Nach Karmelimpulse 2000/I-IV
bearbeitet von Norbert Žuška, O.Carm.
Es handelt sich um ein grafisches Gedicht des hl. Johannes vom Kreuz (1542–1591), das ein geistliches Werk in der Größe eines Blattes Papier darstellt, das in ein Brevier passt. Fachleute bezeichnen es als „optische Zusammenfassung der gesamten Lehre Johannes“ und Johannes selbst schätzte es sehr. Die ersten Exemplare zeichnete er während seines Aufenthalts im Kloster El Calvario in Andalusien (1578–79) für die Karmelitinnen im nahegelegenen Beas, die er geistlich begleitete. Zeugen berichten, dass Johannes jeder von ihnen ein Exemplar widmete. Ob diese Exemplare identisch waren, wissen wir nicht, sicher ist jedoch, dass Johannes seinen ursprünglichen Entwurf mehrmals ergänzte und überarbeitete. Man nimmt an, dass er mit eigener Hand 60–65 Bilder der Hürde der Vollkommenheit zeichnete, von denen leider kein einziges erhalten geblieben ist. Das hier abgedruckte (Abb. 1) ist eine notariell beglaubigte Kopie des Originals, das Schwester Magdalena in Beas gewidmet wurde und aus dem Jahr 1759 stammt. Es wurde ins Deutsche neu gezeichnet und übersetzt von Vojtěch Kohut OCD. Als Johannes – ebenfalls in El Calvario – begann, den „Aufstieg auf den Berg Karmel“ zu schreiben, wünschte er sich, dass diese Zeichnung am Anfang des Buches abgedruckt wird,1 da er sie für gelungen hielt und sie den christlichen Lebensweg gut widerspiegelt.
Berg Karmel?
Auf den ersten Blick kann uns der Entwurf überraschen. Wäre da nicht die Aufschrift „Berg Karmel“ an der oberen Seite des Bildes, hätte man überhaupt nicht den Eindruck, es handele sich um eine Skizze eines Berges. Wenn jemand einen Berg zeichnen möchte, tut er dies in der Regel aus der Frontalansicht, aus der Perspektive desjenigen, der den Berg vor sich hat. Dieser erhebt sich bis zu seinem Gipfel, bis zum Himmel. So wurden auch zu Johannes' Zeiten Berge gezeichnet, die symbolisch den Weg zur Heiligkeit darstellten. Johannes‘ Skizze sieht anders aus. Anstelle des üblichen „Bergs der Vollkommenheit“, der sich über den Betrachter erhebt und ihm zu verkünden scheint: „Strenge dich an, vor dir liegt ein steiler und gefährlicher Aufstieg!“, verkündet Johannes' Hürde2 eher ein wunderbares Erlebnis dessen, der auf ihrem Gipfel steht.
Johannes hat tatsächlich den Gipfel des Berges skizziert. Und dieser unterscheidet sich auch von den Gipfeln anderer Vorstellungen von Vollkommenheit in Johannes' Zeit. Was wir sehen, ist eine Art große Hochebene, auf der Platz ist für viele Pilger, nicht nur für einige Individuen, die die steilen Wände des Aufstiegs überwunden haben und sich auf dem kleinen spitzen Gipfel halten können. Auf Johannes' Hochfläche kann man sich frei bewegen, man kann in alle Richtungen loslaufen! Man kann hier hüpfen, tanzen, einfach leben! Die Hochfläche soll den Betrachter sofort fesseln und die Sehnsucht seines Herzens wecken. Natürlich sind auch auf Johannes' Skizze Wege eingezeichnet, die zum Gipfel führen. Diese sind ein wichtiger Bestandteil des Bildes und gehören zu seiner Wesensart. Doch der Betrachter hat nicht den Eindruck, dass es sich um mühevolle Anstiege zum Gipfel handelt, der fast in der Ferne über ihm schwebt. Der Betrachter schaut auf sie eher aus einer Vogelperspektive.

Johannes vom Kreuz hat den Berg Karmel im Heiligen Land nie gesehen, und auch die Schwestern, für die die ersten Exemplare gezeichnet wurden, kannten sein Aussehen nicht. Wohl aber hatte Johannes Erfahrung mit Hochflächen. Auf seinen Fußreisen durch Kastilien und Andalusien überwand er oft hügelige Landschaften und wurde viele Male für den mühevollen Aufstieg mit einem wunderbaren Blick und dem Erleben von Schönheit, Weite, Ferne und Freiheit belohnt. Auch über dem Kloster El Calvario erhebt sich ein Gebirgsmassiv, das mit einer großen Hochfläche endet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Johannes ihn aus dem Fenster seiner Zelle sah und dass er ihm gerade für seine Skizze Inspiration gab.
Es ist sicher, dass Johannes Berge kannte und Berge liebte. In seinem Kommentar zur „Geistlichen Lied“ finden wir diese poetischen Worte: „Die Berge sind hoch, zahlreich, weit, schön, anmutig, blühend und duftend. Durch diese Berge ist für mich mein Geliebter.“3
Vielleicht kann gerade dieser Satz der Schlüssel zum Verständnis der „optischen Zusammenfassung von Johannes‘ Lehre“ in der Skizze der Hürde der Vollkommenheit sein. Der Berg ist für Johannes Gott selbst. Gott, der – wie uns die Offenbarung zeigt – sich zuerst zu dem Menschen herabneigt und ihm „das Geschenk eines neuen Lebens“ anbietet.
Was ist dieses neue Leben?
Im Einklang mit der Tradition nennt Johannes dieses neue Leben „Vereinigung mit Gott“. Gleich zu Beginn seines Buches „Aufstieg“ schreibt er: „Die ganze Lehre, über die ich in diesem ‚Aufstieg auf den Berg Karmel‘ sprechen möchte, ist in den folgenden Liedern zusammengefasst. Sie enthalten die Art und Weise, wie man bis zum Gipfel des Berges aufsteigen kann, der der hohe Zustand der Vollkommenheit ist, den wir hier als Vereinigung der Seele mit Gott bezeichnen.“ Dabei versteht Johannes unter der Vereinigung mit Gott nicht „die ständige Festmahl“, also das ewige Festmahl im Gottesreich, wie es der Schüler des El Greco, Diego de Astor, der Johannes' Skizze „verbesserte“, auf den Gipfel des Berges setzte (Abb. 2). Interessant ist, dass Astors Version die Skizze von Johannes schon seit der ersten Veröffentlichung von „Aufstieg auf den Berg Karmel“ im Jahr 1618 ersetzt hat, wodurch sich auch die Perspektive der Lektüre dieses Werkes erheblich veränderte.

Johannes' Verständnis finden wir im Vorwort dieses Buches. Hier spricht er ausdrücklich von der Errreichung „des göttlichen Lichtes der vollendeten Vereinigung der Liebe mit Gott, wie sie in diesem Leben möglich ist“4 und auch im Untertitel des Titels lesen wir: „Es geht darum, wie die Seele sich vorbereiten kann, um bald zur Vereinigung mit Gott zu gelangen.“5 Johannes selbst stieß offensichtlich auf das Missverständnis seiner Zeitgenossen und Leser. Als er „Das lebendige Feuer der Liebe“ überarbeitete, fügte er Worte hinzu, die in der ersten Fassung nicht enthalten waren: „Und wir müssen es nicht für unglaubwürdig halten, dass der Seele, die bereits erprobt, gereinigt und im Feuer des Leidens und der Mühen und der verschiedenen Versuchungen geprüft wurde und die in der Liebe als treu befunden wurde, in diesem Leben das erfüllt wird, was der Sohn Gottes versprochen hat, nämlich dass ‚wenn jemand ihn liebt, die heilige Dreifaltigkeit zu ihm kommen und bei ihm wohnen wird‘ (Joh 14,23),
das bedeutet, göttlich seinen Verstand mit der Weisheit des Sohnes erleuchten wird, seinen Willen mit dem Heiligen Geist erfreuen wird und der Vater ihn mächtig und stark in die süße Umarmung seiner Güte hüllt.“6
Dabei ist die Vereinigung der Liebe mit Gott in Johannes' Auffassung kein „verdienter Lohn“ für heroischen asketischen Einsatz seitens des Menschen, sondern primär ein freies Geschenk von Gott. Das westliche Denken hat die Tendenz, Religion vor allem als „Weg (oder Aufstieg) des Menschen zu Gott“ zu verstehen. Johannes vom Kreuz möchte jedoch den biblischen, also östlichen Blickwinkel unterstreichen: das Christentum als den Weg, den Gott selbst in Jesus Christus zu uns gekommen ist: „Darum ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden gesandt hat.“7 Im „Lebendigen Feuer“ sagt Johannes vom Kreuz das mit anderen Worten: „Es ist notwendig zu wissen, dass wenn die Seele Gott sucht, ihr Geliebter viel mehr sie sucht.“8
Das Zitat, mit dem Johannes selbst den Mittelpunkt des Gipfels markiert, bestätigt diese Perspektive, in der das göttliche Handeln an erster Stelle steht und nicht das Handeln des Menschen. Es handelt sich um ein angepasster Zitat aus der Vulgata,9 das Vojtěch Kohut unübersetzt lässt: „Introduxi vos in terram Carmeli ut comederetis fructum eius et bona illius“ und das bedeutet: „Ich habe euch in das Land Karmel eingeführt, damit ihr seine Früchte und das Gute, das er gibt, esst.“ Gott hat den Menschen an diesen Ort gebracht! In der Mitte steht dann: „Auf diesem Berg wohnt nur die Ehre und Herrlichkeit Gottes“ und links vom Gipfel am Rand: „Nichts ehren mich.“ Es handelt sich also um die „Gnade der Vereinigung“, die weder Johannes noch irgendein anderer Pilger, der auf dem Gipfel steht, verdient oder verdienen kann.
Johannes vom Kreuz führt uns somit zu der Lebensweise, von der Jesus im Evangelium spricht und die seinen Kommen in die Welt rechtfertigt: „Ich bin gekommen, damit (meine Schafe) Leben haben und es in Fülle haben.“10 Dieses „Leben in Fülle“ wird in Johannes' Skizze durch die Hochfläche symbolisiert. Es handelt sich um ein lebendiges Überfließen, wie die Skizze andeutet, denn die Fläche geht an beiden Seiten über den Rand des Papiers hinaus. Es handelt sich um ein Leben in Freiheit und Weite des Heiligen Geistes, von dem Paulus im Galaterbrief schreibt: „Diese Freiheit hat uns Christus erkämpft. Steht darum fest und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei legen.“11 Deshalb platziert Johannes auf dem Gipfel des Berges die Früchte des Lebens im Geist, wie sie Paulus in demselben Brief beschreibt: „Liebe“, „Freude“, „Frieden“,12 und fügt weitere hinzu: „Frohsinn“, „Wonne“, „Weisheit“, „Gerechtigkeit“, „Festigkeit“ und „Frömmigkeit“.
Johannes scheut sich nicht, damit zu beginnen, dass er seinen geistlichen Söhnen und Töchtern die ganze Fülle des Reichtums des Geistes zeigt, und zwar, weil er sie – im Einklang mit der Schrift und der Lehre der Kirche – als die ansieht, denen dieser Reichtum nicht fremd ist, die selbst diesen Reichtum bereits empfangen haben und die seinen Geber kennen: „Ihr kennt ihn (den Geist), denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“13 Und das, wohin er sie dann führen möchte, ist eine Art „Wachstum Gottes in der Seele“, oder besser gesagt – wie er selbst im „Lebendigen Feuer“ präzisiert – „Wachstum der Seele in Gott“.14 Mit anderen Worten: zum Erwachen des Menschen zur tiefsten Wahrheit, dass in seiner(inneren) das Leben Gottes und mit ihm „Fülle des Lebens“ sowie der höchste Grad von „Gerechtigkeit und Freiheit“ wohnt, wie der (wagemutige) weit ausgespannte Satz am oberen Rand der Hochfläche bezeugt: „Hier führt kein Weg mehr, denn für den Gerechten gibt es kein Gesetz, er selbst ist sein eigenes Gesetz.“15
Johannes vom Kreuz ist überzeugt, dass Gott den Menschen bis zu diesem Gipfel, zu dieser Hochfläche führen will. Jeder andere Lebensstil ist Sklaverei und ein Leben unter der Würde unserer Menschlichkeit, unter den Möglichkeiten, die Gott in uns gelegt hat. Dieser Gipfel ist er selbst, der in Jesus Christus gleichzeitig unser „Weg“ geworden ist.16 Das Leben „auf dem Gipfel“ und das „Leben auf dem Weg“ vereinen sich also. Bereits im Vorwort zum „Aufstieg“ spricht Johannes ausdrücklich von dem „Weg der Vereinigung mit Gott“17 und dann immer wieder vom „Weg der Vereinigung“ oder vom „Weg der Vereinigung in der Liebe“. Die Hochfläche ist also nicht „nur das Ziel“ eines bestimmten Weges, sie ist gleichzeitig „Ziel und Weg“. Aus dieser Perspektive können die Wege auf der Skizze als gewisse Warnungen verstanden werden. Sie zeugen davon, was der Mensch zu meiden hat, um nicht „in blindes Gassen“ zu gehen, um nicht in Sklaverei zu leben, als er durch Jesus Christus mit der Würde eines Kindes Gottes beschenkt wurde.
Im zweiten Teil werden wir darüber sprechen, was „unser Gehen“ bedeutet, was konkret die beiden falschen Wege darstellen und der mittlere Weg der Vollkommenheit sowie auch über die Askese, die ein notwendiger Bestandteil unseres Weges zur Vereinigung mit Gott ist.
Fortsetzung