noch weitergehen kann. Da es die Liebe ist, die die Seele mit Gott verbindet, je intensiver diese Liebe ist, desto tiefer ist die Seele in Gott und taucht in ihn ein; so bald sie „der einzige Grad der Liebe besitzt, ist sie bereits in seinem Zentrum,“ aber wenn diese Liebe ihre Vollkommenheit erreicht, wird die Seele in sein tiefstes Zentrum eindringen. Dort wird sie verwandelt, bis sie Gott sehr ähnlich wird.19 Auf diese Seele, die innen lebt, können die Worte des Vaters Lacordaire an die hl. Maria Magdalena angewendet werden: „Fragt niemanden auf Erden, fragt niemanden im Himmel nach dem Meister, denn er ist eure Seele, und eure Seele ist er.“ - „Steige schnell hinab, denn heute will ich in deinem Hause essen.“20 Der Meister wiederholt dieses Wort, das er eines Tages Zacheus zusprach, ständig unserer Seele. „Steige schnell hinab.“ Aber wohin sollen wir gemäß seinem Wunsch hinabsteigen, wenn nicht tief in unsere innere Tiefe? Dieser Akt ist nicht „eine äußere Trennung von äußeren Dingen,“21 sondern „die Einsamkeit des Geistes“, das Sich-befreien von allem, was nicht Gott ist.
„Sofern unser Wille Begierden für fremde Verbundenheit mit Gott hat, sowie Fantasien des Einvernehmens und der Ablehnung, verbleiben wir im Zustand der Kindheit, gehen nicht mit großen Schritten in der Liebe, denn das Feuer hat noch nicht alle Verunreinigungen verbrannt, das Gold ist nicht rein, wir suchen immer noch nach uns selbst, Gott hat unsere Feindschaft gegen ihn nicht verzehrt. Aber wenn das Kochen im Kessel alles schlechte Liebe, jede unreine Angst verbrennt, dann „wird die Liebe vollkommen sein und der goldene Ring unserer Verlobung wird größer sein als Himmel und Erde. Dies ist die geheimnisvolle Kammer, in die Liebe ihre Auserwählten verbirgt, und diese Liebe leitet uns auf Umwegen und Pfaden, die nur sie selbst kennt, und führt uns ohne Rückkehr zurück, wir werden auf diesem Weg nie umkehren.“22
Dritter Tag
- „Wenn jemand mich liebt, wird er meine Gebote halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und werden in ihm wohnen.“23
Hier drücken der Meister wieder seinen Wunsch aus, in uns zu wohnen. „Wenn jemand mich liebt!“ Die Liebe zieht ihn an, sie bringt Gott zu seiner Schöpfung, nicht die gefühlsmäßige Liebe, sondern die Liebe „stark wie der Tod, die große Wasserfluten nicht ertränken…“24 „Weil ich den Vater liebe,“25 „tue ich immer das, was ihm gefällt.“26 So sprach der heilige Meister, und jede Seele, die in Kontakt mit ihm leben will, muss von diesem Satz leben. Was Gott gefällt, soll ihre Speise, ihr tägliches Brot sein; sie soll sich durch jeden Willen des Vaters dem Bild ihres geliebten Christus opfern; jedes Ereignis, jeder Umstand, jedes Leiden und jede Freude ist ein Sakrament, das Gott ihr gibt, und so macht sie keinen Unterschied mehr zwischen diesen Dingen, sie überschreitet sie, übersteigt sie, um über all dem bei ihrem eigenen Meister zu ruhen; sie erhebt ihn hoch „auf den Berg ihres Herzens“, ja, „über seine Gaben, seine Tröstungen, über die Zärtlichkeiten, die von ihm kommen.“27 „Die Eigenschaft der Liebe ist es, niemals nach sich selbst zu suchen, nichts für sich zurückzubehalten, sondern alles dem zu geben, den sie liebt.“ „Glücklich ist die Seele, die liebt“ in Wahrheit, „der Herr ist ein Gefangener ihrer Liebe.“28 - „Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen in Gott mit Christus Jesus.“29 Hier gibt uns der hl. Paulus Licht, um unser Weg in die Tiefe zu beleuchten. „Ihr seid gestorben!“ Und was bedeutet das, wenn nicht, dass die Seele, die nach einem Leben in Kontakt mit Gott „in der unüberwindlichen Festung der heiligen Einsamkeit“ strebt, „getrennt, befreit, entfernt von allen Dingen sein muss“30 (was den Geist betrifft). Diese Seele „findet in sich selbst den einfachen Hang zur Liebe, der in Gott strebt, trotz der Geschöpfe, sie ist unbesiegbar in den Dingen, die vergänglich sind, denn sie übersteigt sie und zielt auf Gott.“31
„Quotidie morior.“„Täglich sterbe ich,“32 ich vermindere mich,33 jeden Tag verzichte ich auf mich selbst, damit er in mir wachse und verherrlicht werde, Christus, „ich wohne“ „klein“ „in der Tiefe meines Elends“, ich sehe „meine Nichtigkeit, mein Elend, meine Ohnmacht, ich sehe, dass ich nicht fähig bin, Fortschritte zu machen, standhaft zu bleiben, ich sehe die vielen meiner Nachlässigkeiten, meiner Mängel, ich erkenne meine Unwürdigkeit,“ „ich falle auf die Knie in meinem Elend, erkenne meine Not und breite sie vor dem Erbarmen“34 meines Meisters aus. „Täglich sterbe ich,“ ich lege die Freude meiner Seele (nicht in Gefühlen, sondern im Willen) in alles, was mich zerstören, erniedrigen kann, was ich opfern muss, denn ich will Raum für meinen Herrn schaffen. Nicht mehr lebe ich, sondern er lebt in mir:35 ich will „nicht mehr mein eigenes Leben leben, sondern verwandelt werden in Jesus Christus, damit mein Leben göttlicher wird als menschlich“ und damit der Vater, wenn er sich über mich neigt, das Bild seines geliebten Sohnes in mir erkennen kann, an dem er Gefallen hat.36
Vierter Tag
- „Deus ignis consumens.“ Unser Gott, schrieb der hl. Paulus, ist ein verzehrendes Feuer,37 das heißt „Feuer der Liebe“, das alles zerstört, das „alles verwandelt, was es berührt.“38 „Die Freuden der göttlichen Entzündung erneuern sich in uns durch eine Tätigkeit, die sich niemals müde wird, es ist die Entzündung der Liebe im gegenseitigen und ewigen Gefallen. Es ist die Erneuerung, die in jedem Moment im Band der Liebe geschieht.“39 Einige Seelen „haben diesen Zufluchtsort gewählt, um darin für immer zu ruhen, und dies ist das Schweigen, in dem sie sozusagen verloren sind.“ „Befreit von ihrem Gefängnis segeln sie über den Ozean der Gottseligkeit, ohne dass irgendetwas Geschöpfliches ihnen im Wege stehen oder sie stören könnte.“40 Für diese Seelen wird der mystische Tod, von dem der hl. Paulus gestern sprach, so einfach, so süß! Sie denken viel weniger an die Mühe der Zerstörung und des Sich-Befreiens von dem, was ihr noch bleibt, als an das Eintauchen in die Schmiede der Liebe, die in ihnen brennt und die nichts anderes ist als der Heilige Geist, selbst die Liebe, die im Allerheiligsten in der Bindung zwischen dem Vater und seinem Wort ist. Sie „treten in ihn mit lebendigem Glauben und einfachen, friedlichen,“ „werden von ihm über die Dinge, über Eindrücke und Gefühle“ in die „heilige Dunkelheit“ getragen und „in das Bild“ Gottes verwandelt. Nach dem Ausdruck des hl. Johannes leben sie in „Gemeinschaft“41 mit den drei verehrten Personen, ihr Leben ist „gemeinsam“, und das ist das „kontemplative Leben“, die Kontemplation, die zum „Besitz“ führt. „Dieser einfache Besitz ist das ewige Leben, das in der unermesslichen Weite erfahren wird. Dort über dem Verstand erwartet uns der tiefe Frieden göttlicher Unbewegtheit.“42
- „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und wie sehr wünsche ich, dass es schon brenne!“43 Der Meister drückt uns selbst seine Sehnsucht aus, das Feuer der Liebe brennen zu sehen. In der Tat sind all unsere Werke, unsere Anstrengungen vor ihm nichts. Wir können ihm nichts geben, noch seine einzige Sehnsucht stillen, die ist, die Würde unserer Seele wiederherzustellen. Nichts gefällt ihm so sehr, wie sie „wachsen“ zu sehen. Und nichts kann sie mehr erheben, als wenn sie gewissermaßen Gott gleich wird. Deshalb verlangt er von ihr Tribut ihrer Liebe, denn die Eigenschaft der Liebe ist es, so weit wie möglich den zu ebnen, der liebt, dem, der geliebt wird. Die Seele, die diese Liebe hat, erscheint auf derselben Stufe mit Jesus Christus, weil ihre gegenseitige Zuneigung alles gemeinsam macht. „Ich habe euch Freunde genannt, weil ich euch alles offenbart habe, was ich vom Vater gehört habe.“44
Aber um zu dieser Liebe zu gelangen, musste die Seele sich vorher „ganz hingegeben“ haben, ihr „Wille muss sich langsam im Willen Gottes verlieren,“ damit ihre „Neigungen“, ihre „Fähigkeiten“ nur in dieser Liebe und für diese Liebe arbeiten. Ich tue alles aus Liebe, ich leide alles aus Liebe, so ist der Sinn dessen, was David sang. „Dir will ich meine Kraft bewahren.“45 Da ist die Seele so erfüllt, absorbiert und geschützt von der Liebe, dass sie überall das Geheimnis weiterer Wachstums in der Liebe findet, sogar in den Beziehungen, die sie mit dieser Welt hat, kann sie mit Recht sagen: „Mein einziges Geschäft ist es, zu lieben!“46
Fünfter Tag
- „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe; wenn jemand meine Stimme hört und mir öffnet, werde ich zu ihm eingehen und mit ihm essen, und er mit mir.“47 Glückliche Ohren der Seele, die wach genug und aufmerksam sind, um diese Stimme des göttlichen Wortes zu hören, glücklich auch die Augen dieser Seele, die im Licht des lebendigen und tiefen Glaubens bei der „Ankunft“ des Meisters in seinem vertraulichen Heiligtum sein kann. Aber was ist dieser Kommen? „Es sind unendliche Scharen, Ruhm ohne Ende.“ Christus „kommt mit seinen Schätzen, jedoch im Geheimnis der göttlichen Schnelligkeit, er kommt immer wieder, ständig wie zum ersten Mal, als wäre er noch nie gekommen, denn sein Kommen, zeitunabhängig, ruht im ewigen ‚Jetzt‘ und die ewige Sehnsucht erneuert ständig die Freude über sein Kommen. Die Freuden, die er bringt, sind unendlich, denn sie sind er selbst.“ „Die Fähigkeit der Seele, die sich durch die Ankunft des Meisters erfreut, scheint aus ihr selbst zu stammen und durchdringt die Wände in der Unendlichkeit dessen, der kommt, und führt zu diesem Phänomen: es ist Gott in unserem Inneren, der Gott, der zu uns kommt, und Gott, der Gott kontempliert! Gott, in dem das Glück ruht.“48
- „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.“49 „Das erste Zeichen der Liebe ist, dass Jesus uns sein Fleisch zum Essen, sein Blut zum Trinken gegeben hat.“ „Die Eigenschaft der Liebe ist, immer zu geben und immer zu empfangen. Die Liebe Christi ist großzügig. Alles, was er hat, alles, was er ist, gibt er, alles, was wir haben, alles, was wir sind, nimmt er uns weg. Er verlangt mehr, als wir selbst geben können. Er hat einen enormen Hunger, der uns vollkommen verschlingen möchte. Er dringt bis ins Mark unserer Knochen ein und je mehr Liebe wir ihm gestatten, desto mehr genießen wir ihn in Fülle.“ „Er weiß, dass wir arm sind, aber zieht es überhaupt nicht in Betracht und verzeiht uns nichts. Er wird in uns selbst zu seinem Brot, zunächst aber verbrennt er in seiner Liebe die Laster, die Fehler und die Sünden. Dann, wenn er sieht, dass wir rein sind, kommt er wie ein Geier, der alles verschlingen will. Er möchte unser Leben verzehren, um es in sein Leben zu verwandeln, unser Leben voller Laster, sein Leben voller Gnade und Herrlichkeit, bereitet für uns, wenn wir uns selbst aufgeben. Wenn wir nur gute Augen hätten, um diesen unstillbaren Hunger Christi zu sehen, der nach unserer Errettung hungert, würde uns keine Mühe abhalten, direkt in seine offenen Mäuler zu fliehen.“ Es scheint „absurd, aber die, die lieben, werden es verstehen.“ Wenn wir Christus „mit innerer Hingabe annehmen, fließt sein heißes Blut, voll Herrlichkeit, in unsere Adern und in uns entfacht sich das Feuer; wir gewinnen Ähnlichkeit mit seinen Tugenden, und er lebt in uns und wir leben in ihm, er gibt uns seine Seele mit der Fülle der Gnade, durch die die Seele in der Liebe und im Loben des Vaters ausharrt!“ „Die Liebe bringt ihr Objekt zu sich, wir bringen Jesus zu uns, Jesus bringt uns zu sich. Dann, in der Liebe ergriffen, steuern wir auf Gott zu, wir gehen ihm entgegen, dem Heiligen Geist, der seine Liebe ist, und diese Liebe verbrennt, verzehrt und zieht uns zur Einheit, wo uns das Glück erwartet.“ „Das hatte Jesus Christus im Sinn, als er sagte: „Sehnlich habe ich gewünscht, mit euch das Passahlamm zu essen.“50
Sechster Tag
- „Es ist der Glaube erforderlich, damit der Mensch sich Gott nähern kann.“51 Das sagt uns der hl. Paulus, dies auch: „An Gott zu glauben bedeutet, sich auf das zu verlassen, auf was wir hoffen, und die Gewissheit über das zu haben, was wir nicht sehen.“52 Das bedeutet, dass „der Glaube uns eine solche Gewissheit zukünftigen Gutes gibt, dass in unserer Seele durch ihn neue entsteht und besteht, auch wenn wir uns noch nicht darüber erfreuen.“53 Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, dass „der Glaube uns als Füße dient, um zu Gott zu gehen,“ und noch, „dass er im dunklen Zustand das Eigentum ist.“54 Er allein „kann uns das echte Licht über den, den wir lieben, geben, und unsere Seele muss ihn als Mittel wählen, um die selige Vereinigung zu erreichen.“55 „Er wirft uns in die innere Flut der geistlichen Güter.“ Jesus Christus sprach im Gespräch mit der Samariterin über den Glauben, als er versprach, allen, die an ihn glauben, „eine Quelle lebendigen Wassers zu geben, die ins ewige Leben springt.“56 Und so gibt uns der Glaube Gott schon in diesem Leben, zwar durch einen Schleier verhüllt, der ihn verdeckt, aber dennoch ist es Gott selbst. „Wenn das Vollkommene kommt,“ das heißt, die klare Sicht, „wird das Unvollkommene,“ mit anderen Worten, das durch den Glauben gegebene Wissen, „alle seine Vollkommenheit erlangen.“57
„Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und wir haben geglaubt.“58 Darin liegt die große Tat unseres Glaubens, das ist das Mittel, um unserem Gott Liebe für Liebe zu geben, das ist das „verborgene Geheimnis“59 im Herzen des Vaters, von dem der hl. Paulus spricht, das wir schließlich durchdringen werden, und unsere gesamte Seele wird sich vor Freude erbeben. Wenn sie an dieser „zu großen Liebe“60 glaubt, die Gott zu ihr hat, kann man von ihr das sagen, was von Mose gesagt wird: „Er war fest,61 als würde er den Unsichtbaren sehen.“62 Die Seele klammert sich nicht an Zuneigungen und Gefühle, es ist ihr wenig wichtig, ob sie die Gegenwart Gottes spürt oder nicht, es ist ihr wenig wichtig, ob er ihr Freude oder Leiden sendet; sie glaubt einfach an seine Liebe. Je mehr sie geprüft wird, desto mehr wächst ihr Glaube, denn sie muss alle Hindernisse überwinden, um in den Schoß der Unendlichen Liebe zu ruhen, die nur Werke der Liebe vollbringt. Und dieser Seele, die wach im Glauben ist,63 kann die Stimme ihres Meisters in der verborgenen Vertraulichkeit das Wort sagen, das er einst zu Maria Magdalena sagte: „Gehe in Frieden, dein Glaube hat dich gerettet.“64 - „Wenn also dein Auge rein ist, wird dein ganzes Körper Licht haben.“65 Was ist dieses reine, einfache Auge, von dem der Meister spricht, wenn nicht die Einfachheit des Wunsches, die „alle zerstreuten Kräfte der Seele vereinigt und den Geist mit Gott selbst verbindet? Das ist die Einfachheit, die Gott Ehre und Lob erweist, die ihm die Tugenden anbietet. Dann durchdringt und übersteigt sie sich selbst, übersteigt und durchdringt alle Geschöpfe und findet Gott in ihren Tiefen. Sie ist der Anfang und das Ende aller Tugenden, ihre Pracht und Herrlichkeit. Den einfachen Wunsch nenne ich das, was nur auf Gott zielt, das, was alle Dinge auf Gott bezieht.“ „Es ist sie, die den Menschen in die Gegenwart Gottes versetzt, die ihm Licht und Mut gibt, die ihn leert und von jeder Sorge befreit, heute wie am Tag des Gerichts.“ „Sie ist die innere Schranke66 und die Grundlage jedes geistlichen Lebens.“ „Sie dämpft die schlechte Natur, bringt Frieden und bewirkt Stille anstelle des Lärms der Eitelkeit, der in uns erscheint.“ „Sie vergrößert Stunde für Stunde unsere Ähnlichkeit mit Gott. Und dann, über allen Mittlern hinweg, ist es wieder sie, die uns in die Tiefe führt, wo Gott wohnt, und uns tiefen Frieden gibt. Das Erbe, das uns die Ewigkeit bereitet hat, wird uns durch die Einfachheit übergeben. Alle Lebenskräfte des Geistes, alle seine Tugend liegen zusammen mit der Ähnlichkeit mit Gott in der Einfachheit, und seine höchste Ruhe findet sich in der Höhe der Einfachheit.“ „Und je nach dem Maß seiner Liebe sucht jede Seele Gott mit größerer oder geringerer Tiefe in ihrer eigenen Tiefe.“ „Die einfache Seele erhebt sich durch ihren inneren Blick, kehrt in sich selbst zurück und kontempliert in ihrer eigenen Tiefe den Heiligtum, wo die Allerheiligste Dreifaltigkeit sie berührt hat.“ So drang sie in ihre Tiefe „bis zum Grund, der das Tor des ewigen Lebens ist.“67
Aus dem Französischen übersetzt und den einleitenden Absatz verfasst von Elisabeth Graubnerová.
Fortsetzung