Heiliger Raphael, bitte für uns!

Die russische Militärmaschinerie ist traditionell auf die Versorgung über die Eisenbahn angewiesen. Doch im Falle der aktuellen Invasion in die Ukraine gelingt es ihr nicht, die wichtigen Eisenbahnknotenpunkte zu erobern, was den Besatzern logistische Probleme bereitet und ihren Fortschritt ins Landesinnere hemmt.
An der Planung einer der ersten ukrainischen Bahnstrecken Kursk-Kiew-Odessa war Josef Kalinowski beteiligt, der spätere barfüßige Karmelit, heilige Rafael von St. Josef.

Josef wurde 1835 in einer polnischen Familie geboren, jedoch in vom Russland besetzten Vilnius. Als Kind sah er die Folgen des jüngsten anti-russischen Aufstands: ständige Deportationen und die Vollstreckung von Todesurteilen auf dem Markt, aber auch "der Zug der jüdischen Kinder, die ins Exil geschickt wurden". Für den begabten Jungen gab es keinen anderen Weg zur Bildung, als an einer der russischen Schulen zu studieren (die polnischen waren geschlossen) und sich damit an seinem eigenen Untergang zu beteiligen. Mit großen Zweifeln schloss er die Ingenieurakademie in Petersburg ab (was auch den Rang eines Leutnants in der Zarenarmee mit sich brachte) und wurde mit der Planung der erwähnten Eisenbahn beauftragt.
1863 brach ein weiterer anti-russischer Aufstand aus. In Josefs "Erinnerungen" lesen wir:

„Die Vorstellung eines kampflosen Volkes gegen die russische Herrschaft, das über eine riesige und starke Armee verfügt, war zu klar. Die Uniform der zaristischen Armee zu tragen, während das Herz vor Angst zittert, einen Befehl zum Blutvergießen brüderlicher Blut zu erhalten, wurde untragbar. Ich fragte mich: Darf ich untätig bleiben, während so viele für diese Sache alles opfern?“
Der achtundzwanzigjährige Josef – unter dem Vorwand eines schlechten Gesundheitszustands – beantragte sofort seine Entlassung aus der russischen Armee, schloss sich dem Aufstand an und wurde Minister für nationale Verteidigung in Litauen. Auch dieser Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, Josef wurde zum Tode verurteilt. Doch das zaristische Regime fürchtete zu Recht, dass der Tod des Polen und Katholiken Kalinowski in den unterdrückten Völkern als Märtyrertod wahrgenommen werden könnte. Daher reduzierte schließlich das Militärgericht die Strafe auf zehn Jahre Zwangsarbeitslager in Ost-Sibirien…
„Am Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus machte sich um die Mittagszeit eine lange Reihe von uns Gefangenen auf den Weg durch die Straßen von Vilnius zum Bahnhof. An den Straßen versammelte sich eine riesige Menge und Kosaken auf Pferden schoben jeden weg, der sich uns nähern wollte. Viele Menschen lehnten sich aus den Fenstern. Die gesamte Situation erinnerte an einen Trauerzug. Und wie viele solcher Züge sind uns bereits seit Beginn des Aufstands vorausgegangen! Unter uns waren Menschen verschiedener Stände und verschiedener Altersgruppen: Hausbesitzer, Ärzte, Künstler, Arbeiter, Bauern, verheiratete Frauen und junge Mädchen… Es sah aus wie eine Flut, die ihre Wasser in den Fernen Osten treibt. Uns begleitete kein Priester. Wir stiegen in die Waggons, wo wir eng zusammengepfercht waren. Die Aufseher betrachteten uns als Dinge, mit denen sie nach Belieben verfahren konnten. Als der Zug abfuhr, bewegten sich die langen Kronen der Bäume entlang des Gleises und bedeckten die Waggons mit ihren Blüten, wie auf einem Friedhof die Särge mit den Verstorbenen. … Die endlosen Ebenen jenseits des Urals wurden zum grenzenlosen Friedhof für Zehntausende von Opfern, die der Mutter Heimat entrissen und für immer verschlungen wurden.“

Heiliger Rafael, bitte für uns!

(Rafael Kalinowski /1835–1907/, bearbeitet nach dem Buch von A. M. Sicari Heilige des Karmel,
Zitationen stammen aus den "Erinnerungen" des Heiligen)