Zwölf Stufen des Schweigens

Sr. Marie Milena von Jesus OCD

Schwester Marie Milena lebte im Karmel in Paris und starb im Ruf der Heiligkeit. Eines Tages ging eine Mitschwester an ihrer Zelle vorbei zur gemeinsamen Erholung und sah sie in einer Art Verzückung. Als Schwester Milena zur Erholung kam, fragte sie sie: „Was hast du gerade gemacht?“ Sie antwortete: „Ich habe dem Schweigen gelauscht.“ „Und was hat dir das Schweigen gesagt?“ Als Antwort schrieb sie ihr das hier.

Es ist eine allmähliche Beruhigung, Besänftigung, Stille des ganzen Menschen. Heute ist uns das Wort "Schweigen" ungewohnt. Statt Schweigen können wir einfach "Frieden" sagen. Es ist der Frieden, den der Heilige Geist gibt. Ohne ihn ist das Innere des Menschen voller Verwirrung und Lärm. „Die Gottlosen haben keinen Frieden“ (Jes 48,12).

Den Frieden brachte Jesus Christus in die Welt. Das sangen die Engel bei seiner Geburt und das war sein Gruß bei seiner Auferstehung: „Frieden sei mit euch.“ In der ersten Strophe des Gedichts von Hl. Johannes vom Kreuz singt die Seele von ihrem Glück: „Als mein Haus bereits im Schlaf ruhte.“

In Lourdes gab es an der Grotte viel Lärm, lautes Beten und Gesänge in verschiedenen Sprachen, die sich gegenseitig übertönten. Jetzt sieht man in der Nähe der Grotte Beschriftungen: „Silence“ (Schweigen). Es gibt dort eine besondere stille Atmosphäre des Gebets. Die Jungfrau Maria liebt den Frieden. „Sanfte, stille Mutter.“ Das Schweigen bereitete sie auf die Verkündigung vor.

Ein Hauptzeichen unserer Zeit ist der Verlust des Schweigens.

Es lässt sich sagen, dass das innere Leben überwiegend in diesem einzigen Wort besteht: Schweigen!

Schweigen formt Heilige. Es beginnt sie, führt sie weiter und vollendet sie.

Der ewige Gott sprach ein einziges Wort, das ist das Wort. So sollten auch alle unsere Worte Jesus enthalten. Wie schön ist dieses Wort Schweigen!

 

1. Wenig zu den Geschöpfen und viel zu Gott sprechen.

Das ist der erste, aber notwendige Schritt auf den einsamen Wegen des Schweigens. Es ist die Schule der grundlegenden Erkenntnisse, die zum Zusammensein mit Gott führen. Hier studiert die Seele und vertieft diese Tugend im Geist des Evangeliums, im Geist der Regel, die sie angenommen hat, in Ehrfurcht vor heiligen Orten, vor Personen und besonders vor jener Sprache, auf der oft das Wort des Vaters verweilt, das Wort, das Fleisch geworden ist! Schweigen gegenüber der Welt, Schweigen gegenüber Neuigkeiten, Schweigen auch mit den gerechtesten Seelen: Maria erschrak beim Klang des Engels...

2. Schweigen in der Arbeit, in den Bewegungen.

Schweigen im Gehen; Schweigen der Augen, Ohren, Stimme; Schweigen des ganzen äußeren Wesens, das die Seele auf den Übergang zu Gott vorbereitet. Die Seele verdient es, wenn es ihr gelingt, mit diesen ersten Bemühungen die Stimme des Herrn zu hören. Wie reich wird dieser erste Schritt belohnt! Er ruft sie in die Wüste, und deshalb weicht sie in diesem zweiten Zustand allem aus, was sie ablenken könnte. Sie entfernt sich vom Lärm, flieht allein zu . Dort schmeckt sie die ersten Früchte des Zusammenseins mit Gott und kostet die Eifersucht ihres Gottes. Das ist das Schweigen der Sammlung oder die Sammlung im Schweigen.

3. Schweigen der Vorstellung.

Diese Fähigkeit klopft als erste an die verschlossenen Türen des Brautgartens, zusammen mit ihr seltsame Empfindungen, unklare Eindrücke, Traurigkeiten. Aber an diesem abkehrenden Ort bringt die Seele ihrem Geliebten Beweise ihrer Liebe. Sie präsentiert dieser Macht, die nicht zerstört werden kann, die Schönheit des Himmels, die Anmut ihres Herrn, die Szenen der Golgatha, die Vollkommenheit ihres Gottes. Auch sie wird im Schweigen bleiben, eine schweigende Dienerin der göttlichen Liebe.

4. Schweigen des Gedächtnisses.

Schweigen in Bezug auf die Vergangenheit… Vergessen. Diese Fähigkeit muss mit der Erinnerung an all die Barmherzigkeiten Gottes gesättigt werden… Es ist Dankbarkeit im Schweigen, es ist das Schweigen des Dankes.

5. Schweigen gegenüber Geschöpfen.

Was für ein Elend unser gegenwärtiger Zustand! Eine aufmerksame Seele ertappt sich oft dabei, wie sie innerlich mit den Geschöpfen spricht, dass sie in ihrem Namen antwortet. Ach, diese Demütigung, über die die Heiligen klagten! Mag die Seele sich in die innersten Tiefen jenes verborgenen Ortes zurückziehen, wo die unzugängliche Hoheit im Allerheiligsten verweilt und wo Jesus, ihr Tröster und ihr Gott, sich ihr offenbart und ihr seine Geheimnisse zeigt und sie die zukünftige Seligkeit kosten lässt. Dort wird ihm Widerstand gegen alles geben, was nicht er ist, und alles irdische wird sie allmählich nicht mehr ablenken.

6. Schweigen des Herzens.

Ist die Zunge stumm, sind die Sinne ruhig, schweigen die Vorstellungskraft, das Gedächtnis und die Geschöpfe und schaffen Einsamkeit, wenn nicht umher, dann wenigstens im Inneren dieser Brautseele, wird das Herz nur wenig Lärm machen. Schweigen der Affekte, Abneigungen, Schweigen der Wünsche in dem, was zu feurig ist, Schweigen des Eifers in dem, was in ihm unvorsichtig ist, Schweigen der Begeisterung in dem, was in ihm übertrieben ist, Schweigen bis zu Seufzern! … Das Schweigen der Liebe in ihrem Entzücken, nicht in jenem Entzücken, dessen Ursprungsgeber Gott ist, sondern in dem, das die Natur vermengt! Das Schweigen der Liebe ist die Liebe im Schweigen… Es ist das Schweigen vor Gott, Schönheit, Güte, Vollkommenheit!… Ein Schweigen, das nichts Beklemmendes, Zwanghaftes hat. Dieses Schweigen schadet so wenig der Zärtlichkeit, der Kraft der Liebe, wie das Eingeständnis von Fehlern dem Schweigen der Demut schadet, wie das Schlag der Flügel der Engel, über dessen die Propheten sprechen, dem Schweigen ihrer Gehorsam schadet, wie das fiat dem Schweigen in den Getsemanen schadet, wie das ewige Sanctus dem Schweigen der Seraphim schadet!…

Ein schweigendes Herz ist das Herz einer Jungfrau, es ist eine Melodie für das Herz Gottes! Eine Lampe verbrennt geräuschlos vor dem Tabernakel und Weihrauch steigt in Stille bis zum Thron des Erlösers: so ist das Schweigen der Liebe. In den vorhergehenden Stufen war das Schweigen noch das Weinen der Erde, auf dieser Stufe beginnt die Seele, wegen ihrer Reinheit die erste Note des heiligen Lobpreises zu lernen, der der Gesang des Himmels ist.

7. Schweigen der Natur, der Selbstliebe.

Schweigen im Angesicht seiner Verdorbenheit, seiner Unfähigkeit. Schweigen der Seele, die Freude an ihrer Erniedrigung hat. Schweigen bei Lob, bei Achtung. Schweigen vor Verachtung, Vorzugsbehandlung, Murren, es ist das Schweigen der Freundlichkeit und Demut. Schweigen der Natur vor Freuden oder Vergnügen. Die Blume entfaltet sich im Schweigen und ihr Duft lobt den Schöpfer im Schweigen: die innere Seele sollte dies ebenfalls tun. Schweigen der Natur im Leiden oder in Widrigkeiten. Schweigen im Fasten, im Wachen, in der Müdigkeit, im Winter und in der Hitze! Schweigen in Gesundheit, in Krankheit bei der Entbehrung von allem: das ist das sprechende Schweigen wahrer Armut und Buße, das sehr liebevolle Schweigen des Absterbens für alles Geschaffene und Menschliche. Es ist das Schweigen des menschlichen Ichs, das übergeht in das, was Gott will. Die Zuckungen der Natur können dieses Schweigen nicht erschüttern, denn es ist über der Natur.

8. Schweigen des Geistes.

Nützliche, angenehme, natürliche Gedanken zum Schweigen bringen. Nur diese schaden dem Schweigen des Geistes, und nicht der Gedanke selbst, der kann nicht aufhören zu existieren. Unser Geist will die Wahrheit und wir geben ihm die Lüge! Die wesentliche Wahrheit ist Gott! Gott genügt seinem göttlichen Verstand und genügt nicht dem armen menschlichen Verstand! Was das göttliche Erkennen anbelangt, ständiges, unmittelbares ist im Fall der Schwäche des Körpers nicht möglich, es sei denn durch das reine Geschenk seiner Güte. Schweigen in den eigenen Handlungen des Geistes, in Bezug auf den Glauben, ist sich mit ihrem dunklen Licht zufrieden zu geben. Schweigen beim subtilen Überlegen, das den Willen schwächt und die Liebe austrocknet. Schweigen im Vorsatz: Reinheit, Einfachheit. Schweigen in der Selbstsuche. Beim Meditieren Schweigen der Neugier. In der Anbetung Schweigen eigener Handlungen, die nur dem Wirken Gottes im Weg stehen. Schweigen des Stolzes, der sich in allem, überall und immer sucht und das Schöne, Gute und Erhabene will; das ist das Schweigen der heiligen Einfachheit, der völligen Entsagung, der Geradheit. Der Geist, der gegen diese Feinde kämpft, ähnelt jenen Engeln, die ständig Gottes Angesicht schauen. So einen Geist, im ständigen Schweigen, erhebt der Herr zu sich.

9. Schweigen des Urteils.

Schweigen bezüglich Personen, Schweigen bezüglich Dinge. Nicht urteilen, keine Meinung ausdrücken. Manchmal keine zu haben, wenn es nicht gegen Vernunft oder Liebe geht. Das ist das Schweigen der seligen und heiligen Kindheit, das Schweigen der Vollkommenen, das Schweigen der Engel und Erzengel, die den Geboten Gottes folgen. Es ist das Schweigen des fleischgewordenen Wortes.

10. Schweigen des Willens.

Schweigen gegenüber den Geboten, Schweigen gegenüber den heiligen Vorschriften der Regel ist, um es so zu sagen, nur ein äußeres Schweigen des eigenen Willens. Der Herr möchte uns etwas Tieferes und Schwierigeres lehren, das Schweigen des Sklaven unter den Schlägen seines Herrn. Aber glücklicher Sklave, denn der Herr ist Gott! Dieses Schweigen ist das Schweigen des Opfers am Altar, es ist das Schweigen des Lammes, dessen Fell ihm genommen wird, es ist das Schweigen in der Dunkelheit, das das Verlangen nach Licht, mindestens Trost, verhindert.

Das ist das Schweigen in den Ängsten des Herzens, in den Schmerzen der Seele. Das Schweigen der Seele, die sich in Gottes Gunst sieht und sich nun verworfen fühlt und kein Wort äußern kann: Warum? Wie lange? Es ist das Schweigen in Hingabe, das Schweigen unter dem strengen Blick Gottes, unter dem Gewicht seiner göttlichen Hand, das Schweigen ohne andere Klage als die Klage der Liebe. Es ist das Schweigen der Kreuzigung, es ist mehr als das Schweigen der Märtyrer, es ist das Schweigen der sterblichen Angst Jesu Christi. Ja, dieses Schweigen ist sein göttliches Schweigen und nichts ist mit seiner Stimme zu vergleichen, nichts widersteht seinem Flehen, nichts ist Gott würdiger als solch ein Lob in der Schmerzen, als dieses fiat unter dem Druck, als dieses Schweigen im tödlichen Kampf! Während dieser demütige und freie Wille, der wahre Ganzopfer der Liebe, bricht und zertrümmert wird zur Ehre des Namens Gottes, verwandelt er es in seinen göttlichen Willen. Nun, was fehlt ihm noch zur Vollkommenheit? Was ist noch nötig zur Vereinigung? Was ist nötig, um Christus in dieser Seele zu vollenden? Zwei Dinge: das erste ist der letzte Seufzer des menschlichen Wesens; das zweite ist nur eine zarte Aufmerksamkeit auf den Geliebten, dessen göttlicher Kuss die unaussprechliche Belohnung ist.

11. Schweigen mit sich selbst.

Nicht innerlich mit sich selbst sprechen, sich nicht zuhören, sich nicht beschweren und sich nicht trösten. Mit einem Wort, mit sich selbst schweigen, sich selbst vergessen, ganz allein mit Gott bleiben; sich selbst entkommen, sich von sich selbst loslösen. Siehe, das ist das schwierigste Schweigen und doch so wesentlich für eine so vollkommene Vereinigung mit Gott, wie es so ein armes Geschöpf vermag, das mit der Hilfe der Gnade oft bis hierhin gelangt, jedoch an dieser Stufe innehält, weil es sie nicht versteht und noch weniger praktiziert. Das ist das Schweigen der Nichtigkeit. Es ist heldenhafter als das Schweigen des Todes.

12. Schweigen mit Gott.

Zunächst sprach Gott zur Seele: „Sprich wenig zu den Geschöpfen und viel mit mir.“ Hier sagt er ihr: „Sprich mir nicht mehr.“ Schweigen mit Gott, das bedeutet, sich an Gott zu halten, vor Gott zu treten, sich hinzugeben, sich ihm zu opfern, sich vor ihm zu vernichten, sich ihm zu verneigen, ihn zu lieben, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen, in ihm zu ruhen. Es ist das Schweigen der Ewigkeit, es ist die Vereinigung der Seele mit Gott.

Eine Mitschwester sah Schwester Marie Milena in einer Art Verzückung. Dann fragte sie sie, was sie in diesem Moment tat. Sie antwortete: „Ich habe dem Schweigen gelauscht.“

Übersetzt und zusammengestellt von P. Metoděj Minařík, O.Carm.