Als wäre in meinem Inneren eine starke heilende Quelle gebohrt worden
Marie hat die Aufgabe, zu schreiben, ohne das Geschriebene selbst zu zensieren; sie muss ohne Scheu alles aufschreiben, was sie im geistlichen Leben lebt. Das gelingt ihr, wenn sie Gott oder die Gottesmutter oder Engel »vor Augen« hat; es ist jedoch schwierig, wenn sie sich Sorgen macht, dass ihre Briefe von törichten und engstirnigen Menschen gelesen werden könnten:
Während ich schrieb, kam mir der Gedanke, dass ich für diejenigen, die das lesen werden, vielleicht wie verrückt erscheine, wenn ich mich so lobe. Vielleicht denkt jemand, ich tue das, weil ich etwas bedeuten oder aus unerträglichem Selbstgefälligkeit. Deshalb wagte ich es nicht, fortzufahren, aber innerlich hörte ich: Fahre in aller Einfachheit und Ehrlichkeit fort, lass mich mich um das kümmern, was du schreibst.
Marie ist sich bewusst, dass ihre Aufzeichnungen von unkundigen Menschen missverstanden werden könnten. Engstirnige Ansichten und Unerfahrenheit in geistlicher Begleitung könnten ihre Worte falsch interpretieren. Aus Angst vor Missverständnissen denkt sie darüber nach, mit dem Schreiben aufzuhören. Dennoch hat die gute Erfahrung, die sie beim Schreiben gemacht hat, ihre Ängste und Sorgen übertönt. Beim Schreiben fühlt Marie eine intensive Verbindung zu Gott, zur Gottesmutter oder zu den Engeln, und diese Verbindung »lockt« die Worte aus ihrem Inneren. Ihr autobiografisches Schreiben erlebt Marie als eine Zeit göttlicher Inspiration und göttlichen Teilens. Während des Schreibens führt Gott sie selbst tiefer in das Leben des Geistes:
Ich spüre ganz deutlich, dass mir dabei jemand hilft, aber ich weiß nicht, wer es ist, ob es der Geliebte oder die liebe Mutter oder der liebe Vater oder heilige Engel sind. Stunde um Stunde, Satz um Satz, in großer Einfachheit und Stille des Geistes wird mir im Inneren diktiert. Der Inhalt wird nur so ausgeführt, wie es wirklich für den Satz, den eigenen Inhalt und die Zeit des Schreibens notwendig ist, und nicht mehr. Ich erinnere mich nur an so viel, wie der Stift auf das Papier schreiben kann und so viel, wie die Zeit erlaubt, ohne dass es mehr oder weitergeht, als es nötig ist – wie ich gesagt habe. Davor oder danach denke ich nicht daran; so beginne ich mit einem so leeren Herzen, dass ich meistens nicht weiß, was ich schreiben soll. Ich nehme den Stift in die Hand und schaue mit Liebe zu Gott; dann kommt mir in Erinnerung, was vor vielen Jahren geschehen ist und woran ich all die Jahre nicht gedacht habe.
Das autobiografische Schreiben ist für Marie zu einer heilsamen »Hygiene des Geistes« geworden, die sie auf ihrem spirituellen Weg stärkt. Als wäre in ihrem Inneren eine starke Quelle gebohrt worden, die heilende Wirkungen für sie hat.
Entnommen aus dem Buch: Grundkurs Spiritualität des Karmel
Herausgeber: Michael Plattig und Elisabeth Hense, 2006
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.