Edith Stein
Die wahre Liebe zu sich selbst kann nur auf der Grundlage der Liebe zu Gott verstanden werden: den Nächsten sollen wir lieben – wie [i] uns selbst – um Gottes willen. Liebe in ihrer höchsten Erfüllung ist das gegenseitige Hingeben und die Vereinigung; dazu sind mehr Personen nötig. Das „Festhalten“ an der eigenen Person und die Selbstbestätigung, die der verdorbenen Liebe zu sich selbst eigen sind, bilden den schärfsten Gegensatz zur göttlichen Wesensart, die es ist, sich hinzugeben.
Die einzige vollkommene Verwirklichung der Liebe ist das göttliche Leben selbst, das wechselseitige Hingeben der göttlichen Personen. Hier findet jede Person in den anderen wieder sich selbst, und da ihr Leben und ihr Wesen eins sind, ist die Liebe gegenseitig zugleich auch Liebe zu sich selbst, ein Ja zu dem eigenen Wesen und der eigenen Person.
Dieser reinen Liebe, die Gott ist, kommt im Bereich des Geschaffenen am nächsten die Hingabe der geschaffenen Person an Gott. Kein geschaffener Geist kann zwar den göttlichen Geist vollständig erfassen, aber Gott – und nur Er allein – erfasst vollständig jeden geschaffenen Geist; wer sich Ihm überlässt, erreicht in der liebenden Einheit mit Ihm die höchste Erfüllung des Seins, jene Liebe, die zugleich Erkenntnis, Hingabe des Herzens und freier Akt ist. Diese Liebe ist ganz auf Gott ausgerichtet, aber in [ihrer] Einheit mit der göttlichen Liebe erfasst, erkennt und nimmt der geschaffene Geist auch sich selbst selig und frei an. Die Hingabe an Gott ist zugleich Hingabe an das eigene, von Gott geliebte Ich und an die ganze Schöpfung, insbesondere an alle geistigen Wesen, die mit Gott vereinigt sind.
Eine solche Hingabe der Liebe kann der Mensch jedoch aus sich selbst nicht vollbringen. Wenn er zur Erkenntnis anderer Menschen und zu einer wirklich erfüllten Liebe zu ihnen nur dann kommen kann, wenn sie sich ihm liebend öffnen, wie soll er dann zur Liebe zu Gott kommen, den er nicht sieht, es sei denn, er wird zuvor von Gott geliebt? Um Gott in der Liebe zu begegnen, müssen wir Ihn als Liebenden erkennen. Und das kann sich uns nur Ihm selbst öffnen.
In gewisser Weise geschieht dies durch das Wort der Offenbarung. Und zur Annahme der göttlichen Offenbarung gehört logischerweise bereits [auch] die Liebe zu Gott. Diese wird jedoch erst dann erfüllt, wenn Gott sich der Seele in einem Leben der Gnade und Herrlichkeit hingibt, wenn er ihr sein göttliches Leben mitteilt und sie in sein göttliches Leben hineinzieht.
Das göttliche Leben, das sich in der Seele entwickelt, die Gott liebt, kann nicht anders sein als das trinitarische Leben Gottes. Denn der, dem sich [die Seele] hingibt, ist dreieinig. Sie überlässt sich also dem Vaterwillen Gottes, der in ihr so gut wie erneut den Sohn hervorbringt. Sie vereinigt sich mit dem Sohn und möchte in ihm verschwinden, damit der Vater in ihr nichts als den Sohn sieht. Und ihr Leben vereint sich mit dem Heiligen Geist und wird zu einer göttlichen Ausgießung der Liebe.
Die Seele (und damit der ganze Mensch) erlebt durch die Einheit mit dem göttlichen Geist eine grundlegende Transformation. Und dennoch bleibt sie in ihrem eigenen Sein erhalten, sie wird nicht (bloß) ein Teil des Göttlichen. Und dennoch kann diese Einheit noch intimer genannt werden als die Verbindung von Seele und Körper. Denn Gott und die Seele sind Geist und durchdringen sich, wie nur Geist und Geist sich durchdringen können: durch die Kraft des wechselseitigen freien persönlichen Hingebens, das die Trennung ihres Seins voraussetzt, aber – trotz der unendlichen Distanz zwischen dem Unge-schaffenen und dem Geschaffenen – [gleichzeitig] ein Gemeinschaft [in Bezug auf] das Wesen schafft, die ihnen ermöglicht, wahrhaftig in einander einzutreten.
(Endliches und ewiges Sein, S. 419n., nach Christliche Innerlichkeit 15/5,1980,
übersetzt von Schwester Petra vom Auferstandenen OCD, Karmel St. Joseph, Prag.)