Miriam – kleine Araberin
36. Der ordentlichen Straße den Vorzug geben. – Wir benötigen kein Wort vom Engel; wir haben Gebote und feste Regeln. Alles ist schriftlich festgehalten, der Weg vor uns ist festgelegt. Aber man muss vorwärts gehen und den geraden Weg beschreiten. Wenn ihr irgendwo abweicht oder stehen bleibt, was nützt euch das Licht? Wenn ihr jedoch den geraden Weg beschreitet,1 der euch vorgegeben ist, werdet ihr Licht haben; auf diesem Weg werdet ihr viele Steine und Hindernisse finden, aber Jesus wird euch bewahren. Halt euch nicht an Besonderheiten auf. Wenn sie zu euch kommen und sagen, dass hier oder dort die Jungfrau Maria erschienen ist oder dass hier oder dort eine außergewöhnliche Seele ist, geht nicht dorthin. Wenn gesagt wird, dass irgendwo eine solche und solche Erscheinung ist, beschäftigt euch nicht damit, kümmert euch nicht darum. Der Herr sagt euch: seid treu im Glauben, zur Kirche, zum Evangelium. Wenn ihr lauft, um zu sehen und zu analysieren, wo es etwas Außergewöhnliches gibt, wird euer Glauben schwächer werden. Ich sage euch, was ich vom Herrn habe. Er hat mir gesagt, dass, wenn ihr treu zur Kirche und zum Evangelium seid, er immer bei euch sein wird und euch niemals verlassen wird. Ich muss euch sagen, dass der Teufel heute Seelen benutzt, die gut sind und von anderen wegen ihres Strebens nach Vollkommenheit und Heiligkeit geschätzt werden. Aber eine wirklich aufrechte Seele wird nicht lange getäuscht bleiben. Und diejenigen, die nicht einfach aufrichtig sind, werden immer tiefer in die Täuschung eintauchen. Satan wird viele schöne Dinge sagen, Prophezeiungen aussprechen, die sich nicht erfüllen werden, und so den Glauben schwächen. Und genau darum geht es ihm. Aber alles (einmal) wird enden und es wird offenbart werden...
37. Eine Anleitung zur Geduld in Prüfungen. – Die heilige Therese gab mir vier Ratschläge, wie man Geduld erlangt:
- Wenn du leidest, denke an deine Schwäche und Elend, denke daran, dass so eine Null wie du nichts anderes verdient, als zu leiden. Schau auf Jesus, wie er leidet, nimm alles Leiden mit Liebe an und sage Dank.
- Um in Prüfungen Geduld zu bewahren, denke über Jesus am Kreuz nach. Alle verspotteten ihn und verhöhnten ihn und seine Schmerzen; er ertrug alles schweigend. Alles vergeht.
- Denke in deinem Elend daran, dass du Gott lobst. Auf der Erde tut der Herr alles für euch; leidet alles für ihn. Denke an die Jungfrau Maria, dass sie deine Mutter ist.
- Denk daran, dass nach Strafen und Erniedrigungen du im Himmel sein wirst. Ach! Wie groß wird dann dein Ruhm, deine Freude sein!...
38. Aus Dornen Honig gewinnen. – Der Hirte sagt: Nutze die Zeit, das Leben ist kurz. Mach es wie die Bienen, die aus jeder Blüte nach und nach etwas Honig sammeln; sie sammeln ihn überall. Auch ihr sammelt ständig Honig. Gewinnt ihn aus Dornen, gewinnt ihn aus Rosen. Dornen sind Leiden, Traurigkeiten, Schwierigkeiten, Prüfungen. Rosen sind Freuden, Vergnügens. Auf allen Wegen finden wir Honig, aber viel häufiger bei den Dornen als bei den Rosen.
39. Der Satan ist wirklich wie der Wind. – Er tritt durch die kleinsten Ritzen ein ...
40. Die Liebe wird verwundet. – Jedes Mal, wenn du die Liebe verwundest, verwundest du Jesus, der die Liebe selbst ist ...
41. Reinheit und Liebe. – Gott vergibt leichter Sünden gegen die Reinheit als gegen die Liebe.
42. Ein Vorbild der Stille. – Jesus gab mir fünf Ratschläge zur Stille:
- Tag und Nacht vergehen ohne Lärm, sie vergehen in Stille. Bewahre auch du die Stille, gehe still durch die Welt, um die Freude des Himmels zu finden.
- Wenn Wasser aus einer Quelle sprudelt, macht es keinen Lärm; es fließt weiterhin still.
- Wenn Kräuter, Blumen, Rosen aus der Erde sprießen, geschieht dies still, sie wachsen still, verbreiten ihren Duft still; sie fallen und welken auch still, alles geschieht in Stille. Tu es auch so.
- Die Trauben werden still gelesen, sie werden still in die Presse gegeben und auch still gepresst; dann ist der Wein süß. Gutes Obst reift in Stille. Bewahre die Stille.
- Imitiere das Holz; es lässt sich still schneiden, lässt sich still in Farben nach Belieben streichen, lässt sich still verbrennen. Lass dich still erniedrigen; arbeite, leide, tue alles in Stille. Stille bewahrt (uns) für den Himmel.
43. Stolz. – Ich habe gesehen, dass der Stolz die Quelle aller Sünden ist und die Demut die Quelle, das Fundament aller Tugenden. Der Stolz zerstörte den schönsten Engel: er fiel wegen des Stolzes ... Hätte er sich gedemütigt, hätte er sich in allem so verhalten, wie er sollte, wäre er noch schöner geworden; der Stolz erzeugte den Teufel. Hätten Adam und Eva sich nach der Sünde gedemütigt, hätte Gott ihnen vergeben. Selbst Judas, hätte er sich gedemütigt, hätte Vergebung erhalten. Der Stolz bringt uns alle ins Unglück; aus dem Stolz empört sich der Wille des Menschen gegen Gott. Die demütige Seele wird zum Licht; sie lebt in der Wahrheit; sie gelangt zu Gott und Gott erniedrigt sich bis zu ihr. Die Demut bereitet ihr den Weg zur Erlangung aller anderen Tugenden. Ich habe Jesus viele Dinge gesagt, die ich nicht wiederholen möchte. Ich habe gesehen, dass ich allem Stolz einfüge; ich habe Jesus gebeten, mir Demut zu geben, und ich habe mir vorgenommen, diese Tugend in allem zu praktizieren. Ach, wie ich danach sehne, demütig zu sein, an nichts Geschaffenem festzuhalten! Gott ist bereit, dem Sünder zu vergeben, der sich demütigt; mit viel größerer Liebe schaut er auf die Seele, die sich demütig zu ihm zurückwendet, als auf die treue Seele, die sich an ihren Tugenden erfreut. Diese setzt sich der Gefahr des Stolzes aus, während der Sünder, wenn er sich demütigt, Barmherzigkeit empfängt.
44. Jesus wird immer in Höhlen geboren. – Ich frage den Höchsten. Wo wohnst du? Er antwortet mir: Jeden Tag suche ich erneut nach einer Unterkunft, um wieder in einer Höhle, in einer armseligen Unterkunft geboren zu werden ... Ich bin glücklich in einer armseligen Seele, in einer Krippe. Ich frage Jesus immer, wo er wohnt. – In der Höhle. Weißt du, wie ich den Feind zertrümmert habe? Indem ich in einer solchen Erniedrigung geboren wurde ...
45. Wie Küken bleiben. – Seid klein; seid und bleibt klein, damit euch die Mutter unter ihren Flügeln beschützt, wie die Henne ihre Küken schützt und sie vertreibt, wenn sie gewachsen sind. Seid klein, klein ... Seid klein, klein; Jesus wird euch beschützen. Schaut euch die Henne mit ihren Küken an: solange sie klein sind, füttert sie sie mit ihrem Schnabel, versteckt sie unter ihren Flügeln und es fehlt ihnen an nichts. Seid klein, der Herr wird euch beschützen, gibt euch zu essen. Wenn die Küken groß werden, dann vertreibt die Henne sie, pickt sie mit dem Schnabel. Wenn sie klein sind und der Feind auftaucht, versammelt die Henne sie, deckt sie zu und bäumt sich auf gegenüber dem Feind. Aber wenn sie groß sind, macht sie sich keine Sorgen; sollen sie sich selbst um sich kümmern, auch wenn sie zerfetzt werden!...
46. Der Wurm unter der Erde. – Seid klein, klein, wie die Würmchen. Wenn ihr unter der Erde seid und oben darauf gegangen wird, droht euch nichts. Aber wenn ihr oben auftaucht, werdet ihr zerquetscht.
47. Sich verstecken wie ein Samenkorn. – Wenn das Korn auf den Boden fällt, ist es nicht richtig, dass es oben bleibt. Andernfalls wird es zwar gut gehen, aber wenn die Sonne oder der Frost kommt, wird es verbrannt und vertrocknet; selbst die kleinste Prüfung, das kleinste Unwohlsein wird es verderben. Es muss in die Erde gelegt werden, es ist notwendig, sich zu bemühen und es zu verstecken, mit Erde zu bedecken, klein zu sein, klein zu sein ... Die Demut bewahrt uns.
48. Selig sind die Kleinen. – Glücklich sind die Kleinen! Überall ist für sie Platz. Die Großen hingegen stoßen überall an.
49. Heiligkeit. – Heute, Heiligkeit – das ist nicht das Beten, es sind keine Visionen oder Erscheinungen, es ist nicht die Kunst, schön zu reden, das Bußgewand oder das Sich-Geißeln, sondern es ist die Demut. Die Demut ist Frieden. Die Demut ist die Königin, die demütige Seele ist immer glücklich. Wenn sie einen Kampf oder eine Strafe erfährt, demütigt sie sich; sie glaubt, dass sie (dieses Unangenehme) noch mehr verdient; sie verlangt nicht, besser behandelt zu werden. Sie ist immer im Frieden. Der Stolz verursacht Unruhe. Das demütige Herz ist ein Gefäß, ein Kelch, der Gott enthält. Der Herr sagt: Eine demütige Seele, wirklich demütig, wird Wunder vollbringen, größer als die der alten Propheten ... Im Himmel werden Bäume sein,2 die am meisten gesündigt haben, die die schönsten sind. Sie haben ihre Sünden wie guten Dünger zu ihren Wurzeln gelegt ... In der Hölle gibt es alle Arten von Tugenden, außer der Demut; im Himmel gibt es alle Arten von Sünden, außer dem Stolz.
50. Vorlagen der Demut. – Ich erhielt vier Anleitungen zur Demut:
- Der Stolz ist wie ein Getreidekorn, das ins Wasser gelegt wird: es bläht sich auf, es vergrößert sich. Setzt ein solches Korn der Sonne oder dem Feuer aus: es vertrocknet, es brennt. Die Demut ist wie ein Getreidekorn, das in die Erde gelegt wird; es verliert sich, versteckt sich, verschwindet, stirbt, aber damit es wieder im Himmel erblüht.
- Wenn Oliven geerntet werden, wird große Sorgfalt darauf verwendet; alle, die zu Boden fallen, werden gesammelt, um Öl aus ihnen zu gewinnen. Mit dem gleichen Eifer sucht nach jeder Gelegenheit, Demut zu praktizieren. Öl gibt Licht; die Demut gibt das Licht Gottes, lässt Gott sehen.
- Denkt an Bienen; sie fliegen von Blüte zu Blüte, dann fliegen sie in den Stock, um dort den Honig zu legen. Ahmt sie nach; sammelt überall den Saft der Demut. Der Honig ist süß; die Demut hat den Geschmack Gottes; sie lässt den Geschmack Gottes erfahren.
- Bemüht euch jeden Tag, die Demut zu erlernen. Wenn wir vergessen, die Bäume zu gießen, die wir gepflanzt haben, werden diese Bäume sterben. Wenn ihr vergesst, jeden Tag die Demut zu praktizieren, wird der Baum eurer Seele vertrocknen.
51. Armut. – Tut ihr Gutes, gebt ihr, gebt ihr wegen Jesus. Ein Halm Stroh, der wegen Jesus gegeben wird, gewinnt unermesslichen Wert, aber wenn ihr die ganze Welt gebt, aber nicht wegen Jesus, wäre es wie nichts.
52. Lieben und arbeiten. – Es reicht nicht, nur zu lieben; lieben und arbeiten, das ist alles. Lieben ist der Same, arbeiten bedeutet, dass es keimt, sprießt und Früchte trägt.
53. Der Geist des Willens. – Wenn eine Novizin Wunder vollbringt, aber nicht gehorsam ist, oder wenn sie (ins Kloster) eine Million gebracht hat und dann nur über ein (heiliges) Bild verfügen möchte oder besonders daran hängt, sagt Mutter Therese: Schickt sie weg, zusammen mit dem, was sie gebracht hat. Eine Seele, die Gott ihren Willen nicht vollständig, vollkommen gegeben hat, hat nichts gegeben.
54. Der Geist der Regel ist der Geist des Kreuzes. – Mutter Therese war treu in den Kleinigkeiten. Seelen irren sich oft, wenn sie nach großen bußfertigen Taten suchen. Es hat keinen Wert, wenn wir der Regel nicht treu sind. Die Regel von Mutter Therese ist so weise! Sie stellt sich völlig gegen unsere Neigung zur Sünde.3 Die Regel ist unsere Mutter. Manchmal scheint es uns, dass wir nicht gerettet werden, wenn wir nicht mehr tun als es die Regel vorsieht; das ist ein Irrtum. Siehe, was die Mutter sagt:4 Wenn die Schwester alle Punkte der Regel erfüllt, ohne etwas hinzuzufügen, wird sie direkt in den Himmel kommen. Wenn eine andere Schwester, die mehr tut als die Regel vorschreibt, den wahren Geist der Regel nicht hat, wird sie nicht direkt in den Himmel kommen. Lasst uns die Regel bewahren, die ganze Regel, im wahren Geist der Regel, und wir werden von Gott alles empfangen. Der Geist der Regel ist völlig der Geist des Kreuzes.
55. Treue in kleinen Eingebungen. – Oh mein Gott, mach mich treu den kleinen Lichtern, den kleinen Eingebungen, damit ich nicht in die Hölle komme.
56. Treue in den Kleinigkeiten. – Achte auf die kleinen Dinge, vor dem Herrn ist alles groß. Der Herr will keine Opfer, von denen wir etwas behalten haben. Gib ihm alles.
57. Geistliche Seufzer. – Mein Gott, nur wenn ich zu dir komme! Ich bin bereit, durch Wasser, Feuer, die Hölle selbst zu gehen, wenn du willst. Aber lass mich dich finden!...
Herr, ich benötige Brüder und Schwestern. Gib mir Brüder und Schwestern, um dir zu huldigen ...
Wenn du nach Ruhe sehnst, muss man arbeiten. Wenn du nach Freude suchst, muss man leiden.
Es reicht nicht, zu predigen, es ist notwendig, das zu verwirklichen. (Mit ihrer eigenen Hand geschrieben.)
Mein Gott, ich möchte immer leiden, nur damit du zufrieden bist.
Leide bis zum Ende der Welt, oh mein Gott, wenn es dein Wille ist. Leide immer, was du willst. Ich sehne mich nach nichts anderem, als dir zu gefallen, Jesus; gib, dass ich deinen Willen erfülle.
Es ist angenehm, mit dem Gedanken an ewige Tröstung zu leiden.
Glücklich, dreifach glücklich ist die Seele, die leidet! Die Zeit ist kurz, sehr kurz. Nach dem Leiden, das sie hier auf Erden ertragen hat, wird diese Seele für immer mit dem Sohn beim himmlischen Vater sein ...
Ich habe Durst, ich habe Durst nur nach Jesus! Glückliche Seelen, die in der Stille leiden, nur Gott bekannt! ... Wie liebe ich die Seele, die geduldig das Leiden erträgt, in der Stille, allein mit Gott! ...
Jesus ist meine Liebe und Freude; sein Kreuz ist meine Freude und mein Frieden.
Tag und Nacht brennt mein Herz vor Sehnsucht, den Gott der Liebe zu besitzen. (Mit ihrer eigenen Hand geschrieben.)
Aus dem Italienischen übersetzt von P. Jindřich Zdík Charouz, O.Praem.