Dreieiniger Leben (Teil 2)

P. Reinhard Körner OCD

Als der russische orthodoxe Mönch Andrej Rublev (um 1360 geboren, um 1430 gestorben) im Kloster der Dreifaltigkeit in Zagorsk bei Moskau von seinem Vorgesetzten beauftragt wurde, ein Ikone des dreieinigen Gottes zu malen, stand er vor einer schweren Aufgabe. Wie sollte er bildlich das darstellen, was mit menschlicher Vorstellungskraft nicht zu fassen ist: dass Gott eins in drei Personen ist?

Der russische Maler und Mönch griff auf ein altes Motiv der Ikonen zurück: „Gastfreundschaft“, das drei Engel darstellt, bzw. göttliche Boten, die gemäß Gen 18 Abraham besuchen und unter den Eichen von Mamre mit ihm und seiner Frau Sara am Tisch Platz nehmen und das Festmahl genießen. Bereits ein ganzes Jahrtausend vor Rublev interpretierten Augustinus und andere Theologen aus den Reihen der Kirchenväter diese Erzählung aus dem abrahamitischen Zyklus als eine im Alten Testament vorweggenommene Anspielung auf die Dreifaltigkeit. In einem langen, mühsamen Reflexionsprozess versuchten sie damals, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie der Glaube an einen Gott mit der Erfahrung der ersten Christen in Einklang gebracht werden kann, dass zu Gott nicht nur der gehört, den Jesus „Abba – lieber Vater“ nennt, sondern auch der auferstandene Jesus selbst und ebenso der „Ruach“, der Heilige Geist. Gisbert Greshake, der in einem umfangreichen Buch von 560 Seiten jüngst die Geschichte des Glaubens an die Dreifaltigkeit von den Anfängen bis zur Gegenwart schilderte, fasst über dieses Bemühen zusammen: „Nach lang anhaltenden Schwankungen, die sich durch Vielfalt, oft widersprüchliche und daher so unübersehbare Kämpfe um die Reinheit und Einheit der Begriffe auszeichneten, erlangten viele theologische Konzepte und Theorien schließlich das Ergebnis, das von der gesamten Kirche in der Formulierung übernommen wurde: Gott ist eins in seinem Wesen, dreifach in den Personen.“ Die Konzile von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) fassten dieses bis heute gültige Ergebnis im Credo zusammen (siehe Messbuch).

Es gelang dem erwähnten Mönch der Ostkirche, alle wesentlichen Grundgedanken dieser trinitarischen Theologie in das Motiv der „Gastfreundschaft“ zu verweben und meisterhaft auszudrücken. Auch mir wird dank seiner Ikone verständlicher, was die Sprache der Theologen sagen will.

Ikonen wollen ein Fenster sein, durch das der Meditierende die durch das Bild gemeinte Wirklichkeit durchblicken kann. Auch die Dogmatik der Kirche, die durch die Ikone dargestellt wird, kann und will nichts anderes sein als ein aus Worten und Begriffen geschaffenes „Fenster“ nach innen in das göttliche Geheimnis. So ist die Lehre von der Dreifaltigkeit, wie Josef Ratzinger in seinem „Einführung in das Christentum“ schreibt, stets nur „armseliges Stottern und nichts weiter“; sie ist „eine Geste, die auf das Unnennbare hinweist; es ist keine Definition, die eine Sache in die Schubladen menschlichen Wissens einordnet“, sie hat „den Charakter einer andeutenden Sprache, in der der Begriff nur ein bloßer Versuch und das Verstehen nur ein bloßer Versuch ist, nach dem Unbegreiflichen zu greifen.“1

Dankbar für diese „Fenster“ – sowohl das, welches die Ikone darstellt, als auch das Fenster, welches in die Dogmatik der Kirche eingearbeitet ist – möchte ich hindurchblicken und nun versuchen, mit eigenen Worten, Worten und Vergleichen aus unserem Leben zu sagen und zu zeigen, was ich hinter ihnen zu sehen vermag...
Gott – das sind drei. Das ist die Botschaft, die dem, der über die Ikone nachdenkt, sofort ins Auge fällt. Bildhaft sagt sie das, was die Sprache der Theologen an grundlegender Erkenntnis über die Dreifaltigkeit zusammengefasst hat: „Eine göttliche Substanz in drei Personen.“ Die große göttliche Macht, die „die Welt erhält“, ist keine „unpersönliche Kraft“ oder bloße „alles umfassende Energie“, wie viele Menschen in unserem Kulturkreis heute glauben, noch ein gütiges und barmherziges, aber in der Einsamkeit verweilendes Wesen (wie es in der Praxis wohl die meisten Christen haben – wenn auch „unbewusst“). Hinter dem Wort „Gott“ verbirgt sich Gemeinschaft. Der Name „Gott“ ist wie ein Nachname, wie ein Bezeichnung, die eine Familie oder Gruppe bezeichnet, zu der drei eigene Vornamen gehören. Gott, das ist die Gemeinschaft der drei, von denen jeder „ich“ sagen kann, jeder eine eigene, von anderen verschiedene Persönlichkeit ist – so wie jeder von uns Menschen eine ganz eigene Identität hat. Dies gilt sowohl für den „Vater“, seinen „Sohn“ Jesus Christus als auch für den „Heiligen Geist“, der also ebenso ganz Person ist und nicht nur ein „Band der Liebe zwischen Vater und Sohn“, was zwar vollkommen zutreffend ist, aber in der Sprache unserer heutigen Verkündigung auch sehr verwirrend ist.

Aber wenn wir von einem persönlichen Gott sprechen, ja von drei Personen in Gott, geht es auch hier um ein durch Begriffe gebildetes „Fenster“, das auf eine Wirklichkeit verweist, die viel größer ist als das, was wir als Person oder Persönlichkeit im menschlichen Bereich kennen. Die drei in Gott sind „Personen“ natürlich im viel umfassenderen und vollkommeneren, für uns unbegreiflichen Sinn. Dennoch gibt es kein anderes Wort, das passender und angemessener wäre, um uns in die richtige Richtung zu weisen, in die unser Denken über Gott gehen soll, und wo wir seine Wirklichkeit ahnen dürfen. Kann Gott, der Ursprung von allem, was ist, geringer und unbedeutender sein als das, was die Schöpfung als ihre höchste Form des Seins hervorgebracht hat? Und kann Er – können die drei in Gott – die unbedeutendste Form des Seins sein, die derjenige ist, der uns als menschliche Person und Persönlichkeit Gott nahegebracht hat? Gott, das sind drei, die mindestens das sind, was wir als Person nennen...

Wie kann es aber wahr sein, dass 3 = 1? Wie können drei Personen eine göttliche Substanz („una substantia“) sein? Johann Wolfgang Goethe verschärfte diesen gewundenen Gedanken, den viele Menschen bis heute mit ihm teilen, so: „Ich glaubte an Gott und an die Natur2 und an den Sieg des Edlen über das Böse; aber diesen frommen Seelen genügte das nicht, ich sollte auch glauben, dass drei angeblich eins sind und dass eins drei ist; das widersprach jedoch dem Sinn meiner Seele für die Wahrheit; außerdem schien es mir nicht, dass ich dies auch nur im Geringsten nutzen könnte.“ Ob das für den Dichter tatsächlich keinen Nutzen hatte, lassen wir vorerst offen. In jedem Fall ist es wahr, dass wir mit „mathematischer Theologie“ hier nicht weiterkommen. Der passendere Weg zeigt uns wieder die Ikone des russischen Mönchs und Malers: nicht rationale Klugheit, sondern Einfühlungsvermögen gibt uns Richtung, in die wir suchen müssen, um eine „Lösung“ zu finden.
Der erste Blick auf die Ikone nimmt die drei Personen wahr; ein tieferer Blick, der sich in die drei hineinfühlt, lässt mir erkennen, dass und wie hier das „gleich eins“ gilt: Andrej Rublev hat die göttlichen drei nicht einfach nebeneinander platziert; zwischen ihnen besteht eine Beziehung, es gibt eine lautlose, friedvolle, tiefe Harmonie, es findet ein Gespräch statt, sie sind eins in der Liebe...

Nichts anderes meinen die Theologen – die Kirchenväter –, wenn sie sagen, dass Gott in drei Personen eins ist. Tertullian (um 225 gestorben) prägte bereits in der frühen theologischen Reflexion über die göttliche Dreifaltigkeit die Formulierung: „Tres unum sunt, non unus – drei sind eins, nicht einer“. Die „eine göttliche Substanz“, von der die trinitarische Lehre der theologischen Denker spricht, hat in der Botschaft und im Lebensbeispiel Jesu die Charaktereigenschaften dessen, der vollkommen und ganz liebt. Der erste Johannesbrief fasst das in der Aussage zusammen: „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8). Liebe – das ist die Wendung vom ich zum du, das bedeutet, sich einander zuzuwenden, einander wahrzunehmen und sich aneinander zu freuen; es ist das tiefste „Sein in Beziehung“, Kommunikation und „kommunio“ (= zusammen eins sein).

Seit dem 7. Jahrhundert verwenden Theologen das griechische Wort perichorese, um dieses eins sein Gottes in Liebe verständlicher zu machen. „Perichorese“ bedeutet so viel wie „um einander tanzen“ und „einander durchdringen“ – auch hier handelt es sich um ein durch Begriffe gebildetes Fenster, das nicht definieren soll, sondern einladen will, sich in das betrachtete Geschehen in den „Herzen“ der göttlichen drei hineinzuversetzen: In Gott wenden sich immer zwei so tief und so vollkommen einander zu, dass der eine den anderen liebevoll „spielerisch umkreist“ und „tanzt“, ja „durchdringt“ und von „innen“, in diesem „Herzen“ und mit diesem „Herz“ ihn liebt... – so dass einer im anderen lebt, ohne jedoch selbst im anderen verloren zu gehen und sich „aufzulösen“, ja: erst im anderen erkennt er sich selbst. In seltsamen Momenten, günstigen Momenten, geschieht in der Beziehung zwischen zwei Menschen – auch wenn nur für einen Augenblick – etwas Ähnliches; sie lassen am ehesten ahnen, was in der göttlichen „perichoretischen“ Liebe geschieht...

Richard von St. Viktor (1173 gestorben), der um die Mitte des 12. Jahrhunderts das wohl originellste und wichtigste Werk über die Dreifaltigkeit zwischen Augustinus (gestorben 430) und Thomas von Aquin (gestorben 1274) schuf, brachte in die trinitarische Theologie den Begriff des gemeinsam Liebenden – Geliebten dritten: „condilectus“. In Gott–das möchte er ausdrücken–verbleiben zwei nicht allein in ihrer wechselseitigen Liebe; sie sind eins darin, sich dem Dritten zu widmen. Um uns das zu verdeutlichen, kann uns wieder die Erfahrung der Liebe zwischen uns Menschen helfen. „Liebe schaut nicht einander an, sondern schaut gemeinsam in die gleiche Richtung“, schrieb einst Antoine de Saint-Exupéry. Sich vereinen und in der Liebe zum Dritten eins sein: zum gleichen Herzenswunsch, zum gemeinsamen Lebensauftrag, umso mehr zu einem gemeinsamen Kind, zu einem gegenseitig geliebten Freund, zu dem „selben“ Gott – das ist die Vollendung der Liebe bereits unter uns Menschen. Wer mit dieser Erfahrung oder wenigstens mit diesem Wunsch im Herzen in der Lage ist, dem leisen Gespräch jener drei auf der Ikone Andrej Rublevs zuzuhören, kann etwas von der vollendeten Liebe des dreieinigen Gottes ahnen...

Wer ist auf dieser Darstellung der Vater, wer der Sohn, wer der Heilige Geist? Die Deutungen der Kommentatoren gehen in dieser Hinsicht sehr auseinander, jeweils mit guter theologischer Begründung.3 Für kein „authentisches“ Erklärung hinterließ der orthodoxe Mönch uns, und aus ihrem Erscheinungsbild können die Personen nicht identifiziert werden. Zu keiner kann gesagt werden, dass sie jünger ist, zu keiner, dass sie älter ist; ihre Gesichter sind gleich jung. In Gott-Gemeinschaft gibt es kein Früher oder Später, kein Unterordnen des Jüngeren gegenüber dem Älteren. Wenn das Glaubensbekenntnis der Konzilien von Nicäa und Konstantinopel von Jesus sagt, dass er „aus dem Vater geboren wurde“, und vom Heiligen Geist, dass er „vom Vater und dem Sohn ausgeht“, dann ist damit weder eine zeitliche Sequenz gemeint noch eine ursächliche Aussage über das „Entstehen“ der zweiten und dritten göttlichen Person, noch eine Reihenfolge unter den dreien. Auch hier handelt es sich um „armseliges Stottern“ von Worten und Bildern, die nichts anderes und nichts weniger ausdrücken sollen, als dass die, die wir „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ nennen, engsten und tiefsten Bezug zueinander haben. Diese drei in Gott leben das perfekte Abenteuer unbeschreiblicher Liebe in stetiger „jugendlicher Frische“ und in „gleichberechtigter“ Verbundenheit...

Das Presbyterium unserer karmelitischen Klosterkirche in Birkenweder haben wir Karmeliten mit einer einfachen Zeichnung ausgestattet, die die Dreifaltigkeit nach dem russischen Mönch darstellt. Gelegentlich fragen uns Gäste, ob „die drei“ Männer oder Frauen sein sollen. In Wirklichkeit lässt sich das auch am Original nicht erkennen. Andrej Rublev wollte damit sicher nicht nur sagen, dass über Gott nicht in Geschlechterkategorien gedacht werden kann, sondern dass immer nur im Gesamtbild der „Charaktere“ beider Geschlechter. Rublev wollte vermutlich auch dem, der mit Einfühlungsvermögen über seine Ikone meditiert, andeuten, dass die Liebe, die die göttliche Dreifaltigkeit vereinigt, auch all die Zärtlichkeit und innere Leidenschaft umfasst, die ein Mann und eine Frau füreinander empfinden. Das, was perichoretisch „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ vereint, ist alles andere als ein nüchterner Sinn von Gemeinschaft im Kegelclub...

Aus der „Eiche von Mamre“, unter der die drei göttlichen Boten bei Abraham und Sara am Tisch Platz nahmen, wurde im Bild der Dreifaltigkeit von Andrej Rublev der Baum des Lebens – ein Symbol dafür, dass alles Leben und alles, was ist, seinen Ursprung in dieser göttlichen Gemeinschaft der Liebe hat. Diese drei bleiben nicht bei ihrem einzigen Sein als drei, sie verweilen nicht „abgeschlossen“ in sich selbst. Sie sind drei gegeneinander eins in ihrer zärtlich-passionalen Liebe und in ihrer kreativen Fantasie und Kreativität, ihr Leben geben sie weiter – von sich nach außen in die gemeinsame Schöpfung.

In der Mitte des Tisches steht eine Schüssel. In ihrer Form erinnert sie den Meditierenden an das Geheimnis der Eucharistie, das Fest der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung bis zur Blutvergießung, und ebenso an viele Gemeinschaften bei Festmählern, die Jesus mit seinen Jüngern und mit den „Zöllnern und Sündern“ (Lk 15,1 und öfter) suchte und erlebte. Aus dem Mahl, das Abraham und Sara den göttlichen Boten anboten, werden Speise und Trank, die Gott den Menschen gibt, aus der Gastfreundschaft Abrahams die Gastfreundschaft der göttlichen drei, die in dem vereint sind, „die ganze Welt“ (Mt 28,19) zu ihrem Tisch zu bringen...

„Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 10,30). Leonardo Boff erklärt dazu: „Jesus sagt nicht: ‚Ich und der Vater sind nach Zahl eins‘“ – dann müsste der Evangelist das griechische Wort „heis“ verwenden – „sondern: ‚Wir sind zusammen‘ (griechisch: hen).“ Ähnlich erklärt Jürgen Moltmann: „Sie (d.h. die drei göttlichen Personen) sind nicht ‚einer‘, sondern ‚eins‘, d.h. vereint, was im Plural ‚wir‘ und ‚uns‘ zum Ausdruck kommt.“ Gott ist und bleibt ein Gott, denn der Vater, der Sohn und der Geist sind eins in der Liebe – nur so ergibt sich Goethes mathematische Aufgabe.

Und was hätte der Dichter davon? Wirklich nichts? Ich habe in jedem Fall viel davon gewonnen. Mein Gott, an den ich glaube, zu dem ich bete und mit dem ich zu leben versuche, ist jetzt eine Gemeinschaft voller impulsiver Lebendigkeit, voller anziehender Abenteuerlichkeit... Seit ich nicht nur „Du, Gott“ sage, mit dem Gedanken an den Vater, an Jesus, gelegentlich auch an den Heiligen Geist, sondern auch gewohnt bin, mich zu beten – wie Elisabeth von Dijon, eine Zeitgenossin der Hl. Theresia von Lisieux und Karmelitin wie sie, – „Ihr, meine drei,“ ist in mein Leben ein Weite eingetreten, eine unendliche Weite, die den Atem raubt...

(Übernommen mit freundlicher Genehmigung des Autors aus der Zeitschrift Karmel-Impulse,
Jg. 8, Nr. III/1998, S. 16–21.
Übersetzt von P. Gorazd, O.Carm.)

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