Die Kunst, auf das eigene Herz zu hören
In der Reihe „Autobiografische spirituelle Aufzeichnungen von Marie Petyt“ möchten wir Ihnen in Fortsetzungen eine gewisse Form des „Rufs“ dieser Karmeliterin vorstellen: ihre Beziehung zu Gott auf besondere Weise durch ihre spirituellen Aufzeichnungen zu leben; ebenso einen der möglichen Wege der spirituellen Begleitung, den Marie Petyt von dem Karmeliter P. Michael von St. Augustin erhielt: Begleitung durch Briefe.
Marie Petyt (1623–1677) aus Flandern, Karmeliterin, machte auf Anweisung ihres spiritualen Lehrers Michael von St. Augustin etwa dreißig Jahre lang detaillierte Notizen über ihre spirituellen Erfahrungen. Mit großem erzählerischen Talent skizzierte sie ihr seelisches Leben mit all seinen Höhen und Tiefen: von atemberaubender Verliebtheit in Gott, über entzückende Glücksgefühle auf der einen Seite, bis hin zu abgrundtiefer Einsamkeit und Verzweiflung, sogar Gedanken an Selbstmord auf der anderen Seite. Marie schrieb, um selbst zu klären, was sie erlebte. Mit unverfälschter Aufrichtigkeit und beinahe angstvoller Präzision durchlief sie einen langen Weg oft schmerzhafter Selbstanalyse, der sie immer tiefer zur Einheit mit ihrem göttlichen Ursprung führte. Sie dachte nicht an einen breiteren Leserkreis, sondern strebte eine vertrauliche spirituelle Teilhabe mit ihrem Beichtvater an. Die außergewöhnliche literarische Kraft ihrer Ausdrucksweise machte Marie Petyt dennoch zu einer der größten Prosaikerinnen des niederländischen Sprachraums des siebzehnten Jahrhunderts.
Nach verschiedenen negativen Erfahrungen mit Begleitung: Kurz gehörte sie zu den Augustinerinnen in Gent, wurde jedoch wegen eines Sehfehlers aus ihrem Kloster entlassen; drei Jahre lebte sie in einer Gemeinschaft von Beguinen unter der Leitung eines Karmeliterpriesters, der nicht viel von spiritueller Begleitung verstand, fand sie schließlich im Jahr 1647 in Michael von St. Augustin einen Führer und Vertrauten, der ihrer spirituellen Reise eine entscheidende Richtung gab. Michael lehrte sie die Kunst, auf ihr eigenes Herz zu hören und dem Ruf der göttlichen Liebe zu folgen, der aus ihren innersten Tiefen kommt. Natürlich wollte Marie diese segensreiche Begleitung nicht verlieren, als Michael nach einem Jahr Gent verließ:
Als mein ehrwürdiger Vater einige Tage vor seiner Abreise aufstand, war ich bewegt, ihn zu bitten, mir zu erlauben, unter seiner Führung zu bleiben und dass er für immer mein geistlicher Vater bleibt. Dabei ging es mir nur darum, im gleichen Geist und auf dem Weg fortfahren zu können, den er mir gewiesen hatte. Im ersten Augenblick zögerte er sehr..., als er jedoch mein großes Verlangen und meinen Eifer sah, weiterhin in seinem Geist auf dem Weg fortzufahren, war er innerlich bewegt, uns (1) anzunehmen, und erlaubte uns, ihm alle vier Monate zu schreiben und ihm einen Bericht über das zu geben, was in dieser Zeit in unserem Inneren geschah, allerdings in Kürze. Wenn sich etwas im Gebet änderte oder neue Gnaden und Eingebungen auftauchten, musste ich alles in Kürze notieren und ihm zur vereinbarten Zeit zuschicken, um sein Urteil über diese Dinge zu hören. Das ist notwendig – sagte er –, um der Gefahr der Selbsttäuschung oder einer allzu großen Abhängigkeit von meinem eigenen Kopf und meiner Weisheit vorzubeugen. Er führte meine Seele auf sicheren Wegen, mit vollkommener Unschuld, Unterwerfung und Relativierung des eigenen Verstandes.
(1) Es geht um Marie Petit und eine andere Schwester, Katharina van Oorsaghe.
Übernommen aus dem Buch: Grundkurs Spiritualität des Karmel
Herausgeber: Michael Plattig und Elisabeth Hense, 2006
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.