P. Ulrich Dobhan, OCD
Als Edith Stein am 14. Oktober 1933 nach den feierlichen ersten Vespern des Festes der Heiligen Teresa von Avila die Schwelle des Kölner Karmels überschritt, erfüllte sich damit ein Wunsch, den sie lange Zeit in ihrem Herzen trug. Die Heilige des Tages, Teresa von Jesus, war ihr auf ihrem langen Weg zum Karmel gewissermaßen die Patin.
Die erste Biografin von Edith Stein, Schwester Teresa Renata Posselt aus dem Kölner Konvent, erzählt: „Aus ihrem Studien- und Arbeitsverhältnis mit Hedwig Conrad-Martius und ihrem Mann entwickelte sich eine treue Freundschaft, die Edith häufig für längere oder kürzere Aufenthalte nach Bergzabern führte, wo ihre Freunde einen weitläufigen Obstgarten bewirtschafteten. Es kam jedoch vor, dass während eines solchen Ferienbesuchs beide Eheleute anderswo beschäftigt waren. Bevor sie gingen, führte Frau Conrad-Martius ihre Freundin zur Bibliothek und forderte sie auf, nach Belieben auszuwählen. Alles steht ihr zur Verfügung. Edith selbst erzählt: ‚Ich griff zufällig in die Bibliothek und zog ein umfangreiches Buch heraus. Es trug den Titel „Leben der Heiligen Teresa von Avila“ und war von ihr selbst verfasst. Ich begann zu lesen, das Buch fesselte mich sofort und ich hörte nicht auf, bis ich es bis zum Ende durchgelesen hatte. Als ich es zuschlug, sagte ich mir: Das ist die Wahrheit!‘ Es dämmerte. Edith nahm es kaum wahr. Gott ergriff sie und sie ließ ihn nicht mehr los. Am Morgen ging sie in die Stadt, um zwei Dinge zu kaufen: einen katholischen Katechismus und ein Messbuch.“1
Diese Schilderung von Ediths Bekehrung ist weltberühmt geworden und hat in der Zwischenzeit fast etwas Legendäres an sich. Edith selbst schrieb in ihrer autobiografischen Schrift Wie ich zum Kölner Karmel kam2 folgendes: „Etwa zehn Tage nach meiner Rückkehr aus Beuron (also im April 1933) kam mir der Gedanke: Ist nicht endlich die Zeit gekommen, zum Karmel zu gehen? Zwölf Jahre war der Karmel mein Ziel. Seit dem Sommer 1921, als mir das ‚Leben‘ unserer heiligen Mutter Teresa in die Hände fiel, hatte ich mein langes Suchen nach dem wahren Glauben abgeschlossen.“3 Über den genauen Verlauf der Ereignisse „im Sommer 1921“ erzählt Edith selbst jedoch nichts. Interessant ist, dass auch Paulina Reinach bezeugt: „Im Sommer 1921, als die Dienerin Gottes sich vorbereitete, uns zu verlassen, luden meine Schwiegertochter und ich sie ein, ein Buch aus unserer Bibliothek auszuwählen. Ihre Wahl fiel auf die Autobiografie der heiligen Teresa von Avila. Dieser Einzelheit bin ich mir völlig sicher.“4 Das bedeutet jedoch, dass Edith Stein Teresa Vita nicht nur im Hause von Hedwig Conrad-Martius in Bad Bergzabern in die Hände fiel. Dass Edith das Buch in einer einzigen Nacht las, gehört daher wahrscheinlich zur Legende.
Die Bedeutung der Heiligen Teresa für Ediths Konversion zum Katholizismus ist jedoch unbestreitbar. Dies bestätigt auch P. Johannes Hirschmann SJ in einem (bislang unveröffentlichten) Brief vom 13. Mai 1950 an die damalige Priorin des Kölner Karmels, Schwester Teresa Renata Posselt: „Der Grund, warum Edith – für das Christentum gewonnen – nicht Evangelistin wie ihr Lehrer Husserl, ihre Freundin Hedwig Conrad-Martius oder die Frau Reinach wurde, sondern Katholikin, war unmittelbar die Lektüre der Biografie der Heiligen Teresa. Sie glaubte jedoch, dass dieser Schritt durch den Einfluss Schelers vorbereitet wurde, der sie insbesondere in seiner katholischen Phase ansprach.“5 Diese „vorbereitenden“ Momente auf dem Weg von Edith Stein zum Glauben und zum Eintritt in die katholische Kirche dürfen wir nicht übersehen. Ich werde versuchen, sie hier zu umreißen.
Der Ausgangspunkt für Ediths Suche nach der Wahrheit liegt in einer gewissen Art von grundlegendem religiösen Anlegen, das sich bereits in ihrer Kindheit zeigte. Edith erinnert sich: „... in meinem Inneren gab es noch eine andere, verborgene Welt. Das, was ich tagsüber sah und hörte, wurde hier verarbeitet... Über all diese Dinge, unter denen ich heimlich litt, habe ich niemals ein Wort zu jemandem gesagt.“6 Schon als Kind wusste sie, dass – mit der heiligen Teresa gesprochen – „in uns etwas unendlich Wertvolleres ist als das, was nach außen sichtbar ist.“7
Aus dieser inneren Welt, die für Edith unverzichtbar, ja geradezu wesentlich war, resultiert direkt sogar ihre Entscheidung, die sie im Alter von 15 Jahren traf: „ganz bewusst und aus freiem Willen sich abzugewöhnen, zu beten.“8 Trotz der tiefen Frömmigkeit ihrer Mutter hat Edith anscheinend nie innerlich den jüdischen Glauben appropriieren können; sie nahm vor allem das Äußere daran wahr, was sie eher abstoßend fand, wie aus ihrer Schilderung der Beerdigung ihres Onkels hervorgeht: „Die Trauerreden (...) blickten auf das Leben des Verstorbenen zurück, hoben hervor, was er Gutes getan hat (...); sie enthielten nichts Tröstliches (...). Dahinter stand kein Glaube an das Leben nach dem Tod und Wiedersehen nach dem Tod.“9 Oder dies geht auch deutlich aus dem hervor, wie Edith das Fest Pesach im Familienkreis beschreibt: „Die Feier des Festes litt insgesamt darunter, dass nur meine Mutter und die kleinen Kinder gottselig daran teilnahmen. Die Brüder, die anstelle des verstorbenen Vaters beten sollten, taten dies auf wenig würdige Weise. Wenn der ältere Bruder nicht anwesend war und der jüngere die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen musste, machte er sogar klar, dass er sich innerlich über das alles lustig macht.“10 Ich habe auch ihre Erklärung über vergleichsweise häufige Selbstmorde unter Juden11 und ihre Anmerkungen über talmudistische Scherze, „die mich abstößten.“12 Bei einer derart – nach ihrer Erfahrung: oberflächlichen – Frömmigkeit konnte in ihrem Inneren, aus dem sie ihr Leben lebte, zunächst nichts erschüttert oder bewegt werden. Und es konnte ihr kaum schwerfallen, sich von dieser Art von Frömmigkeit und Gebet abzuwöhnen, insbesondere wenn „die Entscheidungen aus mir selbst aus unbekannten Tiefen emporstiegen.“13
Es ist auch verständlich, dass das, was sich in dieser „Tiefe“ abspielte, Edith nicht einfach beeinflussen konnte; das heißt, die Frage nach der Religion erforderte einen entsprechenden zeitlichen Moment. So schreibt sie über ihre erste Bekanntschaft mit dem Evangelium – im Rahmen des Studiums des alten Hochdeutschen an der Universität Breslau las sie Wulfilas Bibelübersetzung –: „Damals interessierte es mich religiös nicht; (...) und – hätte es uns berührt – hätten wir genauso offen über religiöse Fragen diskutiert wie über andere.“14 Und bei der Schilderung ihres Weges zur Universität verrät sie uns: „In schöne Kirchen trat ich nicht ein. Schließlich hatte ich dort nichts zu suchen.“15
Bei Ediths typischer und ausgeprägter Fähigkeit zur Empathie, die sie schon von Kindheit an zeigte, wäre kaum etwas anderes zu erwarten gewesen, als dass es Begegnungen mit anderen Menschen waren, die sie weiterbrachten – auch in religiösen Fragen –, sobald die Zeit reif dafür war. Die Begegnungen mit Edmund Husserl, Adolf Reinach und vor allem Max Scheler bewirkten bei ihr eine Wende. Sie schreibt darüber: „Es war mein erster Kontakt mit einer völlig unbekannten Welt. Es führte mich noch nicht zum Glauben, aber es öffnete mir den Bereich der ‚Phänomene‘, die ich nicht mehr blind ignorieren konnte. Nicht umsonst wurde uns immer wieder eingetrichtert, dass wir alle Dinge vorurteilslos betrachten und alle ‚Scheuklappen‘ von den Augen werfen sollen. Die Barrieren rationalistischer Vorurteile, in denen ich – ohne es zu wissen – aufgewachsen war, fielen und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Die Menschen, mit denen ich täglich umging und zu denen ich mit Bewunderung aufsah, lebten darin. Sie waren jedenfalls mindestens ernsthaftes Nachdenken wert. Bis dahin hatte ich noch nicht begonnen, mich systematisch mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen, dazu war ich noch zu sehr mit anderen Dingen erfüllt. Ich gab mich damit zufrieden, die Impulse aus der Umgebung ohne Widerstand in mich aufzunehmen, und das verwandelte mich – fast unmerklich – allmählich.“16 Rückblickend war dies ein sehr entscheidender Moment im Leben von Edith Stein, was sie selbst wohl schon beim Abschied in Breslau ahnte, denn „im tiefsten Herzen hatte ich jedoch – wie wohl auch sie (d.h. die Mama) – eine geheimnisvolle Vorahnung, dass dieser Abschied tiefer eingreift.“17 Es war zugleich der Beginn eines schmerzhaften und langen Weges, denn bis zur Taufe in Bad Bergzabern vergingen noch gute vier Jahre. Aber nun war Edith innerlich so weit, dass „ich auf alle Dinge vorurteilslos schaute“.
Wenn wir uns ihrer Haltung bewusst sind, ist es verständlich, dass drei vom Wind zerzauste Bäume auf einem kahlen Hügel in der Umgebung von Göttingen ihr „immer an drei Kreuze auf Golgota“ erinnerten,18 dass sie das dreifache Glockenläuten von St. Albani wahrnahm, ohne seinen Sinn zu kennen,19 dass – wie sie schreibt – „ich in Göttingen die Achtung vor religiösen Fragen und gläubigen Menschen erlernte“ und „sogar gelegentlich mit meinen Freundinnen in eine protestantische Kirche ging.“20 und dass sie selbst während ihres Dienstes im Lazarett in Hranice in Mähren im Jahr 1915 offen gegenüber religiösen „Phänomenen“ war: „Als ich das Wenige an Besitz sortierte, fiel mir aus dem Notizheft des Verstorbenen (d.h. des Soldaten) ein Zettel heraus: darauf stand ein Gebet für den Erhalt seines Lebens, das ihm seine Frau gegeben hatte. Das hat mich sehr tief berührt. Erst jetzt spürte ich die menschliche Dimension dieses Todes.“21 Eine solche innere Disposition verleiht auch zunächst unbedeutenden Erlebnissen, die Edith Stein im Sommer 1916 in Frankfurt am Main hatte, eine besondere Bedeutung: „Wir traten für einige Minuten in den Dom ein, und während wir dort in ehrfurchtsvollem Schweigen verweilten, kam eine Frau vom Markt mit ihrem Korb hinein und kniete in die Bank zu einem kurzen Gebet. Das war für mich etwas ganz Neues. In die Synagogen und protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum Gottesdienst. Aber hier kam jemand mitten aus den alltäglichen Angelegenheiten in eine menschenleere Kirche wie zu einem vertraulichen Gespräch. Ich konnte das niemals vergessen.“22 Oder der Besuch des Liebieg-Museums, wo Myron's Athene steht: „Aber bevor wir zu ihr kamen, betraten wir einen Raum, in dem vier Figuren aus dem flämischen ‚Begräbnis Christi‘ aus dem 16. Jahrhundert ausgestellt waren: die Heilige Maria und Johannes in der Mitte, Magdalena und Nikodemus zu den Seiten. Der Körper Christi war bereits nicht mehr da. Der Ausdruck dieser Figuren war so gefühlvoll, dass wir uns von dort lange nicht losreißen konnten. Und als wir zu Athena gelangten, fand ich sie sehr schön, aber sie ließ mich kalt (...) Erst viele Jahre später fand ich bei einem wiederholten Besuch Zugang zu ihr.“23
Nach diesen „vorbereitenden“ Erfahrungen konnte es auch gar nicht anders sein, als dass die Begegnung mit Anna Reinach, deren Mann 1917 in Flandern fiel, bei Edith einen tiefen Umbruch bewirkte. Als erster erwähnt dies P. Jan Hirschmann SJ in dem oben zitierten Brief vom 13. Mai 1950 an Schwester Teresa Renata Posselt: „Der entscheidende Anstoß zu ihrer Bekehrung zum Christentum war, wie sie mir selbst erzählte, die Art und Weise, wie ihre Freundin Frau Reinach das Opfer trug, das ihr durch den Tod ihres Mannes an der Front des Ersten Weltkriegs auferlegt wurde, in der Kraft des Geheimnisses des Kreuzes. In diesem Opfer erlebte sie den Beweis der Wahrheit der christlichen Religion und öffnete sich ihr. Nach Reinachs Tod hielt sie sich in deren Haus auf, um dessen Nachlass zu sichten“ (siehe oben). Die Autorin der Biografie von Edith hat diese Mitteilung in die siebte Auflage (1954) ihres Buches eingearbeitet und lässt Edith selbst zu Worte kommen: „Es war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die das Kreuz denen verleiht, die es tragen. Zum ersten Mal sah ich unmittelbar und greifbar die Kirche geboren aus dem leidenden Opfer Christi in ihrem Sieg über den Stachel des Todes. Es war der Moment, in dem mein Unglaube zusammenbrach, das Judentum verblich und das Christentum strahlte: Christus im Geheimnis des Kreuzes.“24 Man kann nicht übersehen, dass es zur Verfälschung der Nachricht tendiert, was die Nachricht jedoch auch ungenau macht, denn Ediths Judentum war schon lange zuvor verblasst.
Zeugnis über diese Wandlung geben auch die Schriften, die Edith in diesen Jahren (1918–1921) verfasste, obwohl sie nicht direkt über religiöse Themen sprechen, sowie ihre Briefe aus dieser Zeit. F. J. Sancho Fermín sagt dazu: „Es ist unbestreitbar, dass Edith jetzt bis zu einem gewissen Punkt eine dramatische Situation durchlebt: Sie will glauben, und kann es dennoch nicht; sie hat intellektuell eine Ahnung, dass die Wahrheit in Gott ist, aber sie erfährt sie noch nicht im Leben; sie spürt, wie der Glaube sie anzieht, aber ist noch nicht völlig davon durchdrungen.“25
Nach all dem wäre es sehr nah an der Bekehrung zum Protestantismus gewesen, besonders wenn verschiedene Freunde aus dem Kreis um Edmund Husserl diesen Schritt getan hatten und wenn dagegen eine Konversion zum Katholizismus für ihre Familie, insbesondere für ihre Mutter, eine noch größere Tragödie bedeutete. Trotzdem wendet sich Edith der katholischen Kirche zu. Auch diese Entscheidung, die sicherlich durch die Lektüre von Teresas Autobiografie angeregt wurde, war „vorbereitet“. Edith schreibt: „Die Vermischung von Politik und Religion, die dort (d.h. in den protestantischen Kirchen) vorherrschte, konnte mich jedoch nicht zur Erkenntnis des reinen Glaubens führen und stieß mich auch oft ab.“26 Auf ihrem Weg zum Katholizismus darf man auch die Bedeutung der Lektüre von Möhlers Darstellung der dogmatischen Unterschiede im katholischen und protestantischen Verständnis des Glaubens, Augustins Bekenntnissen und den Exerzitien von Ignatius von Loyola nicht unterschätzen.27 Dennoch führte erst die Begegnung mit Teresa von Avila im Sommer 1921 dazu, dass Edith Stein überzeugt war, „die Wahrheit“ gefunden zu haben, und letztendlich zu der Entscheidung, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen.
Übernommen aus der Zeitschrift Karmelimpulse, Jahrgang 9, 1999/I, S. 16–21.
Übersetzt aus dem Tschechischen von Schwester M. Petra von der Auferstehenden, OCD.