Henri J. M. Nouwen
Abraham und Sara. Isaak und Rebekka. Jakob und Rahel, sie alle erlebten diesen Segen und wurden somit zu Vätern und Müttern unseres Glaubens. Sie hielten auf ihrem langen und mühsamen Lebensweg durch, weil sie nie vergaßen, dass sie gesegnet waren. Auch Jesus spürte diesen Segen, nachdem ihn Johannes der Täufer im Jordan taufen hatte. Aus dem Himmel ertönte die Stimme: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Das war der Segen, und dieser Segen gab Jesus die innere Stärke bei jedem Lob und jeder Schande, bei all Bewunderung und Ablehnung, die ihn erwarteten. Genauso wie Abraham und Sara verlor Jesus nie das tiefste Bewusstsein, dass er der „Gesegnete“ war. Ich erzähle dir all dies, weil ich weiß, wie wir beide manchmal schwankend sein können. Heute fühlen wir uns großartig, morgen fühlen wir uns ganz elend. Heute sind wir voller neuer Gedanken, morgen erscheint uns alles düster und öde. Heute glauben wir, die Welt erobern zu können, aber morgen fühlen wir uns schon von der kleinsten Anstrengung überfordert. Diese Stimmungsschwankungen zeigen, dass wir schon nicht mehr das Ohr für den Segen haben, den Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Jakob und Rahel und Jesus von Nazareth spürten, und den wir auch hören sollten.
Wenn wir von den leichten Wellen an der Oberfläche unserer Existenz hin- und hergerissen werden, können wir leicht Opfer der Welt werden, die uns nach Belieben manipuliert; wenn wir stattdessen das Ohr für die eindringliche, wohlwollende Stimme bewahren, die uns segnet, können wir durch das Leben gehen mit einem soliden Grundgefühl, dass es uns gut geht und dass wir zuverlässig in Gott verwurzelt sind.
Du musst in deinem Leben viele mühsame Zeiten durchlebt haben, in denen du eher den Eindruck hattest, dass du unter einem Fluch statt unter einem Segen stehst. Und ich kann von mir dasselbe sagen. Ja, ich glaube sogar, dass viele Menschen unter dem schweren Gefühl leiden, dass sie unter einem Fluch leben.
Wenn ich höre, was die Menschen beim Essen, in Lokalen oder während der Kaffeepausen miteinander reden, fällt mir auf, dass sie unermüdlich über eine Vielzahl von Dingen klagen und fluchen, im Geiste passiver Resignation. Viele, und dazu gehören manchmal auch wir selbst, kommen uns wie Opfer in einer Welt vor, die wir nicht ändern können, und die Tagespresse gibt uns sicherlich keinen hilfreichen Anstoß, um etwas gegen dieses Gefühl zu tun. Das Gefühl, unter einem Fluch zu leben, kommt uns leichter in den Sinn als das Gefühl, dass wir in einem Segen leben, und es ließe sich genügend Gründe finden, um uns in dem zu bestärken. Wir können sagen: „Sieh dir nur an, was in der Welt geschieht. Sieh dir die Hungernden, die Flüchtlinge, die Gefangenen, die Kranken und Sterbenden an... Sieh dir all das Elend, die Ungerechtigkeit und die Kriege an... Sieh dir an, wie überall gefoltert, ermordet, die Natur und Kultur sinnlos zerstört werden... Sieh dir an, wie wir Tag für Tag Mühe haben, unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Gesundheit aufrechtzuerhalten...“ Wo ist hier weit und breit ein Segen zu sehen? Das Gefühl, unter einem Fluch zu leben, kommt leicht. Wir hören schnell die innere Stimme, die uns einredet, dass wir hinterhältig, schlecht, verdorben, wertlos, nutzlos, dem Krankheiten und dem Tod geweiht sind. Kommt es uns nicht leichter vor, zu denken, dass wir verflucht sind, als gesegnet? Und doch sage ich dir als geliebtem Sohn Gottes: Du bist gesegnet. Über dich gelten gute Worte – Worte, die die Wahrheit sprechen. Flüche, auch wenn sie laut, rücksichtslos und aus voller Kehle ausgesprochen werden, sagen nicht die Wahrheit. Es sind Lügen, die leicht zu glauben sind, aber dennoch Lügen. Wenn der Segen jedoch die Wahrheit darüber sagt, was du und ich sind, und der Fluch uns belügt – dann gibt es eine ganz konkrete Frage: Wie können wir den Segen hören und uns seiner annehmen? Wenn die Tatsache, dass wir gesegnet sind, nicht nur ein Gefühl, sondern die Wahrheit ist, die unserem Alltag Gestalt und Inhalt verleiht, müssen wir bereit sein, diesen Segen eindeutig zu sehen und zu erleben.
Ich möchte dich zu zwei Übungen ermutigen, die dir helfen können, dir bewusst zu werden, dass du gesegnet bist: Gebet und Sein in der Gegenwart.
Zwei Anregungen
Zuerst das Gebet. Für mich persönlich wird das Gebet immer mehr zu einer Möglichkeit, bewusst den Segen zu hören. Ich habe viel über das Gebet gelesen und geschrieben, aber wenn ich an einen stillen Ort zum Gebet gehe, wird mir immer klarer, dass ich zwar geneigt bin, Gott viele Dinge zu sagen, der eigentliche Sinn des Gebets darin besteht, still zu sein, der Stimme zuzuhören, die Gutes über mich sagt. Das mag selbstmitleidig klingen, aber in Wirklichkeit ist es eine herausfordernde Übung. Ich habe solche große Angst, verloren zu sein und zu hören, dass ich nicht gut oder nicht gut genug bin, dass ich schnell dem Drang erliege, endlos zu reden aus Angst, nicht mehr aufhören zu können. Es bedarf echter Anstrengung, viele Stimmen sanft beiseite zu schieben und sie zum Schweigen zu bringen, die meine Güte in Frage stellen, und darauf zu vertrauen, dass ich die Stimme hören werde, die mich segnet. Hast du schon einmal versucht, eine ganze Stunde damit zu verbringen, nichts zu tun, sondern der Stimme zuzuhören, die tief in deinem Herzen wohnt? Wenn kein Radio spielt, kein Fernseher läuft, es kein Buch zu lesen gibt, niemand zum Reden da ist, keine Arbeit zu erledigen ist, kein notwendiger Anruf zu tätigen ist – wie fühlst du dich dann dabei? Oft kommt uns nichts Besseres in den Sinn, als dass uns blitzschnell eine Vielzahl von Dingen einfallen, die wir doch jetzt noch erledigen müssen, und zwar so eindringlich, dass wir uns entscheiden, in diesem Moment das unangenehme Schweigen aufzugeben und wieder zur Arbeit überzugehen. Es ist überhaupt nicht leicht, wirklich in das Schweigen einzutauchen und unter die Oberfläche all der drängenden und zwingenden Stimmen unserer Welt zu gelangen und dort der leisen inneren Stimme zuzuhören, die sagt: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Aber wenn wir den Mut finden, uns mit unserer Einsamkeit anzufreunden und uns an unser Schweigen zu gewöhnen, gelangen wir so weit, dass wir diese Stimme hören. Ich will damit nicht sagen, dass du eines Tages diese Stimme mit deinen leiblichen Ohren hören wirst. Ich spreche nicht von einer halluzinogenen Stimme, sondern von einer Stimme, die wir im Ohr des Glaubens, im Ohr des inneren Herzens vernehmen können.
Vielleicht wird dir erst dann klar, dass es diese Stimme war, die dich segnet. Du hast gedacht, dass in der Zeit des Zuhörens nicht viel mehr war als viele verwirrte Gedanken, aber dann merkst du, dass du dich auf deine nächste halbe Stunde der Stille freust und dass dir etwas fehlt, wenn du sie dir einmal nicht gönnen kannst. Der Geist Gottes offenbart sich sehr leise, sehr sanft – und sehr verborgen. Er drängt sich nicht auf. Aber gleichzeitig wird er sehr nachhaltig, sehr stark und sehr tief eingeprägt. Er verändert unsere Herzen von Grund auf. Treue Übung im Gebet zeigt dir, dass du ein geliebter Sohn Gottes bist, und verleiht dir die Kraft, auch anderen Menschen zu segnen.
Meine zweite Anregung, wie du bewusster aus dem Segen leben kannst, besteht in der Übung der Achtsamkeit. Mit Achtsamkeit meine ich das bewusste Erwarten aller Segnungen, die dir Tag für Tag und Jahr für Jahr zuteilwerden.
Das Problem unseres modernen Lebensstils ist, dass wir zu viel tratschen. Suchen wir unsere Bestätigung an den falschen Orten? Jedenfalls nehmen wir schon gar nicht mehr wahr, dass wir gesegnet sind. Oft sagen Menschen etwas Gutes über uns, aber wir lehnen es mit den Worten ab: „Aber das ist doch nichts Besonderes, das ist nichts.“ und so weiter. Diese Floskeln erscheinen als Zeichen der Bescheidenheit, sind aber in Wirklichkeit ein Zeichen dafür, dass wir nicht wachsam und aufmerksam sind, um wirklich das Gute anzunehmen, das uns gesagt wird. Uns Menschen, die wir im Geschäft sind, fällt es nicht leicht, solch positive Aussagen tatsächlich anzunehmen. Dass nur wenige Leute den anderen Segensworte sagen, ist vielleicht ein trauriges Ergebnis des Zustands, dass kaum Menschen bereit und fähig sind, solch einen Segen anzunehmen. Es ist uns übermäßig schwergefallen, zu bewahren, zuzuhören, Aufmerksamkeit zu schenken und dankbar anzunehmen, was uns angeboten wird.
Diese aufmerksame Erwartung kann uns die Augen dafür öffnen, in wie vielen Aspekten an uns mit Segen gedacht wird: Segen von einem Armen, der uns auf der Straße anspricht, Segen durch blühende Bäume und frische Blumen, die uns die Ahnung neuen Lebens schenken, Segen durch Musik, Malerei, Skulpturen und Architektur. Am meisten jedoch kommt der Segen zu uns in Worten der Dankbarkeit, Ermutigung, Zuneigung und Liebe. Wir müssen diese verschiedenen Formen des Segens nicht erst erfinden. Sie sind bereits hier: Sie umgeben uns von allen Seiten. Aber wir müssen sie erwarten und annehmen. Sie drängen sich nicht auf. Sie erinnern uns leise und sanft an jene wunderbare, starke, aber verborgene Stimme dessen, der uns beim Namen ruft und Gutes über uns sagt.
Ich hoffe daher aufrichtig, dass dir beide diese Anregungen, das Gebet zu kultivieren und zu erwarten, helfen werden, besser aus dem Bewusstsein zu leben, dass du gesegnet bist und immer wieder gesegnet wirst. Ich kann nicht deutlich genug darauf hinweisen, wie wichtig es ist, sich diesen Segen anzueignen. Wenn du dir deinen Segen nicht aneignest, gerätst du schnell in das Land der Verdammten. Diese Grenze zwischen dem Land der Gesegneten und dem Land der Verdammten ist sehr schmal oder existiert überhaupt nicht. Daher hast du die Wahl, in welchem Land du leben möchtest, und das musst du in jedem Moment neu wählen.
(Diese Zeilen schreibt der Autor an seinen „ungläubigen“ Freund Fred.)
Veröffentlicht aus dem gleichnamigen Buch in Karmelimpulse III/1993.
Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola